Kritik zu BILL FRISELL TRIO

Die Raffinesse des sanften Giganten

Ausnahme-Gitarrist Bill Frisell spielt mit seinem Trio ein eindrucksvolles Jazzkonzert im Braunschweiger Westand

Die Konzerteröffnung war bezeichnend. Es ging nicht gleich ab mit dem Opener, nach kurzem Gruß ans Auditorium. Nein, der Bandleader grüßt und stellt als erstes seine Band vor. „Here is Thomas. Thomas Morgan on Bass. And here is Rudy. Rudy Royston on drums.” Ein freundschaftliches, fast familiäres Verhältnis scheint auf, das das Publikum einbeziehen will. Dann erst eröffnet der „Gentle Guitar Giant Bill Frisell“, so Allison Rapp in einem US-Interview,
das ausverkaufte Jazzkonzert am Samstagabend im Braunschweiger Westand.
Ein sanfter Gitarrenriese – das ist irgendwie richtig, driftet doch aber leicht ab in die Klischee-Ecke. Frisell, einer der drei großen Jazz-Gitarristen der letzten Jahrzehnte neben John Scofiled und Pat Metheny, ist kein Mann der rasenden Läufe und des Powerspiels, nicht der Schöpfer höchst komplexer Avantgarde-Musik. Ihm geht es um Klarheit, um das Herausarbeiten der Essenz eines Songs. Jede Note zählt. Etwas spielen bedeutet, etwas aussagen zu wollen. Sofort erkennbar gleich im Opener, Billy Strayhorns bittersüßem und raffiniertem Klassiker “A flower is a lovesome thing”. Da ist ein fast suchendes Changieren zwischen der bekannten Melodie und einem Sich-Entfernen durch Abstraktion. Leise Musik, auf die die Zuhörer sich hinbewegen müssen.
Frisells Trio präsentierte an diesem Abend eine Mischung aus Standards verschiedener Genres, eigenen Kompositionen, Musiken aus verschiedenen Perioden seiner musikalischen Entwicklung. Hörte man allein die Titel, könnte es einen Jazzfan gruseln. Burt Bacherachs „What the world needs now is love“ etwa. Pop! „We shall overcome”, diese abgesungene Protesthymne! Freilich: Bacherachs Pop ist reichlich tricksig, „Overcome“ ist ursprünglich ein Gospel aus dem Jahre 1901. Aber ist das Jazz, wenn man bei anderen Songs umstandslos mit dem Fuß wippen kann, sich in einen Saloon versetzt fühlt ?
Die Frage ist, was man daraus macht. So wurde aus Bacherachs Pop die schöne Melodie herauspräpariert und gleichzeitig jegliche Sentimentalität durch harmonische Mehrdeutigkeiten unterlaufen. Dabei wird deutlich: Frisell ist ein Meister im Umgang mit elektronischen Effekten. Die Protesthymne wird entkernt bis auf die musikalische Substanz, die Aussage geht vom Appell ins melancholisch getönte Hoffen über. Gitarre und Bass umspielen einander arabeskenhaft, fast zärtlich.
Die alte Grundsatzdebatte „Ist das Jazz?“ konnte man aber getrost zu den Akten legen (sollte man vielleicht sowieso tun?), als die Band etwa „Valentine“ spielte. Eine echte Monk-Hommage. Eckiger Blues mit monkischem Riff, zwischendurch heftigst swingend, getragen von Thomas Morgans Walking-Bass-Spiel, das später in ein beeindruckendes Solo überführt wurde. Wobei besonders schön war, dass das Solo nicht zum völligen Verstimmen der restlichen Stimmen führte, diese vielmehr eine feine Folie für Morgans Arbeit bildeten. Rudy Royston präsentierte sich dabei als ungemein feinfühliger Schlagzeuger. Selten konnte man so eine facettenreiche Besen-Arbeit, aber auch schön kraftvoll-rockige Beats hören. Und dann ein Drum-Solo der Extraklasse, bei dem mitzuerleben war, wie er seine Arbeit im Ablauf optimierte, so etwas wie die allmähliche Verfertigung des Rhythmus‘ im Spiel. Ob „Kaddish Waltz“ oder „Lush Life“, ob „Small Town“ oder „Bama Dama“, alles Jazz auf der Höhe der Zeit und gespielt auf höchstem Niveau.
Und das alles ohne Leader- oder Stargetue. Stattdessen freundliche Zuwendung, volle Konzentration auf die Mitspieler, ruhiges und mitunter humorvolles Arbeiten. Das ist insofern erwähnenswert, weil die Tour-Rahmenbedingungen alles andere als angenehm zu bezeichnen sind. Budapest – Berlin – Pori (Finnland) – Braunschweig – Angra (Portugal/Azoren) – Rotterdam, ein Auszug aus dem Auftrittsprogramm dieser Woche. Berlin und Braunschweig, die einzigen Auftrittsorte in Deutschland, spricht für Braunschweig oder? Aber die Umstände?
Modernes Nomadentum des Kulturbusiness. Ist das zuträglich, was das künstlerische Arbeiten betrifft? Ist das angesichts der Klimadebatte noch länger zu rechtfertigen? Müssten sich Agenturen, Veranstalter und Publikum nicht diesen Problemen stellen? Diese Debatte muss geführt werden. Denn so ein Jazz-Abend wie der am Samstagabend im Westand muss grundsätzlich unbedingt erhalten bleiben, wie die begeisterten Publikumsreaktionen zeigten.

Klaus Gohlke

Kritik zu Yonathan Avishai Trio

Musik ist kein reines Schallphänomen

Mit dem Yonathan Avishai Trio startet das kulturelle Leben im Roten Saal der Stadt Braunschweig

Selbstverständlich! Man kann Musik schön bequem von seinem Sofa aus anhören. Oder sich Musik-DVD’s und Live-Streams – durchaus liegend – reinziehen. Hat alles seine Zeit, insbesondere seine Corona bedingte Zeit. Aber – mal ehrlich: es geht doch nichts über Echtzeit-Mucke am richtigen Ort, mit den richtigen Leuten und mit leibhaftigen Musikern.

Vor neunzehn Monaten spielte das letzte Mal eine renommierte Jazzband im Roten Saal des Schlosses, dem kulturellen Herz der Stadt Braunschweigs. Dann von Hundert auf null! Schluss. Kulturelle Wüste und die peinigende Erfahrung, dass Konserve aller Art nur notdürftiger Ersatz ist fürs wirkliche Leben. Musik ist ein Schall-Phänomen, aber eben nicht nur. Die Musiker brauchen Resonanz und Stimulanz, das Publikum optische und unmittelbar personale Eindrücke.

Nun also Neustart für Jazz Braunschweig und zugleich für den Roten Saal. Natürlich mit 3G-Hygiene, was bedeutet, dass nur knapp fünfzig Menschen Einlass finden. Das schmälert die Einnahmen, manchem Veranstalter bricht’s das finanzielle Genick. An diesem Abend aber gibt es eine gelungene Gegensteuerung. Die Band erklärte sich bereit, zwei jeweils leicht verkürzte Konzerte statt des üblichen einen zu spielen. Was gut angenommen wurde.

Die Band, das ist ein international renommiertes Klavier-Trio mit dem in Frankreich lebenden israelischen Pianisten Yonathan Avishai im Zentrum. Keine Avantgarde-Truppe, kein Trash-Jazz. Vielmehr melodie- und klangbezogen orientierte Kompositionen, die den gegenwärtigen aufgeregten Zeiten nicht entsprechen wollen. Keine wild-theatralischen Ausbrüche, aber auch nicht ein kontrastarmes Dahinplätschern. Die Musik lebte vielmehr von einem Sich-Annähern an und Transzendieren von Jazzgenres, aber auch von einem unterschwelligen Bezug zur Historie des Klaviertrios. Und so geschah es immer wieder, dass nach einem tastenden Intro und der Entfaltung eines Themas man sich plötzlich in einem Blues-, Boogie-, einem Swing- oder Gospelkontext wiederfand. Rhythmische und harmonische Veränderungen eröffneten neue, abstraktere Horizonte. Es konnte aber durchaus auch passieren, dass man sich in lyrisch-romantischer Liedtradition wiederfand. Dabei zeigte sich die hohe Qualität des Trios insbesondere in seinem feinen, ungemein transparenten Zusammenspiel. Da gab es kein Sich-durchsetzen-Wollen. Impulse wurden aufgegriffen und stimmig interpretiert, alle Artikulationsebenen genutzt, aber immer mit einer gewissen Zurückhaltung und Balance.

Das Trio trägt den Namen des Pianisten, was vermuten lässt, dass er, wie man es vom Keith-Jarrett-Trio kennt, die Fäden zieht. Klar, er ist der Chef, er zählt an, die Kompositionen sind vorwiegend von ihm, die Strukturen legt er fest. Aber innerhalb dieses Rahmens gab es feine, sich befreiende Bass-Soli von Yoni Zelnik, besonders eindrucksvoll in der Bearbeitung des Cole Porter Songs „So in love“. Auch der Schlagzeuger Donald Kontomanou war nicht schlichter „timekeeper“, sondern oft ein feiner Klangverzierer, was alles im besten Sinne an das letzte Bill Evans Trio erinnerte. Freilich, wer sich wünschte, dass da „endlich mal die Post abgeht“, hoffte vergeblich. Selbst bei einem Titel wie „Musicians without Boundaries“ entwickelte sich kein Free-Chaos. Grenzenlosigkeit zeigt sich eben auf sehr unterschiedliche Weise. Vielleicht gerade darin: sich von der Covidunruhe, dem Wahlgetöse, der permanenten medialen Erregtheit eine Zeitlang zu befreien. Das ermöglichte das Yonathan-Avishal-Trio an diesem Abend in beeindruckender Weise.

Klaus Gohlke