Kritik zu „Colina / Miralta / Sambeat Trio“

Hey, Mr. Bassman

Schon mal was von Jazz aus Spanien gehört? Taucht nicht auf in der Jazz-Landkarte. Wetten? Und dann kommen drei Herren daher und zeigen, wo die Jazz-Harke auch noch liegen kann. Ja, in Spanien nämlich. Erfreulicherweise schreckte der relative Bekanntheitsmangel des Colina-Miralta-Sambeat-Trios das Braunschweiger Publikum nicht ab. Nahezu ausverkauft war das Modern Jazz Konzert der Initiative Jazz Braunschweig am Freitagabend im Lindenhof.
Die Neugier wurde belohnt. Geboten wurde ein kurzweiliger Jazz-Spaziergang. Mal wurde ein Standard groovemäßig aufgefrischt ( Cole Porters „Love for sale“), mal ein Klassiker von Thelonious Monk Cha-Cha-Cha-artig verfremdet. Mal tauchte eine kubanische Melodie auf, dann ging es nach Afrika. Der 30er-Jahre Musical-Song „You and the night and the music“ erhielt ein Flamenco-Gewand. Eine südafrikanische Hymne wurde zum Jazz-Instrumental. Mal Elegie, mal Up Tempo-Nummer. Nein, Langeweile war nicht angesagt.
Allein die Tatsache, dass da ein Trio ohne ein Melodieinstrument antrat, konnte schon neugierig machen. Denn: Was passiert, wenn der Saxofonist Perico Sambeat die Melodie der wundervoll melancholischen Komposition „Verdad amarga“ vorgestellt und improvisatorisch bearbeitet hat?
Bass und Schlagzeug müssen dann zeigen, dass auch sie in der Lage sind, melodisch in Erscheinung zu treten, nicht die eher dienende Begleiterrolle zu spielen. Schlagzeuger Marc Miralta gelang beides: Feinfühliges Spielen nur mit den Händen oder mit dem Besen ließ die Melodie aufscheinen, dann wiederum durchbrach er mit einem wahren Off-Beat-Gewitter rhythmische Grundmuster. Dass er über Mikros abgenommen wurde, war allerdings überflüssig bis störend. In den dynamisch zurückgenommenen Passagen des Konzertes konnte man auch die leiseste Beckenarbeit vernehmen, und wenn die Post abging, hatte der Mann reichlich Power in den Sticks.
Mann des Abends aber war, ohne damit die Leistung der Mitspieler schmälern zu wollen, der Bassist Javier Colina. Es geschieht ja nicht so oft, dass ein Musiker das Publikum ausnahmslos in seinen Bann zieht. Und das auch noch bei einem Stück, das für Jazzer eher ein gefährliches Terrain darstellt, nämlich bei der Bearbeitung von Miriam Makebas Welthit „Pata Pata“. Wie leicht kann man an der Melodie kleben bleiben oder aber sich absichtsvoll zu weit entfernen.
Colina spielte mal Legato, dann wieder in scharfer Einzeltonsetzung. Immer in Opposition zum Saxofonisten, mal die Melodie, mal den Rhythmus herausstellend. Als er gar dann in seinem Solo ausgedehnt Akkorde auf seinem Kontrabass spielte, war es totenstill im Saal. Das war nicht nur Bewunderung des handwerklichen Könnens, nein, das war Ergriffenheit von der Schönheit der Musik, die sein Spielen da aufscheinen ließ.
Kammermusikalischer Jazz feiner Art. Spanien – auch ein Jazz-Land.

Klaus Gohlke

Colina / Miralta / Sambeat Trio

Lindenhof „Da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Javier Colina: Kontrabaß
Marc Miralta: Schlagzeug
Perico Sambeat: Saxophon

Als das spanische Trio Colina-Miralta-Sambeat 2007 sein Debüt-Album „Karonte“ herausbrachte, erschien ein neuer Stern am europäischen Jazzhimmel, der mit der zweiten CD-Veröffentlichung „Andando“ in diesem Jahr immer heller erstrahlt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Jazz, den sie spielen, nicht sich selbst genügt, sondern vom Flamenco und von lateinamerikanischer Musik und Rhythmik inspiriert ist. Von den Medien begeistert aufgenommen haben die beiden CD’s für das Trio in den beiden Amerikas, Europa und Afrika einen wahren Auftrittsreigen von Paris über London nach Buenos Aires eingeläutet.

Javier Colina wird nicht nur als der spanische Meister auf dem Kontrabass, sondern auch als einer der besten Kontrabassisten der europäischen Gegenwart gehandelt, während Perico Sambeat der bedeutendste spanische Saxofonist sein dürfte. Der Schlagzeuger Marc Miralta mit seiner internationalen Erfahrung ist der Dritte im Bunde und führt das Trio zu einer Einheit, wie sie im europäischen Raum eher selten zu hören ist. So ist es kein Wunder, dass sich die Liste der Musiker, mit denen sie zusammen arbeiten, wie ein Who’s Who des modernen Jazz ausnimmt: Gerardo Nuñez, Company Segundo, Enrique Morente, Chano Dominguez – ganz abgesehen von den Großen des Jazz, auf die sie in den USA getroffen sind.

Auch die musikalische Historie dieser drei Musiker ist beeindruckend und spricht für sich:

Javier Colina machte erstmalig in den 90er Jahren von sich reden, als er zusammen mit Chano Domínguez und Guillermo McGuill das bekannteste Jazz-Trio Spaniens bildete, das vor allem Jazz-Flamenco spielte. Aber gleichzeitig trat er mit anderen Jazzgrößen auf und ließ sich von der Musik Malis inspirieren. Er begleitete den Kora-Meister Toumani Diabaté und spielte mit ihm die CD „Djelika“ ein. Mit Stolz erfüllt ihn auch seine Arbeit mit der Fort Apache Band, mit der er alle Möglichkeiten der Fusion von Jazz und Latin ausloten konnte und wo er mit dem Trompeter Jerry González einen kongenialen Partner fand.

Perico Sambeat dürfte der auf der internationalen Bühne wohl am besten bekannte spanische Jazz-Saxofonist sein. Als Kind lernte er Klavier, studierte klassische Flöte und besuchte danach die berühmte Jazz-Schule Taller de Música in Barcelona. Das Saxofon-Spiel brachte er sich ab 1980 selbst bei. 1991 ging er nach New York, wo er auf Lee Konitz, Joe Chambers und Jimmy Cobb traf. Und auch auf Marc Miralta.

Marc Miralta begann bereits im Alter von 7 Jahren Schlagzeug zu spielen und nahm mit 11 Jahren die ersten Unterrichtsstunden im Fach Drums/ Percussion. 1990 begann er sein Studium am Berklee College of Music in Boston, das er 1993 beendete. Seitdem ist er selbst Lehrer an der Taller de Música in Barcelona.

Wir können uns also wieder einmal auf ein Konzert freuen, das uns Facetten des modernen Jazz bietet, die wir in Braunschweig in dieser Art noch nicht gehört haben.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

» Weitere Informationen

Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweiger Flammenfilter GmbH, PROTEGO
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Initiative Jazz Braunschweig e.V.
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