Kritik zu „Antonello Salis / Gianluca Petrella – Duo“

Dada im Lindenhof
Das Duo Antonello Salis/ Gianluca Petrella spielt herben Jazz im Lindenhof

Samstagabend: Dauerschnee vertrübt das Braunschweiger Land. Kein Frühling in Sicht, die Seele ist verschnupft. „Was tun?“ fragt sich der Jazzfreund. Die Initiative Jazz-Braunschweig lockt mit dem Duo Antonello Salis, Akkordeon und Piano, sowie Gianluca Petrella an der Posaune in den Lindenhof.
Akkordeon, die gesellige Orgel für unterwegs! Das lässt Folkig-Melodiöses erwarten. Feinharmonisches am Klavier. Da wird die Posaune doch wohl nicht in die Rolle des Mauernstürzers von Jericho verfallen? Schon der Anblick des Tastenmannes lässt den Winter vergessen. Ein hagerer, wettergegerbter, sonnengebräunter Mann im luftigen T-Shirt, weißer Schlabberhose und Kopftuch in Piratenmanier geknotet, fast 63 Jahre alt. Sein Kompagnon ist 25 Jahre jünger. Hager, schlaksig, quergestreiftes Shirt. .Bei der Figur kein Problem. Ja, alles wird gut.
Dann das Intro: vielleicht etwas italienisch-temperamentvoll? Schiefe Zirkusfanfare mit deftigem Tastentaumel! Doch dann bricht es herein über die Trostbedürftigen. Ein wilder Marsch durch alle Stilrichtungen des Jazz. Ragtimefetzen, Boogie-Woogie-Wogen, New Orleans Second Line, Swing, Balladeskes aus dem American Songbook, hier ein Tango, da etwas Filmmusik. Kurze Erholungsphasen dazwischen. Petrella knutscht sein Posaunenmundstück, dass man auf leicht abwegige Gedanken kommt. Tonfolgen, die an Geplapper erinnern, Pianoattacken als Kommentar.
Dazwischen heftige Schläge mit der flachen Hand ins Klavierinnere. Posaunenausbrüche, die mal nach Elefantenaufschrei, mal sehr unanständig klingen. Dann wieder nur Saugeräusche mit und ohne Mundstück. Die Töne des Pianos sind oft verwaschen. Salis präpariert sein Klavier nämlich immer wieder mit Metallringen, Untersetzern, Papier, Holzschlägern, was zu sehr perkussiven Klängen führt. Plötzlicher Handtrommeleinsatz und eine Tastenbearbeitung mit ganzer Pranke oder den Unterarmen, die Jerry Lee Lewis hätten erbleichen lassen. Alles unablässig kommentiert von Petrellas Posaune, mal abgeschwächt, mal alles noch überbietend. Dada im Lindenhof oder was?
Kleine Verschnaufpausen dann, wenn Salis zum Akkordeon greift. Melodischer, weniger drastisch in der Dynamik, Gesang, der an Salis sardische Herkunft erinnert, aber auch nicht ohne Schockakkorde. „Glaubt nur nicht, dass ihr es euch bequem machen könnt!“, ist die Devise.
Und doch hatte alles Methode. Auf geheimnisvolle Weise finden die beiden Musiker aus den freejazzartigen Passagen immer wieder zurück zu einer gemeinsamen Sprache. Repetitive Phasen ließen deutlich Struktur erkennen, Melodien tauchen immer wieder auf, wenn auch nur kurz angedeutet, sogar verblüffende Unisono-Passagen. Hohe Konzentration bei den Musikern, ebenso beim Publikum. Denn – und auch das überrascht – es gibt keine Ansage zu irgendwelchen Songtiteln. Suitenartig geht es eine knappe Stunde durch die Musikstile.
Thematisch vielleicht noch klarer erkennbar im zweiten Teil des Konzertes. Motto: „Wie dekonstruiert man den Blues?“ Insgesamt ein Teufelsgebräu. Erstaunlich, was ein Klavier so alles aushält
Zugegeben: das Konzert zeigt im zweiten Teil auch gewisse Längen, gerade in den Akkordeonteilen. Man muss allerdings einräumen, dass es kaum möglich ist, über zwei Stunden eine derart hohe Spannung zu halten. Rein physisch bewegen sich die Beiden am Rande des Durchhaltbaren.
Und die Trostsuchenden? Kaum jemand verließ den Saal, trotz des Powerplays. Es war anstrengend zuweilen, die Ohren hatten schwer zu tun. Aber das Ausreizen der dynamischen Möglichkeiten bis an die Schmerzgrenze, der Parforceritt durch die Genres faszinierte. Viel Beifall am Ende.
Schneefall auch nach dem Konzert. Alles etwas gedämpft draußen. Unangemessen das Wetter auch weiterhin. Die Musik machte das noch deutlicher.

Klaus Gohlke

Antonello Salis / Gianluca Petrella – Duo

Lindenhof „da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Antonello Salis: Akkordeon, Piano
Gianluca Petrella: Posaune

Duos mit Musikern, die ein großer Altersunterschied trennt, sind in der neueren Jazzszene öfter anzutreffen, und immer wandelt ihre Musik und ihr Zusammenspiel auf ungeahnten Pfaden, die das Publikum begeistern. So haben wir es in letzter Zeit mit Heinz Sauer und Michael Wollny erlebt, und auch mit Stefano Bollani und Enrico Rava.

Eine Hälfte des Duos, das wir dieses Mal begrüßen, kennen wir schon: Antonello Salis war schon zweimal mit Paolo Fresu bei uns. In Erinnerung behalten haben wir ihn sicher nicht nur wegen seines obligaten Kopftuchs und seiner sonnengegerbten Haut, die eher an einen karibischen Piraten oder Aussteiger denken lassen, sondern vor allem wegen seiner rasanten Art, seinem Akkordeon und dem Piano nicht nur mit den Fingern, sondern mit dem ganzen Körper unvergleichliche Musik zu entlocken.
Er hat sich nicht auf eine Sparte festlegen lassen. Seine künstlerische Vielseitigkeit hat ihn in Theaterprojekten, im modernen Tanztheater, einem Film von Eric Rohmer mitwirken und auch mit Popmusikern und Rockgruppen spielen lassen. Hier eignete er sich dann wohl auch seinen hinreißend theatralischen Performancestil an, der ihn von allen seinen Kollegen unterscheidet.
Sein Erfindungsreichtum, sein Akkordeon, seine Heimat Sardinien mit seiner Folklore, mediterrane Farben und Gerüche, Salis‘ Musik.
Die Liste der großen Jazzer, mit denen er gearbeitet hat, ist lang: Enrico Rava, Paolo Fresu, Paolo Angeli, Roberto Gatto, Lester Bowie, Ed Blackwell, Billy Cobham, Pat Metheny, Bobby Previte, Bobby Watson, Linley Marthe, Stefano Bollani und vor allem auch Gérard Pansanel.
Er hat inzwischen auf vielen bekannten Jazzfestivals in Europa und Amerika gespielt: Perugia, Ravenna, London, Bath, New York, Chicago, Moskau, Paris, Montreux, Nizza, Le Mans, Madrid, Sao Paulo, Rio de Janeira, Stockholm, Oslo, Saint-Louis und in Mexiko. Und er ist mit einigen internationalen europäischen Preisen ausgezeichnet worden, wie z.B. dem Django d’Or, dem Career Achievement Award in Cagliari und dem Top Jazz.

Gianluca Petrella gilt weltweit als einer der herausragenden Jazzposaunisten, und das nicht zuletzt wegen der Bandbreite seiner kreativen Ausdrucksformen. Auch er trat mit vielen Musikern der ersten Garde auf: mit Carla Bley, Gianluigi Trovesi, Paolo Fresu, Bobby Previte, Steve Swallow, Ray Anderson, Pat Metheny, Lester Bowie, John Abercrombie. Und auch er gewann den Django d’Or und einige andere begehrte Preise.

Schon nach nur wenigen CD-Einspielungen und Projekten mit Enrico Rava und Lester Bowie galt Petrella als aufsteigender Stern am Jazzhimmel. Das dürfte vor allem an seinem ungewohnten Umgang, seinem neuartigen und überzeugenden Dialog mit den Jazztraditionen liegen, denen er durch Elektronik und andere technische Kunstgriffe ganz neue Facetten verleiht. So zeigt sich Petrella als flexibler, unverwechselbarer Solist, der tatsächlich seinesgleichen sucht.

Wir dürfen uns auf einen spannenden Abend freuen.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

» Weitere Informationen

Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu „Rémi Panossian Trio feat. Frederik Köster & Nicole Johänntgen“

Tolles Gebläse oder Hier spielt die Musik

Das Rémi Panossian Trio spielt mit Nicole Johänntgen und Frederik Köster zeitgenössischen Jazz

Das Konzert ausverkauft. Warum eigentlich? Ein mäßig erfrischender Beginn. Das Rémi Panossian Trio aus Frankreich schien nicht mehr als ein derzeit weit verbreitetes Klaviertrio abgeben zu wollen. Eine nette geradtaktige Tonfolge des Chefs am Piano, Maxime Delporte am Bass unterstützt die Grundtöne, liefert auch mal eine nette Überleitung, Schlagzeuger Frédéric Petitprez raschelt und klappert an seinen Geräten. Durchaus gefällige Melodien – aber zu wenig, um abzulenken vom nasskalten Braunschweiger Februarabend.

Dann aber das Unerwartete! Das Trio erweitert sich um die Saxofonistin Nicole Johänntgen und den Trompeter Frederik Köster. Man könnte das fast eine Reveille nennen, was die beiden da urplötzlich zu Beginn der Komposition „Flying leaves“ loslassen. Gefolgt von völlig verschliffenen Altsax-Tönen und schier überbordenden Tonkaskaden Kösters, die in fehlerlos-komplexe Unisono-Passagen der beiden Bläser übergehen.

Der Zaubertrank des Miraculix für das Klaviertrio! Mal das solide Fundament für die Ausflüge der Solisten, dann aber sich emanzipierend, liefert es einen mühelosen Stilmix, ohne sich dabei im nebulösen Crossover zu verlieren.

Auffällig war zum einen, dass die jungen Jazzer keinerlei Scheu hatten, sich Melodien hinzugeben und auch den Wohlklang mitunter direkt zu suchen. Und das weiß auch das Publikum zu schätzen. Jazz als reiner Geist ist nicht sehr angesagt – lieber mehr „Body and Soul“.

Die andere Auffälligkeit ist der unverkrampfte Umgang mit musikalischen Genres. Mal Blues-Uptempo, elegante Swingpassagen, dann ruppiger Punk-Jazz. An New-Orleans- Marching-Bands erinnernde Elemente, eine Prise Hardbop. Und dann Panossian in einem bewegenden Piano-Solo-Part, der – wunderbar rhythmisiert – an Keith Jarretts Lausanne-Solo zu erinnern vermochte. Beeindruckend Kösters sich der Mehrstimmigkeit bedienenden Trompetenspiels. Albert Mangelsdorf machte die Gleichzeitigkeit von Anblasen und Singen mit der Posaune bekannt. Auf der Trompete noch etwas schwieriger, weil hier in höhere Tonlagen gegangen werden muss.

All das locker miteinander verknüpft, technisch brillant vorgetragen und sehr publikumszugewandt kommentiert. Das I-Tüpfelchen dann noch, dass man Humor bewies. Rückgriffe auf Edelsüß-Poppiges wurden so inbrünstig vorgetragen, dass platte Einfühlung nicht möglich wurde, gleichwohl aber der Wohlklang im Ohr blieb.

Warum immer der krampfhafte Blick über den großen Teich, wenn es um Jazz geht? Hier spielte die Musik aufs Schönste. Das Konzert ausverkauft! Völlig klar! Absolut kompetentes und begeistertes Publikum.

Klaus Gohlke

Rémi Panossian Trio feat. Frederik Köster & Nicole Johänntgen

Lindenhof „da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Nicole Johänntgen: Saxofon
Frederik Köster, Trompete
Rémi Panossian, Piano
Maxime Delporte, Bass
Frédéric Petitprez, Schlagzeug

Ein schillerndes musikalisches Universum irgendwo zwischen Romantik, Avantgarde, Rock und Jazz eröffnet das junge Trio des Pianisten Rémi Panossian. Gemeinsam mit dem Bassisten Maxime Delporte und dem Schlagzeuger Frédéric Petitprez kreiert der junge Franzose eine Musik, die zugleich lyrisch und voller Energie ist. Ihr erstes Album „Add Fiction“ wurde von der internationalen Presse mit großer Sympathie aufgenommen, und auch die sympathischen Auftritte des spielerisch perfekten Trios erfreuen sich in der Jazzwelt großer Beliebtheit.

Dieses tolle Trio kommt mit zwei weiteren großartigen Musikern zu uns: Frederik Köster und Nicole Johänntgen. Ihre Musik ist als gewagter und explosiver Cocktail beschrieben worden: eine Synthese aus Rock, Elektro, Anklängen von Hip-Hop und natürlich Nicoles athmosphärische Saxofonlinien und Frederik Kösters faszinierende Trompete. Köster ist ein äußerst vielseitiger Trompeter, bei dem sich hinreißende Virtuosität und beeindruckende Musikalität verbinden. Das bewies er erst neulich wieder nachdrücklich, als er in einem Projekt Odysseus seine Stimme gab, eine Stimme, die weint und wütet, klagt und schreit, bevor der Held vorerst besänftigt in die Heimat zurückkehrt.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
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– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Initiative Jazz Braunschweig e.V.
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