Kritik zu „Joachim Kühn / Majid Bekkas / Ramon Lopez: Chalaba“

Chalaba
Das Joachim Kühn-Trio interpretiert die Tradition neu

„Es freut mich wirklich sehr, hier in Braunschweig zu sein! Braunschweig forever!“ Wer kennt sie nicht, diese Redewendungen von Künstlern. Captatio benevolentiae, ein altes Stilmittel der klassischen Rhetorik. Die Leute für sich gewinnen, bevor es zur Sache geht.
In unserem Falle aber steckt mehr dahinter. Joachim Kühn, unbestritten der große deutsche Jazzpianist, geizte nicht mit Komplimenten in Bezug auf Braunschweig am Sonntagabend anlässlich seines Auftritts im LOT-Theater. Nicht nur viermal gastierte er in Braunschweig, wie offiziell verkündet, nein, mindestens fünfmal, und ich wage zu behaupten, dass es sechsmal war. Schon 1972 spielte er im Lindenhof, jammte zusammen mit dem Braunschweiger Piano-Urgestein Otto Wolters. Aber er hat vorher, oder zeitgleich, auch im Audimax der TU BS Solopiano gespielt. Sehr, sehr frei, was viele als willkürlich und dilettantisch empfanden. Egal, er spielte seitdem regelmäßig in Braunschweig, dank der guten Betreuung durch die Musikerinitiative BS und wegen des aufmerksamen Publikums. Großartig das Trio mit J.F. Jenny- Clarke und Daniel Humair. Nur in Paris sei er noch häufiger aufgetreten.
Nun ist er 70 Jahre alt geworden und wieder in Braunschweig und praktizierte, was von der Idee her nicht ganz neu ist, aber eine typisch Kühn’sche Lösung erfuhr: die Aneignung, Konfrontation von amerikanisch-europäischer Jazztradition mit den Skalen und Rhythmen der Musik seines marokkanischen Freundes Majid Bekkas, am Schlagzeug und Perkussion hervorragend und unnachahmlich unterstützt durch den Spanier Ramon Lopez.
Kühn nennt diese Musik „Weltmusik“, andere Ethno-Jazz, was vielleicht besser ist, damit er nicht plötzlich als Peter Gabriel des Jazz eingeordnet wird. Und dass es sich bei seiner Musik nicht um schmusige Folklorisierung des Jazz handelt, das machte das Trio von Beginn an klar.
Kühn wirbelte Hörerwartungen beim Intro „Live Experience“ durcheinander. Unheimliches Tempo, das die nächsten Stücke nicht abflauen sollte, und die Verweigerung eines geordneten Zusammenspiels. Freies Warming up? Nein. Wie aus dem Nichts heraus, ein Riff, das von allen aufgegriffen und variiert wird. Klar strukturierte Dialoge zwischen Kühn und Bekkas Guembi, einer dreisaitigen bassähnlichen Laute, kraftvoll durchbrochen vom Schlagzeug. Eine Wanderung zwischen Ordnung und Chaos, dominiert von rhythmischen Akzenten. Es ist die Gnawa-Musik, die Majid Bekkas in das Trio einbringt. Die Musik einer ethnischen Minderheit in Marokko, aus der Süd-Sahara, aus Mali, der Wiege des Blues. Bekkas Gesang zitiert die Roots der Fieldhollers der Sklaven im Süden der USA. Das Spiel mit der Guembi ist archaisch-rhythmisch, auf den Punkt gebracht im Stück „Chalaba“. Magisch repetitiv ist das Riff, ist der Gesang. Man versteht nicht die Worte, man hört nur den Klang der Stimme und erahnt Anruf, Response, Klage, Ekstase. Afrikanische Kosmogonie, die in der Repetition den Weg in die emotionale Tiefe und in eine höhere Ordnung eröffnet. Anders als später im afroamerikanischen Blues, der sich eine strikte Ordnung verschrieb. Diesen Hintergrund eröffnet Bekkas.
Kühn unterstützt das expressiv am Altsaxofon, am Klavier aber setzt er seine musikalische Welt dagegen bzw. er schafft Lücken für andere Sichtweisen auf die Tradition. Das geschieht wiederum nicht als Kollision, indem etwa europäisches Harmonieverständnis dagegen gesetzt wird. Kühn spielt eine gewissermaßen offene Stimmung. Die Akkorde bleiben uneindeutig, sie sind vermindert oder erweitert, sie orientieren sich nicht an der harmonischen Systematik, sondern am Klangcharakter, der gerade besteht.
Kühn ist ein Altmeister, das Tempo, das er im ersten Set anschlug, sollte wohl demonstrieren, dass er nicht zu den Altersmilden gerechnet werden will, die auf den musikalischen Anspruch verzichten. Im zweiten Set war das Zusammenspiel ruhiger ohne an Dynamik zu verlieren. Nur, wenn Kühn in seine Tonwirbel hineingerät, dann gibt es einfach kein Halten für ihn. Es spielt ihn, könnte man meinen.
Das Konzert war nahezu ausverkauft, trotz Eugen Cicero, trotz Tatort und trotz Sonntagabend überhaupt. Und die Begeisterung war groß. Eine Bemerkung aber zum Abschluss. Die „Hardcore-Jazzer“ hatten Vorbehalte, was den nordafrikanischen Gesang betraf. Ja, es sind andere als die europäisch geprägten Skalen, teilweise ein ganz anderes musikalisches Verständnis. Aber – warum ist man verzückt vom Gilberto-Gesang beim „Girl in Ipanema“? Soll das jazz-affiner sein als der Gnawa-Gesang? Auch Geschmacksurteile sind zu überprüfen.

Klaus Gohlke

Erschienen in kulturblog38.net am 2. 10. 2014

Joachim Kühn / Majid Bekkas / Ramon Lopez: Chalaba

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Joachim Kühn, piano, alto sax
Majid Bekkas, voc, guembri, oud
Ramon Lopez, drums, tabla, perc

Eine Musik von magischer Intensität hat die deutsche Kritik Joachim Kühn und seinem Trio mit Majid Bekkas und Ramon Lopez bescheinigt. Wie bereits zuvor mit Rabih Abou Khalil und Jarrod Cagwin hat er sich mit den beiden auf die Spuren der arabischen und afrikanischen Musik begeben, deren Reichtum er als ausreichenden Fundus für eine Lebensaufgabe bezeichnet hat.

Sein Leben war auch so schon reich an Musikerfahrungen. Er kommt wie einige andere der ganz großen Jazzmusiker aus der klassischen Ecke. Mit 17 entschied er sich für den Jazz und gründete 1964 sein erstes Trio. Mit 22 kehrte er Leipzig den Rücken, traf seinen Bruder Rolf, der diesen Schritt schon vorher gegangen war, in Hamburg wieder und entwickelte sich zu einem allenorts anerkannten und gefeierten musikalischen Weltbürger.

Sein Leben war nicht gerade von Stetigkeit geprägt. Und auch seine musikalischen Vorlieben wechselten mit den Plätzen, an denen er lebte. Immer war er den stilistischen Neuorientierungen im Jazz um einen entscheidenden Schritt voraus, so beim Free Jazz und dann auch beim elektrischen Jazz. Trotzdem ist es immer seine eigene Musik gewesen. So wie er sich durch seine Musikerkollegen in seiner Entwicklung beeinflussen und bereichern lässt, hat er auch immer wieder auf das bereits von ihm Er- und Gelebte zurückgegriffen, es integriert. Ende der neunziger Jahre erlebten wir dann eine fundamentale Veränderung seiner Musik, als er sein eigenes Improvisationsschema entwarf, das Diminished Augmented System. In diesem System gibt es keine Dur- und Mollakkorde mehr, sondern für jede Tonart jeweils vier übermäßige und drei verminderte Akkorde, die er als Klänge bezeichnet. Die rechte Hand spielt die eigentliche Melodie-Improvisation; die Ideen, die ihm kommen, teilen sich dieser Hand – wie er es bezeichnet – „organisch“ mit. Der Kopf sei dabei ausgeschaltet. Was heißen dürfte, dass seine Musik von seinem Empfinden gesteuert ist. Lange Jahre habe er gebraucht, um den für diese Spielweise unerlässlichen Zustand überhaupt zu erreichen; er könne anschließend kaum je sagen, was er gerade gespielt habe.

Nach seiner Übersiedlung in den Westen wurde er innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Vertreter der Jazz-Avantgarde in den so unterschiedlichen Jazzmetropolen Paris, Los Angeles, New York und Hamburg. Und mit genau so unterschiedlichen Musikern spielte er dort: Michel Portal, Ornette Coleman, Archie Shepp, Jean François Jenny-Clark, Daniel Humair, Joe Henderson, Rabih Abou-Khalil, Michael Brecker und Michael Wollny. Die längste Strecke ging er mit dem französischen Bassisten Jenny-Clark und dem Schweizer Schlagzeuger Daniel Humair. Das Trio gehörte zu den frappantesten und gefragtesten Formationen des Free Jazz in Europa und spielte – wie sich einige sicher noch erinnern werden – im September 1995 für uns. Die Zusammenarbeit endete mit dem Tod Jenny-Clarks 1998.

In den letzten Jahren hat er sich mit dem marokkanischen Sänger und Guembri- und Oud-Spieler Majid Bekkas und dem spanischen Schlagzeuger Ramon Lopez zusammengetan und auch viel mit Michael Wollny gespielt, der eine Generation jünger ist und seine Diplomarbeit über ihn geschrieben hat. Und unvergessen für die gesamte Welt des Jazz: sein legendärer Auftritt mit Archie Shepp, der Inkarnation der afroamerikanischen Musik.

Joachim Kühn war insgesamt bereits viermal bei uns zu Gast: 1991 mit seiner Jubiläumsband, 1995 mit Daniel Humair und Jean François Jenny-Clark, 1998 mit Detlev Beier und Wolfgang Reisinger und 2005 mit Rabih Abou Khalil und Jarrod Cagwin. Wir freuen uns auf dieses fünfte Mal mit Majid Bekkas und Ramon Lopez.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

» Weitere Informationen

Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Interview mit Joachim Kühn

„Grenzüberschreitung – das ist es!“

Joachim Kühn ist so etwas wie der Doyen des deutschen Jazzpianospiels. Am Sonntagabend tritt er mit seinem Trio „Chalaba“ im Braunschweiger LOT-Theater auf. Aus diesem Anlass befragte ihn unser Mitarbeiter Klaus Gohlke telefonisch in seinem Wohnort Ibiza.

KG. Herr Kühn, seit den frühen 70er Jahren treten Sie immer wieder in Braunschweig auf. Was ist das Besondere an dieser Stadt?

JK. Ja, stimmt. Interessant. Das hab ich sonst nur mit Paris oder mit New York. Das Braunschweiger Publikum ist sehr interessiert. Und dann ist die Zusammenarbeit mit dem Team der „Initiative Jazz Braunschweig“ hervorragend.

KG. Sie haben mit allen Größen des Jazz zusammengespielt. Hatten Sie irgendwann so etwas wie die ideale Band?

JK. Eine schwierige Frage. Da waren immer Highlights. Ornette Coleman z.B. Aber – doch: das Trio mit Daniel Humair und J.F. Jenny Clark. Wir waren auch in Braunschweig im Städtischen Museum. Schwierige Akustik, aber toll. Wir drei verstanden uns blind, hatten großartige musikalische Ideen, tolles Zusammenspiel auf höchstem Niveau.

KG. Sie sind gerade 70 Jahre alt geworden. Gibt es noch so etwas wie musikalische Wunschträume?

JK. Nein, Träume nicht. Was ich noch will, muss ich jetzt machen. Was mich umtreibt, ist, den Jazz zu öffnen für andere musikalische Kulturen. Deshalb das Trio „Chalaba“, das am Sonntagabend in Braunschweig spielt. Die Verschmelzung marokkanischer Melodien und afrikanischer komplexer Rhythmen mit dem, was wir modernen Jazz nennen. Also Grenzüberschreitung. Das interessiert mich, da lerne ich immer noch dazu.

KG. Ist unsere Art Jazzkonzerte zu hören, als säßen wir im Kammermusiksaal, nicht eigenartig körperlos?

JK. Da ist was dran. Ich hätte nichts dagegen, wenn die Leute aufsprängen und lostanzten. Sie könnten auch schreien, wenn ihnen danach wäre. Sollte man vielleicht mal ansagen. Nein, Jazz ist nicht nur Kopf, sondern auch Körper.

KG. Wie bekommen wir junge Menschen in die Jazzkonzerte?

JK. Das weiß ich auch nicht. Bei den Festivals, da sind alle Altersgruppen dabei. Aber in den Einzelkonzerten: Fehlanzeige. Es fehlt vielleicht an Lockerheit. Oder so ein Unterhaltungselement. Aber auf Unterhaltungsmusik – Niveau begebe ich mich nicht. Vielleicht kommt das mal wieder anders. Vielleicht schon am Sonntag in Braunschweig.

Braunschweiger Zeitung, 25. 09. 2014

Initiative Jazz Braunschweig e.V.
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.