Kritik zu „Eric Schaefer & The Shredz“

Irgendwo zwischen Lindenhof und Berghain

Eric Schaefer+The Shredz begeistern mit grenzüberschreitendem Jazz

Eine sehr ferne Musik wird eingespielt, eine Art meditativer Chorgesang. Nebengeräusche begleiten das Auf und Ab der Stimmen. Knacken, Rauschen, Drones. Mitunter ist es, als durcheilte man am Radio ein Kurzwellenband. Dann setzen die Musiker ein. Jeder für sich, eine zugespitzte Form des Free Jazz, sehr dissonant. Doch dann, zart zunächst, eine Art Tanzmelodie, die der Keyboarder immer deutlicher herausarbeitet. Bass, Schlagzeug und Trompete stimmen nach und nach widerstrebend ein. Um schließlich das Ganze in einem Bacchanal, einem wildesten Tanzfest, fortississimo versteht sich, abrupt enden zu lassen.

„Bliss“ heißt das Werk, der Zustand der Glückseligkeit.Ob sich dieser Zustand bei allen einstellte, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall war diesemusikalische Utopie zutiefst beeindruckend und mitreißend. Wie man überhaupt mit diesem Konzert von Eric Schaefers Shredz einem höchst interessanten Versuch beiwohnen konnte, Jazz zeitgenössisch zu spielen. Das betrifft einmal die musikalischen Verbindungslinien. Da wurde Samuel Barbers „Adagio für Streicher“ eingeblendet, das von Volker Meitz mit Synthie-Modulationen verfremdet wurde, um dann von urplötzlich durch Eric Schaefer am Schlagzeug und Oliver Potratz am E-Bass in einen Dub-Reggae überführt zu werden.

Dahinein dann elegische, an Miles Davis erinnernde Trompetenklänge, die John-Dennis Renken mit geschickt eingesetztem Delay in weite Klangräume überführte.Des Weiteren Rückgriffe auf Franz Liszt „Proto-Atonalität“, Richard Wagners Lohengrin-Ouvertüre, David Oistrachs Konzerteinspielungen.

Das alles war – und das ist die andere starke Seite dieser zeitgenössischen Jazzmusik – nicht einfach wahllos zusammengesetzter Mischmasch. Die elektronischen Klangexperimente um die Jahrtausendwende, die 60er Jazz-Fusionphase, die Hip-Hop- und Trip-Hop- Entwicklung , der Krautrock und die Club-Kultur bilden den Interpretationsrahmen für den Umgang mit der Musikgeschichte. Ein packender Wechsel zwischen intimer Lindenhof – Jazzclubatmosphäre und Anklängen an den Berghain-Sound in Berlin.

Um das zu können, das wurde bei diesem Konzert überdeutlich, sind alle vier Musiker nicht nur absolute Könner an ihren jeweiligen Instrumenten, sondern gleichzeitig hochspezialisierte Elektroniker. Der Widerspruch von ehrlicher, handgemachter Musik und seelenloser Elektronik löst sich völlig auf. Die Elektronik schafft ungeahnte neue Ton-, Klang- und Soundwelten, die horizonterweiternd sind.

Jazz sei tot? Nun, solche Leichen wünscht man sich. Das Konzert war ausverkauft und es begeisterte.

Klaus Gohlke

Eric Schaefer & The Shredz

Eric Schaefer – dr
John-Dennis Renken – tr
Volker Meitz – keyb
John Eckhardt – b

Der Name ist Programm, denn das neue Album „Bliss“, das Eric Schaefer mit seinen drei Mannen vorstellen wird, verrät von Anfang an: The Shredz fetzen. Der texturreiche Sound mit seinen Delay-Schleifen, seinen Synthesizermodulationen und dem druckvollen Schlagzeug-Sound – überhöht durch tranceartige Anmutungen, Repetitionen, elegische Trompetenmelodien, quäkende Orgelsounds und druckvolle Bässe – verdichtet sich zu einem mitreißenden Klangkonstrukt.

Neben seinem Shredz-Projekt spielt der vielfach ausgezeichnete Komponist und Schlagzeuger Eric Schaefer seit Jahren u. a. mit dem Pianisten Michael Wollny, in verschiedenen Bands um Kalle Kalima, Arne Jansen und Joachim Kühn. Als neuer Schlagzeuger in Kühns New Trio hat Schaefer mit dem Album „Beauty and Truth“ ein neues Ausrufezeichen gesetzt.

„Bliss“ nimmt jedoch in ihrem Schaffen einen ganz besonderen Platz ein: Man wollte auf eine gemeinsame Reise gehen, eine Art Trance-Zustand anstreben. Diese Reise war dann voll von Überraschungen; ungeplante Ausflüge entpuppten sich als Höhepunkte, die Hingabe wurde mit formidablen Resultaten belohnt.

John-Dennis Renken ist Mitglied von Zodiak Trio, Ruhrecho, UFO, The Bliss, The Dorf, Beam, Stefan Schulze’s Large Ensemble. Außerdem hat er ein Trompeten-Solo-Projekt und arbeitet mit der WDR-Bigband u. a.

Volker Meitz ist Mitglied des Projekts Rhinow und des Sonar Kollektiv Orchesters und arbeitet mit Kalle Kalima, Lisa Bassenge, Clara Hill, Jazz Indeed und 4Hero zusammen. In der Vergangenheit spielte er auch mit Jazzanova, Astrid North, Chuck Loeb, Ed Motta, Groove Galaxi, Pat Appleton u. a. Weltweit publiziert wurde sein eigenes Projekt „Meitz“.

John Eckhardt ist Mitglied von Ensembles wie l’art pour l’art und Resonanz des Dresdner Ensembles für zeitgenössische Musik. Daneben hat er mehrere Soloprojekte als Kontra- und E-Bassist. Er arbeitete auch mit Pierre Boulez, Matthew Herbert, dem Ensemble Modern, Evan Parker, Sasha Waltz und Nils Wogram zusammen.

Karten:
Konzertkasse Braunschweig,
  Schloss-Arkaden & Medienhaus Braunschweiger Zeitung, Tel.: 05 31 / 1 66 06
• Online über eventim
• Abendkasse

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
GOD Gesellschaft für Organisation und Datenverarbeitung mbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Initiative Jazz Braunschweig e.V.
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