Kritik zu „Ramón Valle Trio“

Karibischer Sonnenaufgang im Lindenhof

Das Ramón Valle – Trio spielt inspirierenden Hybrid-Jazz

Das freut doch des Menschen Herz, wenn das, was drauf steht, auch wirklich drin ist. Gleich, ob nun bei Kochschinken, Pizzakäse oder, nun ja, auch Jazzmusik. Ramón Valle ist ein kubanischer Jazzpianist, also war kubanische Jazzmusik zu erwarten im sehr gut besuchten braunschweigischen Lindenhof am spätherbstlichen Freitagabend.

Das Konzert beginnt mit dem Klavier-Intro, allerdings eher klassisch impressionistisch, teils auch romantisierend. Exzellenter Anschlag, schöne Akkordverbindungen. Nur kubanisch? Fehlanzeige. Der Bassist, Omar Rodriguez Calvo (Kubaner), beginnt eine mörderische ostinate Figur, ein echter Vamp. Über zehn Minuten saugt er einen förmlich in den Song. Der Schlagzeuger, Owen Hart jr. (Amerikaner), legt ein Snare -Dauergeprassel darunter. Man fühlt sich an den Bolero erinnert, den berühmten. Bolero? Aha, eventuell kubanisch. Nur, leider ein 5/4 – Takt. Also kein Bolero? Aber der Akzent liegt eindeutig auf der 1, ein Downbeat also. Der Bass immer kurz davor, tonal tief unten, dann sich nach oben schraubend, um wieder schwer von vorn zu beginnen. Ah ja, doch kubanisch? Eine Son-Anspielung vielleicht? Nur, das Piano hat doch damit nun gar nichts zu tun. Das erinnert ja eher an Keith Jarrett –Improvisationen mit vielen blauen Noten und Arabesken in den höheren Lagen, abgelöst von sparsamen Akkordtupfern. Dann beginnt der Schlagzeuger eine Ruhephase zu nutzen, um gegen die vielen Klaviertöne mit noch mehr Schlagzeugnoten zu Felde zu ziehen. In der Mitte zwischen den Antagonisten stoisch Calvo, der Bassmann.

Wie ist das nun mit drauf und drin? Ein erneuter Blick auf einen erweiterten musikalischen Beipackzettel der Initiative Jazz-Braunschweig. Valle habe, so heißt es da sinngemäß, kubanische Wurzeln, aber diese seien nicht Basis seiner Kompositionen. Aha, also ein Hybrid, modern gesprochen. Der Titel der Komposition ist: „Dilsberg morning light“. Eine musikalische Verarbeitung eines Sonnenaufganges. Dilsberg liegt übrigens in der Nähe von Heidelberg, nicht auf Kuba.

Damit ist Valles Arbeitsprinzip umrissen. Ob innerhalb eines Stückes oder im Gesamtablauf des Konzertes: man ist einem permanenten Wechselbad ausgesetzt. Wunderbare Melodien entstehen, die anschließend wieder zerlegt werden („Fabio“). Romantische Themen stellt das Trio nahezu liebevoll vor, um sie wenig später mit der gleichen Sorgfalt abzuwürgen („Free at last“). Oder umgekehrt: Sehr abstrakt beginnend, nahezu freejazzig, dann die Versöhnung („Levitando“). Das aber ist nichts, was kalte Hirnlastigkeit ausstrahlt. Nein, am Ende des ersten Sets verführt Valle das Publikum dazu, gefühlig zum Song „Cinco hermanas“, die „Fünf Schwestern“, refrainartig mitzusingen. Das muss man sich mal vorstellen! Der Saal singt! Beim Jazzkonzert!

Eine gute Grundlage für das zweite Set, das nun wirklich unüberhörbar kubanisch inspiriert mit der fulminaten Zugabe „Baila Harold, baila“ endet.. Obwohl nur ein Trio: hier wird Musik gekocht, eine Art Guajira-Son, und für Minuten verwandelt sich der Saal in eine Dancehall der Zuckerinsel. Drauf und drin? Egal, weil wunderbar unkubanisch-kubanische Jazzmusik.

Klaus Gohlke

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Ramón Valle Trio

Lindenhof „DaPaolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Ramón Valle: piano
Omar Rodriguez Calvo: bass
Owen Hart jr.: drums

Ramón Valle ist mit Sicherheit einer der interessantesten Pianisten, die derzeit im Bereich Modern Jazz zu finden sind.

Was so manchen überrascht, ist, dass in Valles Spiel und in seinen Eigenkompositionen nur selten seine kubanische Wurzeln hervorblitzen.

Er selbst beschreibt seinen Ansatz als „nicht 100% kubanisch, sondern als 100% Ramón Valle“ – und das bedeutet: mal temperamentvoller Wirbelwind, mal verspielt-melancholische Einlagen, dann wieder wunderschöne, mitreißende Melodien und eine unglaubliche Ausstrahlung, mit der er jedes Publikum im Sturm erobert.

Bereits mit sieben Jahren begann Ramón Valle Klavier zu spielen und machte sich mit Anfang 20 u. a. durch Festivalauftritte in der kubanischen und lateinamerikanischen Jazzszene schnell einen Namen.

Solopfade beschritt er schließlich 1993 mit seinem Debütalbum „Levitando“. Chucho Valdés, eine Ikone des modernen Jazz Cubano und Gründer von Irakere, pries Valle daraufhin als „das größte Talent unter unseren jungen Pianisten“.

Seit 1998 lebt Ramón Valle in Europa. Sein Auftritt beim North Sea Jazz im Jahr 2000 wurde als die große Entdeckung des Festivals gewertet, sein Spiel und seine Kompositionen überzeugten auf ganzer Linie. In den Jahren darauf folgten weitere Auftritte bei renommierten Festivals wie in Montreux, beim Festival de Jazz Plaza Habana oder in Leverkusen, als Solopianist oder mit Trio- bis Quintettbesetzung – einmal mit dem Trompeter Roy Hargrove als begeistertem Gastmusiker.

2003 erlebte Amsterdam die Uraufführung von Valles Auftragskomposition „Mixed-up Mokum“ im Royal Concertgebouw – einem Stück für zehnköpfiges Ensemble (unter Leitung von Ramón Valle selbst), das stilistisch zwischen Jazz, improvisierter und klassischer Musik angesiedelt ist.

Auch weitere CDs hat der Pianist inzwischen in unterschiedlichen Besetzungen aufgenommen – sechs an der Zahl. „Playground“ heißt sein neustes Werk, eingespielt in dem von ihm bevorzugten Trioformat mit Omar Rodriguez Calvo am Bass und Schlagzeuger Owen Hart jr.

Mit „Playground“ verarbeitet der Musiker und frischgebackene Vater ganz neue Lebenserfahrungen und -verantwortungen, ebenso wie Rückblicke auf die eigene Kindheit und andere Erinnerungen. Mit nimmermüder Spielfreude erzählt er mit seinem Trio musikalische Geschichten ohne Worte. Jedes Stück, jede Geschichte entwickelt dabei eine ganz eigene Atmosphäre; lebendig, facettenreich und intensiv präsentiert sich dem Zuhörer auf „Playground“ ein Klaviertrio der Extraklasse.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

» Weitere Informationen

Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Initiative Jazz Braunschweig e.V.
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