Kritik zu „John Abercrombie & Marc Copland“

Viel abstraktes Gebirg

Das Duo John Abercrombie und Marc Copland spaltet das Publikum

Zeitgeist war das nicht, was John Abercrombie an der Gitarre und Marc Copland am Piano beim Jazzkonzert am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig vorstellten! Fünf Stücke pro Set, jedes um die zehn Minuten lang. Die Instrumente nur schwach verstärkt. Die Gitarre, eine Semi – Akustik, fast ohne Effekte. Kompositionen mit hochkomplexer Struktur. Dazu erkennbar der Wille, Klischees des Duo-Zusammenspiels, das permanente Wechselspiel etwa von Solo- und Begleitphasen, zu vermeiden. Eine ungemein intensive Kommunikation der beiden Musiker, die auf der anderen Seite ein ebenso hochkonzentriertes Zuhören abforderte. Zudem zwei Männer, die nichts mehr beweisen müssen, was ihr Können betrifft. Erfahrungsgesättigt, was Spieltechnik, Harmonik, Melodik, Rhythmik, Metrik und Traditionen betrifft. Man war gewissermaßen zurück geworfen auf Musik pur. Nicht ohne Herz, absolut nicht, aber gewaltig hirnig. Kammermusikalischer Jazz oder Neue Musik? Die Schubladen klemmen.

Ein Jazz-Konzert, das den Veranstalter, die Intiative Jazz Braunschweig eigentlich glücklich stimmen durfte, denn es war schon im Vorverkauf ausverkauft. Doch – wie passt das zusammen? Einerseits die anspruchsvoll-abstrakte Musik und der große Publikumszuspruch? Es sind einmal die großen Namen. Jazz – Champions – League eben. Ohne Marc Copland weh tun zu wollen: es zog vor allem wohl der Name Abercrombie. Ein Mann des Jazz – Gitarren- Olymps. Zum anderen eben die Tatsache, dass mal wieder ein Gitarrist konzertierte, zudem im Duo. Mal nicht die ewigen Klaviertrios.
Es sei aber nicht verschwiegen, dass die dargebotene musikalische Kost nicht allen schmecken wollte. Das Publikum war gespalten. Schon in der Pause Absetzbewegungen, dann noch einmal am Ende des zweiten Sets vor der Zugabe. Das lag nicht nur an gewissen Unkonzentriertheiten und Unzufriedenheiten Abercrombies mit sich selbst oder mit der Technik vielleicht. Nein, man konnte sich ja kaum genug wundern, mit welcher Leichtigkeit dieser Gitarrist die Saiten behandelt. Dass das Niederdrücken von Saiten eine physische Komponente besitzt, ließ Abercrombie vergessen. Es schien, als tupfte er nur Flageoletts. . Marc Copland zauberte seine schwebenden, offenen Klänge. Eine schier überbordende Fülle von Ideen und Anspielungen. Das beeindruckte , aber offenbar nicht vollends.

Nur einmal, beim letzten Stück, dem Standard „Someday my prince will come“ sprang der Funke über. Hier wurde deutlich, was etlichen Besuchern fehlte. Eine schöne Melodie, die immer wieder erkennbar auftaucht. Dazwischen mag noch so viel abstraktes Gebirge sich auftürmen – ein Wohlklang, etwas Erinnerbares, eine gewisse Wärme ist gerade bei kammermusikalischem Jazz nötig, um das Publikum zu konzentriertem Hören zu verführen.

Klaus Gohlke

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John Abercrombie & Marc Copland

Lindenhof „DaPaolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

John Abercrombie: guitar
Marc Copland: piano

Das Konzert ist ausverkauft

„Speak to Me“ haben Pianist Marc Copland und Gitarrist John Abercrombie ihre erste gemeinsame Duo-CD genannt – und das ist es, was hier passiert: ein Dialog zweier Vollblutmusiker, die sich nichts mehr beweisen müssen, ein Dialog zweier Harmonie-Instrumente und letztlich auch ein Dialog von Musik und Musikern. Es ist ein leises, ruhiges Reden, distinguiert und tiefsinnig, heiter und leicht. Marc Copland und John Abercrombie blenden alles Überflüssige aus und lassen sich im Fluss der Melodien und Akkorde treiben, wobei sie beide die Freiräume des anderen achten und sich gleichzeitig zunutze machen.
Schon vom Sound her ergeben die beiden eine verblüffende Symbiose. Im Spielen wie auch im Kompositorischen sind Copland und Abercrombie ganz offenbar Brüder im Geiste. Abercrombie zeigt, dass er eine besondere Gabe im Fortspinnen melodischer Fäden hat: Aus kleinen Motiven entstehen Gebilde von berückender Schönheit, die stets einen ganz eigenen Zauber entfalten, weil sie harmonisch und melodisch immer wieder unerwartete Wege gehen. Auf subtile Art lyrisch sind diese Stücke, sie haben höchst eingängige Momente und entziehen sich dann aber auch wieder der allzu leichten Memorierbarkeit: Kleine, flüchtige Klangskulpturen.
In Coplands eigenen Stücken gibt es ganz ähnliche Phänomene: Oft gibt es zupackende Begleitmotive und ein leicht fassbares Thema, das sich aber durch Coplands unorthodoxe Harmonik gleich wieder dem Eindruck des Griffig-Ohrwurmhaften entzieht. Und auch hier ergibt sich – gerade durch die Harmonien – ein Charakter von Flüchtigkeit und edler Momenthaftigkeit. Der wiederum verstärkt sich noch in Copland-Stücken wie Falling Again und Talking Blues: Gebilde, die eine ganz eigene Schönheit durch sanfte Verfremdung scheinbar vertrauter Motive erhalten.

Wunderbar organisch wirkt das musikalische Zusammentreffen dieser beiden Großmeister des zeitgenössischen Jazz. Fast ist es manchmal, als würden die Musiker sich behutsam ineinander spiegeln – so dass jeder immer wieder Züge des anderen übernimmt, aber die Silhouette doch immer klar erkennbar die jeweils eigene bleibt. Besonders spannend bei so profilierten Musikern und Jazzkomponisten wird es, wenn dann doch Standards im Repertoire auftauchen.

Künstler der Verwandlung und der Anverwandlung sind die beiden Musiker – und sie wirken hier in einer Weise zusammen, wie nur sie es können. Feine, ruhige Kommunikation mit enorm prägnanter Aussage – gewiss nicht nur für langjährige Bewunderer der beiden ein Jazz-Ereignis.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Das Konzert ist ausverkauft

» Weitere Informationen

Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
GOD, Gesellschaft für Organisation und Datenverarbeitung mbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Initiative Jazz Braunschweig e.V.
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