Kritik zu „NDR Big Band Plays the Music of Randy Brecker“

Einundzwanzig Männer – kein bisschen leise
Die NDR-Bigband brilliert im ausverkauften LOT-Theater gemeinsam mit dem Startrompeter Randy Brecker

Es geht ab, ohne Umschweife mittenhinein in „The first Melody of the Tune“, so der unwiderlegbare Titel des Openers. Kristallklare Funkriffs, satte Bläsereinwürfe, fanfarenartige Trompetentöne, unterirdische Korg-E-Sounds dazwischen. Zwanzig Musiker, die NDR-Bigband, bereiten den Boden für ihn: den amerikanischen Startrompeter und Gastsolisten Randy Brecker. Unübersehbar stattlich steht er mit der für ihn typischen Flatcap auf dem Kopf im Mittelpunkt der Bühne. Und wer vielleicht vermutete, dass da ein 70jähriges Star-Auslaufmodell noch mal eine Deutschlandrunde dreht und einer starken Band als Krücke bedurfte, der lag absolut daneben.
Sein Spiel war kraftvoll, präzise und wirkte selbst bei höchstem Tempo entspannt. Die elektronische Bearbeitung, insbesondere der Hall, ließ die Töne wie poliert strahlend klingen. Und er hielt die Spannung das gesamte Konzert durch.
Das allein ist schon beachtenswert genug, die Besonderheiten liegen aber woanders. Brecker vermochte die Musiker zu inspirieren, zu Höchstleistungen zu befeuern, ohne das abzufordern. Ganz allein durch seine Autorität, sein Können und durch das kluge Konzept, die Soli des Altmeisters unmittelbar zu kontrastieren mit jenen verschiedener Bandmitglieder. Sie hängten sich rein oder – wie Brecker es drastischer formulierte: „They‘re playing their asses off!“ Und weil die Bigbandmusiker allesamt nicht nur Teamplayer sind, sondern über hervorragende solistische Fähigkeiten verfügen, entwickelten sich oft heiße Dialoge zwischen den Protagonisten. Widerspruch, Überbietung, Umschreibung, Zerstörung und Anlehnung wechselten sich ab.
Live Musik hat immer auch eine visuelle Komponente. Es war spannend zu sehen, wie sich das Musizieren im Musiker selbst ausdrückt. Hier Randy Brecker, schwergewichtig in sich ruhend mit minimaler Gestik und Mimik. Dort z.B. der Tenorsaxofonist Sebastian Gille, dessen Körper wie unter elektrischen Schlägen im Tempo seiner Läufe hin und her zuckt, sich dreht und windet, noch oben gezogen wird und gestaucht, je nach Spielverlauf. Aber nicht als Showeinlage, sondern völlig unbewusst.
Die andere Besonderheit des Konzerts, war die Raffinesse der Arrangements. Die Band spielte ausschließlich Brecker-Kompositionen. Aber die Art, wie die einzelnen Instrumentengruppen einbezogen oder ausgeblendet wurden, wie die Sätze miteinander oder gegeneinander spielten, das zeigte das große Können des Arrangeurs und Dirigenten Jörg Achim Keller. Die Kompositionen zeigten dadurch eine erstaunlich neue Vielschichtigkeit.
Aber: Randy Brecker wurzelt tief im Jazz-Rock, kreiert so eigenartige Genres wie Heavy Metal BeBop. Es geht also um Rhythmen, um Beats. Und weil die NDR-Bigband keinen eigenen Schlagzeuger in den Reihen hat, engagierte man kurzerhand als Special Guest den in Deutschland dafür prädestinierten Wolfgang Haffner. Ganz Primus inter Pares ließ er es präzise grooven.
Und so wanderte man durch Blues-, Funk-, Latin Music-, Balladen-, Gospel – Anverwandlungen – und begeisterte das Publikum. Unklar blieb aber zweierlei: Warum spielen keine Frauen in der NDR-Bigband? Warum blieb man bei diesen Rhythmen sitzen, statt zu tanzen?

Klaus Gohlke

NDR Bigband
Plays the Music of Randy Brecker

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Randy Brecker, Trompete
Wolfgang Haffner, Schlagzeug
Jörg Achim Keller, Leitung
NDR Bigband

Das Konzert ist ausverkauft

Die NDR Bigband trifft Randy Brecker! Auf dem Programm ihres gemeinsamen Projektes im Braunschweiger LOT Theater steht eine Werkschau des Trompeters. „Die wird durch seine gesamte Karriere führen; die klassischen Brecker-Brothers-Sachen sind dabei, aber auch alles davor und bis heute“, sagt der Leiter und Arrangeur der NDR Bigband, Jörg Achim Keller.

Alles davor und heute
Damit ist der Rahmen für ein vielseitiges Programm gesteckt, schließlich wirkte Randy Brecker nicht nur entscheidend bei der Entwicklung des jungen Genres JazzRock mit: Er war Gründungsmitglied bei „Blood, Sweat & Tears“, rief mit seinem Bruder Michael sowohl die „Combo Dreams“ (mit John Abercrombie und Billie Cobham) als auch die Supergroup „Brecker Brothers“ ins Leben. Auch im akustischen Jazz hat er sich einen Namen gemacht: anfänglich im Horace Silver Quintett, später auch bei Art Blakeys Jazz Messengers, Charles Mingus, Carla Bley und nicht zuletzt mit seinen eigenen Quintetten, mit denen er einen persönlichen Stil entwickelte.

Aufs Wesentliche reduziert
„Seine Grundharmonik ist eigentlich sehr sparsam“, erläutert Arrangeur Keller, der Breckers Kompositionen für die NDR Bigband umsetzte. „Im Jazz sind ja oft fünf, sechs oder mehr Töne pro Akkord üblich, bei ihm ist es fast wie ein vierstimmiger Choralsatz. Aber welche Töne da sind, das macht halt diesen speziellen Sound aus.“ Und Brecker räumt ein: „Ich hab gern eine Menge Spannung in meiner Musik.“

Von transparenten Orchestrierungen bis zum Wall of Sound
Und das gilt für seine Fusion/Funk-Kompositionen für die „Brecker Brothers“ (die bekannteste darunter „Some Skunk Funk“) genauso wie für seine Auseinandersetzung mit dem funky hardbop von Clifford Brown, Lee Morgan und Freddie Hubbard über seine intensiven Flirts mit der Musik Brasiliens bis hin zum „Jazz Ballad Songbook“.
„All diese verschiedenen Stücke eröffnen jeweils andere Möglichkeiten“, sagt Jörg Achim Keller. „Die möchte ich mit der Bigband ausloten, von ganz transparenten Orchestrierungen bis hin zur soliden Wall of Sound.“

Karten:
Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage 1, Tel.: 0531 / 125712
Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Initiative Jazz Braunschweig e.V.
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.