DAS KULT, Hamburger Straße 273 Eingang 2C, 38114 Braunschweig
Paul Engelmann – as
Viktor Bürkland – p
Johannes Keller – b
Hannes Dunker – dr
Eintritt: frei
Initiative Jazz Braunschweig e.V.
Die Musiker-Initiative seit 1978
DAS KULT, Hamburger Straße 273 Eingang 2C, 38114 Braunschweig
Paul Engelmann – as
Viktor Bürkland – p
Johannes Keller – b
Hannes Dunker – dr
Eintritt: frei
Einundzwanzig Männer – kein bisschen leise
Die NDR-Bigband brilliert im ausverkauften LOT-Theater gemeinsam mit dem Startrompeter Randy Brecker
Es geht ab, ohne Umschweife mittenhinein in „The first Melody of the Tune“, so der unwiderlegbare Titel des Openers. Kristallklare Funkriffs, satte Bläsereinwürfe, fanfarenartige Trompetentöne, unterirdische Korg-E-Sounds dazwischen. Zwanzig Musiker, die NDR-Bigband, bereiten den Boden für ihn: den amerikanischen Startrompeter und Gastsolisten Randy Brecker. Unübersehbar stattlich steht er mit der für ihn typischen Flatcap auf dem Kopf im Mittelpunkt der Bühne. Und wer vielleicht vermutete, dass da ein 70jähriges Star-Auslaufmodell noch mal eine Deutschlandrunde dreht und einer starken Band als Krücke bedurfte, der lag absolut daneben.
Sein Spiel war kraftvoll, präzise und wirkte selbst bei höchstem Tempo entspannt. Die elektronische Bearbeitung, insbesondere der Hall, ließ die Töne wie poliert strahlend klingen. Und er hielt die Spannung das gesamte Konzert durch.
Das allein ist schon beachtenswert genug, die Besonderheiten liegen aber woanders. Brecker vermochte die Musiker zu inspirieren, zu Höchstleistungen zu befeuern, ohne das abzufordern. Ganz allein durch seine Autorität, sein Können und durch das kluge Konzept, die Soli des Altmeisters unmittelbar zu kontrastieren mit jenen verschiedener Bandmitglieder. Sie hängten sich rein oder – wie Brecker es drastischer formulierte: „They‘re playing their asses off!“ Und weil die Bigbandmusiker allesamt nicht nur Teamplayer sind, sondern über hervorragende solistische Fähigkeiten verfügen, entwickelten sich oft heiße Dialoge zwischen den Protagonisten. Widerspruch, Überbietung, Umschreibung, Zerstörung und Anlehnung wechselten sich ab.
Live Musik hat immer auch eine visuelle Komponente. Es war spannend zu sehen, wie sich das Musizieren im Musiker selbst ausdrückt. Hier Randy Brecker, schwergewichtig in sich ruhend mit minimaler Gestik und Mimik. Dort z.B. der Tenorsaxofonist Sebastian Gille, dessen Körper wie unter elektrischen Schlägen im Tempo seiner Läufe hin und her zuckt, sich dreht und windet, noch oben gezogen wird und gestaucht, je nach Spielverlauf. Aber nicht als Showeinlage, sondern völlig unbewusst.
Die andere Besonderheit des Konzerts, war die Raffinesse der Arrangements. Die Band spielte ausschließlich Brecker-Kompositionen. Aber die Art, wie die einzelnen Instrumentengruppen einbezogen oder ausgeblendet wurden, wie die Sätze miteinander oder gegeneinander spielten, das zeigte das große Können des Arrangeurs und Dirigenten Jörg Achim Keller. Die Kompositionen zeigten dadurch eine erstaunlich neue Vielschichtigkeit.
Aber: Randy Brecker wurzelt tief im Jazz-Rock, kreiert so eigenartige Genres wie Heavy Metal BeBop. Es geht also um Rhythmen, um Beats. Und weil die NDR-Bigband keinen eigenen Schlagzeuger in den Reihen hat, engagierte man kurzerhand als Special Guest den in Deutschland dafür prädestinierten Wolfgang Haffner. Ganz Primus inter Pares ließ er es präzise grooven.
Und so wanderte man durch Blues-, Funk-, Latin Music-, Balladen-, Gospel – Anverwandlungen – und begeisterte das Publikum. Unklar blieb aber zweierlei: Warum spielen keine Frauen in der NDR-Bigband? Warum blieb man bei diesen Rhythmen sitzen, statt zu tanzen?
Klaus Gohlke
LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig
Randy Brecker, Trompete
Wolfgang Haffner, Schlagzeug
Jörg Achim Keller, Leitung
NDR Bigband
Die NDR Bigband trifft Randy Brecker! Auf dem Programm ihres gemeinsamen Projektes im Braunschweiger LOT Theater steht eine Werkschau des Trompeters. „Die wird durch seine gesamte Karriere führen; die klassischen Brecker-Brothers-Sachen sind dabei, aber auch alles davor und bis heute“, sagt der Leiter und Arrangeur der NDR Bigband, Jörg Achim Keller.
Alles davor und heute
Damit ist der Rahmen für ein vielseitiges Programm gesteckt, schließlich wirkte Randy Brecker nicht nur entscheidend bei der Entwicklung des jungen Genres JazzRock mit: Er war Gründungsmitglied bei „Blood, Sweat & Tears“, rief mit seinem Bruder Michael sowohl die „Combo Dreams“ (mit John Abercrombie und Billie Cobham) als auch die Supergroup „Brecker Brothers“ ins Leben. Auch im akustischen Jazz hat er sich einen Namen gemacht: anfänglich im Horace Silver Quintett, später auch bei Art Blakeys Jazz Messengers, Charles Mingus, Carla Bley und nicht zuletzt mit seinen eigenen Quintetten, mit denen er einen persönlichen Stil entwickelte.
Aufs Wesentliche reduziert
„Seine Grundharmonik ist eigentlich sehr sparsam“, erläutert Arrangeur Keller, der Breckers Kompositionen für die NDR Bigband umsetzte. „Im Jazz sind ja oft fünf, sechs oder mehr Töne pro Akkord üblich, bei ihm ist es fast wie ein vierstimmiger Choralsatz. Aber welche Töne da sind, das macht halt diesen speziellen Sound aus.“ Und Brecker räumt ein: „Ich hab gern eine Menge Spannung in meiner Musik.“
Von transparenten Orchestrierungen bis zum Wall of Sound
Und das gilt für seine Fusion/Funk-Kompositionen für die „Brecker Brothers“ (die bekannteste darunter „Some Skunk Funk“) genauso wie für seine Auseinandersetzung mit dem funky hardbop von Clifford Brown, Lee Morgan und Freddie Hubbard über seine intensiven Flirts mit der Musik Brasiliens bis hin zum „Jazz Ballad Songbook“.
„All diese verschiedenen Stücke eröffnen jeweils andere Möglichkeiten“, sagt Jörg Achim Keller. „Die möchte ich mit der Bigband ausloten, von ganz transparenten Orchestrierungen bis hin zur soliden Wall of Sound.“
Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage 1, Tel.: 0531 / 125712
– Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …
Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)
Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Ein Mann mit höchsten Ansprüchen oder
Mehr geht nicht!
Hans-Jürgen Niemann, die graue Eminenz des Braunschweiger Jazz, tritt ab
Er ist ein Strippenzieher. Einer, der im Hintergrund die Fäden spinnt. Der seit 25 Jahren dafür sorgt, dass in Braunschweig hochkarätige Jazzmusik zu Gehör gebracht wird. Und für Jazzmusiker im In- und Ausland Braunschweig eine Top-Adresse ist. Die Rede ist von Hans-Jürgen Niemann.
Wir treffen uns im Gebäude der Städtischen Musikschule Braunschweig. Dort ist er seit langem schon Klavierlehrer. Etwas retro schaut er aus mit seiner John-Lennon-Brille und dem schulterlangen, gelockten Haupthaar. Der Weg führt in seinen Unterrichtsraum, zwei Wände sind behängt mit Plakaten von Musikereignissen, für deren Zustandekommen er verantwortlich war.
„Naja, ich nicht alleine, das waren alle in der damaligen Musikerinitiative Braunschweig.“ Eine typische Äußerung des jetzt 62-jährigen. Er ist nicht der Mann, der in der ersten Reihe stehen will.
Sein Job ist das „Booking“, die Verpflichtung von Musikern. Das klingt einfach, ist aber reichlich komplex. „Man muss ja gute Musiker finden, die auch zum Publikumsgeschmack passen. Die Kostenfrage stellt sich sofort. Findet man Sponsoren, weil der Eintritt die Kosten nicht abdeckt? Du musst die Verträge mit den Leuten oder ihren Agenturen abschließen. Wie kommen die Künstler nach Braunschweig, wo übernachten sie? Wie sieht es mit dem Auftrittsort aus? Wer betreut sie vor Ort? Welche Anforderungen stellen sie bezüglich der Instrumente, der Technik? Also, da hat man schon sein Tun!“
Der Blick auf die Plakatwand macht Staunen. Eine Art Who’s who? des Jazz. John McLaughlin, Betty Carter, Archie Shepp, Charles Lloyd, Joachim Kühn, Carla Bley, Elvin Jones , um wirklich nur ein paar Namen zu nennen. Jürgen Niemann hat einen stattlichen Ordner hervorgeholt und schwelgt in Erinnerungen.
„Angefangen habe ich eigentlich mit dem Jazzspektrum 1990 nach der deutsch-deutschen Vereinigung. Fünf Formationen aus der DDR haben wir im Städtischen Museum und vor der Magnikirche aufspielen lassen. Es war eine heiße Sache. War ja nicht wie heute mit Internet, Handy, E-Mail, Facebook. Briefe per Einschreiben mit Rückschein und andere längst vergessene Verkehrsformen waren angesagt.“
Gibt es rückblickend so etwas wie Highlights? „Lebenslang begleiten wird mich Diana Kralls Auftritt auf dem Burgplatz und die ganzen Umstände. Sie war schon ein Star, aber keine Allüren. Drei Tage blieb sie in Braunschweig, war hier schwer am Shoppen. Dass hier kein Gedöhns gemacht wurde, hat ihr ungemein gefallen.“
Und Tiefpunkte? „Nein, eigentlich nicht. Nur Aufreger. Wenn ein Bass nicht aufzutreiben ist. Oder die Hotelbuchung aufgekündigt wird. Ein großer Büfett-Bahnhof ins Leere läuft, weil der Künstler zu erschöpft ist und nur schlafen will.“
Niemann blättert weiter in seinen Dokumenten. Er war auch sonst recht rege. Mitbegründer von „Radio Okerwelle“, der „Braunschweiger Kulturnacht“ – ein Tanz auf einigen Hochzeiten. Immer mit sehr hohem Anspruch, was freilich zu Frustrationen führte. „Ich wollte immer ein möglichst breites musikalisches Spektrum abdecken. Das war nicht leicht durchzusetzen.“
Alles wäre nicht so gelaufen, wie es gelaufen ist, wäre da nicht die Unterstützung seitens des Kulturamtes der Stadt Braunschweig gewesen, der zahlreichen Sponsoren, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, der Helfer und Ermutiger. „Das war ungemein wichtig. Aber – ob eigentlich klar geworden ist, welchen Stellenwert Braunschweig in der internationalen Jazzszene spielt, dass wir eine Topadresse sind in Deutschland, da bin ich mir nicht so sicher.“ Schade eigentlich.
Jürgen Niemann hat das kulturelle Leben dieser Stadt entscheidend mitgeprägt. So ein Job schlaucht. Es muss mal Schluss sein. Wie es nun weiter geht? Die Initiative Jazz-Braunschweig ist am Improvisieren. Wer will so eine Aufgabe ehrenamtlich fortführen? Das hängt auch davon ab, wie die Stadt, die Sponsoren, die Jazz-Interessierten mitziehen. Braunschweig hat hier einen Ruf zu verlieren, was man ja nicht wollen kann.
Klaus Gohlke