Kritik zu Eva Klesse Quartett

Klesses Erzählungen
Das Eva Klesse Quartett spielt begeisternden modernen Jazz im ausverkauften Roten Saal

Nein, das waren keine neuen Hoffnungsträger des Jazz, keine „upcoming stars“, kein Silberstreif am Jazzhorizont. Nichts von dem, was medial wichtigtuerisch herum posaunt wird und doch bloßer Reflex kulturindustrieller Imperative ist.

Es war „nur“ das Eva Klesse Quartett, das am Freitagabend auf Einladung der Initiative Jazz Braunschweig im Roten Saal spielte. „Nur“? Nun, es spielte eine hervorragend eingespielte, kreativ miteinander kommunizierende Formation. Vier MusikerInnen, die ihr musikalisches Handwerk bis ins Detail verstehen. Die nicht morphten oder Module konstruierten, auch kein angeblich neues „zirkulares Musikverständnis“ zelebrierten, wohl aber Kompositionen spielten, deren zugrunde liegende Ideen den ZuhörerInnen unmittelbar einleuchteten. Die eine Basis lieferten, Jazz-Spaziergängen zu folgen, auch wenn sie mal ins musikalische Hochgebirge führten.

„Wesen und Zustände“, so Eva Klesse, „spiegeln die Stücke wider oder sind Ausgangspunkte.“ Alltägliche Verwirrungen, Traumsequenzen, Gefühlsüberschüsse, Fabelwesen, Erinnerungen, die in Musik transformiert werden.

Fast programmmusikalisch mitunter, wie in „Klabautermann“. Geisterartig-verschwebende Sounds als Einstieg, gefolgt von einer dramatisch aufgeladenen Fortführung, die sich zu einem wilden Tanz entwickelte. Ja, der Schiffsgeist war an Bord! Dann überraschend ein harter Break – etwas, was das Klesse-Quartett liebt – dem fast kammermusikalische Gespräche zwischen Bass und Piano folgten. Ein langes Crescendo dann, ein Finale furioso, wüst, die tonalen Grenzen aufsprengend. Klare Botschaft: Der Schiffsgeist geht und das Schiff unter.

Ganz anders präsentierte sich das Quartett in „Gravity“. Melancholisch-düster, verzerrt, hoch- und tiefst-tönig, mal völlig transparenter Klang, dann mächtig anschwellender Soundwall. Dazwischen wiederholt eine wunderschöne Melodie bei Reduktion der Begleitung auf das Nötigste.

Überhaupt: Improvisation und Komposition verschmolzen raffiniert, die Soloparts waren integriert. Und die Verankerung der Band in der musikalischen Tradition auch außerhalb des Jazz war unaufdringlich und doch schön nachvollziehbar in Stücken wie „Hal Incandenza“ oder aber dem anrührenden, nahezu „romantischen“ „Choral für P.“

Eva Klesse weist zu Recht darauf hin, dass sie zwar die „Orga-Chefin“ der Band , das Quartett aber ein Kollektiv sei mit ihr am Schlagzeug, Philip Frischkorn am Klavier, Evgeny Ring am Saxophone und Stefan Schönegg am Kontrabass. Genauso ist es: Ein organisches Gebilde auf höchstem Niveau. Viel Beifall im ausverkauften Haus.

Klaus Gohlke

Kritik zu Silke Eberhard Trio

Jazz ist ein Kind der Freiheit

Das Silke Eberhard Trio eröffnete das Jazzjahr 2020 der Initiative Jazz Braunschweig

Musik ist ein flüchtig Ding. Des ist man oftmals froh, mitunter aber auch nicht. Vor allem bei Jazzkonzerten. Ganz besonders schmerzlich, wenn die Musik über einen kommt wie der Sturm und in so vielfältig gebrochener Weise, wie dies das Silke Eberhard Trio am Freitagabend im Roten Saal zu Braunschweig tat.

Zum Beispiel: Nur ein Ton! Knallig, scharf, von allen zugleich. Dann Pause. Tja, wie ging es weiter? Zwei Takte oder etwas länger? War das dann ein Thema oder nur eine Art Ton-Bewegung. Hören kann so schwierig sein, wie das Spielen von Musik. Über die verwirrende Fortsetzung musikalischen Geschehens vergaß man schon den Einstieg. Waren das nun Melodien oder deren Fragmente? Oder aber Flächen?

Wie auch immer im Detail – das Trio zeigte, was es heißt, die Traditionen zu kennen und fort zu entwickeln. Es wurde natürlich nicht nur ein wenig am harmonischen Korsett gerüttelt. Nein, Jazz ist ein Kind der Freiheit. Darum ging es. Gewiss, für Freunde der sanglich-melodischen, harmonisch eingängigeren Musik war das schwere Kost. Wobei allerdings die entspannte, spielerische Haltung der Musiker doch zum Aushalten einlud. Aber – macht es nicht auch Spaß, zu erleben, wie das Trio quasi telepathische Tempo- und Taktwechsel, ein blitzschnelles Changieren zwischen verschiedenen rhythmischen Idiomen vorführte? Wie die Begleitstrukturen zerflossen, sich neu ordneten und verselbständigten, um eigene Wege zu gehen? Natürlich ist das nicht so einfach zu erkennen, besonders, weil Silke Eberhard gerade nicht zu den „Kaltblütern“ am Instrument gehört, also das Tempo, den Druck liebt.

Dabei verführen die Songtitel geradezu. „Schneekatze“, „One for Laika“, „Belka und Strelka“, „Strudel“, „Damenschrank“(!) „Schwarzwurzelwäldle“, „Ping-Pong“. Das klingt nach Programmmusik. Aber, weit gefehlt, zu glauben, „Laika“ sei ein Requiem und die Schneekatze striche irgendwo leis-tatzig durch die Gegend. Schön: „Strudel“ fängt – sofern man ans Wasser denkt – durchaus wirbelnd an. Ein Chaos. So endet es auch. Aber sogleich stellen sich die Fragen ein: Ist das Trio der Tonalität verpflichtet? Oder wird diese eher von innen heraus verändert statt zerbrochen? Die Tonskalen werden aufgrund ihres offenen Charakters flexibel ausgedeutet zwischen Bass und Saxofon hin zu einer Polymelodik. Es gibt keine vom Thema her definierte Chorusstruktur, was spontanes Reagieren auf harmonisch-rhythmische Wendungen zur Folge hat. Eine Art von Befreiung der Melodie von formalen Fesseln vertikaler Ordnungen. Allerdings: Dazwischen auch eingängige, wunderbar swingende Intermezzi. Und spielte die Klarinette nicht auf einmal tänzerisch-locker im Benny-Goodman-Sound? Mit Charles Mingus könnte man von einer „organisierten Desorganisation“ sprechen.

Was das Konzert spannend machte, war auch die absolut gleichberechtigte Kommunikation der Instrumentalisten. Natürlich ist Silke Eberhard die Chefin auf der Bühne. Wer jedoch auf welche Weise auf harmonische Wendungen der Bläsersolistin reagiert, ist freigestellt. Soloparts unterliegen keiner schematischen Verteilung. Es gibt eben keine Begleiter, nur Mitspieler. Kay Lübke am Schlagzeug beeindruckte mit einer Vielfalt an Klängen, die er mit einem relativ kleinen Schlagzeug-Besteck zu erzeugen wusste. Es ging eben nicht nur um das time-keeping. Es ging um eigene rhythmisch-klangliche Gestaltung. Um ein Grundieren, Umspielen, Erweitern, Unterlaufen, Neuordnen der musikalischen Ideen. Das traf in gleichem Maße auf Jan Roder am Kontrabass zu. Mühelos bewegte er sich über das gesamte Griffbrett. Expressive Glissandi, feine Bendings und eine ausgefeilte Dynamik zeichneten sein Spiel aus. Allerdings – wegen der Mikro-Abnahme- nicht immer gut beim Forte-Spiel herauszuhören. Sein langes Bass-Intro vor der Pause war schlichtweg eindrucksvoll.

Dass Silke Eberhard zu den versiertesten Könnern an ihren Instrumenten zählt, muss nicht herausgehoben werden. Dass sie im Sommer den Berliner Jazzpreis 2020 erhält, spricht für sich. Schön vor allem, dass die MusikerInnen aus entspannter Haltung Momente größter Intensität entwickelten, frei von Avantgarde-Attitüden. Viel Beifall für einen guten Start ins Jazzjahr 2020 mit der Initiative Jazz-Braunschweig.

Klaus Gohlke

Kritik zu Nathan Ott Quartett

Glück im Unglück
Das Nathan-Ott-Quartett bescherte zum Nikolaustag hochkarätige Jazz-Feinkost

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. So erging es Nathan Ott, Jazzschlagzeuger aus Berlin, als er seine Dezembertour plante. War ja auch prima gedacht und schon mehrfach vorher Probe gelaufen. Eine kleine Supergruppe zusammengestellt mit der New Yorker Saxofonlegende Dave Liebman im Zentrum. Dafür ein interessantes Konzept der Elvin-Jones Band der frühen 70er Jahre aufgegriffen, nämlich zwei Saxofonisten ohne Harmonieinstrument gegeneinander antreten zu lassen. Und auf geht‘s, unter anderem auch nach Braunschweig in den Roten Saal.

Dann jedoch das Leben, wie es so spielt. Liebman hatte einen schweren Unfall. Spielunfähig. Was tun? Ott, hervorragend vernetzt, fand Abhilfe. Nämlich in Christof Lauer, einem der herausragenden Saxofonisten der Gegenwart, der sich flugs das Tourprogramm drauf schaffte.

Das Konzept, zwei Saxofonisten spielen zu lassen, klingt gut, ist aber nicht ungefährlich. Zum einen stehen die beiden Protagonisten im Mittelpunkt, die „Rhythmiker“ scheinen in den Hintergrund gedrängt. Zum anderen aber ist die Frage, wie die Bläser damit umgehen. Gibt es einen Showdown oder eine gleichgewichtige Kommunikation?

Lauers Partner war Sebastian Gille, Bigband-Kollege für einige Zeit. Wie würde dieser umgehen mit so einem musikalischen Schwergewicht? Höchst interessante Fragen fürs zahlreich erschienene Publikum und: gute Antworten der Musiker.

Lauer und Gille entwarfen einfühlsam Melodienbögen, gestalteten schöne Unisono-Partien, führten durchdachte, ruhige Dialoge mit allen Bandmitgliedern. Aber dann, in den Improvisationsteilen zeigte Lauer seine ganze Kraft und Spielfreude. Er folgte gewissermaßen seiner inneren Natur mit nahezu ekstatischen Arpeggien, die wie Klangflächen erschienen, einer Tour de Force die Skalen hoch und runter, Überblaseffekten, Intervallsprüngen. Hoch konzentriert, trotzdem locker und ohne technizistische Effekthascherei. Und Gille? Stand dem in nichts nach, fand seinen eigenen Zugriff und Ton. Wozu sicherlich auch der Charakter der Kompositionen beitrug, in der Mehrzahl von Ott geschrieben.

Und die „Rhythmiker“, waren sie die armen, im Dunkel Stehenden? Mitnichten. Jonas Westergaard am Kontrabass leistete Schwerstarbeit. Er hatte auf der harmonischen wie auf der rhythmischen Ebene zu gestalten und zog mit Schlagzeuger Ott gewissermaßen die Streben für die Bläsergebäude ein. In den Up-Tempo-Parts erhöhte er repetitiv den Druck und gestaltete das rhythmische Konzept farbiger. Ott seinerseits ließ nicht den Bandleader raushängen. Ja, er schuf Raum und nutzte sein Instrument bei der Schlägelarbeit geradezu melodiös. Und ein Drumsolo ohne Muskelspiel als Ausklang eines Stückes – selten zu hören.

Insgesamt beschritten die vier Musiker musikalische Wege, die zwischen großer Offenheit und Gebundenheit, zwischen Abstraktion und feiner Melodiosität verliefen. Metrisch komplex mit beeindruckender Polyrhythmik, ja, mitunter mal weniger harmonisch durchorganisiert, als von der Rhythmik und der Expressivität zusammen gehalten. Vielleicht nicht immer leichte Arbeit beim Zuhören, aber zu Recht viel Beifall.

Klaus Gohlke

Kritik zu VEIN – Symphonic Bop

Hochkomplexe Trioarbeit
Das Schweizer Piano-Trio VEIN spielt reduzierte Bigbandkompositionen und Ravelbearbeitungen im Roten Saal zu Braunschweig

„Symphonic Bop“ war das Konzert des Schweizer Klaviertrios „Vein“ bei der Initiative Jazz Braunschweig betitelt. Was meint „Symphonic“ im Zusammenhang mit einem Jazztrio? Bop ist ja unmittelbar einleuchtend. Nun, es ist eine etwas unglückliche Bezeichnung, die zurückzuführen ist auf das letzte Projekt der Schweizer mit der Norbotten Bigband. Eine Kooperation von Trio und Groß-Ensemble sollte erprobt werden, die die jeweiligen Charakteristika beider Formationen ohne Selbstaufgabe verschmelzen sollte. Schon hier aber war „symphonisch“ irreführend. Es wurde weder symphonische Musik gespielt, noch hat eine Bigband Sinfonieorchester-Stärke.

Was nun am Freitagabend im Roten Saal zu Gehör gebracht wurde, war eine Reduktion dieser Bigband-Arrangements, ein Herunterbrechen auf Kammermusik-Jazz-Ebene. Nicht, dass das nicht geglückt wäre. Im Gegenteil, grundsätzlich gesehen. Nur, dass gewisse Hörerwartungen, die eventuell in Richtung durchschaubaren „Third Stream“ gingen, gleich zu Beginn enttäuscht wurden.

„Vein“ spielte, wenn schon, dann eher Bop, wobei das auch nicht stimmt. Es war eine Mixtur hochkomplexer Trioarbeit, die einerseits eine Aneignung der Jazztradition widerspiegelte, andererseits aber sehr eigenständige Fortentwicklungen des Jazz bot. Ergänzt durch Bearbeitungen von Ravel-Kompositionen, nur für Experten als solche erkennbar, was aber durchaus kein Handicap sein musste.

Der Einstieg mit „Boarding the Beat“ war kein sanftes Hinführen zum Vein-typischen musikalischen Denken, sondern es ging gleich zur Sache. Wohl war da eine thematische Einführung, dann aber ging es zügig in die Durchführung, die sich durch konzentriertes Interplay auszeichnete. Vor allem die Rolle von Thomas Lähns am Kontrabass war spannend zu hören, nämlich einerseits eine rhythmische Grundierung mit und über das Schlagzeug hinaus zu liefern, andererseits die Piano-Exkurse melodisch einzuleiten und zu umspielen. Die Band zeigte sich dynamisch und rhythmisch variantenreich und jazzaffin, wenngleich immer wieder Hinweise auf klassische Musik aufschienen.

Was „Vein“ an diesem Abend aber offenbar auch demonstrieren wollte – oder wollte es nur der Schlagzeuger Florian Arbenz? – war nicht ganz unproblematisch. Dass es nämlich nicht ein typisches Klavier-zentriertes Piano-Trio sein wollte, sondern durchaus andere Akzente zu setzen weiß. Florian Arben, so schien es streckenweise, wollte wohl den kammermusikalisch-klassischen Ansatz mit Jazzrock-Anleihen durchlöchern. Nicht, dass er im Laufe des Abends dynamisch einfallsarm geblieben wäre! Überhaupt nicht. Wunderbar sein Duo mit Lähns etwa, seine Besenarbeit später. Aber er zeigte sich als ungemein kräftiger Gegenpol zum Pianospiel seines Bruders Michael. Sein Können beeindruckte, aber er überlagerte seine beiden Mitspieler mitunter doch sehr. Das konnten das Pianosolo in „Reflections in D“ und die Ravel-Bearbeitung „Mouvement de Menuet“ nur partiell kompensieren.

Die Kompositionen waren komplex, anspielungsreich, keinesfalls flacher Third Stream. Eine sehr eigenständige Tonsprache des Jazz wurde erlebbar, nur die an „Vein“ so gelobte größtmögliche Ausgewogenheit ihres Interplays konnte man an diesem Abend nicht unbedingt erleben.

Klaus Gohlke

Kritik zu Nguyên Lê „Streams“ Quartet

Raffinierte Alchemie
Das Nguyên Lê -Quartett „Streams“ überzeugt mit einer ganz eigenen Fusion von Welten unter dem Dach des Jazz

Nguyên Lê – französischer Jazz-Gitarrist mit vietnamesischen Wurzeln. Zum dritten oder vierten Male in Braunschweig. Die Gelehrten streiten da noch. Unstreitig aber: Wiederum ausverkauftes Konzert. Das lässt stutzen. Es geht schließlich um Jazz. Man nennt ihn „Weltmusiker“, „personifizierte Fusion der Kulturen“ oder „Ethno-Jazzer“. Das aber riecht doch sehr nach Schön-Töner. Was er mitnichten ist.
Recht arglos klingt die Konzerteröffnung. Er lade ein zu einer „Journey to different places“, zu einer Reise an verschiedene Orte. Und so reisen wir musikalisch nach Marokko z. B., zu den Buddha-Figuren von Bamiyan, ins China der Ming-Dynastie, nach Martinique. Aber auch zu „sehr exotischen Stationen“, wie J.S. Bachs „Goldberg-Variationen“, in die „Hippocampus“-Welt, wobei in der Schwebe bleibt, ob es die Welt der Seepferdchen oder die der Gedächtniszentrale im menschlichen Hirn ist. Oder mit „Subtle Body“ zu den Alchemisten, zu jenen, die aus Stein Gold machen wollten, wie Lê erläutert.
Eine gute Bezeichnung für ihn selbst. Subtle, also raffiniert, feinsinnig, ausgetüftelt – das trifft diesen Mann hervorragend. Die uralte Gwana-Musik aus dem Maghreb, indische Ragas, vietnamesische und chinesische Phrasierungen, Rock und Funk, europäisch-romantischer Tanz, das sind die Steine, die Nguyên Lê bearbeitet. Aber nicht als folkloristische Adaptionen oder in Form stilistischen Wildwuchses, sondern als organisch strukturierte Musik auf der Höhe der Zeit, auch mit deren technischen Mitteln.
Ob das immer Gold wird, sei dahin gestellt. Die Bach-Bearbeitung wirkte etwas bemüht. Ganz anders aber „6h55“ mit seiner raffinierten Polyrhythmik oder das Amalgam aus Funk, Rock ‚n‘ Roll und ostasiatischen Skalen in „Swing a Ming“.
Ungewöhnliche Dialoge etwa zwischen Gitarre und Schlagzeug („Mazurka“), aufreizende Brüche zwischen ostinaten Figuren, minimalistischen Melodien am Bass bzw. Vibraphon und explosiven Ausbrüchen daraus(„Bamiyan“). Wahre musikalische Zwei-, wenn nicht gar Vierkämpfe. Das war es, was das Publikum begeisterte. Die Ausgestaltung der kreativen Freiheit, die den einzigartigen Reiz dieses Genres ausmacht.
Natürlich ist Nguyên Lê ein Ausnahmegitarrist und großartiger Musiker. Aber es wäre alles nichts, hätte er mit dem US-Amerikaner John Hadfield (Schlagwerk), dem Kanadier Chris Jennings (Kontrabass) und dem Franzosen Illya Amar (Vibraphon) nicht ausgesprochen hochklassige Partner im Quartett vereint. Knackige Grooves, bei denen man nicht weiß, wer wen antreibt, sphärisch-entrückende Klänge und vor allem ein absolut sicheres Interplay begeistern das Publikum und nicht zuletzt auch die Musiker selbst.

Klaus Gohlke

Kritik zu Angelika Niescier Trio „NOW“

Absolute Hingabe an die Sache, höchste Professionalität

Das Angelika Niescier Trio „NOW“ demonstriert überzeugend, was es heißt, gegenwärtigen Jazz zu spielen

Ohne Umschweife: Das war ein herausragendes Konzert, das das Angelika Niescier Trio „NOW“ am Freitagabend im Roten Saal ablieferte. Allein die Besetzung machte neugierig. Wie geht das zusammen – zwei Melodieinstrumente? Insbesondere das Akkordeon als Jazzinstrument – das ist nicht gänzlich neu, aber es hat doch eine Art Geschmäckle. Zumindest das Odium des Weltmusikalischen (was immer das auch sein soll) haftet ihm an, wenn nicht gar des Heimatabends. Wie geht das mit einer Angelika Niescier zusammen, die doch überhaupt gar nicht für ein musikalisches Walla-la-weia steht?

Nun, das ging ganz hervorragend, und zwar ganz einfach deshalb, weil das Trio Gegenwarts-Jazz spielt. Was hier meint: Jazz, der offen für alle Einflüsse ist, ohne beliebig zu werden. Der sich seiner Traditionen bewusst ist und die Grenzen zur Musik der Moderne selbstbewusst überschreitet.

Niescier, gewissermaßen von Natur aus eher heftig sprudelnder Quell denn breiter dahin fließender Fluss, zeigte dabei ein schier unerschöpfliches Repertoire musikalischer Ausdrucksmittel gepaart mit stupender instrumenteller Fertigkeit. Greifen manche Musiker beim improvisatorischen Suchen gern auf repetitive Muster zurück, bei ihr findet man das nicht. Wer mit ihrer Ideenproduktion mithalten will, muss schon sehr früh aufstehen.

Für Simone Zanchini am Akkordeon aber kein Problem. Gut, er spielt ein elektrifiziertes Instrument, aber warum soll diese technische Möglichkeit der Gitarre etwa vorbehalten sein? Und weil es gewissermaßen semi-akustisch ist, kann es auf Volkstümliches evozieren und es sofort auch transzendieren. Zanchini verfügt ebenfalls über ein komplexes musikalisches Repertoire. Er musiziert mit Niescier auf Augenhöhe. Und so vermögen sie zu monologisieren, zu dialogisieren, dass dem Publikum beinah schwindelig wird.

Darunter, dahinter, wie auch immer, liegt der alles erdende Bass. Es ist harte Arbeit, die rhythmisch komplexen und sich dauernd verändernden Kompositionen zu grundieren, zumal, wenn da der Anspruch besteht, nicht zu simplifizieren. Es geht mitnichten darum, irgendwelche ostinate Ausdauer zu demonstrieren. Stefano Senni, schafft den Raum, den seine Mitspieler benötigen, sich zu entfalten. Seine Soli zeigen, dass er dem Powerplay seiner Mitspieler durchaus Paroli bieten kann.

Insgesamt ist das Interplay beeindruckend. Natürlich – das Trio hat große Spielerfahrung, Man kennt sich schon lange. Aber es geht ja um mehr: nämlich ums Aufeinander-Hören, um Ideen-, um Impulsverarbeitung, um Einfühlung. Zwischenmenschlich und thematisch. Auch wenn man die Musik nicht immer zugänglich finden mag: Allein wegen der oben beschriebenen Aspekte gebührt den drei Musiker*innen großer Respekt.

NOWs Musik ist gegenwärtig. Sie erstickt nicht mit Abstraktionen, biedert sich nicht an. Vielmehr erlaubt sie beim Zuhören eigenes Assoziieren. Die mitunter metrische Vertracktheit, der Wechsel der Rhythmen, des Tempos lässt an Musik des Balkans denken. Die schnellen Harmoniewechsel, deren Erweiterungen und Brechungen erinnern fast an Bebop-Zeiten. Die feinen Melodielinien dazwischen wirken wie das Aufscheinen allerdings kaum zuordbarer Musik. Tonalitäten werden verwischt, es gibt abstrakte Klangcollagen und Effekte. Sakrale Orgelmusik erklingt. Es ist Musik, die ein Nachdenken über Existenzielles widerspiegelt bzw. dazu motiviert. Und schließlich und wahrlich: Nicht zuletzt ist die Musik politisch, wenn man an das „Tribute to Guiseppe Pinelli“ denkt oder aber an die Bezüge zur syrischen Kampfzone um Latakia und die Demokratieprobleme hier im türkischen Kontext. Kunst als Kind oder Mutter der Freiheit?! Vieles konnte einem da durch den Kopf gehen, wenn man wollte.

Und dann nach dem Konzert noch ein Ohr für die Begeisterten zu haben, vor allem wenn man bedenkt, unter welch völlig inakzeptablem zeitlichem Anreisestress die drei standen: das ist mehr, als man erwarten kann. Anders ausgedrückt: absolute Hingabe an die Sache, höchste Professionalität. Begeisterung allüberall.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Możdżer Danielsson Fresco Trio”

Jazz zum Wohlfühlen

Das Możdżer-Danielsson-Fresco-Trio zeigt die Farbigkeit der Welt der improvisierten Musik

Eden. Sie denken woran? Natürlich. An den Garten. Friedliche Bilder stellen sich ein, stimmt’s? Zephyr, der mild-segensreiche Windhauch, blühende Landschaft, Friede, Freude, naja – und Adam und Eva – vorm veganen Apfelmahl allerdings.

„Eden“, das war der Opener beim Jazzkonzert des Możdżer-Danielsson-Fresco-Trios am Samstagabend im LOT Braunschweig. Und er schien alle Klischees zu diesem polnischen Ausnahme-Jazzpianisten zu bestätigen. Sehr atmosphärische Musik, Wohlklang und Harmonie, klassisch geschult. Es perlte nur so vor sich hin. Eben zephyrisch. Und der Schwede Lars Danielsson am Bass, später auch Cello, sowie sein israelischer Perkussion-Kollege Zohar Fresco taten nicht das Geringste, diesen seelenfriedlichen Eindruck zu stören. Die Grundtöne der Akkorde wurden fein akzentuiert, später die Melodie tieftönend zärtlich umspielt. Besenreiser streichelten die kleinen und größeren Rahmentrommeln. Für Hardcore-Jazzer musste das wohl der Untergang des Jazz-Abendlandes sein.

Jedoch – es musste genauso klar sein, dass das so nicht weitergehen konnte. Możdżer ist ja nicht der Claydermann des Jazz! Der Abend machte vielmehr deutlich, dass es ihm mit diesem Trio (und überhaupt) eher darum geht, die Farbigkeit der Welt improvisierter Musik aufscheinen zu lassen. Ein Angebot, keine Vorschrift, Gefühle zu erleben.

Und so gab es die Akkordbrechungen, Dissonanzen, Verschiebung der Metren, Tempovariationen, rhythmische Finessen, die klangliche Selbstgefälligkeit nie aufkommen ließ. Ja, bei „Polska“ konnte man das ganze Stück hindurch den Eindruck gewinnen, als spielten die Musiker alle etwas anderes. Am ehesten noch von einem rhythmischen Muster verbunden, ansonsten aber auf seltsame Weise wie um einen Ton daneben.

In der Regel aber gab es diese Ausbrüche ins unvermeidlich Schräge nur phasenweise in den Kompositionen. Das Zuhören hätte man zu einem Ratespiel über die Dramaturgie der Stücke machen können. Wann kommt der Ausflug ins Abstraktere, wann die Rückkehr ins ruhige Fahrwasser? Hätte. Wäre man dann nicht doch immer wieder, wie bei „Incogitor“ oder dem Depeche Mode -Cover „Enjoy the silence“ in eine Stimmung versetzt worden, die Ratespiele ad absurdum führten. Wenige Akkorde nur, starke lyrische Momente bei Bass und Piano, dazu Frescos lautmalende Stimme – ein wiegendes Ein- und Ausatmen, mehr nicht. Und doch absolut kitschfrei.

Das Trio spielt schon lange zusammen. Die fein gesponnene Dynamik und differenzierte Interaktion macht alles Auftrumpfen und Prahlerische unnötig. Begeisternd-ansteckend die immer noch ungemeine Spielfreude der Drei. Improvisierte Musik auf höchstem Niveau.

„Das Highlight des Jahres!“, kommentierten viele Gäste diesen Auftritt, den die Initiative Jazz-BS auch als Gruß an den deutsch-polnischen Kulturverein Braunschweig verstanden wissen wollte, der nunmehr seit 20 Jahren besteht. Fein, dass Leszek Możdżer dann noch geduldig den Signier-und Fotowünschen vor allem der Zuhörer mit polnischen Wurzeln entsprach.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Jacky Terrasson – Trio”

Der Herr der Tasten

Jacky Terrasson Trio genießt die Jazzclub – Atmosphäre des Roten Saales im Braunschweiger Schloss

Er ist ein Mann des Sowohl-als auch. Entschieden setzt er sich ans Piano. Klare Gestik gegenüber seinen Mitspielern. Auch verbale Einwürfe, selbst dem Publikum gegenüber, fast herrisch. Andererseits Hip-Shake am Klaviersessel, Lachen, Mitsingen beim Spiel. Animation des Publikums, rhythmische Akzente abfordernd. Man versteht ziemlich gut, warum renommierte Jazz-Ladies wie Betty Carter oder Cassandra Wilson sich seiner Klavier-und Arrangementfähigkeiten bedienen wollten. Was für eine Anschlagskultur, von der derben rechten Pranke bis zum nahezu zärtlichen Tastenstreicheln. Jedes Gefühl, jeder Gedanke findet seinen Ausdruck.

Welch nahezu überbordende musikalische Ideenfülle. Rätselhaft. Gesprächsfetzen in der Pause, nach dem Konzert: „Klar, das war „Funny Valentine!“ Aber was war das dazwischen? Michael Jackson hat er auch eingebaut, „Beat it“! Aber dann? Weiß ich nicht!“ Gospeligen Kadenzen, könnte vielleicht „My Church“ gewesen sein. Melancholische Walzerpassagen, manche tippten auf Chopin. Terrasson war an Quizlösungen nicht interessiert, es gab keine Ansagen dazu, er kreierte einfach.

So ein Mann konnte einfach nicht Sideman bleiben. Er musste nach vorn, Bestimmer werden. Und er ist es in einem amerikanischen Sinne, wie wir es von Miles oder Trane und bis in die heutigen Tage kennen. Das nun braucht Mitspieler, die in ihrer Rolle eigenartig traditionell bleiben, dienend. Das heißt nicht, dass Thomas Bramerie am Kontrabass und Lucmil Perez am Schlagzeug nicht zu glänzen verstanden. Beide hatten sich extrem in die musikalischen Einfälle ihres Chefs hineinzuhören. Bramerie leistete teilweise Schwerstarbeit dabei, das rhythmische Fundament stabil zu halten. Und Perez hatte die höchst unterhaltsame Aufgabe, so ein Fundament luftig erscheinen zu lassen. Aber Freiheit von der Rolle der Timekeeper gab es kaum, beeindruckende Soli ausgenommen.

Andererseits geht auch nur so Terrassons Spielkonzept auf. Nämlich einerseits als ein pianistischer Suspense- und Understatement-Meister zu agieren, der einen Standard immer weiter bis auf ein einfachstes Riff reduziert. Am eindrücklichsten wohl die ostinate Bassfigur von „Maraba blue“. Dann aber wieder die Fülle unterschiedlichster Anspielungen! Abenteuerlichste, die Tonalität untergrabende Harmonieübergänge, lässig eingeworfene blaue Noten, die Standards wie „Take five“ zu so nie gehörten Erlebnissen werden lassen. Tongerippe neben Hymnik.

Zwischen Jazz-und Barpianist sich bewegend, angeregt wohl durch die Clubatmosphäre des Roten Saals und ein locker reagierendes Publikum, gab sich Terrasson zunehmend launig. Umstritten vielleicht die Publikums-Hitabfrage im zweiten Set – es wurde ein Blues und was für einer – und das eher uninspirierte Zugabefragment. Trotzdem: höchste Zustimmung zum Konzertende.

Klaus Gohlke

Kritik zu “NDR-Bigband feat. Alon Yavnai und Joca Perpignan”

Schweißtreibende Rhythmen bei Sauna-Temperaturen

„Was? NDR-Bigband? Diese Beamtenmusikertruppe!“, spricht es verächtlich aus dem Munde eines „Jazz-Experten“. „Ist doch eh tot, dieses großorchestrale Gedöns!“

Das zielt in Richtung Bigband als routiniert alt-eingespielter Klangkörper mit einem gewissen Traditionalismus. Also Dirigent, einheitliche Kleidung und andere hergebrachte Rituale. Jazz als Feuer und Leidenschaft, als Aus-und Aufbruch? Ausgeschlossen beim Spiel nach Partitur?

Tot? Soso! Wie dann aber wiederum ein ausverkauftes Konzert, das mindestens achte mit dieser Truppe, das die Braunschweiger Jazzinitiative im LOT-Theater veranstaltete. Trotz harter Konkurrenz wie Champions-League Endspiel und Saunatemperaturen im Theater.

Freilich, die NDR-Leute greifen auch in die Trickkiste, um attraktiv zu bleiben. Man lockt mit Zugpferden. Mit Big Names! Mit großen Namen wie dem des Trompeters Randy Brecker, des Pianisten Omar Sosa. Diesmal nicht ganz so groß. Man featured Alon und Joca. Alon und Joca? Klingt wie Stan und Olli. Reichlich flapsige Ankündigung für die beiden Musiker, den Israeli Alon Yavnai, Pianist und Sänger, und den Brasilianer Joca Perpignan, Percussionist und Sänger. Aber – wenn es der Sache dient.

Aber der Rückgriff auf die großen Namen ist kein reiner PR-Trick, wie sich zeigt. Der eventuell etwas ritualisierte Bigband-Auftritt erhält individuellere Züge, auch eine programmatische Ausrichtung. Perpignan ist der Komponist, Yavnai der Arrangeur – beide führen hinein in die Welt der brasilianischen Musik. Chefdirigent Geir Lysne tänzelt elegant Samba. Kompositionen im Stil Hermeto Pascoals verwandeln die Band in eine gar nicht norddeutsch-norwegisch kühle Truppe. Die Bläsersätze kommen aufgelockert daher, werden zu Klanggeweben. Die Tutti akzentuieren messerscharf und kurz, unterstreichen die Polyrhythmik der beiden Hauptakteure. Karibisch-fröhliche Klänge wechseln ab mit kapverdischen Impressionen von stark afrikanisch geprägter Melodik und Rhythmik. Nahtlos wechselt man von orientalischen Skalen zu Latinmelodik, alles mit mühelos federnder Präzision und Spannkraft.

Höhepunkt waren natürlich die Duo-Parts von Perpignan und Yavnai. Die Parallelführung von Scat-Gesang und Pianoarbeit im Hochgeschwindigkeitstempo, später dann von Perkussion und Klavier, waren verblüffend und begeisterten. Und ebenso circensisch im besten Sinne war Perpignans Bearbeitung von so etwas Simplem wie dem Schellenkranz. Nicht nur der erzeugte Tonumfang erstaunte, sondern auch die Tatsache, dass man die Schellen aufeinander folgend, geradezu einzeln erklingen lassen konnte. Sonderbeifall.

Was das Konzert, das mit einer musikalischen Würdigung des unlängst verstorbenen Saxofonisten der Band, Lutz Buchner, abgeschlossen wurde, auch so angenehm machte, war die humorvolle Moderation Alon Yavnais. Stürmischer Beifall für die 19 Männer und die eine Frau an der Posaune!

Klaus Gohlke

Ankündigung zu “Karolina Strassmayer & Drori Mondlak KLARO!”

Tausche Big Apple gegen Big Pitter

Der amerikanische Schlagzeuger Drori Mondlak über Jazz heute in Europa und den USA

„New York, New York!”, singen Lisa Minelli und Frank Sinatra. Von der Stadt, die niemals schläft. Wer es hier schafft, schafft es überall. Dachte sich wohl auch die in Österreich geborene Saxofonistin Karolina Strassmayer. Auf ins Mekka der Jazzer, damals wie heute. Um dort zufällig Drori Mondlak zu treffen, erprobter Drummer in der Szene. Wo aus Zufälligem Absichtliches wurde. Nun, die Liebe ist eine Himmelsmacht. Was letztendlich bedeutete: Tausche Big Apple gegen den Big Pitter, New York gegen Köln am Rhein, die deutsche Jazz-Metropole. Hier wurde die gemeinsame musikalische Zukunft kreiert mit der Band KLARO! Entscheidend für die Wahl Kölns war sicherlich aber auch Karolina Strassmayers intensives Engagement bei der WDR-Bigband.

Was aber ist das Alleinstellungsmerkmal von New York? Im Interview mit Drori Mondlak stellt dieser klar:

„New Yorks Jazz Szene mit seinem absolut anspruchsvollen musikalischen Niveau und seinem hohen Energielevel ist einzigartig in der Welt. Du triffst dort alle Welt! Kannst spielen, lernen, Ideen austauschen, kooperieren. Die Szene dort ist absolut offen und dynamisch. Meine Liebe und Hingabe zum Jazz hat dort begonnen, das setze ich in Köln fort.“

Gibt es dann etwas, was einzigartig ist hier in Deutschland oder Europa?

„Durchaus!“, betont Mondlak. „Der Jazz erfährt allgemein mehr Unterstützung durch kulturelle Organisationen, Jazzinitiativen, Funk und Fernsehen, Festivals. Jazz wird hier als eine Kunstform betrachtet, die es wert ist, auf einer Konzertbühne aufgeführt zu werden. Und es gibt viele engagierte Leute hier, die ihre Zeit damit verbringen, den Jazz-Ball am Laufen zu halten.“

Das zu hören, ist zweifellos erfreulich. Dass das Interesse am Jazz aber nicht erlischt, dafür muss er interessant bleiben. Keine einfache Sache in der sich immer mehr zerfasernden Musikwelt. Jazz bewegt sich dabei zwischen den Polen des Softi-Pops und der Attacke auf alle Hörgewohnheiten. Wie also sieht Mondlak die Zukunft dieses Genres?

„Ich betrachte Jazz nicht unter dem Gesichtspunkt von Stilrichtungen. Jazz ist die Person, die ihn spielt, was diese mit dem Instrument auszusagen in der Lage ist. Was sie zu erzählen hat. Jazz hat seine Wurzeln im Blues, in den afro-amerikanischen Erfahrungen. Dazu kommt der einzigartige Swing der Musik. Wohin sich das alles entwickelt, weiß ich nicht. Ich hoffe nur, dass die Tradition nicht vergessen wird. Zentral ist der Wille, eine eigene improvisatorische Tonsprache zu entwickeln, und das auf einem hohen künstlerischen Level.“

Und wie stellt sich das für Mondlak in seiner Art Schlagzeug zu spielen dar? Lässt sich das in Worte fassen?

„Ich glaube, dass es mir in den letzten Jahren immer besser gelungen ist, mit meinem Schlagzeugspiel dichter an das heran zu kommen, was ich in der Musik höre und empfinde. Was ich mit Karolina, die überwiegend die Kompositionen von KLARO! schreibt, im Zusammenspiel mit den verschiedensten Musikern erfahre, entwickelt mein Drumming immer weiter fort. Ein Prozess, der völlig offen ist.“

Wie aber lässt sich die Musik der Band, deren spezieller Ansatz beschreiben? Mondlak bleibt keine Antwort schuldig und führt aus:

„KLARO! vereint die romantischen Elemente der europäischen Klassik und Volksmusik mit dem rhythmischen Feuer und Swing des amerikanischen Jazz auf der Basis der harmonischen Raffinesse der zeitgenössischen improvisierten Musik. Wir wollen Musik schöpfen, die uns bewegt. Die etwas Schönes ausdrückt, Bedeutung hat und auch so vom Publikum verstanden werden kann. Also keine Barrieren durch unnötige Komplexität der Arrangements!“

Klaus Gohlke

Kritik zu “Gropper/Graupe/Lillinger”

In fremden Zungen
Das Trio Gropper-Graupe-Lillinger konfrontiert sein Publikum mit ungewöhnlicher Jazzmusik

Ernst sei das Leben und heiter die Kunst? Nein! Das, was die Berliner Jazz-Avantgardisten Philipp Gropper, Ronny Graupe und Christian Lillinger am Freitagabend im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses zu Gehör brachten – es war kein Garten Elysium, in dem die himmlischen Rosen wachsen.
Wer da kam, um mal eben ein nettes Jazzkonzert zu hören, der sah sich bös überrascht. Denn was es da auf die Ohren gab, das war befremdlich, das klang oft wie musikalische Fremdsprache.
Kein verspieltes Intro, das in ein Thema mit erkennbaren Harmonien überwechselte. Keine Melodien, die man jazzig nennt, weil da die eine oder andere Dissonanz auftaucht. Und auch nicht die abwechselnde Solo-Virtuosität, und was es da so mehr an wohlstrukturiertem Jazz gibt.
Was aber dann? Chaos, was manche dann Free Jazz nennen? Auch nicht. Na klar, es sträubt sich das Nackenhaar, wenn der Gitarrist Ronny Graupe einen schwer einzuordnenden Akkord schier endlos monoton anschlägt, während seine Kollegen komplexe Rhythmen fabrizieren und Skalen hoch- und runter spielen. Was soll das? Ganz einfach: Struktur einziehen. Denn die Band hat keinen Bass. Es bedarf aber musikalischer Leitplanken. An anderer Stelle übernimmt Saxophonist Philipp Gropper diese Absicherungsarbeit mit sich wiederholenden großen Intervallsprüngen. Christian Lillinger weigert sich, die alte Drummer-Rolle des Timekeepers einzunehmen. Worum es geht, ist vielmehr, dass musikalische Impulse kreiert werden, auf die man reagiert. Diese Impulse sind oftmals minimalistisch. Einzelne Töne nur, die elektronisch manipuliert werden. Kein echtes Thema, mehr ein Denkanstoß in Form eines Sounds, eines Geräusches, mit dem sich jeder dann auseinander setzt. Erweitert, verändert, unterläuft, zerstört wird die musikalische Idee. Das ist ein intensives Zuhören und Reagieren aufeinander. Takte werden gezählt, intensiver Blickkontakt gehalten. Die Klänge schwellen an bis zur Schmerzgrenze, ebben ab. Rhythmen überlagern sich bis zur Unkenntlichkeit. „Morphen“, nennt Lillinger diese Methode, ein Klanggebilde fließend so verändern, dass ein neues daraus entsteht. Eine sich nicht zur Schau stellende Virtuosität wird dabei erkennbar.
90 Minuten arbeiten die Musiker in einem Stück, nur einmal kurz unterbrochen, um außermusikalischen Kontakt zum Publikum aufzunehmen. Harte Arbeit für die Musiker, aber auch für die Zuhörer, die dahinter kommen wollen, was da abgeht. Freilich: jene, die Stimmungen, feine Nuancierungen suchten, hatten es schwer. Die anderen feierten die modernen Kreationen.

Klaus Gohlke

Ankündigung zu “Nicole Johänntgen – Lavendel”

Jazz wird weiblicher
Die Saxofonistin Nicole Johänntgen arbeitet mit ihrem Projekt SOFIA zumindest daran.

Sie kommt offensichtlich gern nach Braunschweig, die Jazzsaxofonistin Nicole Johänntgen. Das vierte Mal wird es sein. Diesmal mit ihrem Trio „Lavendel“ in einer verblüffenden Besetzung mit Izabella Effenberg am Vibrafon und Jörgen Welander an der Tuba. Aber es ist nicht nur das, was Johänntgen interessant macht. Es gibt da noch ein anderes Thema, das sie beackert. Wichtig gerade jetzt, wo kein Tag vergeht, an dem nicht auf ein offenbar in schwerer Schieflage befindliches Verhältnis von Männern und Frauen aufmerksam gemacht wird. Vor allem die hehre Kunstwelt erweist sich als Zentrum sexueller Übergriffigkeit.

Aber es geht doch dabei, machen wir uns nichts vor, „nur“ um eine besonders üble Variante dessen, was James Brown treffend und elend zugleich besingt: „It’s a man’s, man’s, man’s world“. Eine Männerwelt. Ach, und ohne die Frauen lebten die armen Herren in „wilderness and bitterness“, in der Wüstenei und Bitternis. Wie toll für die Frauen!

Auch die Jazzwelt, das gelobte Land der musikalischen Freiheiten, ist da nicht anders strukturiert. Nicole Johänntgen kennt diese Welt. Befragt, ob der Jazz männerdominiert sei, antwortet sie: „Ich höre im Moment zwar viel von jungen, aufstrebenden Jazzmusikerinnen, aber es sind immer noch sehr viel mehr männliche Kollegen in der Jazzszene.“

Ein kurzer Blick auf die Braunschweiger Jazzszene, wie sich beispielhaft anhand größerer Konzerte der letzten fünf Jahre in der Stadt verfolgen lässt, illustriert das. Es fanden 45 Konzerte statt. 39 davon wurden von Männern geleitet. Es traten dabei 130 Männer auf und 13 Frauen. Die regelmäßig in Braunschweig gastierende NDR-Bigband präsentiert auf ihrem Promotion-Foto ganze null Frauen.

Johänntgen stellt aber auch fest: „An den Musikschulen, an denen ich unterrichte, habe ich vorwiegend Schülerinnen und nur wenige Schüler. Ich bin gespannt, wie es sich in den nächsten 20 Jahren entwickelt!“ Nur, leben kann man von der Jazzmusik nicht so ohne weiteres. Was nun, wenn es um Familiengründungen geht? Johänntgen sieht die Sache realistisch. „Da es nicht viele Jazzmusikerinnen gibt, gibt es auch wenige Vorbilder, die Jazz und Familie vereinen. Ich denke, dass Frauen im Jazz sich die Frage stellen, ob Jazz vereinbar ist mit Familienplanung.“

Was also tun, um größere Geschlechtergerechtigkeit in der Jazzwelt zu erreichen? Lamentieren hilft nicht, wohl aber anpacken. Und so gründete Johänntgen SOFIA. Und sie führt aus: „Das ist die Abkürzung für „Support Of Female Improvising Artists“. Also Unterstützung weiblicher Improvisationskünstler. Alle zwei Jahre findet die SOFIA-Konferenz in Zürich statt, die jungen Jazzmusikerinnen die Möglichkeit gibt, sich im Musikbusiness weiterzubilden und mit anderen Musikerinnen zu jammen und Konzerte zu geben. Ich habe SOFIA gegründet, weil ich selbst einst starke Unterstützung fand. Ich habe erst nach dem Studium gelernt, wie ich Konzerte buche, Promotion mache, mich vernetze mit Musikerinnen in aller Welt. Das möchte ich nun weitergeben in der SOFIA-Konferenz. Dort herrscht ein entspanntes Klima untereinander. Ich konnte schon sehen, wie die Teilnehmerinnen nach den Workshops das Erlernte direkt umsetzten. Das freut mich sehr. Und das neue Programm steht schon!“. Derzeit tourt Nicole Johänntgen mit der polnischen Vibrafonistin Izabella Effenberg, die mit ihrem Baby und ihrem Partner in Braunschweig mit dabei sein werden. Jazz family on tour. Geht doch!

Das Trio „Lavendel“ gastiert am 16. Februar 2018 ab 20 Uhr im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses.
 

Kritik zu “Nicole Johänntgen – Lavendel”

Nicole Johänntgens Trio „Lavendel“ begeistert mit unverstaubtem Blick in die Jazzgeschichte

Man fängt ein Jazzkonzert nicht einfach so irgendwie an. Das hängt zum einen von grundlegenden Dingen ab wie der persönlichen Befindlichkeit, aber auch von der Frage, wie man dem Publikum entgegentreten will. Es umgarnend gewinnen, es im Sturm erobern oder es in Verwirrung bringen? Man kann aber auch gleich mit dem Einstieg eine programmatische Visitenkarte vorlegen, was einem oftmals erst im Nachhinein so richtig klar wird.
Nicole Johänntgens Trio-Konzert am Freitagabend im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses startete verwunderlich, auf moderne Weise traditionsbewusst und aufs intensive Zusammenspiel ausgerichtet.
Verwunderlich, weil die polnische Vibraphonistin Izabella Effenberg auf einem Instrument spielte, das zwar angekündigt war, aber wohl kaum mit einer Vorstellung verbunden werden konnte. Array Mbira, ein junges Kind aus der Familie der Lamellophone. Man kann auch etwas salopp sagen: Ein Riesen-Daumen-Klavier beträchtlichen Tonumfangs (fünf Oktaven) und eines ganz eigenen Klanges. In den tieferen Lagen harfig, in den höheren bis ins Scharfe hinein glockig.
Ein beruhigender fast repetitiver Klangteppich wurde gewoben, auf dem sich Nicole Johänntgen mit ihrem Altsaxophon und Jörgen Welander an der Tuba zunächst eher unverbunden, spontaneistisch tummelten. Alsbald aber deuteten sich intensivere Dialoge an. Das Mbira wurde durchs Xylophon ersetzt. Man scherzte mit Zitaten, nicht nur marschmusikalischer Art (Einzug der Gladiatoren) und schuf einen sehr transparenten Gesamtsound mit hohem Melodiepotential. „Eine knackig-schlanke, auf den Kern reduzierte Besetzung!“, wie die Chefin knapp umriss.
Die Instrumentierung war natürlich auch Programm. Die Tuba, ein Gerät, das ja eher als Kuriosum betrachtet wird (um es klar zu sagen: die Tuba furzt wesentlich besser als die Posaune!), und das Spiel mit ihr als zirzensisch-sportliche Betätigung. Wer denkt da nicht an tapsig sich bewegende nur für das rhythmisch-harmonische Fundament zuständige Puster? Und es fiel ja auch das Wort vom „Tanzbären“. Historisch bewegt man sich sogleich in der Basin Street, tanzt in der Second Line beim Funeral March oder beim musikalischen Shootout im Storyville. Frühes Multikulti.

Das Vibraphone hingegen spaltet oft. Die Zuhörerschaft, aber auch die BearbeiterInnen. Man mag oder geringschätzt es. Man kann es wie Hampton als Schlagwerker behandeln oder aber eher als Sänger wie Milt Jackson. Man nennt es oft kalt-metallisch und beschränkt. Und historisch gesehen, befindet man sich nicht mehr auf der Straße, recht eigentlich eher in der Phase des Modern Jazz.
Nur, um es gleich klar zustellen: Jörgen Welander spielte zwar mitunter die Rolle des Tanzbär-Tubisten, jedoch eher als ironisches Zitat. Und natürlich lieferte er die Bass-Basics, kompliziert genug, wenngleich durch Izabella Effenberg am Vibraphon darin unterstützt oder auch abgelöst. Aber ansonsten ließ er die Tuba tanzen, mitunter fast mit Waldhornschmelz. Höchst melodiös, rhythmisch variabel und erstaunlich flink, so dass sich die Frage stellte, ob der Saitenbass wirklich schneller gespielt werden kann als der geblasene. Da wurde New Orleans modern überholt.
Izabella Effenberg bearbeitete das Vibraphon mit aller Finesse, sodass, wenn es nicht rhythmisch zu dienen hatte, eine feine rhapsodische Melodik aufschien. Intonation und Phrasierung profitierten von ihrer exzellenten Spieltechnik. Ja, es hatte oft den Anschein in den solistischen Passagen, als flösse alles zusammen.
Dazwischen nun Nicole Johänntgen mit ihrem gekonnten Saxofonspiel, quasi als Lotsin zwischen den Polen Reminiszenz an den New Orleans Jazz, weltmusikalische Ausflüge und europäisch geprägte Balladenkultur. So bewegte man sich zwischen Late-night-bar-Music („Oh yes, my friend“) und nahezu erotischem Tongeflirte mit Wilanders Tubaspiel und „Kicks from New Orleans“, die witzigerweise genauso gut „Kicks from an South-African Marketplace“ hätten heißen können. Und landete schließlich bei der Ellington-Anspielung in „Take the Steam-Train“, die auch auf eine „Reveille with Beverly“ – Filmszene referiert, im Berner Oberland. Es wurde Jazz gespielt, der seine historischen Wurzeln, insbesondere auch seine Tanzbarkeit, auf eine spielerisch-lockere Weise von der Gegenwart aus anpackte, also jede Patina oder Staubigkeit vermied. Große Begeisterung im Auditorium, völlig zu Recht.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Zoran Terzić: Movie Music”

Jazz mit Spaßfaktor
„Movie Music“ lockt mit frei interpretierter Filmmusik auch Skeptiker aus der Reserve

Da kann etwas nicht stimmen. Moderner Jazz und Spaß auf allen Seiten? Das ist verdächtig. Musik und Humor ist ja eh schon ein Problem! Schlag nach bei Brendel. Dass Musiker sich beim Jazzen freuen, nun ja, das mag an der Gage liegen oder an stimulierenden Drinks vorher und währenddessen. Kann auch Rollenspiel sein. Aber – dass das Publikum gleichermaßen Freude empfindet, das ist dann doch eigenartig oder?

Infizierte die Freude der Musiker? Jan Leipnitz behandelte sein Drumset mit einem seligen Lächeln, als habe er es seit Wochen nicht mehr spielen dürfen. Johannes Fink zupfte und strich sein extra tiefer gelegtes 5-Saiten-Cello mit staunendem Schmunzeln, als würde ihm von höherer Stelle die Hand geführt. Und Rudi Mahall, das heftige Gebläse an den Klarinetten, schien Mal um Mal amüsiert über das Klanggebräu. Nur Pianist Zoran Terzic zeigte Ernst und Würde bei der Arbeit, aber er war ja auch der Leiter der Kapelle.
Das mag ein Publikum wohl positiv affizieren, aber auf Dauer trägt so etwas nicht. Da muss schon etwas der Musik Innewohnendes hinzu kommen. Nun, vielleicht war es ja auch gar kein Jazz, der gespielt wurde, und deswegen erheiternd, erfreuend, mitreißend?

Sagen wir so: Das war eine Art Jazz-Hybridmusik. Nicht in dem Sinne, dass da verschiedene Stilrichtungen in John Zornscher Manier brutal zusammengeschnitten wurden. Auch kein prinzpienarm zusammengefügtes Tomaterial. Die Stücke hatten vielmehr etwas Kaleidoskopartiges. Jede Sequenz innerhalb der Kompositionen ließ, nachdem sie ausgespielt war, das Klanggebilde in neuem Licht erscheinen. Und so hatte man den Eindruck, mal einer Kaffeehausmusik zuzuhören, mal einem Gypsy-Swing. Mal Tanzmusik, dann Ballade, Blues, auch zügelloses Uptempo oder Brachial-Punkiges. Das ganze Konzert schien immer wieder zu verweisen auf musikalische Traditionen, jazzig oder auch nicht. Nicht als Zitat, nur als Anspielung. Vielleicht ein Irving Berlin’scher Unterton mit melancholischer Grundierung, die mitunter hätte feiner vernommen werden können, wenn die Klarinette nicht mit so viel Druck gespielt worden wäre.

Filmmusik-Bearbeitungen im engeren Sinne waren das eher nicht. Eher Widerspiegelungen eines inneren Films des Komponisten, entstanden aus Filmerlebnissen und eigener Befindlichkeit in ganz persönlichen sozialen Bezügen. Natürlich konnte man filmmusikalische Form-und Funktionselemente wiederfinden. Wenn man konnte bzw. wollte auch direkte Anspielungen auf Filme feststellen, aber darum ging es Terzic in seinen Kompositionen wohl weniger. Eher darum, beim Zuhörer den eigenen inneren Film, einen Assoziationsstrom zu stimulieren. Und das geht gut, wenn man eingängige Melodien, nachvollziehbare harmonische Abläufe und musikalischen Witz niveauvoll zusammenführt.
Das war wohl der Grund der allseits konstatierbaren Freude am Konzert der Band „Movie Music“.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Uli Beckerhoff Quartett plus special guest: Otto Wolters”

Alte Hasen und junge Wilde
Das Uli Beckerhoff-Quartett und der Braunschweiger Jazz-Pianist Otto Wolters
als „Special Guest“ begeistern ihre Fans

Der Uli beschenkt den Otto und der Otto den Uli. Beide beschenken das Publikum und das beschenkt wiederum die beiden. Gelungene Weihnachten unter Jazzern, wobei der Uli das Ulrich Beckerhoff Quartett meint. Und der Otto ist der Braunschweiger Jazzpianist, den man gerne „Urgestein“ nennt, dabei ist er alles andere als Gestein, und ob er „Ur“ ist, soll beantworten, wer meint, es zu können. Ja, und das Publikum, das waren alle im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses am Freitagabend, die dem Modern- Jazz-Konzert des Quartetts, für zwei Songs um Special Guest Otto Wolters erweitert, mit Sympathie und Vergnügen lauschten.

Ausverkauft- warum eigentlich? Nun, Otto Wolters hat viele Freunde in der Region, die wissen, dass er seiner Berufung, dem Jazz, immer noch mit Anspruch nachgeht. Und auch der Trompeten-Professor Uli Beckerhoff hat viele Anhänger hier. Einmal seiner Musik, seines ausgezeichneten Trompetenklangs wegen, aber auch, weil er mit Otto Wolters durch etliche gemeinsame Konzerte hier in Braunschweig schon als eine Art mystische Jazz-Einheit gilt.
Buddies, die für Jazz auf höchstem Niveau stehen. Eine innige Melange also aus persönlichem und allgemeinem Interesse auf allen Seiten.

Dabei war die Musik nicht unbedingt von einschmeichelnder Qualität. Sie war vielmehr bewusst anspruchsvoll, von gewissermaßen quer liegendem Charme. Durchaus Wohlklingendes wurde jäh mittels furioser Trompetenstöße oder -läufe in dissonantes Gestrüpp verwandelt. Unvermittelt wurden durch krassen Rhythmuswechsel lang durchgehaltene ostinate Bass-Passagen aufgebrochen ( „Capo d’Orlando“) und später wieder fortgeführt. „Heroes“ ließ merkwürdigerweise Erinnerungen an Miles Davis‘ frühe Elektrik-Phase, den Druck der Rhythmus-Gruppe vor allem, aufkommen. Soundlandschaften ließen sich erahnen, die nach schöner Entfaltung zerstört wurden. In „Tango Tragico“ zeigte diese musikalische Konzeption – man könnte sie „Änderung der Fahrtrichtung durch absichtliche Entgleisung“ nennen – recht humorvolle Züge. Ironischer Umgang mit dem typischen Tango-Rhythmus, melodische Verschleifungen, Stimmungswechsel zwischen überbordender Dramatik und Understatement ließen das Bild eines nicht ganz elegant ablaufenden Tanzabends aufkommen.

Das Quartett sorgte aber auch schon deshalb für Interesse, weil sich Beckerhoff als 70jähriger „alter Hase“ mit drei ‘“jungen Wilden“ umgab, nämlich Richard Brenner (Piano), Moritz Götzen (Bass) und Niklas Walter (Schlagzeug). Der Meister ließ ihnen völlig uneitel viel Raum, ihre musikalische Kompetenz zu entfalten. Und die war angenehm fern irgendwelcher Sturm- und-Drang-Kraftmeierei.

Aber – Anspruch und Konzept hin oder her: manchmal hätte man einfach Lust gehabt, sich musikalisch fallen zu lassen, sich mal richtig einem Groove hinzugeben. Aber vielleicht war das ja nur ein schwächelndes Begehren, das sich angesichts des unabwendbaren Weihnachtsgedudels draußen einstellte. Lang anhaltender Beifall.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “Arild Andersen Trio”

Die stille Show
Jazzkonzerte bieten dem Auge des geneigten Hörers besondere Erlebnisse

Musik ist zuallererst ein physikalisches Ereignis. Es geht um Schwingungen der Luftsäule, um physikalisch-akustische Gesetzmäßigkeiten. So weit, so einfach. Was diese Schwingungen dann hervorrufen, kann man knochentrocken und sehr zutreffend mit dem Musikhistoriker Alex Ross „eigenartige Empfindungen“ nennen. Jeder Konzertbesuch illustriert das. Gleichzeitig aber wird auch das Auge bei Konzerten angesprochen. Es soll hier nicht um die Shows populärer Musik gehen, etwa die Akrobatik-Einlagen von Helene Fischer oder die Multimedia-Shows eines Udo Lindenberg. Es geht hier nicht um zielgerichtete Handlungen, vielmehr um etwas Beiläufiges und Stilles: um Mimik und Gesten vor allem. Etwas, das besonders bei Jazzkonzerten eine zusätzliche Ebene der Beobachtung, eine zusätzliche Intimität bietet, die es anderswo in der Musik in dieser unmittelbaren Form nicht gibt.

Was erlebte man nun beim Konzert des Arild-Andersen-Trios am Samstagabend im Braunschweiger LOT-Theater so ganz beiläufig? Um es ganz klar zu sagen: nichts Sensationelles. Etwas, was sich in jedem Jazzkonzert ereignet, allerdings kaum Beachtung findet, obwohl es doch individuell immer wieder anders ausgeprägt ist.
Also: Andersen spricht seine Musik, zumindest bewegen sich seine Lippen während des Spielens permanent. Es könnte auch ein inneres Singen sein. Jedenfalls eher still. Nicht wie bei Keith Jarrett dieses hochtönige Untermalen.
Der schottische Saxofonist Tommy Smith fällt auf andere Weise auf. Nicht beim Musizieren, wohl aber beim Zuhören. Er geht in die Hocke, fixiert seinen Bandleader aufmerksam und zeigt sich bei einigen Bassläufen höchst interessiert. Gleichzeitig verfolgt seine rechte Hand oft den rhythmischen Verlauf des Spiels seiner Kollegen. Er kann nicht loslassen, wenn man so will. Thomas Strønen, der Schlagzeuger, wird auf seltsame Weise von der Rhythmusarbeit angepackt. Je nach dynamischem Einsatz streckt sich der ganze Körper nach oben, dreht sich nach links bzw. rechts, begleitet mitunter von einem milden Lächeln. Nach Phasen höchster Konzentration, im Spannungsabfall, wirkt er wie im Trance-Zustand mit glasig-verschleiertem Blick.
Interessant sind die Momente, und derer gibt es an diesem Abend recht viele, in denen die Musiker lächeln: einzeln, zu zweit oder auch kollektiv. Was mag das Belustigende, Erfreuliche sein? Man kann oft nur rätseln. Eine unerwartete Variante im Spiel? Ein kleiner Fehler, nur dem Insider bemerkbar? Ein besonderer musikalischer Coup? Oder ziehen die Burschen nur die Shownummer „cooler Jazzer“ ab? Mitunter aber ist der Grund erkennbar. Wenn Andersen etwa mitten im Stück den Rhythmus über drei, vier Takte jäh verändert. Einfach so ein kleiner musikalischer Scherz. Variatio delectat. Das lässt schon mal grinsen.
Dass das Spiel an die psycho-physische Substanz geht, ist nicht zu verbergen. Es muss nicht unbedingt so ein speediger Fetzer sein wie „Outhouse“, der nach Luft schnappen lässt. Auch langsame Balladen, Uni-Sono- und Soloparts fordern Etliches ab, was zu einem Aufrichten, Lockern, Zurücktreten zwingt. Vor allem zu einem ständigen Blickkontakt während des Spiels. Man nennt das „das Interplay“, das Zusammenwirken der Musiker, hier auf der visuellen Ebene. Man mag noch so lange miteinander gespielt und Automatismen eingeschliffen haben. Der Zeitpunkt der Changes, die Dauer der Soli, die emotionale Verfassung der Einzelnen kann nur über den Blick erfasst werden. Interplay als Spiel der Blicke zwischen den Protagonisten.

Die drei Herren sind allesamt gestandene Musiker, aber – und das sollte das Publikum in seinem Selbstwertgefühl doch erheblich stärken – wenn es den Zwischenbeifall für gelungene Solo-Arbeit gibt, dann freuen sie sich aufrichtig. Tommy schottisch knapp, Thomas noch etwas erschöpft, am gelöstesten aber Arild, trotz seiner fast 50jährigen Karriere. Und diese Freude über ein gelungenes Konzert und die Ovationen des Publikums erscheint wieder völlig ungekünstelt am Konzertende und wird mit Zugaben belohnt.
Und was sieht der Musiker, wenn er ins Publikum blickt? Das sei ein anderes Thema.

(Ein Beitrag zu Peter Rüedis „Ästhetik des Beiläufigen“)

Klaus Gohlke

Kritik zu “Philipp Brämswig Trio”

Entspannte Raffinesse
Das Trio des Kölner Gitarristen Philipp-Brämswig beeindruckt mit zeitgenössischem Jazz

„Ich bin Fingerstyler und keineswegs jazz-affin, aber das war gut! Danke für den tollen Abend!“ Kritische Distanz, Respekt, Begeisterungsfähigkeit und Offenheit für Unbekanntes spricht aus diesem Kommentar eines Gitarrenpraktikers. Der nahezu ideale Konzertbesucher, fern von Fan-Gehabe.

Und was er hörte, das war ein Konzert des Kölner Gitarristen Philipp Brämswig, der mit seinem Trio am Freitagabend im Braunschweiger Lindenhof auftrat. Gespielt wurde Jazzmusik mit rockigem Einschlag. Ungebunden, was die Stilistik betraf. Vom Kontext her eher us-amerikanisch geprägt. Das betrifft zum einen Brämswigs Gitarrenvorbilder, vor allem Wayne Krantz, John Scofield, Pat Metheny. Aber auch die Präsentation des Trios, bei der der Gitarrist deutlich im Zentrum des Geschehens steht.

Vor allem Fabian Arends am Schlagzeug, aber auch Florian Rynkowski am E-Bass übernahmen eher die grundierenden Aufgaben, was nicht gering zu schätzen ist. Das Zusammenspiel zu strukturieren, Akzente zu setzen, auch Widerpart zu sein, bedarf tiefen Verständnisses der kompositorischen Absichten und geistesgegenwärtiges Reagieren im Miteinander. Arends und Rynkowski waren da die denkbare beste Wahl.

Denn Brämswig forderte sie gehörig mit seinem variantenreichen Saitenspiel. Mal im freieren Duktus zwischen mäandernden spacig-disparaten Klängen und rasanten rockigen Ausbrüchen („Anger Management“). Dann wieder eher durchkomponiertes, an einen Altmeister der Jazzgitarre wie Jim Hall erinnerndes Fingerpicking, das plötzlich in ein dichtes fusionartiges Geflecht überführt wurde („Prisma“). Die Übergänge zwischen rasantem Einzelsaitenspiel und differenzierter Akkordarbeit sind elegant, Griff- und Anschlagstechnik virtuos. Alles ist frei von Effekthascherei. Das gilt im Übrigen auch für den Einsatz elektronischer Mittel, der völlig funktional erfolgt und auch bei affekt-geladenen Ausbrüchen nicht ins Lärmende abdriftet.

Es ist verblüffend, mit welcher Raffinesse, Sicherheit und Entspanntheit die drei der jungen Kölner Jazzszene zuzuordnenden Musiker miteinander kommunizieren. Kein Wunder, dass das Trio unlängst den zweiten Preis im Finale des Neuen Deutschen Jazzpreises gewonnen hat. Und eben auch kein Wunder ob des lang anhaltendenden Beifalls eines sehr sachkundigen Publikums.

Klaus Gohlke

Kritik zu “NDR Bigband feat. Omar Sosa und Ernesto Simpson”

Herrliches afrikanisch-karibisches Gebräu
Die NDR-Bigband spielte unwiderstehlich im Braunschweiger LOT-Theater

Jazzkonzert im LOT Braunschweig genau zur Wochenmitte und dann ausverkauft? Schwer vorstellbar, aber Tatsache. Doch recht eigentlich überhaupt kein Wunder. Denn der musikalische Lockstoff war die NDR-Bigband unter der Leitung des Norwegers Geir Lysne. An sich schon ein Zugpferd. Aber insofern sie mit drei Special Guests ein respektables kubanisches Upgrade bot, stieg die Anziehungskraft um ein Vielfaches. Omar Sosa am Piano und Keyboard, Ernesto Simpson an den Drums und der Bassist Omar Rodriguez Calvo spielten die Lockvögel.

Nun ist Omar Sosa schon als Erscheinung wundersam eindrucksvoll. Groß, schlaksig, in weiße mit ornamentaler Bestickung verzierte Tücher gehüllt. Weiß behütet, schrille Brille, Fußbänder, eine extrovertierter Showman. Oft die Beine weit gespreizt: ein Fuß auf dem Klavierpedal, der andere auf dem Volumenregler des Keyboards. Die Rhythmen mitsprechend, Soli mimisch-gestisch lebhaft begleitend: ein echter Hingucker.

Was er aber mitsamt der Band an musikalischer Substanz ablieferte, ließ das Optische nahezu vergessen. Man müsste schon ein hochqualifizierter Genre-Spezialist sein, um genau sagen zu können, was da jeweils in welchem Moment afrikanisch, kubanisch, brasilianisch, was Cha-Cha-Cha, Merengue, Mambo oder Samba war. Aber nicht nur das: auch europäische Klassik, Folkrückgriffe und Modern Jazz-Elemente wurden mühelos integriert und zu einem mal wilden, mal melancholisch balladesken Gebräu zusammengeführt.

Mitunter regelrecht aufschreckend, wenn die Posaunengruppe rhythmisch auf einem völlig anderen Gleis zu fahren schien! Oder aber die Trompeter plötzlich so dissonant spielten, dass man aufs erste Hören auf vertauschte Notenblätter schloss.

Wunderbar die Idee, nach der Pause zunächst Sosa und Simpson mit „Muovente“ stimmungsvoll allein auftreten zu lassen. Um dann – ergänzt um Calvo und den Perkussionisten Marcio Doctor – nahezu herzschmelzend „Alma“ zu zelebrieren, das die bei uns als „Guantanamera“ bekannte Melodie entfaltete. Zunächst sanft, dann verfremdeter mit sehr gewagten Übergängen bei den Akkordverbindungen.

Schön war, dass Sosa seinerseits den Solisten der Bigband Raum für ihre musikalischen Ideen ließ und so nie das Gefühl eines künstlerischen Gefälles entstehen ließ. Allerdings: Dafür sind die (ausschließlich) Männer aber auch zu gut!

Schließlich: Dass das Konzert so mitreißend war, lag nicht zuletzt an den wunderbaren Arrangements, die der brasilianische Cellist Jaques Morelenbaum für die Sosa-Kompositionen ersann.

Zum Schluss, völlig klar, stehende Ovationen!

Klaus Gohlke

Kritik zu “Jakob Bro Trio”

Nahezu unverschämt wohlklingende Musik
Das Jakob Bro Trio beeindruckt mit Horizont erweiterndem, zeitgenössischen Jazz

„Was für ein außergewöhnliches Konzert!“, äußerte sich eine Besucherin höchst zufrieden. Was den allgemeinen Eindruck treffend wiedergab. Allerdings fiel auch die eher entrüstete Aussage, dass das doch wohl kein Jazz gewesen sei.
Als wüsste irgendjemand zu sagen, was Jazz ist! Man kann höchstens in Anlehnung an Ludwig Wittgenstein sagen: „Jazz ist alles, was der Fall ist!“ Aber, nichts für ungut. Es lohnt
schon, gerade für den Skeptiker, darüber nachzusinnen, was denn das Außergewöhnliche des gut besuchten Konzerts des Jakob Bro Trios am Sonntagabend im Braunschweiger LOT-Theater gewesen sein könnte.
Mit „Gefion“ eröffnet Bro das Konzert. Gefion, die Asenjungfrau, Beschützerin der Jungfrauen, rein wie der Morgentau. So auch das Gitarrenintro: ein durchgehender Schwebeton im Hintergrund. Darauf Tontupfer, Flageoletts, später perlende Tonfolgen in den höheren Lagen. Hier und da etwas Beckenblech, ein Trommelschlag.
Dann klinkt sich der Bass ein. Grundtöne betonend, erst später sich lösend, um die Tonfolge, die sich verdichtet, zu umspielen, zu grundieren, zu akzentuieren.
Das alles in größter Ruhe ausgebreitet, nur minimal variiert, Geduld einfordernd. Welch ein Wohlklang, den Bro erst spät und ganz sparsam zu brechen beginnt. Auch die folgende Komposition „Copenhagen“ verharrt im Gestus ruhigen Dahinfließens. Die Musik taucht wie aus einer Tiefe heraus auf, wird immer erkennbarer und versinkt wieder. Man hat Zeit, sich Bilder zur Musik vorzustellen.

Natürlich gibt es auch mal eine Uptempo-Nummer mit rasantem Bass-Intro, angezerrten Gitarrenriffs und Solopassagen, sowie explosive Schlagzeugausbrüche. Das sind notwendige Ingredienzien, um die melodisch gesinnte, harmonisch fundierte und beharrliche von langbogigen Steigerungsdramaturgien geprägte strenge Variationsästhetik umso deutlicher hervor heben zu können. Meisterlich dargeboten mit „Heroines“.

Und damit sind wir schon bei der Antwort auf die Frage nach dem Besonderen dieses Konzertes. Melodische und rhythmische Muster werden von Bro, ohne den klanglichen Grundeindruck, den Sound insgesamt zu durchbrechen, immer wieder minimal verändert. Und dafür bedient er sich notwendigerweise der Tonschichtungen mittels der Looptechnik und der extensiven Delays. Das ist kein modischer Schnickschnack. Um der Gefahr eines gewissen Schematismus zu entgehen, werden Thomas Morgan am Kontrabass und Joey Baron am Schlagzeug zu eigenwilligen handlungstragenden, gestaltenden Subjekten.
Baron schien lange Zeit demonstrieren zu wollen, dass die Bezeichnung Schlag-Zeuger absurd ist. Er schlug nicht. Er streichelte Becken und Felle, arbeitete mit Besen, Fellschlägeln, Light Rods; erst im vierten Stück des ersten Sets verwendete er die üblichen Sticks. Es gab nicht das durchlaufende Hi-Hat-Spiel, nicht den Bassdrum-Dauerpuls. Er akzentuierte transparent und mitunter koboldhaft dazwischenfahrend.
Und Thomas Morgans Bassspiel war von einer ganz erstaunlichen Varianz. Auf nahezu unverschämte Weise vermochte er dem Schönklang noch mehr Tiefe zu verleihen, um dann aber immer wieder ganz eigenwillig zu interpunktieren. Wie er in diesen Soundlandschaften unverdrossen Strukturen einzog und den Kontext nicht aus den Augen verlor, war stupend.

War das nun dänisch-nordischer oder europäischer Jazz? Mitnichten oder Jein, wie man will. Die scheinbare Folksongbasierung und die Melodieverliebtheit einiger Kompositionen – hat sie nicht ihre Vorläufer z.B. in Pat Methenys Album „80/81“ oder beim Album „Folksongs“ des Charlie Haden Trios? Kann man in „Gefion“ nicht Country & Western-Klänge heraushören, was einen feinen Humor erkennen ließe?

Bro ist Kind dieser Zeit. Er kennt die Traditionen und weiß um zukünftige Entwicklungen im Bereich der Electronica. Wobei allerdings der Einstieg ins tonal nicht recht zu verortende „Sisimuit“ eher verwirrte. Was zunächst nach einer Störung des Effektgerätes sich anhörte, geriet dann doch von einem zunächst auf disparaten Wegen verlaufenden, aber dann zu einem von vielschichtigen Überlagerungen gekennzeichneten komplexen Stück.

Das Trio spielte eine Variante zeitgenössischer Jazzmusik. Wie und was auch immer: Improvisation, das Offene, das Unerwartbare macht den Reiz des Jazz aus. Und fordert vom Zuhörer das Gleiche. Große Begeisterung zum Schluss des Konzertes.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Duncan Eagles „Partikel“ Quartett”

Völlig angstfreier Jazz
Duncan Eagles „Partikel“ beeindrucken mit zeitgenössischer britischer Musik

England? Nun, was fällt Ihnen dazu spontan ein? Genau: Brexit, Terror, Finanzplatz. Na klar, auch Fußball! Also Klopp, Özil, Mourinho, Guardiola. Ziemlich englisch, was? Aber „Swinging London“, also Aufbruch, Jugendkultur, weltweiter Impulsgeber, das doch wohl kaum?

Duncan Eagles, Londoner Jazzmusiker, der Freitagabend auf Einladung der Braunschweiger Jazzinitiative im Lindenhof konzertierte, gibt sich diplomatisch zurückhaltend auf entsprechende Nachfrage. „Doch, ich denke schon, dass England immer noch swingt. Jedenfalls, was den Jazz betrifft. Nur, ein klein wenig anders!“

Und sie ließen es swingen, aber in einem sehr, sehr übertragenen, mit traditioneller Swingmusik nicht zu verwechselnden Sinn. Es war Gegenwartsjazz, der Angst vor gar nichts hat. Genre-Rück- und Übergriffe durchziehen die Kompositionen. Stilelemente des Blues, des Prog-Rocks werden ebenso verwendet, wie man Anspielungen auf klassische Musik angedeutet findet. Man bewegt sich mal in der Second-Line einer New-Orleans-Marching Band, dann wieder – unterstützt von Laptop-generierten impressionistischen Radiogeräuschen – im quirligen Gewusel einer chinesischen Großstadt. Mal Modern-Jazz, mal Electronica-Einsätze, die durch Hall-, Echo-, Harmonizer- und Sampling-Einsatz nahezu orchestrale Atmosphäre entstehen ließen.

Man könnte das nun als prinzipienloses Musizieren bewerten, aber das griffe zu kurz. Freilich: Der Jazzliebhaber, für den die Abfolge Thema – Improvisation – Thema mit erkennbarem Rückbezug auf harmonisch-melodische Strukturen das Maß aller Dinge ist, kann sich mit dieser Musik kaum anfreunden. Die Kompositionen aber haben es in sich. Der permanente Wechsel zwischen Gruppenzusammenspiel, Monologen und Dialogen, der mal soundorientiert ist, dann wieder völlig transparente Klänge herstellt, ist spannend.

Die Stücke haben absolut nachvollziehbare Strukturen. Oftmals werden Harmonien reduziert. Duncan Eagles am Tenorsaxofon konzentriert sich dabei auf zwei, drei Töne nur. Immer wieder leicht verändert, um dann im weiteren Verlauf diese komplex ins Offene auszuweiten. Seine Loop-Ausflüge waren allerdings nicht unbedingt vertiefend. Eric Ford, das Schlagzeug-Power-Pack, vermochte diese Spannungen präzise zu akzentuieren, Zurückhaltung war nicht unbedingt sein Ding. Wunderbar kontrastiv Max Luthert am Bass: Beinahe traditionell oft seine haltgebenden ostinaten Figuren und einfühlsamen Tiefton-Exkurse. Und David Preston an der Gitarre – er brauchte eine Weile des Sich-Aufwärmens und hätte mitunter schneller auf den Punkt kommen sollen – schuf hintergründige Klanglandschaften oder provozierte Eagles mit seinen Soli.

Das hatte alles Hand und Fuß und war sehr spannend. Folglich: man kann zu England nach diesem Konzert durchaus sehr Angenehmes assoziieren: spannende, scheuklappenfreie Jazzmusik. Deshalb zu Recht viel Beifall.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Stephan-Max Wirth „Experience“ Quartett”

Jazz mit politischen Hintergedanken

Stephan-Max Wirths „Experience“ spielt im ausverkauften Braunschweiger Lindenhof Jazz mit politischen Hintergedanken

„Calling Europe!“ Ein Ruf nach dem und ein Aufruf für den europäischen Gedanken. Darum geht es dem Berliner Jazzer Stephan-Max Wirth und seinen drei niederländischen Mitstreitern mit ihrem neuen Album, das sie am Freitagabend in Braunschweig erstmals vorstellten. Ein Konzeptalbum also, dessen Stücke in einem thematischen Zusammenhang stehen? „Jein!“, sagt Wirth auf Nachfrage. „Es geht schon um ein Statement gegen Brexit, Geert Wilders, Marine Le Pen und diesen Spuk. Aber unsere Musik, die ja rein instrumental ist, liefert da keine unmittelbar politischen Botschaften!“

Womit er völlig Recht hat. Es gibt ja keine Texte, die sagen, was zu denken ist. Wie es beispielsweise bei Max Roachs „We insist! Freedom Now Suite!“ der Fall war. Dieser furiosen Attacke gegen den Rassismus in den USA. Nein! Der politische Bezug wird bei „Calling Europe!“ nur über Wirths Song-Erläuterungen während des Konzertes hergestellt.

Nehmen wir als Beispiel „Solitude“. Eine schöne melancholische Melodie durchzieht das Stück. Wirth spricht einleitend vom Gefühl des Ausgeschlossen-Seins als Pro-Europäer in der gegenwärtigen Situation. Was er nicht sagt (aber sicherlich genau weiß) und was ganz andere Interpretationsräume schafft, das sind die Jazzkontexte. Nämlich Billie Holidays gleichnamiges Album und die gleichnamige Komposition Duke Ellingtons.

Eine zutiefst melancholische Stimmung prägt das Stück. Jaap Berends kreiert mit seinem Gitarrenspiel unter Verwendung von Hall-, Echo- und Delay-Effekten weite Räume. Stephan-Max Wirth durchbricht das dann mit rasanten Sopran-Saxofon-Läufen. So unterschiedliche Gefühlswelten andeutend. Aber – es könnte, völlig losgelöst von Europa, einfach nur das Gefühl der Einsamkeit in seinen Nuancen ausdrücken.

Das ist wohl gerade die Stärke dieser Musik: offen zu sein für verschiedenste Interpretationen, nicht zu indoktrinieren, kein Agit-Prop. Dafür herzerwärmend-melodische und zugleich witzige Kompositionen wie „Canon“. Ein echter Kanon, der in seiner durchaus vertrackten Abfolge schön zu verfolgen war. Aber eben auch als Abbild der verschiedenen, letztlich doch zusammen gehörenden Stimmen Europas verstanden werden konnte.

Highlight des Abends war zweifellos „Zoom“, das die Band in Topform zeigte. Hochgeschwindigkeits-Unisono-Passagen von Gitarre und Saxofon gingen über in wahrlich
rasante Dialoge zwischen verzerrter Wah-Wah-Gitarre und einem unglaublich speedigen Bub Boelens am Bass. Und das ging auch so zwischen Gitarre und Florian Hoefnagels am Schlagzeug, der ohnehin mit der stark rhythmisch orientierten Musik oft im Zentrum des Geschehens stand.

Ein ausverkauftes Haus mit einem begeisterten Publikum, auch wenn es des Öfteren kräftig zur Sache ging.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Eric Schaefer & The Shredz”

Irgendwo zwischen Lindenhof und Berghain

Eric Schaefer+The Shredz begeistern mit grenzüberschreitendem Jazz

Eine sehr ferne Musik wird eingespielt, eine Art meditativer Chorgesang. Nebengeräusche begleiten das Auf und Ab der Stimmen. Knacken, Rauschen, Drones. Mitunter ist es, als durcheilte man am Radio ein Kurzwellenband. Dann setzen die Musiker ein. Jeder für sich, eine zugespitzte Form des Free Jazz, sehr dissonant. Doch dann, zart zunächst, eine Art Tanzmelodie, die der Keyboarder immer deutlicher herausarbeitet. Bass, Schlagzeug und Trompete stimmen nach und nach widerstrebend ein. Um schließlich das Ganze in einem Bacchanal, einem wildesten Tanzfest, fortississimo versteht sich, abrupt enden zu lassen.

„Bliss“ heißt das Werk, der Zustand der Glückseligkeit.Ob sich dieser Zustand bei allen einstellte, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall war diesemusikalische Utopie zutiefst beeindruckend und mitreißend. Wie man überhaupt mit diesem Konzert von Eric Schaefers Shredz einem höchst interessanten Versuch beiwohnen konnte, Jazz zeitgenössisch zu spielen. Das betrifft einmal die musikalischen Verbindungslinien. Da wurde Samuel Barbers „Adagio für Streicher“ eingeblendet, das von Volker Meitz mit Synthie-Modulationen verfremdet wurde, um dann von urplötzlich durch Eric Schaefer am Schlagzeug und Oliver Potratz am E-Bass in einen Dub-Reggae überführt zu werden.

Dahinein dann elegische, an Miles Davis erinnernde Trompetenklänge, die John-Dennis Renken mit geschickt eingesetztem Delay in weite Klangräume überführte.Des Weiteren Rückgriffe auf Franz Liszt „Proto-Atonalität“, Richard Wagners Lohengrin-Ouvertüre, David Oistrachs Konzerteinspielungen.

Das alles war – und das ist die andere starke Seite dieser zeitgenössischen Jazzmusik – nicht einfach wahllos zusammengesetzter Mischmasch. Die elektronischen Klangexperimente um die Jahrtausendwende, die 60er Jazz-Fusionphase, die Hip-Hop- und Trip-Hop- Entwicklung , der Krautrock und die Club-Kultur bilden den Interpretationsrahmen für den Umgang mit der Musikgeschichte. Ein packender Wechsel zwischen intimer Lindenhof – Jazzclubatmosphäre und Anklängen an den Berghain-Sound in Berlin.

Um das zu können, das wurde bei diesem Konzert überdeutlich, sind alle vier Musiker nicht nur absolute Könner an ihren jeweiligen Instrumenten, sondern gleichzeitig hochspezialisierte Elektroniker. Der Widerspruch von ehrlicher, handgemachter Musik und seelenloser Elektronik löst sich völlig auf. Die Elektronik schafft ungeahnte neue Ton-, Klang- und Soundwelten, die horizonterweiternd sind.

Jazz sei tot? Nun, solche Leichen wünscht man sich. Das Konzert war ausverkauft und es begeisterte.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Pablo-Held-Trio”

Ohne Netz und doppelten Boden

Das Pablo-Held-Trio brilliert mit zeitgenössischem Jazz

Ist es wie Schwimmen im offenen Meer oder Wandern im Gebirg? Wie soll man es umschreiben: das Hören der Musik eines der angesagtesten deutschen Piano-Trios? War es Jazz oder nicht stellenweise Neue Musik, was das Pablo-Held-Trio am Freitagabend im Theatersaal des Lindenhofes in Braunschweig zu Gehör brachte?

Dabei fing es so locker an mit Pablos Helds Begrüßung des sehr zahlreich erschienen Publikums. Man verzichte seit geraumer Zeit schon auf jegliche Absprache vor und während des Konzertes. Irgendwie finge es an, ginge es weiter – oder auch nicht. „Wir haben alle, Sie als Zuhörer, wir als Musiker den gleichen Ausgangspunkt!“ Das mochte beruhigen oder aber überhaupt nicht. Je nach Abenteuerlust.

Und so entwarf Robert Landfermann am Kontrabass eine lockere Tonfolge, die Jonas Burgwinkel am Schlagzeug kommentierte. Zögerlich, rhythmisch erst nach und nach übereinstimmend. Der Pianist sitzt da; die Augen geschlossen, so den Klängen und Akzenten eine Struktur ablauschend. Der Bass nimmt an Fahrt auf, das Schlagzeug folgt dem, verdoppelt das Tempo, fällt zurück, verteilt die Akzente variabel und überrascht mit stetiger Soundveränderung.

Plötzlich Pianotupfer, die den Bass verstummen lassen. Ein Wohlklangteppich wird skizziert. Der Bassist nimmt die Harmonien auf, Unisono-Partien entstehen sogar. Und indem Burgwinkel plötzlich ordentlich Dampf an den Drums macht, fängt das Ganze an zu grooven. Phänomenal! Das geht nur, wenn man schon sehr lange miteinander spielt. Zehn Jahre hat das Trio schon auf dem Buckel, eine erstaunlich feste musikalische Beziehung.

Aber – warum haben die Musiker Noten vor sich liegen? So frei ist das wohl doch nicht? Und wenn Held plötzlich sehr kraftvoll mehrfach einen Akkord anschlägt und die Musik eine ganz andere Fahrrichtung aufnimmt, dann wird doch gesteuert – oder? Es gibt eine Art Tiefenstruktur. Muss ja auch, wird hier doch nicht Hardcore-Freejazz zelebriert.

So wechseln Passagen, die tonal sehr abstrakt sind, mit jenen, die Rückgriffe auf Traditionen offenbaren. Klassischer Walking Bass, brutaler Punkbeat an den Drums. Akkorde, die erweitert und reduziert werden. Ein beständiger Entwurf von Erwartungen, die nahezu gesetzmäßig über den Haufen geworfen werden.

Faszinierend, wie die Musiker zwei Sets von mehr als einer halben Stunde Dauer ohne Pause entwickelten. Andererseits für den Zuhörer, der statt dieser Art der offenen Improvisation lieber Haltepunkte im Melodischen sich gewünscht hätte, durchaus eine Anstrengung. Jedoch: war Jazz nicht schon stets provozierend, Hörgewohnheiten in Frage stellend?

Lang anhaltender Beifall, die obligate Zugabe, aber auch einige Knitterfalten in der Stirn. Genau so soll es sein.

Klaus Gohlke

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Kommentar zu “Christoph Irniger Pilgrim Quintett”

Christoph Irniger: Pilgrim

Das war Jazz, wie er sein sollte. Herausfordernd bis zum Widerspruch. Keine museale Veranstaltung, aber der Traditionsbezüge bewusst. Musik, die interpretatorischen Freiraum schuf. Emotionen erweckte: zwischen Nachsinnen, Meditation, Zorn, purer Freude,
Zweifel. Virtuosität, immer mannschaftsdienstlich, keine Ego-Trips. Als Fundament neben der musikalischen Kompetenz das tiefe Verständnis füreinander und das Vertrauen, dass man angesichts der Offenheit des Interplays kreative Ideen schon entwickeln wird. Das es etwas werde. „Der Jazz,“ sagte sinngemäß Peter Rüedi, „hatte nie Berührungsängste, er legte sich zu jeder/jedem ins Bett!“ So bewegte man sich zwischen konventioneller Themenvorgabe und deren Entfaltung, noise-artiger Destruktivität (man kann durchaus punkig-rockig sagen), kammermusikalischem Intimgespräch zwischen variierenden Bands in der Band, solistischen Höhenflügen und anspannenden Suchphasen, die an die Überleitungen bei Keith Jarretts Solo-Piano-Konzerte erinnerten.
Und dann noch – nicht zuletzt: Jazz live ist einzig, Konserve kann das nicht wiedergeben. Wunderbar zu sehen, wie sich das Musizieren in der Körperhaltung, der Mimik, der Interaktionen insgesamt niederschlägt.

Klaus Gohlke

Interview mit Christoph Irniger

Freiheit an langer Leine

Ein Interview mit dem Züricher Saxofonisten Christoph Irniger

Jazz ist improvisierte Musik. Am Freitag, dem 4. 11. 2016 wird eine der renommiertesten Schweizer Jazz-Bands, Christoph Irnigers „Pilgrim“, im Theatersaal des Lindenhofs Braunschweig ein Konzert geben. Und diese Band hat ein ganz eigenes Verständnis vom Improvisieren. Was es damit auf sich hat, erkundete unser Mitarbeiter Klaus Gohlke im Telefonat mit dem Züricher Saxofonisten und Bandleader.

Eure Band nennt sich „Pilgrim“. Das klingt nach Wallfahrt.

Neinnein. Es gibt da keinen religiösen Hintergrund. Das Wort „Pilgrim“ klingt erst einmal schön. Andererseits hat es etwas Mystisches und passt zu unserer Musik. Es steht für das musikalische Reisen, Erkunden. Das Vorstoßen in eine Welt, in der Konstanten sich auflösen. So etwas wie geordnete Freiheit.

Ihr werdet auf dieser Tour unterstützt durch „Pro Helvetia“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Pro Helvetia ist so etwas wie das Goethe-Institut, ist also für die kulturelle Präsentation der Schweiz im Ausland zuständig. Sie zahlen die Reisespesen und die PR-Unterstützung.

Kommen wir zu eurer Musik. Du sprachst von „geordneter Freiheit“ beim Musizieren.

Ja, wir spielen nicht Free Jazz. Unsere Jazz-Wurzeln liegen woanders. Etwa bei Wayne Shorter, Keith Jarretts American Quartett und – was die Energie und Dramaturgie des Zusammenspiels betrifft – das 1969er Miles Davis Quintett. Wir spielen also Kompositionen. Aber die muss man ja nicht linear, gradlinig abspielen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten innerhalb des Spiels. Du kannst sehr konkret sein, d.h. vom Blatt spielen. Du kannst das, was an Material vorliegt, aber auch emotional unterschiedlich behandeln. Sehr expressiv oder sehr verhalten-innerlich. Du kannst einzelne Aspekte der Komposition detailliert herausheben, aber auch zeitlich dehnen oder stauchen.

Du hast andernorts davon gesprochen, dass euer Zusammenspiel nach einem Baukastenprinzip abläuft. Das klingt sehr technisch-konstruiert.

Nein, das nicht. Unsere Kompositionen haben eine innere Gliederung, verschiedene Abschnitte, mehrere in sich verbundene „Sätze“. Und die kann man variabel kombinieren. Z.B. Teile in verschiedener Reihenfolge spielen, etwas weglassen. Die Herausforderung ist, etwas Gemeinsames zu entwickeln. Man muss sehr gut aufeinander hören. Das geht nur mit Musikern, die sehr gut spielen können, vor allem aber ein tiefes Verständnis untereinander haben. Es gibt einfach bei dieser Improvisationsweise viele Momente, die nicht planbar sind, aber es gibt Zielpunkte beim Spiel, die man erspürt. Das werdet ihr in Braunschweig erleben.

Christoph Irniger Quintett „Pilgrim“. Freitag, 4. 11. 2016 20 Uhr im Theatersaal des Lindenhofs Braunschweig. Karten an der Abendkasse und en üblichen Vorverkaufsstellen.

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Kritik zu “Lisbeth Quartett”

Verblüffende Klangwelten

Improvisation mit angezogener Handbremse
Das Lisbeth-Quartett verändert das übliche Jazz-Improvisations-Schema

Das war absolut ungewohnt. Ein Jazzkonzert, in dem es – bis auf eine Ausnahme – keinen Zwischenbeifall für Soloparts gab! Ist ja sonst so üblich bei den Jazzern. Es wird ein Thema eingeführt, eine Akkordfolge entfaltet und alsbald geht es über in das Thema-Solo- Schema. Die Band tritt dann in den Hintergrund, der Solist brilliert – Beifall! Und dann die nächste Runde, same procedure…

Damit hat Altsaxofonistin und Komponistin Charlotte Greve mit ihrem Lisbeth-Quartett offenbar nicht viel am Hut. Ihre Kompositionen beginnen in der Regel mit kurzen Tonfolgen, die immer wieder leicht abgewandelt werden, zögerlich-suchend fast. Bass, Piano und Schlagwerk reagieren darauf höchst unterschiedlich. Mal Frage-Antwort-Spiel, mal Unisono, dann vom Takt her verzögert. Es gibt andere Akzentuierungen und Erweiterungen, die sich zu einem immer dichteren Zusammenspiel aufschwingen.

Aus diesem Klanggewebe heben sich – inselartig – Einzelstimmen heraus, ohne dass der Rest der Band pure Begleitung wird. So hebt Charlotte Greve mit ihrem Altsaxofon oft für eine Weile ab mit ungemein beweglichem, variantenreichem, schön artikuliertem Spiel. Währenddessen tun sich Pianist Manuel Schmiedel und Marc Muellbauer am Bass zusammen und verdichten das Ganze mit mal abstrakten, mal sehr harmonischen Dialogen. So hat man dann einen vom Tempo, Rhythmus, der Dynamik, dem solistischen Anteil her ständig wechselnden musikalischen Bewusstseinsstrom. Das alles läuft ohne Effekthascherei mit erstaunlicher Präzision, höchst kontrolliert. Aber – vielleicht etwas unterkühlt?

Ganz verblüffend ist, wie Schlagwerker Moritz Baumgärtner das Arbeitsprinzip der Band auf sein Instrument überträgt. Das klappert, raschelt, knallt, quietscht, klingelt, kratzt, schabt, dämpft, wirbelt. Und dazu braucht es Sticks, Schlägel, Ruten, Besen, Dämpfer, Stäbe, Drähte, Stifte, Geigenbögen. Er ist ein permanenter Unruheherd, ohne das Gesamtkonzept der Aufführungspraxis zu torpedieren.

Medizinisch gesprochen, könnte man sagen, dass insgesamt betrachtet die Wirkung der Musik nicht intravenös (volle Dröhnung), sondern eher subkutan, also unter die Haut platziert, erzielt wird.

Mit einer Ausnahme: Der Zugabe. Da passierte das, was ausgeschlossen schien: Pianist Manuel Schmiedel übernahm explizit die Solistenrolle und spielte wie losgelöst, den Rest der Band mit sich reißend. Und da gab es den bekannten Zwischenbeifall des zahlreich erschienenen kundigen Publikums im Theatersaal des Braunschweiger Lindenhofes.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “Peter Brötzmann und Wolfgang Schmidtke”

Zwischen Zähneknirschen und Freude

Die Free-Jazzer Peter Brötzmann und Wolfgang Schmidtke überzeugten ihre Fans

Ziemlich viel Blech und etwas Holz, gebogen und gerade, lag da vor und auf der Bühne für zwei Herren herum, die von Haus aus Holzbläser sind. Saxofone und Klarinetten. Es gab ja den berühmten Rasan Roland Kirk, der gelegentlich zwei Instrumente auf einmal spielte. Aber dafür sind die beiden Akteure des Abends, Peter Brötzmann und Wolfgang Schmidtke, nicht bekannt. Der Braunschweiger Galerist Hans Gerd Hahn hat ein Faible für frei improvisierte Musik und lud ein zum Konzert im Braunschweiger Lindenhof. Wer dort hin kam, wusste, was er tat. Es waren knapp siebzig Gäste, besser Überzeugungstäter. Denn Brötzmanns Musik gilt als frei. Was bedeutete, die ganzen Gesetzmäßigkeiten der Jazzmusik kaputtzuhauen, wie er es im Gespräch drastisch formulierte.Nur wenigen gefiel das damals.

Und vom französischen Kritiker Alain Gerber ist, was Free Jazz betrifft, das Zitat überliefert: „Ich war zerrissen, ausgelaugt, es ging mir schlecht, ich hatte Lust mit den Zähnen zu knirschen. Aber zu gleicher Zeit überkam mich eine ungeheure Freude!“ Freude und Spaß wünschte Galerist Hahn den Zuhörern.

Mit einer Art Urschrei eröffnete Brötzmann auf dem Altsax das Konzert. Es folgten sich immer wiederholende Tonfolgen, ungeheuer kraftvoll, minimal variiert. Durchdringend in den Höhen. Schmidtke am Tenorsax stimmte ein, hatte dann aber anderes vor. Er spielte große Intervallsprünge, wobei ein intensiver Tiefton einen scharfen Kontrast zu Brötzmanns Höhenschreien bildete. Hin und wieder tonale und rhythmische Übereinstimmungen. Aber dann wieder expressive Ausbrüche, die einem externen Hörer wie das Aufschreien von gepeinigten Tieren vorkommen konnte. Schmidtke reagiert musikaisch eher gleichmütig. Intensive Kommunikation sei die Essenz der Zusammenspiels im Jazz, sagte Bötzmann. Was für eine Form von Kommunikation ist das?
Die Improvisationen sind zwischen zehn und zwanzig Minuten lang. Physisch, aber auch von der musikalischen Konzentration her eine beachtliche Leistung, immerhin istl Brötzmann schon 75 Jahre alt ist. Aber er ließ nicht locker. Das Zwiegetön der Tenorsaxofone an anderer Stelle schien dem Gesetz „Immer mehr Töne – immer schneller – immer lauter“ zu folgen. Ist es nicht so etwas wie Thrash-Jazz, was vor allem Brötzmann zelebriert? Er nannte sich ja auch schon mal Prä-Punk.

Wenn man das Ganze auf den Punkt bringen will, kann man sagen, dass das Konzert in Sachen Dynamik keine Abstufungen zeigte, es war nur Ausbruch. Dabei übernahm Schmidtke eine eher traditionelle Rolle. Mitunter meinte man bei ihm Bebop-Phrasen zu hören, Tonleiter-Repetitionen, Melodie-Elemente, also Rückgriffe auf musikalische Modelle, die Brötzmann dann in Schutt und Asche legte. Er setzte Sounds, Klangflächen dagegen, spielte eher modal.
Das Ohr, das in der Regel nach Haltepunkten sucht, nach musikalischen Mustern, hatte da schwer zu tun, war mitunter hilflos. Und: Ein Free-Konzept ist auf die Dauer auch gleichförmig.
Trotzdem: Begeisterung und die erforderliche Zugabe.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “Giovanni Guidi Trio”

Zurück ist keine Zukunft

Jazz auf der Höhe der Zeit – eindrucksvoll gespielt vom Giovanni-Guidi-Trio

Nee, ne!? Sanfteste Dreiklänge, gefälligste und erwartbare Akkordwechsel. Romantisierend-volksliedhafte Melodien. Erstaunte Blicke im Saal, ungläubiges Hören! Sitzt man in der richtigen Veranstaltung? Das soll zeitgenössischer Jazz sein? Gespielt von einem Trio von größtem Renommee!

Bassist Nicolai Munch-Hansen tupft unbeirrt sanft tieftönige Bestätigungen. Schlagzeuger, nein, diese Bezeichnung ist zu brachial: Fell-und Blechstreichler Joao Lobo schabt und zischelt einen gefälligen Hintergrund. Ja, schön, zugegeben! Das klingt ja alles wunderlieblich.

Wo aber ist der Jazz? Jetzt schabt der Understatement-Trommler unangenehm an seinen Blechen. Der Bassist wird harmonisch diffuser. Und Pianist und Trio-Chef Giovanni Guidi scheint plötzlich abzudrehen. Harmonisch-Einleuchtendes wird zerstört. Dissonantes bricht sich Bahn. Die rechte Hand kreiselt in hohen Lagen, schwere Schläge mit der linken Hand. Was ein Klavier so alles aushält! Das Schlagzeug wird seinem Namen gerecht. Der Bass fügt sich ein. Zusammenhänge sind zerstört, eine völlige Free-Phase. Chaos statt Ordnung, Verstörendes statt Gefälligkeit.

Wie zur Beruhigung danach eine Bearbeitung der Farres-Komposition „Quizas“. Rhythmisch zunächst verschleppt – Guidi ist ein Meister im Umgang mit Tempoveränderungen – blüht das Stück dann auf zu elegant-synkopierter kubanischer Musik. Ein absolut ausgereiftes Zusammenspiel.

Später dann – wie Inseln im Klangkosmos auftauchend – auch Bekanntes. „My funny Valentine“, der alte Jazz-Klassiker. Und: ist das jetzt nicht „Can’t help falling in love“.?
Aber da ist kein Schwelgen in Erinnerungen Die Melodie-Zitate werden entfaltet, dann zunehmend verfremdet und in neue Kontexte gestellt. Gospel, Volksliedhaftes, Bluesphrasen, Mambo, Limbo, Hard-Bop, Filmmusikalisches, Atonales. Doch nicht als pures John Zornsches Fetzenwerk. Die Kompositionen sind strukturiert, die Teilthemen werden entfaltet.

Was das Guidi-Trio betreibt, kann man durchaus als systematische Irreführung der Zuhörer begreifen. Man wird beständig auf musikalische Fährten gelockt, die sich dann als abgründig erweisen.

Die dahinter stehende Idee ist klar. Die Musik – wie die Welt überhaupt – ist unübersichtlich geworden, es helfen keine einfachen Änderungen der Laufrichtung. Zurück ist keine Zukunft. Indem der Jazz diese Unübersichtlichkeit musikalisch aufgreift und anverwandelt, wird er zeitgenössisch. Was – wie die Begeisterung des Publikums zeigte – durchaus als anregend, lustvoll und provokant genossen wurde.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Dave Holland Trio”

Musikalischer Bewusstseinsstrom
Das Dave Holland Trio beeindruckt im Braunschweiger LOT-Theater

Er hat immer noch britischen Stil! Dave Holland, 69jähriger britischer Jazz-Ausnahme-Bassist. Trotz der über 40 Jahre, die er in New York lebt. Dezent gekleidet, humorvolles Overstatement zu Beginn des Konzertes. Dass Braunschweig nämlich am Sonntagmorgen so wunderbar friedlich sei. Und die Glocken des Domes erst! Aus dem Schlaf heraus der Beginn einer musikalischen Reise! Wie wundervoll!
So friedlich eröffnete auch das seit langem ausverkaufte Konzert. Man wolle übrigens ein Konzert in einem Stück spielen, kündigte Dave Holland noch an, ein Set ohne Ansageunterbrechungen und Pause. Es gebe auch nicht direkt Stücke, eher Ideen, die man entwickle. Man sei selbst gespannt, was dabei herauskomme.
Nun – zunächst eine Basslinie im tiefen Register, gefolgt von einem Ausflug in die Welt der Flageolettöne. Gitarrist Kevin Eubanks folgt den Basstönen, spielt erst parallel, geht dann dazu über, elektronisch verfremdete Klangflächen zu entwerfen. Und Obed Calvaire am Schlagzeug scheint noch zu sinnieren, wohin die Reise gehen soll, bis er plötzlich einen scharfen Beat unterlegt – und aus ist es mit Besinnlichkeit. Das Trio entwickelt sich in einem langen Crescendo zu einem regelrechten Tonkraftwerk, eine Studie in Sachen Dynamik.
Eubanks übernahm oft die Rolle des Einheizers. Angezerrte, repetitive Akkordfolgen, dazwischen unglaublich rasante, scharf akzentuierte Läufe. Mühelose Rückgriffe auf Fusion, Rock, Blues, rhythmisch vertrackt. Allein technisch umwerfend.
Das gilt nicht minder für Obed Calvaire am Schlagzeug. Rhythmische Kontrapunktik, wenn man so will. Da wird mit, gegen, über den Beat gearbeitet, mit der Bass-Drum die Akzente scheinbar beliebig verteilt, dass eine Freude ist.
Und plötzlich ein rasantes Zurückfahren in der Lautstärke und gleichsam entschuldigend mit Augenzwinkern zarte folkloreartige Melodien auf dem Bass und der Gitarre.
Nun, es war Echtzeit-Improvisation, eine Art musikalischer Bewusstseinsstrom. Und das Strukturprinzip blieb gleich: ein musikalischer Kern, der langsam ausgearbeitet wurde, dann die wuchtige Entfaltung mit vielen Schattierungen und – oftmals über Dave Hollands weitgespannte Soli – die Rückkehr in ruhiges Fahrwasser. Besonders schön anzusehen: Die Musiker hatten ihren Spaß dabei, musikalische Ideen zu kreieren, aber auch daran, die der anderen zu erkennen und zu beantworten. Ein wunderbares Aufeinander-Eingehen. Fliegende Stilwechsel vom Swing, über Latin, zu Funk, Post-Bop, sogar Walzer.

Zugegeben, es war nicht der Abend für die, die den Dave Holland mit den wunderbar singenden Basslinien hören wollten – die Zugabe vielleicht ausgenommen. Nichts für die Freunde der Melodie. Hier waren Harmonie-Tüftler am Werke, die Akkorde zergliederten, erweiterten und reduzierten. Klangkontraste entwarfen. Und eben absolute Rhythmiker, die eine große Spielfreude dabei zeigten, immer wieder auszubrechen und dem Erwartbaren nicht zu entsprechen. Ovationen zum Schluss.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “NDR Big Band Plays the Music of Randy Brecker”

Einundzwanzig Männer – kein bisschen leise
Die NDR-Bigband brilliert im ausverkauften LOT-Theater gemeinsam mit dem Startrompeter Randy Brecker

Es geht ab, ohne Umschweife mittenhinein in „The first Melody of the Tune“, so der unwiderlegbare Titel des Openers. Kristallklare Funkriffs, satte Bläsereinwürfe, fanfarenartige Trompetentöne, unterirdische Korg-E-Sounds dazwischen. Zwanzig Musiker, die NDR-Bigband, bereiten den Boden für ihn: den amerikanischen Startrompeter und Gastsolisten Randy Brecker. Unübersehbar stattlich steht er mit der für ihn typischen Flatcap auf dem Kopf im Mittelpunkt der Bühne. Und wer vielleicht vermutete, dass da ein 70jähriges Star-Auslaufmodell noch mal eine Deutschlandrunde dreht und einer starken Band als Krücke bedurfte, der lag absolut daneben.
Sein Spiel war kraftvoll, präzise und wirkte selbst bei höchstem Tempo entspannt. Die elektronische Bearbeitung, insbesondere der Hall, ließ die Töne wie poliert strahlend klingen. Und er hielt die Spannung das gesamte Konzert durch.
Das allein ist schon beachtenswert genug, die Besonderheiten liegen aber woanders. Brecker vermochte die Musiker zu inspirieren, zu Höchstleistungen zu befeuern, ohne das abzufordern. Ganz allein durch seine Autorität, sein Können und durch das kluge Konzept, die Soli des Altmeisters unmittelbar zu kontrastieren mit jenen verschiedener Bandmitglieder. Sie hängten sich rein oder – wie Brecker es drastischer formulierte: „They‘re playing their asses off!“ Und weil die Bigbandmusiker allesamt nicht nur Teamplayer sind, sondern über hervorragende solistische Fähigkeiten verfügen, entwickelten sich oft heiße Dialoge zwischen den Protagonisten. Widerspruch, Überbietung, Umschreibung, Zerstörung und Anlehnung wechselten sich ab.
Live Musik hat immer auch eine visuelle Komponente. Es war spannend zu sehen, wie sich das Musizieren im Musiker selbst ausdrückt. Hier Randy Brecker, schwergewichtig in sich ruhend mit minimaler Gestik und Mimik. Dort z.B. der Tenorsaxofonist Sebastian Gille, dessen Körper wie unter elektrischen Schlägen im Tempo seiner Läufe hin und her zuckt, sich dreht und windet, noch oben gezogen wird und gestaucht, je nach Spielverlauf. Aber nicht als Showeinlage, sondern völlig unbewusst.
Die andere Besonderheit des Konzerts, war die Raffinesse der Arrangements. Die Band spielte ausschließlich Brecker-Kompositionen. Aber die Art, wie die einzelnen Instrumentengruppen einbezogen oder ausgeblendet wurden, wie die Sätze miteinander oder gegeneinander spielten, das zeigte das große Können des Arrangeurs und Dirigenten Jörg Achim Keller. Die Kompositionen zeigten dadurch eine erstaunlich neue Vielschichtigkeit.
Aber: Randy Brecker wurzelt tief im Jazz-Rock, kreiert so eigenartige Genres wie Heavy Metal BeBop. Es geht also um Rhythmen, um Beats. Und weil die NDR-Bigband keinen eigenen Schlagzeuger in den Reihen hat, engagierte man kurzerhand als Special Guest den in Deutschland dafür prädestinierten Wolfgang Haffner. Ganz Primus inter Pares ließ er es präzise grooven.
Und so wanderte man durch Blues-, Funk-, Latin Music-, Balladen-, Gospel – Anverwandlungen – und begeisterte das Publikum. Unklar blieb aber zweierlei: Warum spielen keine Frauen in der NDR-Bigband? Warum blieb man bei diesen Rhythmen sitzen, statt zu tanzen?

Klaus Gohlke

Kritik zu “Marco Ambrosini & Jean-Louis Matinier – Inventio –”

Keine Kisten, keine Kästen
Marco Ambrosini und Jean-Louis Matinier spielen ein hinreißendes Crossover-Konzert im Braunschweiger Lindenhof

Ja- was ist das denn? Einige Konzertbesucher erheben sich von ihren Sitzen. Was spielt denn der Mann da vorn für ein Instrument? Der eine spielt ein Akkordeon, das ist klar, aber der andere? Es ist zweifelsfrei ein Streichinstrument. Aber die Greifhand ist hier eine „Drückhand“. Die Tonhöhe wird offenbar durch eine mechanische Tastatur bestimmt. Welch eigentümlicher Klang auch!

Und was ist das für eine Musik, die die beiden da zelebrieren? Die Initiative Jazz Braunschweig hat eingeladen, also müsste es sich doch um Jazz handeln. Ist es aber irgendwie nicht. Es klingt nach alter Musik, gleichzeitig aber hat es auch einen Folk-Touch. Es kommt elegisch daher, dann wieder gibt es rasante Läufe. Die Taktart wechselt von gerade auf ungerade. Auch die Tonart wechselt mehrfach. Verwirrend und interessant zugleich.

Der Italiener Marco Ambrosini mit seiner skandinavisch sich herleitenden Nyckelharpa, zu deutsch: Tastenfidel, und der Franzose Jean-Louis Matinier am Akkordeon, spielen ihr Eröffnungsstück unbeirrt zu Ende. „Inventio 4“ von Johann Sebastian Bach. Eigentlich eine zweistimmige Etüde von knapp einer Minute Dauer. Hier improvisatorisch ausgedehnt auf mehr als fünf Minuten.

Dann eine Konzertunterbrechung. Ambrosini erläutert das Instrument und erklärt den spezifischen Hallklang, der durch Resonanzsaiten entsteht. Bei der begrifflichen Bestimmung ihrer Musik aber bleibt er offen. Schon vorher im Gespräch fragt Matinier: „Wozu braucht ihr immer Kisten und Kästen zum Einordnen? Es ist Barockmusik dabei, durchaus. Bach, Biber, Pergolesi. Aber es ist auch neue Musik. Unsere Kultur wird widergespiegelt. Beschreibungen lehne ich ab. Hör einfach zu, spüre deinen Empfindungen nach!“

Gesagt, getan. Was aber nicht so einfach ist. Der Eindrücke sind viele. War da nicht ein Vivaldi-Rückgriff? Dann wieder ein Ausflug in tonal-offene Räume, sehr schräg. Es klingt orientalisch oder aber eher ostasiatisch? Düsteres durchbrochen von tanzbaren Rhythmen. Bestimmt einer der beiden? Wie gelingt nur dieses Zusammenspiel? Virtuose Dreiklangbrechungen, dann wieder kontrastiv chromatische Auf- und Abstiege. Ein tiefes Wissen um die Metren.

In der Tat, es ist einfach Musik auf höchstem Niveau, völlig entspannt, absolut präzise vorgetragen. Eine Aufhebung von alter, neuer, von genre-spezifischer Musik. Eine Wanderung durch Klangräume, -zeiten und –formen. Lang anhaltender Beifall für diesen Ausflug in musikalische Freigeisterei.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Enrico Rava New Quartet”

Der Altmeister und die „jungen Wilden“
Das „Enrico Rava New Quartet“ verblüfft im Braunschweiger LOT-Theater

Das Haupthaar trägt er immer noch offen und lang, ungezähmt, nunmehr aber angegraut. So auch sein Schnurrbart. Leicht gebeugt geht er zur Bühne, der Leitwolf Enrico Rava, 76jähriger Startrompeter aus Italien. Und hinter ihm seine drei Jungwölfe. Ein Generationenprojekt, so scheint es. Alter Mann, erfahrungssatt, wehmütig-altersweise trifft auf ungebändigten Lebenswillen. Folglich: ein Abend mit kontrollierter Musik und einigen Eskapaden, letztlich von Melancholie umflort. Wirklich?
Falsch, völlig falsch. Der Opener ist schon Programm. Eine ostinate Bassfigur, cleane Gitarre im frisellschen Schwebesound, dezentes Schlagwerk. Heraus schält sich in bestechendem Unisono eine wundervoll leichte Melodie, die, kaum entfaltet, nach allen Regeln der Jazzkunst verwandelt, verfremdet, zerstört wird und in einen beinahe freien sehr druckvollen Improvisationsteil mündet. „Cornette“, eine hintergründige Hommage an Ornette Coleman, endet wieder mit der strahlenden Melodie, die anfangs zu hören war.
Kontraste, das Zusammenführen ganz unterschiedlicher Traditions- und Gestaltungselemente war die Devise für dieses Konzert. „Wild dance“: Eine theatralische Eröffnung mit Trommelwirbel, Crescendo und Tusch wird fortgeführt mit einem orchestralen Gitarrenpart, der sich zu einem fetten Metal-Klang mausert. Dann ein nahezu bruchloser Übergang in swingenden Jazz, Zitate aus dessen Frühphase. Oder „Space Girl“: Ein vager, martialischer Rhythmus zunächst, dann Anklänge an Melodien des „Great American Songbook“ mit schönen lyrischen Flügelhorn-Passagen.
Gewissermaßen war das Konzert eine gelungene Irreführung. Es lag ja nahe, zu meinen, dass Ravas „New Quartet“ eine Live-Version der jüngsten Studioproduktion „Wild Dance“ abliefert. Feiner ECM-Sound, ausbalanciert, eher dezent, wehmütig, hier und da Ausbrüche, aber voller Affektkontrolle.
Eben das geschah nicht, und das lag an der losen Leine für die „jungen Wilden“, allen voran Gitarrist Francesco Diodati. Packend seine Arbeit am Griffbrett, absolut überzeugend der Einsatz der elektronischen Effekte. Was Gabriele Evangelista am Kontrabass leistete, war schon rein physisch unglaublich. Die rasend schnelle Begleitung nicht nur bei „Happy Shade“, insgesamt seine Art des Zusammenspiels auf der rhythmischen Ebene war beeindruckend. Und schließlich Enrico Morello am Schlagzeug: elegante Leichtigkeit, ein Dynamikexperte und Kenner aller möglichen Spielvarianten in der Geschichte seines Instruments,: bewundernswert. Und Rava selbst? Sein Spiel ist intensiv, elegant: von Leichtigkeit geprägt, aber auch von Eruptionen reiner Expressivität. Woher Rava in dem Alter noch die Kraft, vor allem die Luft für das intensive Trompetenspiel nimmt, wissen die Götter.
Insgesamt eine tolle Mixtur aus Kraft, Eleganz, einem Blick in sehr unbestimmte ferne Gefühlswelten und auch Grandezza. Das Publikum im ausverkauften Haus war beeindruckt.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Shoot the Moon”

Kein Schuss in den Ofen

Die Initiative Jazz Braunschweig eröffnete die Konzertsaison 2015/16 mit der Berliner Band „Shoot the moon“ unkonventionell

Wie bekomme ich es hin, einzigartig zu erscheinen? Eine schwierige Kiste. Zum einen, weil jeder Mensch von vornherein einzigartig ist, siehe Fingerabdruck. Der aber ist – und da beginnt eben das Problem – nicht für jedermann sofort erkennbar.
Auch Jazzmusiker müssen Alleinstellungsmerkmale finden. Verkaufspsychologisch gesprochen, erhöht man so die Nachfrage und damit den Marktwert. Vorausgesetzt, das Besondere kommt nicht zu grob daher. Etwa der lauteste Drummer oder der speedigste Gitarrist zu sein.
Etwas Interessantes hat sich da die Berliner Kapelle „Shoot the Moon“, insbesondere die Bandleaderin und Saxofonistin Almut Schlichting ersonnen. Sie suchte Inspiration für ihre Jazztruppe in eher weltlichen Musiken des Mittelalters. In irischen Liedern, deftigen Volksfest-, Spott- und Tanzmusiken, aber auch im nordamerikanischem Country Blues. Und schrieb – weil die Band mit Winnie Brückner eine ausdrucksstarke Sängerin hat – ausgesprochen witzige bis skurrile Texte für ihre Kompositionen.
So fand sich das Braunschweiger Jazzpublikum am Freitagabend im Lindenhof plötzlich in der eigenartigen Welt der „Saints and fools“, der „Heiligen und Narren“ wieder. Piratenkönigin, Elisabeth I., St. Blaise, Sankt Barbara, Maria, Lucia, Wolf, Esel, Kaninchen und der große schwarze Hund gaben sich die Ehre. Und das auf eine Art und Weise, die im Jazz nicht oft anzutreffen ist, nämlich humorvoll.
Da wurden die heiligen Schutzpatrone kurzerhand in die Weltstadt New York versetzt, textlich und musikalisch. Sie wurden angefleht, den Kaffeestrom nie abreißen zu lassen und was es sonst noch so an Großstadtproblemen gibt. Aber nicht in Form frommer Choräle, das höchstens mal als ein fernes Zitat. Es war in diesem Falle eher programmartige „Fetzenmusik“, die in oft kurzen und dissonanten Phrasen das „Big Apple“-Gebrodel widerspiegelte. Der alle Ausdrucksspektren durcheilende Gesang – Rock, Pop, Soul, Blues, Lied und Rap durchmischend, wurde instrumental durch- und unterbrochen, kommentiert, kontrastiert hervorgehoben. Bassist Sven Hinse und Schlagzeuger Philipp Bernhardt hatten dabei eher die Aufgabe, für die beiden absolut überzeugenden Bläsern, neben Schlichting der Bassklarinettist Tobias Dettbarn, das rhythmische Korsett zu bilden. Sie taten es absolut zuverlässig und funktional.
Freilich – diese Art Musik voller Brechungen, die mit den Genres spielte, ist sehr durchkomponiert. Die üblichen lockeren Solo-Passagen gab es weniger. Dafür aber ein hoch komplexes, anregendes Konzert, das den Zuhörern erkennbar Spaß machte. Ein viel versprechender Auftakt.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Jürgen Friedrich: REBOOT & NANO BROTHERS”

Jenseits ausgetretener Wege

Jürgen Friedrich und seine Mitspieler zeigen einen völligen freien Umgang mit musikalischen Trends

Jürgen FriedrichDer Mann hat eine klare Botschaft, man könnte auch sagen: Er ist Testamentsvollstrecker. Ganz im Geiste der Jazz-Überväter Charlie Parker und Miles Davis hat er keine Lust auf Denkverbote in der Musik. „Ich spiele nicht Jazz, ich mache Musik!“, sprach Miles. Das führt der in Braunschweig geborene und in Köln lebende und lehrende Jazzpianist Jürgen Friedrich am Freitagabend im Braunschweiger Lindenhof bei einem gut besuchten Konzert anschaulich vor. Und zwar höchst spannend, unterhaltsam und hintersinnig. Ein Wechselbad zwischen abstrakter Tontüftelei und Vollbad im Wohlklang. Zwischen traditioneller Komposition und freiestem Spiel. Zwischen neu interpretierter Klassik und rasantem Bebop.

Freie Improvisation  bzw. Echtzeit-Komposition – für viele eher eine Schreckensvorstellung hektisch-strukturlosen Vor-sich-Hinspielens. Ganz anders aber das Ruf-Antwort-Spiel von Jürgen Friedrich an den Tasten und Johannes Ludwig am Altsaxophon.

Eine Tonvorgabe, vielleicht zwei. Wie nun reagieren? Kopieren? Verschieben? Veränderung des Intervalls oder aber der Dynamik? Oder aber eine Tonfolge dagegen  setzen, einen Akkord? Rhythmische Abänderungen? Eine große Bandbreite von musikalischen Reaktionsmöglichkeiten breiten die beiden Musiker aus. Wunderbar verfolgbar, weil das Arbeitstempo bei dieser Spielweise zwangsläufig herunter gefahren ist. Ja, mitunter hört man mit Schadenfreude: Wie wohl wird der Pianist auf mikrotonale Verschiebungen des Saxophonisten reagieren? Kriegt er das überhaupt hin? Heiße Tüftelei, bei der allein das Zusehen schon großen Spaß macht, insofern sich das Zusammenspiel auch mimisch und gestisch ausdrückt.

Aber auch die Trio- und Quartettarbeit  folgte der Devise: Keine bloße Unterhaltung, keine pure Hirnakrobatik. Devise: „Ihr sollt euch wohlfühlen, aber lasst es uns nicht zu leicht sein!“ Z.B. bei der Bearbeitung der Witold Lutoslawski-Komposition „Invention“. Im Original eine knapp einminütige Entfaltung  eines musikalischen Einfalls. Wie auch beim später gespielten Schönberg-Klavierstück 11/1 ein sehr interessanter Testfall für das Verhältnis von Jazz und klassischer Musik. Schlagzeuger Fabian Arends deutete die „Invention“ auf ganz andere Weise als der Bassit David Helm. Drei Musiker, drei rhythmisch- harmonisch sehr unterschiedliche Lesarten. Und zur Abwechslung dann ein Entspannungsbad in schönen Melodien und Harmoniefolgen („Reboot“). Ist das nun Jazz oder „Neue Musik“ oder was sonst? Auf jeden Fall Musik, an- und aufregend.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “SOUL JAZZ FACTOR”

Fetz-Jazz
„Soul Jazz Factor“ spielt im Braunschweiger LOT-Theater zeitlosen Hard Bop

Gemütlicher Seelen-Jazz schien nicht angesagt. Die Musik der fünf Jazzer – drei US-Amerikaner, ein Österreicher, ein Schweizer – sprang einen förmlich an. Satte rhythmische Grundierung durch Joris Dudli am Schlagzeug, Jared Gold am „Hammond-B3“-Keyboard und John Arman an der E-Gitarre. Im Zentrum aber die beiden Bläser Jeremy Pelt (Trompete) und Vincent Herring (Alt-Sax). Ihre spitzigen, rasanten und absolut präzisen Unisono-Riffs, stellten das Thema vor und dann ging es ab in die Improvisation. Dieser Konzertbeginn war gewissermaßen programmatisch, ein wenig durchbrochen durch zwei Balladen und einen Gospelrückgriff.

Eigentlich war es eine Jazz-Zeitreise. Nicht irrsinnig lang zurück, nur fünfzig Jahre, in die Zeit des Hard-Bop. Zum Jazz, der nicht länger abgehoben harmonisch herumfrickeln oder obercool sein wollte, stattdessen einen reflektierten Blick auf die schwarzen musikalischen Traditionen und eine Versöhnung von Kopf und Seele anstrebte.
„Soul Jazz Factor“ machte aber nicht einen auf Retro oder Nostalgie. Etwas überraschend Zeitloses wurde stattdessen am Sonntagabend im sehr gut besetzten LOT-Theater hörbar. Das lag zum einen sicherlich daran, dass man die Hits jener Jahre ignorierte und stattdessen Eigenkompositionen spielte.
Vor allem aber bestachen das Können und die Präsenz der Musiker. Allen voran Vincent Herring, dicht gefolgt von Jeremy Pelt. Meisterhaft der Umgang mit Spannungsauf- und -abbau, mit Veränderungen der Tempogestaltung, der Akzentuierungen innerhalb der Soloparts. Souverän verfügten sie über die Stilmittel unterschiedlicher Jazzgenres. Mit ihnen präsentierten sich zwei sehr angenehm selbstbewusste Musiker. Freilich hätte Herring statt doch sehr weitschweifiger Erläuterungen zu Songtiteln lieber ein Stück mehr spielen können.
Daneben wirkte John Arman fast ein wenig verschüchtert mit seinen tadellosen Akkord- und Einzelsaiten-Soli auf der clean gespielten Jazzgitarre. Jared Gold agierte sowohl hintergründig melodisch, als auch solitisch. Sein Gospel-Intro in „You got soul“ schuf wunderbar die Atmosphäre dieses Hammond-Orgel-Sounds einer amerikanischen Baptistenkirche, um es dann mit wenigen Akkordauflösungen ironisch zu unterlaufen. Ein Meister seines Fachs. Für das alles lieferte Joris Dudli uneigennützig und absolut funktional die Beats. Insgesamt ein tolles Zusammenwirken der Band, was der Publikum hoch erfreute.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Otto Wolters Quartett”

Ein Blick in Ottos Jazzwerkstatt
Der Theatersaal des Braunschweiger Lindenhofes wird mit dem Otto-Wolters-Quartett erfolgreich wieder eröffnet

Paolo weg, der Lindenhof geschlossen – für die Freunde der italienischen Küche und des stilvoll eingerichteten Gastraumes ein schwerer Schlag. Genauso wie für die hiesigen Jazzfreunde, war der angeschlossene Theatersaal doch fester Spielort geworden für die Veranstaltungen der Initiative Jazz-BS. Wo einen Ort finden für gut 150 ZuhörerInnen, der auch über Räume für die Musiker verfügt und über belastbare gastronomische „Unterfütterung“? Dunkle Zeiten zeichneten sich ab, zumindest ein Wanderleben, das für das zarte Pflänzchen „Aufführungskultur“ nicht gerade förderlich ist.
Doch siehe! Ein neuer Eigner und ein neuer Bewirtschafter trauten sich sowohl eine Restaurant-Neueröffnung und dann auch den Erhalt des Saales und seine Nutzung z.B. für Jazzkonzerte zu. Der Raum wurde behutsam renoviert und erstrahlt in zurückhaltendem Glanz. Freilich ist noch Etliches zu tun! Weil z.B. ZuhörerInnen und Band auf einer Ebene sitzen, ist es schwer die Musiker zu sehen, was ja zu einem Live-Konzert dazu gehört. Die Bühne selbst ist für eine Band wohl zu klein, wenn ein Flügel gebraucht wird. Gute Ideen sind also noch erforderlich.
Eine gebührende Neueröffnung sollte es nun am letzten Samstag geben, und – da kann man dem Jazz-BS-Chef Rainer Müller in seiner Anmoderation nur zustimmen – für Braunschweig und diesen Spielort „gebührend“ konnte nur heißen, mit der Jazz-Piano-Institution Otto Wolters und seinem Quartett zu starten. Schon Wochen vorher war das Konzert ausverkauft. Es wurde ein tiefer Blick in Otto Wolters‘ Jazzwerkstatt.
Dass das nicht ein rührend-wehmütiges Konzert von Jazzveteranen werden sollte, wurde von Beginn an deutlich. Wer mit Wayne Shorters „Black Nile“ startet, signalisiert Anspruch und Risikobereitschaft. Denn das ist keine moderate Einstimmungsnummer. Es geht vom Tempo und der kompositorischen Komplexität her zur Sache. Uli Beckerhof an der Trompete hatte sofort Schwerstarbeit zu leisten, und so routiniert alle vier Musiker auch sind, es knirschte hier und da doch ein Körnchen Sand im musikalischen Getriebe. Freilich, das ist bei einer Band, die sich eher punktuell trifft, nicht anders zu erwarten. Beckerhof nahm es gelassen. „Haben Sie gemerkt? Wir haben geübt!“, sagte er schelmisch-doppeldeutig.
Aber – vielleicht wäre ein Einstieg mit der Eigenkomposition „Dreampipe“ einfacher gewesen. Die balladeske Grundstimmung dieses Stückes mit seinem verhaltenden Tempo erlaubten Wolters schöne improvisatorische Ausflüge mit feinen Tempoveränderungen.
Auch als Trio ohne Trompete wusste man zu überzeugen. Feines Interplay, schöner Rollenwechsel dank des überaus klar konturierten melodiösen Bassspiels von Gunnar Plümer. Wolters ließ ihm und dem Schlagzeuger Michael Küttner viel Raum und Zeit, „ihr Ding zu machen“.
Intim wurde es, als Otto Wolters nach Quartett und Trio dann im Duo zusammen mit dem Sänger Matthias Köninger seiner Neigung nachging, so etwas wie deutsche Gegenstücke zum „Great American Songbook“ zu präsentieren. Alte deutsche Schlager, Filmmusiken der 1930iger bis 1950iger Jahre erhalten dabei ein Jazzgewand und sind dann keine alten Schmonzetten mehr. Theo Mackebens „Bei dir war es immer so schön“ als Bossa präsentiert, und später dann die Heymann-Komposition „Irgendwo auf der Welt gibt es ein kleines bisschen Glück“ – mit feinen Jazzharmonien entsentimentalisiert – zeigten Köninger als Sänger, der nicht nur den Mut aufbringt, sich derart zu exponieren. Vielmehr überzeugte er mit guter Phrasierung und klarer Orientierung im Ablauf der Kompositionen.
Wer die Arrangements vielleicht mitunter zu schematisch im Aufbau empfand (Thema-Solo1-Solo2 usw.- Reprise), manche Ablaufplanung unvollendet oder das Schlagzeugspiel zu Old-School-artig trommellastig empfand, der konnte sich mit der Interpretation von Herbie Hancocks „Cantaloupe Island“ getröstet sehen. Wunderbar groovend mit mutiger Scateinlage und einem großartig Tongebirge auftürmenden Uli Beckerhof ließen keinen Wunsch offen. In der Tat ein einnehmender Neustart der Lindenhof-Jazzkonzert-Serie.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Matthias Tschopp Quartet Plays Miró”

Zwischen Skikurs und Insektenmord
Das Matthias Tschopp Quartet verjazzt Bilder von Joan Mirò

„Ski-Kurs“ oder „Vogel, Insekt, Konstellation“ oder „Blau 1“ oder „Frau“, gar: „Stille“ – alles Titel von Gemälden des katalanischen Malers Joan Miró (1893-1983). So – suchen Sie sich einen Titel heraus und setzen Sie ihn in Töne um. Wie – geht nicht so einfach? „Stille“ –das ist ja wohl ganz leicht! Ich sage nur John Cage und 4:33! Eine leere Menge von Tönen.

Aber zugegeben: „Skikurs“, das ist schon von anderem Kaliber. Höchst komplex. Mirós Bild hilft allerdings, insofern es ja die Komplexität reduziert. Man sieht Linien, farbige Flächen verschiedener Form, einen grauweiß melierten Hintergrund, schwer zu beschreibende Muster und eine Schwerpunktbildung im Raum Mitte-Rechts. Freilich – dass diese Reduktion nun „Skiing Lesson“ heißt, erschließt sich nicht zwingend.

Aber vielleicht könnte man, wenn man am Vertonungsgebot festhalten will, diese Flächen, Farben, Formen, Symbole, Relationen und Proportionen in eine Komposition transformieren. Es braucht nur etwas Mut und Phantasie, und schon sind die gebogenen Linien Skispuren im Schnee. Hier steckt Dynamik. Die große kreisförmige, aus verschieden großen Teilen unterschiedlicher Farbe zusammengesetzte Fläche, das ist der Skilehrer, Ruhe und Stärke ausdrückend. Gegenpol zum Gewusel. Absperrgitter vor drohenden Abhängen könnte man hinein- oder heraussehen, da hätten wir Gefahr und Begrenzung, vielleicht auch Sicherheit.

Und nun bedarf es nur der musikalischen Sprache: Skalen, Metren, Instrumentierung, um dieses Konglomerat aus Dynamik, Statik, Begrenzung, Aufbruch, Ende, Gefahr, Dominanz, Lenkung und Chaos umzusetzen.

Matthias Tschopp, Schweizer Baritonsaxofonist Jahrgang 1986, ist Miró-begeistert und als er einst Ladehemmung beim Komponieren hatte, waren dessen Bilder seine „Rettung“. Sie lieferten Impulse, waren Inspirationsquelle für die Tschoppsche Tonsprache. Alles sehr intuitiv, subjektiv, doch nicht die reine Willkür. Tschopp präzisiert: „Die Bilder gaben mir Basisimpulse. Die Musik verselbständigt sich dann sowieso, zumal bei den Improvisationen. Es kann sich jeder auch eigene Bilder zur Musik dazu denken.“

Methodisch durchdacht und erhellend – so scheint es – wird zur Musik das jeweilige Miró-Bild als Hintergrund projiziert. Aber genau das ist die Crux. Was als Erläuterung gedacht war, dieser Sinnes-Doppelreiz, wird zur Belastung. Soll ich sehen, soll ich hören? Zwangsläufig versucht man Zusammenhänge zwischen Musik und Bild herzustellen, gerät ins Nachdenken. Verpasst darüber aber – weil so flüchtig – musikalisches Voranschreiten. Gut gemeint, aber doch eher ablenkend. Es wäre besser gewesen, vor jeder Komposition das Bild für einen Moment zu zeigen, es dann auszublenden, damit volle Konzentration auf die musikalische Transformation gelingt.

Ungeteilte Aufmerksamkeit hätte die Band bei ihrer Qualität sowieso verdient. Anders noch als Dave Brubecks Miró-Hommage von 1961 auf „Time further out“, der die Kompositionen im Blues-Kontext verortete und dort nach allen Regeln der Kunst umgestaltete, gibt es bei Tschopp kaum explizite Genre-Rückgriffe, nicht die Thema-Solo-Rituale. Vielmehr wird den Kontrasten, die Mirós Bilder bieten, nachgegangen und unterschiedlich auf die Instrumente verteilt. Es sind Stimmungsbilder oder aber – bei etwas Phantasie – Erzählminiaturen, die die Musiker entwerfen. Mal jeder für sich, mal korrespondierend, in scharfem Gegensatz zueinander oder harmonisierend.

Und so wird „Bird, Insect, Constellation“ etwa zur düsteren Mordgeschichte, sehr schön von Yves Theiler am Piano inszeniert. „Woman“ hat nichts vom „netten Weibchen“. Hier geht es harthackig zu, wie Stan Neufeld am Schlagzeug eindrucksvoll akzentuiert. Bassist Luca Sisera lässt in seinem langen Solo in „Portrait of a young girl“ das Mädchen kreiselnd tanzen, gleichzeitig aber untergründig Düsteres mitschwingen. Feine Arbeit. Und last but not least zeigt Matthias Tschopp virtuos, was für ein interessantes Instrument das große Baritonsaxofon ist. Viel zu selten – und dann auch so gekonnt – kann man es als Soloinstrument mit seinem großen Tonumfang, wenn man die Obertöne mit einbezieht, hören.

Ketzerische Frage zum Abschluss: Hätte auch Hans Holbeins „Passion“ als Inspirationsquelle dienen können? Dürers „Hase“, C.D. Friedrichs „Mondaufgang am Meer“, Turners „Figthing Temeraire“? Wohl eher nicht! Durchaus aber Paul Klee, Max Ernst – oder: allgemeiner und salopp gesprochen: die Maler der „weichen Abstraktion“, die noch Figürliches, fassbar Symbolisches, Dechiffrierbares in ihren Bildern zeigen.

Fazit: ein interessantes, anregendes Konzert, das am richtigen Ort, der HbK Braunschweig, mit knapp einhundert Zuhörerinnen und Zuhörern, doch zu wenig Resonanz fand.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Joachim Kühn / Majid Bekkas / Ramon Lopez: Chalaba”

Chalaba
Das Joachim Kühn-Trio interpretiert die Tradition neu

„Es freut mich wirklich sehr, hier in Braunschweig zu sein! Braunschweig forever!“ Wer kennt sie nicht, diese Redewendungen von Künstlern. Captatio benevolentiae, ein altes Stilmittel der klassischen Rhetorik. Die Leute für sich gewinnen, bevor es zur Sache geht.
In unserem Falle aber steckt mehr dahinter. Joachim Kühn, unbestritten der große deutsche Jazzpianist, geizte nicht mit Komplimenten in Bezug auf Braunschweig am Sonntagabend anlässlich seines Auftritts im LOT-Theater. Nicht nur viermal gastierte er in Braunschweig, wie offiziell verkündet, nein, mindestens fünfmal, und ich wage zu behaupten, dass es sechsmal war. Schon 1972 spielte er im Lindenhof, jammte zusammen mit dem Braunschweiger Piano-Urgestein Otto Wolters. Aber er hat vorher, oder zeitgleich, auch im Audimax der TU BS Solopiano gespielt. Sehr, sehr frei, was viele als willkürlich und dilettantisch empfanden. Egal, er spielte seitdem regelmäßig in Braunschweig, dank der guten Betreuung durch die Musikerinitiative BS und wegen des aufmerksamen Publikums. Großartig das Trio mit J.F. Jenny- Clarke und Daniel Humair. Nur in Paris sei er noch häufiger aufgetreten.
Nun ist er 70 Jahre alt geworden und wieder in Braunschweig und praktizierte, was von der Idee her nicht ganz neu ist, aber eine typisch Kühn’sche Lösung erfuhr: die Aneignung, Konfrontation von amerikanisch-europäischer Jazztradition mit den Skalen und Rhythmen der Musik seines marokkanischen Freundes Majid Bekkas, am Schlagzeug und Perkussion hervorragend und unnachahmlich unterstützt durch den Spanier Ramon Lopez.
Kühn nennt diese Musik „Weltmusik“, andere Ethno-Jazz, was vielleicht besser ist, damit er nicht plötzlich als Peter Gabriel des Jazz eingeordnet wird. Und dass es sich bei seiner Musik nicht um schmusige Folklorisierung des Jazz handelt, das machte das Trio von Beginn an klar.
Kühn wirbelte Hörerwartungen beim Intro „Live Experience“ durcheinander. Unheimliches Tempo, das die nächsten Stücke nicht abflauen sollte, und die Verweigerung eines geordneten Zusammenspiels. Freies Warming up? Nein. Wie aus dem Nichts heraus, ein Riff, das von allen aufgegriffen und variiert wird. Klar strukturierte Dialoge zwischen Kühn und Bekkas Guembi, einer dreisaitigen bassähnlichen Laute, kraftvoll durchbrochen vom Schlagzeug. Eine Wanderung zwischen Ordnung und Chaos, dominiert von rhythmischen Akzenten. Es ist die Gnawa-Musik, die Majid Bekkas in das Trio einbringt. Die Musik einer ethnischen Minderheit in Marokko, aus der Süd-Sahara, aus Mali, der Wiege des Blues. Bekkas Gesang zitiert die Roots der Fieldhollers der Sklaven im Süden der USA. Das Spiel mit der Guembi ist archaisch-rhythmisch, auf den Punkt gebracht im Stück „Chalaba“. Magisch repetitiv ist das Riff, ist der Gesang. Man versteht nicht die Worte, man hört nur den Klang der Stimme und erahnt Anruf, Response, Klage, Ekstase. Afrikanische Kosmogonie, die in der Repetition den Weg in die emotionale Tiefe und in eine höhere Ordnung eröffnet. Anders als später im afroamerikanischen Blues, der sich eine strikte Ordnung verschrieb. Diesen Hintergrund eröffnet Bekkas.
Kühn unterstützt das expressiv am Altsaxofon, am Klavier aber setzt er seine musikalische Welt dagegen bzw. er schafft Lücken für andere Sichtweisen auf die Tradition. Das geschieht wiederum nicht als Kollision, indem etwa europäisches Harmonieverständnis dagegen gesetzt wird. Kühn spielt eine gewissermaßen offene Stimmung. Die Akkorde bleiben uneindeutig, sie sind vermindert oder erweitert, sie orientieren sich nicht an der harmonischen Systematik, sondern am Klangcharakter, der gerade besteht.
Kühn ist ein Altmeister, das Tempo, das er im ersten Set anschlug, sollte wohl demonstrieren, dass er nicht zu den Altersmilden gerechnet werden will, die auf den musikalischen Anspruch verzichten. Im zweiten Set war das Zusammenspiel ruhiger ohne an Dynamik zu verlieren. Nur, wenn Kühn in seine Tonwirbel hineingerät, dann gibt es einfach kein Halten für ihn. Es spielt ihn, könnte man meinen.
Das Konzert war nahezu ausverkauft, trotz Eugen Cicero, trotz Tatort und trotz Sonntagabend überhaupt. Und die Begeisterung war groß. Eine Bemerkung aber zum Abschluss. Die „Hardcore-Jazzer“ hatten Vorbehalte, was den nordafrikanischen Gesang betraf. Ja, es sind andere als die europäisch geprägten Skalen, teilweise ein ganz anderes musikalisches Verständnis. Aber – warum ist man verzückt vom Gilberto-Gesang beim „Girl in Ipanema“? Soll das jazz-affiner sein als der Gnawa-Gesang? Auch Geschmacksurteile sind zu überprüfen.

Klaus Gohlke

Erschienen in kulturblog38.net am 2. 10. 2014

Kritik zu “Adam Bałdych / Luciano Biondini Quartet”

Coole Könner
Das Adam Baldych/ Luciano Biondini Quartet spielt europäischen Jazz im Braunschweiger Lindenhof

Geige und Jazz – geht das zusammen? Und dann auch noch Akkordeon dazu? Wird das nicht zur Appenzeller Ländlermusik? Und wenn schon nicht das, dann aber doch zu gefällig vielleicht?
Ach, du liebe Güte! Mit wem hat sich der Jazz nicht schon ins Bett gelegt und wundersame Kinder gezeugt. Alles gibt es: Wohlklang bis zum Kitsch, Akkordgegniedel, Minimalismus, abstrakte Formlosigkeit, von Hotjazz zur Meditation, Tanz-bzw. Konzertsaalatmosphäre, alles drin. Das soll nicht heißen, dass alle Musik Jazz sei, es keine Qualitätsunterschiede gäbe, wohl aber, dass es die geschlossene Form nicht gibt, die Ränder fransen sehr aus, gottlob.
So ausgefranst allerdings war die Musik des Adam Baldych/Luciano Biondini Quartets nicht, die am Freitagabend im Braunschweiger Lindenhof zu Gehör gebracht wurde. Und das Braunschweiger Publikum zeigte sich so berührungsängstlich auch nicht. Immerhin war das Konzert so gut wie ausverkauft und es gab, um es vorweg zu nehmen reichlich Zwischenapplaus und am Ende stehende Ovationen sowie bedenkliches Fußgetrampel.
Dann kann also die Musik nicht schlecht und vor allem nicht jazzfern gewesen sein. Gefallen musste selbst dem Skeptiker, dass die Band sich beim Konzertaufbau Gedanken gemacht hat. Moderate Stücke wechselten mit Up-tempo-Nummern und meditativem Flow. Die Arrangements waren variabel, man vermied die klassische Thema-Soli-Thema-Abfolge. Das Interessanteste aber: Die beiden „Front-Männer“, der polnische Geiger Adam Baldych und der italienische Akkordeonist Luciano Biondini schufen zusammen mit der Rhythmusgruppe zwei Arten von Hörerlebnissen.
Zum einen konnte man bei den ruhig meditativen Stücken in aller Ruhe abtauchen in die Musik. Man schuf Raum fürs Hinein-und Hinterherhören, Platz für Bilder zu den Tönen. Michel Bonita, der gern einen dunklen Bass spielt, hatte zusammen mit seinem Rhythmuskollegen, Philippe Garcia, nur mit den Händen akzentuierend, hohen Anteil an diesem Transparenzzuwachs. Aber auch Baldych verlor die Ruhe nicht bei seinem durchgängigen Pizzicatospiel, und Biondini tat das seine mit schönem Legato. In der Tat: Es öffnete sich „The Room of Imagination“.
Völlig konträr dazu dann die Hochgeschwindigkeits- Balkan-Jazz-Nummern. Wunderbare 5/4-Variationen, die einen sicherlich noch des Nachts im Traume heimsuchten, so intensiv wurden sie formuliert. Und erinnerlich auch deshalb, weil sie auf den Wettkampf Biondini-Baldych hinausliefen. Wer ist schneller? Wer spielt vertracktere Läufe? Wer hat rhythmisch komplexere Ideen? Ein Spiel gegeneinander und dann miteinander. Man kann das Zirkusnummer nennen – aber ist Virtuosität nicht auch etwas Bewundernswertes? Vor allem, wenn sie nicht leer läuft und den Musikern selbst Spaß macht!
Ein anderer Grund dafür, dass dieser Auftritt von vielen aus herausragend bewertet wurde, liegt sicherlich aber auch am Beziehungsreichtum der Musik dieses Quartetts. Mal leuchtet so etwas wie irische Fiddlemusik auf, dann erklingt die Melancholie des französischen Akkordeons. Wilde Tänze Südost-Europas werden zitiert, und – war da nicht etwas Fernöstliches? Wurden nicht Töne bluesig gebendet? Es gab Identifizierbares, das dann Abstraktionsprozessen unterzogen wurde. Auch das macht Spaß beim Zuhören.
Eine Einschränkung muss aber abschließend gemacht werden, wobei unklar ist, wer der Adressat der Kritik ist. Die hohen Töne auf der Geige und dem Knopfakkordeon waren streckenweise nicht auseinander zu halten, so dass verwaschene Sounds entstanden. Entweder gehen sich die Solisten da aus dem Weg oder aber der Soundmeister muss differenzierter mischen. Das trübte aber die Freude des Publikums an diesem Quartet nicht nennenswert.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Yuri Honing Acoustic Quartet”

Durchkreuzte Hörgewohnheiten
Das Yuri Honing Acoustic Quartet zu Gast im Lindenhof

Was denn Jazz sei, das hat Yuri Honing noch nie so recht interessiert. Konventionen? Wofür? Für wen? Interessant ist für ihn, was das musikalische Material an Spielräumen bietet. Ob Blondie, Bowie, Goldfrapp, Franz Schubert, Traditional oder sonst was. Das interessiert nicht. Spannend ist für ihn, was man daraus machen kann.
Dieser tabulose, entspannte Umgang mit allen musikalischen Quellen – ist das etwas, was Niederländer uns voraushaben? Lichtenberg fragte einst, in welch anderem Land als Deutschland ein Kind lernte, vor dem Naseputzen zuerst die Nase zu rümpfen?! Kann man ja mal drüber nachdenken.
Yuri Honing also am Freitagabend zu Gast in Braunschweigs Lindenhof (Wie lange noch diese Spielstätte?). Hochkarätige Mitspieler: Wie immer Joost Lijbaart an den Rhythmus-Geräusch-Geräten, der ECM-geadelte Pianist Wolfert Brederode und der isländische Bassist Gulli Gudmundsson.
Nun, Honings letzte Acoustic-CD „True“ enthielt eher sehr melancholisches, vom Tempo moderates Material. So, als seien „Yuri’s wild years“ over. Aber so einfach ist der Mann nicht gestrickt. Auf eindrucksvolle Weise zeigte er mit seinen Mitspielern, wie man Jazz-Konventionen aufnimmt und bricht. Nicht revolutionär, ohne erhobenen Zeigefinger.
Schon im ersten Stück „Paperbag“ wurde das Konzept deutlich. Einfache, klar strukturierte Einstiege, in die Honings Tenor-Sax sich zunächst mit langen, abfallenden Tonfolgen einpasst. Der melancholische Grundgestus wird dann aber innerhalb kürzester Zeit aufgehoben und geht in ein Crescendo über, das auf eine eigenartige Weise Gesamtwerk, aber auch Individualstimme ist. So jäh, wie der Ausbruch erfolgt, findet man wieder zurück zur Anfangsstimmung. Das übliche Thema-Solo-Thema-Muster wird ignoriert.
Das ist nicht neu, so wenig, wie es neu ist, dass die Rollenzuweisung an die Instrumente verändert ist. Aufregend ist aber, wie die Rollen ausgefüllt werden. Und da ist Joost Lijbaart ein wahres Phänomen. Was er in „Black is the Colour…“ – aber nicht nur da – aus seinem Schlagzeug und Perkussionsensemble herausholte, ist sprachlich schwer zu fassen. Es rumpelte, klopfte, klatschte, klingelte, zischelte, wirbelte, dröhnte, knallte vor sich hin, dass es eine Freude war. Unterschwellig hielt er natürlich den Beat, aber das war nicht die originäre Aufgabe. Wenn der „Chef“ sich im Milton Nascimento-Stück „Miracle of the fishes“ vor ihm nahezu provozierend aufbaute und mit immer längeren Chorussen auf ihn einblies, dann konterte Lijbaart auf gleicher Ebene. No retreat, no surrender, sondern eine ganz eigene Produktion unterschiedlichster komplexer Geräusche.
Gegen alle Hörererwartungen allerdings verkündete Honing schon nach gut 30 Minuten das Ende des ersten Sets. Da war wohl die Uhr defekt. Aber der Neustart dann sollte alles wieder gerade rücken. „Play the vamp!“, ein Stück in drei Sätzen, startete mit reinem Wohlklang von Piano und Bass, um sich dann in heftige, nahezu punkige Ausbrüche zu steigern. Parker‘sche und Coltrane’sche Spielkultur blitzten bei Honing auf, aber auch der klare, reine Klang eines Garbarek konnte einem in den Sinn kommen. Auch fein: Traditionslinien leuchteten auf und verschwanden wieder, kein Kult.
Und aus dem ganzen Gebrodel heraus reduzierte der „Chef“ das Spiel plötzlich auf eine minimalistische Repetition eines Licks. Unterbrochen von langen Pausen. Absicht oder ein fehlender Übergang beim Improvisieren? Nichts Genaues weiß man nicht. Honing musste jedenfalls laut lachen, bevor er wieder forcierte und die Band tonale und rhythmische Zentren ignorierte.
„True“ auch beeindruckend. Ein einfacher Beat. Beerdigungsmarsch oder etwas an Ravels „Bolero“ Erinnerndes? Drums und Bass rhythmisch unisono, dann aber auseinander driftend, sich entfernend, echoartig. Brederode am Piano unterlegt das Sax-Solo mit reduzierten Tonfolgen. Alles sehr transparent, unaufgeregt, viel Raum fürs Zuhören. Die Entdeckung der Langsamkeit, wenn man so will. Man hört und überlegt zugleich. Was will man mehr?
Ein eindrucksvolles Konzert, ein begeistertes Publikum. Es hätten nur mehr sein sollen.
Ein Postskriptum: Wie schon beim letzten Konzert der Initiative Jazz-BS hat auch diesmal ein Gönner einen beachtlichen Betrag zur Förderung der Jazz-Live-Musik gespendet. Beeindruckendes Bürgerengagement. Hut ab!

Klaus Gohlke

Kritik zu “Rémi Panossian Trio feat. Nicole Johänntgen & Nicolas Gardel”

Es gibt Wichtigeres als die reine Lehre
Alternativ: Liebe auf den ersten Ton
Dem Rémi-Panossian-Trio fliegen die Herzen der Jazzfreunde zu

Ein Dejà vu? Ja und nein. Schon einmal, vor ziemlich genau einem Jahr spielte das Rémi-Panossian-Trio im Braunschweiger Lindenhof modernen Jazz. Auch diesmal wieder um zwei Bläser verstärkt: einem Trompeter, diesmal neu: Nicolas Gardel, und einer Sopran- und Tenorsaxofonistin, wie damals Nicole Johänntgen. Wiederum völlig ausverkauft, Liebe auf den ersten Ton oder so.

Was ist es, was die Braunschweiger Jazzfreunde so fasziniert? Na klar, das erstklassige Pianotrio. Das allein hätte schon einen guten Jazzabend geliefert. Zum Beispiel „Shikiori“: Ein Lehrstück im Umgang mit der Tonstärke. Eben Explosivität, dann in Sekundenschnelle ein Runterfahren auf Pianissimo. Komplexe Rhythmen, perfektes Zusammenspiel, elegant zwischen den Polen größtmöglicher Nähe und Vereinzelung sich bewegend. Rémi Panossians Pianoarbeit: selbstvergessenes Abtauchen in ostinate Klangfiguren mit der linken Hand, die rechtshändig von minimalen Verschiebungen unterlaufen werden. Leichtfingrige Bassbegleitung von Maxime Delporte, die aber so heftig werden kann, dass der Saalboden zum Resonanzkörper wird. Und am Schlagzeug Frédéric Petitprez, mal brutal grade den Rhythmus hackend, später mit dem Geigenbogen das Schlagwerk streichelnd.

Wozu dann die Bläser? Andere Klangfarben natürlich. Aber vor allem eine Art Antriebsaggregat aufgrund der enormen Spielfreude. Und man tut sicherlich niemandem Unrecht, wenn man Nicole Johänntgen als den Turbo der Band bezeichnet. Sehr extrovertiert, emotional, publikumszugewandt, gewann sie wiederum die Ohren und Herzen der Jazzfreunde. Wann hat man schon ein Jazzkonzert erlebt, bei dem Anfeuerungsrufe, Kommentare und heftigere Körperreaktionen während des gesamten Konzerts zu erleben waren?

Gut, dem Puristen mögen manche Stücke harmonisch unterkomplex erschienen sein. Auch zu Melodisches ruft Abwehrreflexe hervor. Die alte Frage: Ist das nicht Kitsch? Wie zur Beruhigung spielte man aber zwei Klassiker. „Byebye Blackbird“ und „In a sentimental mood“. Standards, ja, aber State of the Art!

Es war ein Powerplay, bei dem man sich mitunter wünschte, dass das Miles-Davis-Diktum, weniger Töne seien viel mehr, Beachtung gefunden hätte. Aber, die Leute sind noch jung und bestimmt wird alles gut.

„Wenn ihr diese Truppe wieder hier her bringt, dann sind wir Sponsor!“, so die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz zu den Organisatoren der Initiative Jazz-BS vor einem Jahr. Ein anderer Gönner überwies 1000 Euro. Wunderbar. Viel wichtiger als die reine Le(e)(h)re.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Yoko Tawada / Aki Takase – Jazz und Lyrik”

Mandarinen müssen noch heute Abend geraubt werden!
Yoko Tawada und Aki Takase vergnügen mit ihrem literarisch-musikalischen Programm

Dichterlesung mit Klavierbegleitung in der Bartholomäuskirche zu Braunschweig! Weder Fisch noch Fleisch? Schön, die beiden Vortragenden sind schon lange in Deutschland lebende hochdekorierte Künstlerinnen aus Japan. Yoko Tawada, die Poetin, kann wohl kaum noch die Ehrungen zählen, die sie für ihr Werke erhalten hat. Aber kann eine Japanerin denn so richtig deutsche Literatur? Aki Takase, die Pianistin, ist eine der renommiertesten Jazzpianistinnen, auch preisbehängt. Aber – soll die nicht so eine Free-Jazzerin sein?

„A-aaa-an–anna- anana-ananas-bananas-banana!” So begann es. Wechselte dann zu „Mango“ und zu „Orange“, von da zur „Zitrone“, dann dem Land, in dem diese blühen und von da aus zu „sauer“ und dem „Vater, der sauer ist“, und dann weg ist und was macht man mit dem fehlenden Vater und der Säure in einem? Eine Assoziationskette, die vom Erwartbaren zum Unerwarteten springt, vom Witzigen zum Abgründigen. Dazu kein Kaffehausplingpling im Hintergrund, sondern eine eigenwillige Begleitung des Textes. Mal harte Akzente, dann den Satzrhythmus unterstreichende Passagen, Romantizismen. Alles nicht beliebig, sondern notiert.
Eine eigenartige Geschichte dann, in der ein Kind eine Stadt erschafft. Durchsetzt mit Bibelanspielungen, kindlicher Bildlichkeit und Perspektive und eindrücklichen Metaphern, etwa der „Bibliothek der Gebärmutter“, der das Kind seine Pläne entnimmt. Wortspiele, die keine Kinderspiele mehr sind.
Paradox-Witziges zur Frage, warum die Japaner so gern deutschen Baumkuchen essen, nicht aber Lakritz, Gummibärchen oder Marzipan. Es sind die Vokale. Japanische Menschen mögen die dunklen Vokale, vor allem das „Aaa“ und „Ooo“. Nicht aber das „Iiiiii“!
Nein, keine staubtrockene, bedeutungsschwangere Dichtung, sondern mitunter recht Witziges. Vertauschung von Bedeutungsebenen, Arbeit auf der Klangebene der Sprachen. Ein wenig Dadaistisches mit gemeinsamem Handclapping. Dann eine Performance mit 10 Tage alten Brötchen, die wunderbar rhythmisch auf einer Gemüseraspel zerrieben wurden, einem japanischem Text, in den verfremdend immer wieder englischsprachige Wörter montiert sind und einer Klavierbegleitung dazu, die die tiefen Register derart bedrohlich anschwellen ließ, dass dem Flügel wohl Hören und Sehen verging.
Zwischendurch möchte man immer „Halt!“ rufen, weil die Wahrnehmung in die Krise getrieben wird. Wohin soll man hören? Satzfetzen bleiben hängen, wie „Mandarinen müssen noch heute Abend geraubt werden!“ und gleichzeitig eine wunderbar leichte an Bach erinnernde Art von Choralbegleitung.
Überhaupt: Takases Klaviersoloblöcke! Eine Wanderung durch das „Real Book“ der Jazzer. Hier ein Harlem Stride, dann klassisch-bluesig, Ellington-Artiges, Ragtime, war da nicht etwas Monk, etwas Harmolodisches? Anspielungen, die gleichsam auf die Spitze getrieben wurden, um schon bei der nächsten zu landen. Ein schier enzyklopädisches Musikwissen deutete sich an, dem man kaum folgen konnte.

„Drei Köche“ – das Braunschweiger Raabe –Haus, die „galerie-auf-Zeit“ BS und die Initiative Jazz-BS verdarben nicht den Brei, im Gegenteil: ein begeistertes Publikum klatschte nach Mehr.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Renaud Garcia-Fons – Linea del Sur”

Die andere Rezension*
Das Renaud García-Fons – Quartett spielt im LOT-Theater zu Braunschweig.

„Meine Musik ist nicht politisch. Es gibt keine Botschaften, nein. Sie soll die Menschen erfreuen, für ein paar Stunden aus allem heraus reißen!“, so der französische Ausnahme-Bassist mit spanischen Wurzeln Renaud Garcia-Fons am Samstagabend in einem Gespräch nach seinem Konzert im Braunschweiger LOT-Theater.
Ja, was sollte auch politisch sein an „La Linea del Sur“ – der Straße des Südens? Ein hochkomplexes Gebräu aus vielerlei Musikstilen: Flamenco, maghrebinische Klänge, lateinamerikanische Rhythmen, europäische Folklore, französische Musette Neuve, unterschwellig Jazz, und ist da nicht auch vertrackter Balkanrhythmus zu hören? Kann man das überhaupt sauber voneinander trennen?

Oder: nehmen wir García-Fonds Bass-Solo-Intro: Zunächst arabische Klänge: als sänge der Muezzin vom Minarett. Diese charakteristische lineare Einstimmigkeit und die ganz eigene Intervallstruktur, dazu eine starke Rhythmisierung. Dann plötzlich ein Bruch. Waren das nicht Zitate aus J.S. Bachs Präludium des 1. Cello-Konzerts sein? Schon wieder ein Wechsel: Garcia-Fons spielt Rasgueado-Attacken des Flamenco aus seinem Fünfsaiter. Welche Griff- und Anschlagstechnik! Egal, ob der Mann seinen Bass con arco, pizzicato oder spiccato spielt – alles hat Sinn und Verstand, und man sagt zu Recht, dass er einer der besten Bassspieler der Welt sei.

„Das sind z.B. Straßen von Spanien über den Iran nach Buenos Aires. Das sind natürlich gedachte Straßen. Das sind musikalische Straßen, ein Traumland, das in einer Vielzahl musikalischer Wurzeln begründet ist, von einer Liebe für Lieder, Melodien, die aus den Tiefen der Seele aufsteigen.“

Und so hört man z.B. vom Akkordeonisten David Venitucci in der Reminiszenz an den Marseiller Bahnhof Saint Charles Melodien, die sofort nach Frankreich versetzen. Zart, dann kraftvoll, schließlich rhythmisch den Boden bereitend für den singenden Bass. Walzer werden durchsetzt mit nordafrikanischen Rhythmen, die Perkussionist Pascal Rollando mit relativ wenig Equipment nicht nur in den Soloparts eindrucksvoll dynamisch differenziert ausbreitet. Und dann noch die Flamenco-Griff- und Anschlagsakrobatik eines Kiko Ruiz an der Gitarre. Eindrucksvoll die rasend schnellen, rhythmisch verzwickten Unisono-Läufe der Band, die so hervorragend eingespielt ist, dass nicht einmal schriftlich Notiertes gebraucht wurde.

Ja, da war schon viel Spielfreude, –witz und-Erfahrung zu erkennen, etwa wenn in „Nada“ die Dämonie eines Riffs bis zum letzten ausgekostet wurde. Ein sicherer Aufbau der Stücke auch: oft eine kurze melodische Grundlegung durch den Bass, dann eine Art Vergewisserung der rhythmischen Basis aller Musiker, gefolgt von Mono- und Dialogen der Instrumente.

Was also sollte da denn politisch sein? Die Frage war trotz alledem berechtigt, denn Garcia-Fons gab an, dass er zu dieser „Linea“ inspiriert worden sei durch Fotos des spanischen Fotografen Javier Arcenillas. Und wer die Bilder dieses preisüberhäuften Fotografen kennt, bekommt Schwierigkeiten unpolitisch zu denken. Es sind Bilder, die selbst im Netz oftmals eingeschwärzt sind, weil so brutal real. Den Mann treibt ein humanitäres Anliegen, die Wahrung der Menschenwürde.
García-Fons wehrt im Gespräch ab. Er wolle eine andere Welt zeigen, wisse eigentlich auch nicht so recht vom „schlimmen Realismus“ seines Foto-Kollegen.

Die Musik spricht freilich eine andere Sprache. Es ist ja nicht eine fröhliche Touri-Stimmung, die da aufgebaut wird. Es ist eben nicht so, wie Tobias Littert in Laut.de rezensiert, dass „unweigerlich (…) der Hörer die Sonne auf seiner Haut [spürt] – (…) den herrlichen Geruch des Meeres [atmet].“ Ja natürlich, es gibt die schönen Melodien in den Kompositionen. Kraft, Stolz, Mut schwingen mit, aber vor allem und unüberhörbar eine tiefe Melancholie.

García-Fons hat Arcenillas‘ Bilder zweifelsohne genau betrachtet, sie werden ihn tief im Inneren berührt haben, wie er auch selbst bestätigt. Die eigene Geschichte mit ihren vielfältigen Verquickungen rückte ins Blickfeld und ließ ihn eine tiefsinnige, gleichwohl vergnügliche Musik schreiben. Selbstverständlich: kein Agit-Prop.

Der Mittelmeer-Raum, den Spanien einst so dominierte – ist er jetzt nicht einer der politisch brisantesten Regionen? Insofern die Musik hier auf ihre indirekte Weise anspielt, ist sie eben auch politisch. Wenn ein Stück „El Aqua De La Vida“ heißt, ist das denn nur der Wunsch nach sauberem Wasser oder nicht auch ein dezenter Hinweis darauf, dass das Mittelmeerwasser sich dank Frontex ganz anders darbietet?

Was immer man in der Musik an Bedeutungsebenen finden mag, sie beeindruckte alle im ausverkauften Haus. Drei Zugaben trotzte ein im Vergleich zu anderen Jazzkonzerten wesentlich jüngeres Publikum den Musikern ab. Jazz-BS hatte ein glückliches Händchen.

Klaus Gohlke

*) Es gibt zwei Rezensionen. Die eine ist die, die ich für die Braunschweiger Zeitung schrieb. Sie unterliegt den Presse-Regeln.
Daneben gibt es eben die andere Rezension, eine freiere Fassung mit auch anderen Schwerpunktsetzungen.

Kritik zu “Antonello Salis / Gianluca Petrella – Duo”

Dada im Lindenhof
Das Duo Antonello Salis/ Gianluca Petrella spielt herben Jazz im Lindenhof

Samstagabend: Dauerschnee vertrübt das Braunschweiger Land. Kein Frühling in Sicht, die Seele ist verschnupft. „Was tun?“ fragt sich der Jazzfreund. Die Initiative Jazz-Braunschweig lockt mit dem Duo Antonello Salis, Akkordeon und Piano, sowie Gianluca Petrella an der Posaune in den Lindenhof.
Akkordeon, die gesellige Orgel für unterwegs! Das lässt Folkig-Melodiöses erwarten. Feinharmonisches am Klavier. Da wird die Posaune doch wohl nicht in die Rolle des Mauernstürzers von Jericho verfallen? Schon der Anblick des Tastenmannes lässt den Winter vergessen. Ein hagerer, wettergegerbter, sonnengebräunter Mann im luftigen T-Shirt, weißer Schlabberhose und Kopftuch in Piratenmanier geknotet, fast 63 Jahre alt. Sein Kompagnon ist 25 Jahre jünger. Hager, schlaksig, quergestreiftes Shirt. .Bei der Figur kein Problem. Ja, alles wird gut.
Dann das Intro: vielleicht etwas italienisch-temperamentvoll? Schiefe Zirkusfanfare mit deftigem Tastentaumel! Doch dann bricht es herein über die Trostbedürftigen. Ein wilder Marsch durch alle Stilrichtungen des Jazz. Ragtimefetzen, Boogie-Woogie-Wogen, New Orleans Second Line, Swing, Balladeskes aus dem American Songbook, hier ein Tango, da etwas Filmmusik. Kurze Erholungsphasen dazwischen. Petrella knutscht sein Posaunenmundstück, dass man auf leicht abwegige Gedanken kommt. Tonfolgen, die an Geplapper erinnern, Pianoattacken als Kommentar.
Dazwischen heftige Schläge mit der flachen Hand ins Klavierinnere. Posaunenausbrüche, die mal nach Elefantenaufschrei, mal sehr unanständig klingen. Dann wieder nur Saugeräusche mit und ohne Mundstück. Die Töne des Pianos sind oft verwaschen. Salis präpariert sein Klavier nämlich immer wieder mit Metallringen, Untersetzern, Papier, Holzschlägern, was zu sehr perkussiven Klängen führt. Plötzlicher Handtrommeleinsatz und eine Tastenbearbeitung mit ganzer Pranke oder den Unterarmen, die Jerry Lee Lewis hätten erbleichen lassen. Alles unablässig kommentiert von Petrellas Posaune, mal abgeschwächt, mal alles noch überbietend. Dada im Lindenhof oder was?
Kleine Verschnaufpausen dann, wenn Salis zum Akkordeon greift. Melodischer, weniger drastisch in der Dynamik, Gesang, der an Salis sardische Herkunft erinnert, aber auch nicht ohne Schockakkorde. „Glaubt nur nicht, dass ihr es euch bequem machen könnt!“, ist die Devise.
Und doch hatte alles Methode. Auf geheimnisvolle Weise finden die beiden Musiker aus den freejazzartigen Passagen immer wieder zurück zu einer gemeinsamen Sprache. Repetitive Phasen ließen deutlich Struktur erkennen, Melodien tauchen immer wieder auf, wenn auch nur kurz angedeutet, sogar verblüffende Unisono-Passagen. Hohe Konzentration bei den Musikern, ebenso beim Publikum. Denn – und auch das überrascht – es gibt keine Ansage zu irgendwelchen Songtiteln. Suitenartig geht es eine knappe Stunde durch die Musikstile.
Thematisch vielleicht noch klarer erkennbar im zweiten Teil des Konzertes. Motto: „Wie dekonstruiert man den Blues?“ Insgesamt ein Teufelsgebräu. Erstaunlich, was ein Klavier so alles aushält
Zugegeben: das Konzert zeigt im zweiten Teil auch gewisse Längen, gerade in den Akkordeonteilen. Man muss allerdings einräumen, dass es kaum möglich ist, über zwei Stunden eine derart hohe Spannung zu halten. Rein physisch bewegen sich die Beiden am Rande des Durchhaltbaren.
Und die Trostsuchenden? Kaum jemand verließ den Saal, trotz des Powerplays. Es war anstrengend zuweilen, die Ohren hatten schwer zu tun. Aber das Ausreizen der dynamischen Möglichkeiten bis an die Schmerzgrenze, der Parforceritt durch die Genres faszinierte. Viel Beifall am Ende.
Schneefall auch nach dem Konzert. Alles etwas gedämpft draußen. Unangemessen das Wetter auch weiterhin. Die Musik machte das noch deutlicher.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Rémi Panossian Trio feat. Frederik Köster & Nicole Johänntgen”

Tolles Gebläse oder Hier spielt die Musik

Das Rémi Panossian Trio spielt mit Nicole Johänntgen und Frederik Köster zeitgenössischen Jazz

Das Konzert ausverkauft. Warum eigentlich? Ein mäßig erfrischender Beginn. Das Rémi Panossian Trio aus Frankreich schien nicht mehr als ein derzeit weit verbreitetes Klaviertrio abgeben zu wollen. Eine nette geradtaktige Tonfolge des Chefs am Piano, Maxime Delporte am Bass unterstützt die Grundtöne, liefert auch mal eine nette Überleitung, Schlagzeuger Frédéric Petitprez raschelt und klappert an seinen Geräten. Durchaus gefällige Melodien – aber zu wenig, um abzulenken vom nasskalten Braunschweiger Februarabend.

Dann aber das Unerwartete! Das Trio erweitert sich um die Saxofonistin Nicole Johänntgen und den Trompeter Frederik Köster. Man könnte das fast eine Reveille nennen, was die beiden da urplötzlich zu Beginn der Komposition „Flying leaves“ loslassen. Gefolgt von völlig verschliffenen Altsax-Tönen und schier überbordenden Tonkaskaden Kösters, die in fehlerlos-komplexe Unisono-Passagen der beiden Bläser übergehen.

Der Zaubertrank des Miraculix für das Klaviertrio! Mal das solide Fundament für die Ausflüge der Solisten, dann aber sich emanzipierend, liefert es einen mühelosen Stilmix, ohne sich dabei im nebulösen Crossover zu verlieren.

Auffällig war zum einen, dass die jungen Jazzer keinerlei Scheu hatten, sich Melodien hinzugeben und auch den Wohlklang mitunter direkt zu suchen. Und das weiß auch das Publikum zu schätzen. Jazz als reiner Geist ist nicht sehr angesagt – lieber mehr „Body and Soul“.

Die andere Auffälligkeit ist der unverkrampfte Umgang mit musikalischen Genres. Mal Blues-Uptempo, elegante Swingpassagen, dann ruppiger Punk-Jazz. An New-Orleans- Marching-Bands erinnernde Elemente, eine Prise Hardbop. Und dann Panossian in einem bewegenden Piano-Solo-Part, der – wunderbar rhythmisiert – an Keith Jarretts Lausanne-Solo zu erinnern vermochte. Beeindruckend Kösters sich der Mehrstimmigkeit bedienenden Trompetenspiels. Albert Mangelsdorf machte die Gleichzeitigkeit von Anblasen und Singen mit der Posaune bekannt. Auf der Trompete noch etwas schwieriger, weil hier in höhere Tonlagen gegangen werden muss.

All das locker miteinander verknüpft, technisch brillant vorgetragen und sehr publikumszugewandt kommentiert. Das I-Tüpfelchen dann noch, dass man Humor bewies. Rückgriffe auf Edelsüß-Poppiges wurden so inbrünstig vorgetragen, dass platte Einfühlung nicht möglich wurde, gleichwohl aber der Wohlklang im Ohr blieb.

Warum immer der krampfhafte Blick über den großen Teich, wenn es um Jazz geht? Hier spielte die Musik aufs Schönste. Das Konzert ausverkauft! Völlig klar! Absolut kompetentes und begeistertes Publikum.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Rita Marcotulli European Leaders”

Besser geht nicht

Rita Marcotullis „European Leaders“ zelebrierten zeitgenössischen Jazz im LOT-Theater zu Braunschweig

Gehört sich das? Ein Weihnachtsgeschenk vor der Bescherung am Heiligen Abend zu bestaunen und zu genießen? Nein, natürlich nicht. Aber keine Regel ohne Ausnahme, es gibt Zwangslagen, da geht es eben nicht anders. Man kann natürlich auch einfach sagen, dass das Geschenk mit Weihnachten nichts zu tun habe. Dann wäre man aus dem Schneider, dem sprichwörtlichen. Aber – so einfach wollen wir uns das nicht machen.
Was Rita Marcutulli und ihre Mitstreiter am Freitagabend dem Publikum im ausverkauften Haus boten, war europäischer Jazz auf höchstem Niveau. Von der ersten bis zur letzten Sekunde durchlebte man die musikalische Spannbreite von inniger Intimität und heftiger Offenheit, von enormer Dichte und lockerer Entspannung, von harter Abstraktion und ungebrochener Melodik, von formaler Disziplin und völliger Losgelöstheit, von Tonalität und deren Aufhebung.
Fünf Spitzenmusiker, aber keine angestrengte Leistungsschau. Die Stücke entwickelten sich vielmehr gewissermaßen in Kleist‘scher Manier als allmähliche Verfertigung der Komposition beim Spielen. Natürlich weiß jeder, dass das im Konzert – Improvisation hin oder her – nicht der Fall ist. Wenn aber im Intro aus wabernden, ungerichteten Klängen Marilyn Mazur auf den Trommeln dem Ganzen plötzlich eine klare rhythmische Struktur unterlegt, der Rita Marcotulli am Piano und Synthesizer dann eine fein perlende Melodie hinzufügt, dann hat man als Zuhörer den Eindruck, bei einem musikalischen Schöpfungsvorgang zugegen zu sein.
Überhaupt hat die Musik oft einen stark bildhaften Charakter. Wenn Anders Jormin im Solo von „La Strada invisibile“ seinem Bass in tiefster Ruhe lange schwebende, elektronisch verfremdete Klänge entlockt, entstehen Bilder im Kopf, die nicht genau zu verorten sind. Stehe ich am Nordkap und höre die Seevögel segelnd rufen oder sind das meditative Töne, die aus Arabien stammen oder aber aus Asien? Elemente eines Tanzes in „Hen Ho“, an der Gitarre kraftvoll eingeleitet von Nguyen Lê, ein Mann der alle Spieltechniken und die dazu passenden elektronischen Bearbeitungen stupend beherrscht. Dann wird man in „Simple“ von der Percussions-Schamanin Marilyn Mazur nach Indien entführt, wunderbar unterstützt von wahren Tonkaskaden des Saxophonisten Andy Sheppard. Verblüffend immer wieder die melodischen Ostinati von Kontrabass und Klavier oder aber von Sopransaxophon und Gitarre. Hier muss keiner dem anderen etwas beweisen, alles fließt.
Doch, das war schon ein Weihnachtsgeschenk, dass die Initiative Jazz-Braunschweig den Jazzfreunden der Region vorzeitig gemacht hat. Das muss auch der Redakteur von „Deutschland Kultur“ geahnt haben. Das Konzert wurde komplett aufgezeichnet und wird am 2. Januar 2013 um 20.03 Uhr gesendet.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “Cholet / Känzig / Papaux-Trio”

Zwischen Alpenblues und Wiegenlied

Die Initiative Jazz-BS eröffnet mit dem Cholet-Känzig-Papaux-Trio die neue Konzertsaison

Wer will hier wen reinlegen? Marcel Papaux‘ Blick geht von unten her schräg nach oben in Richtung des Pianisten Jean-Christophe Cholet. Ein feines, schelmisches Lächeln umspielt den Mund des Schlagzeugers und plötzlich bohren sich knallend-harte 4/4 – Beats in die Klangkaskaden, die der Tastenmann scheinbar entrückt kreiert. Eine gewisse Zerrissenheit beim Zuhörer. Wohin soll er sich wenden? Aber schon wechselt der Schlagzeuger in einen ternären Rhythmus, der beruhigender wirkt. Nur – was hilft das, da nunmehr der Pianist heftig auf jede halbe Note einen Akkord setzt? Dazwischen Heiri Känzig, der Kontra-Bassist, der Vermittler zwischen Harmonie und Rhythmus. Das ist aber nicht kompromisslerisch zu verstehen. Er ist ein Impressionist mit eigenen Harmoniewegen und gewagten Kadenzen. Ein Mann, der gewissermaßen Ordnung schafft und neue Horizonte eröffnet. Programmtisch der Titel des Stückes: „Contre sens“.

Für den Zuhörer nicht immer ganz einfach, aber gleichviel stets hochspannend, dieses Zusammenspiel, das sich dem Kontrast verschrieben hat. Hörerwartungen zu unterlaufen, neue Horizonte zu eröffnen, das ist die Absicht des Trios, das nunmehr seit zehn Jahren zusammenarbeitet.

Und so wird man in „Because of Schumann“ von Cholet in die Welt der romantischen Klaviermusik gelockt, um dann im weiteren Verlauf des Stückes die Dekonstruktion der Melodie mitzuerleben, bis sie am Ende neu zusammen gesetzt wieder aufscheint. In „Triplettes“ malen die Musiker auf je ganz eigene, aber intensiv aufeinander bezogene Weise wunderbare Klangflächen. Jedoch – immer wieder durch Breaks unterbrochen, wird das eine Art Fahrstuhlfahrt, bei der auf jeder Etage ein Stop erfolgt, um immer höher hinaus zu gelangen. Dann wieder nahezu elegische Töne: eine Ode für den langjährigen Weggefährten Charlie Mariano.
Ein „Swiss Blues“ wird angekündigt. Das bedeutet im Intro eine vom Bassisten im Flageolett gestrichene Alphorn-Naturtonreihe, ein eigenartig verspieltes Geklapper am Schlagwerk – vom Blues eigentlich keine Spur. Dann legt man los und es steht einem alle Tonwelt offen, sich über die Schweiz Gedanken zu machen: Lawinensturz, Almromantik, entgleisende Dorffeste…

In Schubladen lässt sich diese Musik nicht zwängen, jeder Musiker lässt dem anderen viel Raum, das zu verhindern. Zum Abschluss eine Berceuse und viel Beifall im Braunschweiger Lindenhof. Ein guter Start in die Jazz-Saison 2012/13.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “For Free Hands”

Gegen Fußball ist kaum ein Kraut gewachsen

Die Berliner Band „For Free Hand“s spielt Balkan-Jazz

Eins ist schon mal klar! Wer da glaubt, dass Jazzfans gewissermaßen von Natur aus nie auch Fußballfans sein können, der irrt sich. Anders jedenfalls ist der deutlich schwächere Besuch des letzten Konzertes der Initiative Jazz Braunschweig vor der Sommerpause nicht zu erklären. Zu spekulativ? Nun, wenn selbst das A-Trane in Berlin, ein bisschen so etwas wie das Village Vanguard in New York, wegen der EM für drei Wochen schließt, kann kein Zweifel mehr bestehen.
An FFH, der multinational besetzten und in Berlin ansässigen Jazzband, kann es jedenfalls nicht gelegen haben. FFH? For Free Hands. Ein programmatischer Name? Etwa uneingeschränkte Freiheit des musikalischen Ausdrucks? Die musikalische Fassung des „automatischen Schreibens“ der Symbolisten? Aus dem tiefen Inneren direkt in die Hand oder den Mund? Mit dem Resultat des Chaos, weil Widerspruch in sich? Oder Hinweis auf den ungehemmt freien Rückgriff auf Jazztraditionen und musikalische Formen?
Nun, die Musik bringt es an den Tag. Z.B. Perpetuum 5. Langsamer Beginn, zunehmendes Tempo. Sehr schnelle Akkordwechsel, auf jeden Vierteltakt, wenn nicht gar auf die Achtel. Riecht nach Bebop. Das Gitarren-Solo: Eher modaler Jazz. In bester John Scofield-Manier werden flüssige Melodieläufe und rasante Akkordwechsel verschmolzen. Dann aber wieder sehr freie Passagen. Und während man gedanklich mit der Einordnung beschäftigt ist, zerhackt der griechische Schlagzeuger Dimitris Christides den Rhythmus mal sehr grob-rockig, um ebenso schnell subtile Beckensounds einzustreuen. Überhaupt die Metren. „Magic Friday“ mit 13/16; „East-Side-Story“ wechselt dauernd von 11/8 zu 4/4. Aber wie werden die Rhythmen unterteilt! Das wird ja nicht einfach gerade herunter gespielt!
Hat man gerade richtig zurecht gezählt, wird man aus der Kurve getragen von wunderbaren Melodien und Verzierungen Karparovs am Sopransaxofon in „Wizard Cube“. Hochkomplexer Balkan-Folk oder World-Jazz, wie man will. Karparov – ein Balkan-Coltrane! Zum Glück hat man einen Ruhepol und Klanggrundierer im kanadischen Bassisten Scott White, der die Strukturen der Stücke schön herausarbeitet. Sehr schön auch die wunderbaren Dialoge nicht nur zwischen Gitarre und Saxofon, was ja naheliegt, sondern zwischen Gitarre und Bass oder zwischen Tenorsaxofon und Schlagzeug.
„Sie sind von der Zeitung? Schreiben Sie: Ich bin sehr glücklich, heute hier bei FFH gewesen zu sein!‘“ Gemacht., weil absolut keine Einzelmeinung.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “Mo’Blow”

Jazz geht auch anders
Die Berliner Jazz-Funk-Band Mo’Blow spielt tanzbaren Jazz

„Ja, den Düwel ook, watt war denn dütt?“ Gerade wird in den Groß-Feuilletons Land auf, Land ab dem deutschen Jazz Bedeutungslosigkeit attestiert. Er sei die Musik eines immer älteren Publikums, überhaupt: völlig verbürgerlichte, ritualisierte Sesselmusik. Zwischen den Polen „blonder Schmuse-Jazz“ und „hermetische Hirnigkeit“ taumelnd. Die revolutionären Angriffe auf die Hörgewohnheiten seien abgesunken zum kulturellen Erbe. Man brauche alternde US-Stars um Konzertsäle zu füllen. Also: Jazz-Deutschland ist tote Hose.
Ja, und dann taucht am Freitagabend die junge Berliner Jazz-Funk-Truppe Mo’Blow im Braunschweiger Lindenhof auf und straft die Diagnose Lügen. Ein Publikum, das am Konzertende den Musikern stehend applaudiert! Ein sichtbar höherer Anteil jüngerer Konzertbesucher! Musiker, die sich so gut angenommen fühlten, dass sie mehr als die obligate Zugabe spielten! Und dann, völliger Wahnwitz! Einige, eher jüngere Leute tanzten gar. Wäre das Gestühl nicht im Wege gewesen, wer weiß, wer noch alles zu den knackigen Rhythmen die Knochen geschüttelt hätte. Schließlich: selbst harte Traditionalisten merkten – Jazz geht auch anders.
Schon die Art des Auftretens der Band war erfrischend. Abwechselnde, verständliche und auch witzige Anmerkungen zu den Stücken. Das Solo-Spiel wird mal wörtlich genommen: alle anderen Musiker verlassen den Saal. Auch karikierende Showeinlagen und nicht zuletzt ungekünstelte Freude über die gute Resonanz beim Publikum wirken auflockernd. All das aber wäre nun nichts ohne die Musik.
Mo’Blows musikalisches Zentrum ist der Rhythmus, das Funkige, der Groove. Aber sie sind eben nicht nur eine „heiße Funkband“. Wohl spielte Matti Klein an seinem Fender-Rhodes-Piano und keinem anderen Tastenteil mit der rechten Hand oft repetitiv die typischen Floskeln. Natürlich war die Slaptechnik des Bassisten Tobias Fleischer mitunter dominant. Selbstverständlich röhrte Saxofonist und Frontmann Felix F. Falk oft perkussiv. Und Schlagzeuger André Seidel arbeitete sehr synkopierend am Schlagzeug. Das würde aber schnell langweilig, käme nicht etwas Wesentliches zu diesen Funk-Elementen hinzu, nämlich das Jazzige. Gemeint ist damit das Unvorhersehbare, das Durchbrechen des Schematischen vor allem in den Improvisationsphasen, wenn die Band schier abhob. Ob man dazu nun noch ein Didgeridoo braucht oder diverse Perkussionsteile, sei dahingestellt. Auch der Loop-Gebrauch des Bassisten müsste befragt werden: bringt er mehr Tiefe oder ganz neue Aspekte?
Mo’Blow ist ein echter Live-Act, für wahr. Tote Hose Jazz? Man ist so tot, wie man sich fühlt.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “Wanja Slavin Lotus Eaters”

Odysseus lässt grüßen

Die Wanja Slavin Lotus Eaters erzeugen musikalische Energieströme

Man vergisst die Heimkehr, isst man vom Lotus, dem süßen. Das sagt uns Odysseus, listreich und ruhlos. Und es braucht Gewalt, wieder zurück zu finden. Weg von der Droge, zurück zu der Heimat.
Die Wanja Slavin Lotus Eaters waren am Freitagabend zu Gast im Lindenhof zu Braunschweig. Eine drogenumnebelte Modern-Jazz-Kapelle?
Der Eindruck stellte sich höchstens dem ein, der Jazzmusik ohnehin als abnorme musikalische Äußerung betrachtet. Schon auf den ersten Blick musste auffallen, dass die Musiker sich höchst organisiert-rational verhielten. Man hatte Notenblätter vor sich liegen, man zählte richtig an. Man kommunizierte während des Spielens nonverbal. Alles hatte einen Anfang und ein Ende.
Gleichwohl war das Konzert getragen von einem hohen musikalisch-emotionalen Energiestrom, den aufzubauen und zu regulieren, Ziel allen Spielens war. Insofern hat der Chef der Gruppe, der Altsaxofonist Wanja Slavin, schon Recht, wenn er im Gespräch sagte, dass die Kompositionen doch recht einfach seien. Mit einem Augenzwinkern freilich. Einfach insofern, als die Konstruktionsprinzipien der Stücke gut erkennbar wurden. Es waren gewissermaßen Module, die auf unterschiedliche Weise gekoppelt wurden. Eine einfache Tonfolge, vom Saxofonisten vorgegeben, wird vom Pianisten Rainer Böhm aufgegriffen und in Akkordfolgen übersetzt, Bass und Schlagzeug geben ordentlich Druck hinein und auf dieser Plattform beginnt ein rasendes Sax-Solo. Dem folgt eine heftige Abkühlungsphase, in deren Zentrum eine ausdrucksstarke Bassimprovisation von Andreas Lang steht. Dann wieder ein Powerschub durchs Piano, unterstützt oder durchbrochen von Schlagzeugsalven des Drummers Tobias Backhaus.
Genauso gut konnte das Schlagzeug das Intro liefern: feinziselig-esoterische Geräuscherzeugung mit Glöckchen, Zimbeln, Beckenkuppen, Fellschrapen, was dann in einen straffen Rhythmus überführt wurde. Auf der Basis entwickelte sich ein immer stärker werdender Tonstrom, der in eine Art wilden freien Improvisierens überleitete, aus dem immer wieder ein Instrument sich emporschwang. Ja: Lotus ließ grüßen!
So war es nur folgerichtig, dass die Titel der Stücke beliebig waren: Hippie1 und 2, Ohne Titel, Rock. Es ging ja nicht um Melodieentwicklung oder Harmoniegesetze. Nur einmal, fast am Ende des Konzertes, fühlte man sich urplötzlich um Jahre zurückversetzt, als die Lotus Eaters die Ellington Nummer „Isfahan“ spielten. Ein freundlich-ironischer Gruß aus dem „Damals war’s!“ der Melodieverliebtheit.
Ein tolles Publikum, sagte Slavin später. Stimmt. Es folgte dem Konzert mit hoher Anspannung und erkannte, bei nur geringem Drogeneinsatz, die Umsetzung von Emotionen in komplexe musikalische Sprache.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “John Abercrombie & Marc Copland”

Viel abstraktes Gebirg

Das Duo John Abercrombie und Marc Copland spaltet das Publikum

Zeitgeist war das nicht, was John Abercrombie an der Gitarre und Marc Copland am Piano beim Jazzkonzert am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig vorstellten! Fünf Stücke pro Set, jedes um die zehn Minuten lang. Die Instrumente nur schwach verstärkt. Die Gitarre, eine Semi – Akustik, fast ohne Effekte. Kompositionen mit hochkomplexer Struktur. Dazu erkennbar der Wille, Klischees des Duo-Zusammenspiels, das permanente Wechselspiel etwa von Solo- und Begleitphasen, zu vermeiden. Eine ungemein intensive Kommunikation der beiden Musiker, die auf der anderen Seite ein ebenso hochkonzentriertes Zuhören abforderte. Zudem zwei Männer, die nichts mehr beweisen müssen, was ihr Können betrifft. Erfahrungsgesättigt, was Spieltechnik, Harmonik, Melodik, Rhythmik, Metrik und Traditionen betrifft. Man war gewissermaßen zurück geworfen auf Musik pur. Nicht ohne Herz, absolut nicht, aber gewaltig hirnig. Kammermusikalischer Jazz oder Neue Musik? Die Schubladen klemmen.

Ein Jazz-Konzert, das den Veranstalter, die Intiative Jazz Braunschweig eigentlich glücklich stimmen durfte, denn es war schon im Vorverkauf ausverkauft. Doch – wie passt das zusammen? Einerseits die anspruchsvoll-abstrakte Musik und der große Publikumszuspruch? Es sind einmal die großen Namen. Jazz – Champions – League eben. Ohne Marc Copland weh tun zu wollen: es zog vor allem wohl der Name Abercrombie. Ein Mann des Jazz – Gitarren- Olymps. Zum anderen eben die Tatsache, dass mal wieder ein Gitarrist konzertierte, zudem im Duo. Mal nicht die ewigen Klaviertrios.
Es sei aber nicht verschwiegen, dass die dargebotene musikalische Kost nicht allen schmecken wollte. Das Publikum war gespalten. Schon in der Pause Absetzbewegungen, dann noch einmal am Ende des zweiten Sets vor der Zugabe. Das lag nicht nur an gewissen Unkonzentriertheiten und Unzufriedenheiten Abercrombies mit sich selbst oder mit der Technik vielleicht. Nein, man konnte sich ja kaum genug wundern, mit welcher Leichtigkeit dieser Gitarrist die Saiten behandelt. Dass das Niederdrücken von Saiten eine physische Komponente besitzt, ließ Abercrombie vergessen. Es schien, als tupfte er nur Flageoletts. . Marc Copland zauberte seine schwebenden, offenen Klänge. Eine schier überbordende Fülle von Ideen und Anspielungen. Das beeindruckte , aber offenbar nicht vollends.

Nur einmal, beim letzten Stück, dem Standard „Someday my prince will come“ sprang der Funke über. Hier wurde deutlich, was etlichen Besuchern fehlte. Eine schöne Melodie, die immer wieder erkennbar auftaucht. Dazwischen mag noch so viel abstraktes Gebirge sich auftürmen – ein Wohlklang, etwas Erinnerbares, eine gewisse Wärme ist gerade bei kammermusikalischem Jazz nötig, um das Publikum zu konzentriertem Hören zu verführen.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “Ramón Valle Trio”

Karibischer Sonnenaufgang im Lindenhof

Das Ramón Valle – Trio spielt inspirierenden Hybrid-Jazz

Das freut doch des Menschen Herz, wenn das, was drauf steht, auch wirklich drin ist. Gleich, ob nun bei Kochschinken, Pizzakäse oder, nun ja, auch Jazzmusik. Ramón Valle ist ein kubanischer Jazzpianist, also war kubanische Jazzmusik zu erwarten im sehr gut besuchten braunschweigischen Lindenhof am spätherbstlichen Freitagabend.

Das Konzert beginnt mit dem Klavier-Intro, allerdings eher klassisch impressionistisch, teils auch romantisierend. Exzellenter Anschlag, schöne Akkordverbindungen. Nur kubanisch? Fehlanzeige. Der Bassist, Omar Rodriguez Calvo (Kubaner), beginnt eine mörderische ostinate Figur, ein echter Vamp. Über zehn Minuten saugt er einen förmlich in den Song. Der Schlagzeuger, Owen Hart jr. (Amerikaner), legt ein Snare -Dauergeprassel darunter. Man fühlt sich an den Bolero erinnert, den berühmten. Bolero? Aha, eventuell kubanisch. Nur, leider ein 5/4 – Takt. Also kein Bolero? Aber der Akzent liegt eindeutig auf der 1, ein Downbeat also. Der Bass immer kurz davor, tonal tief unten, dann sich nach oben schraubend, um wieder schwer von vorn zu beginnen. Ah ja, doch kubanisch? Eine Son-Anspielung vielleicht? Nur, das Piano hat doch damit nun gar nichts zu tun. Das erinnert ja eher an Keith Jarrett –Improvisationen mit vielen blauen Noten und Arabesken in den höheren Lagen, abgelöst von sparsamen Akkordtupfern. Dann beginnt der Schlagzeuger eine Ruhephase zu nutzen, um gegen die vielen Klaviertöne mit noch mehr Schlagzeugnoten zu Felde zu ziehen. In der Mitte zwischen den Antagonisten stoisch Calvo, der Bassmann.

Wie ist das nun mit drauf und drin? Ein erneuter Blick auf einen erweiterten musikalischen Beipackzettel der Initiative Jazz-Braunschweig. Valle habe, so heißt es da sinngemäß, kubanische Wurzeln, aber diese seien nicht Basis seiner Kompositionen. Aha, also ein Hybrid, modern gesprochen. Der Titel der Komposition ist: „Dilsberg morning light“. Eine musikalische Verarbeitung eines Sonnenaufganges. Dilsberg liegt übrigens in der Nähe von Heidelberg, nicht auf Kuba.

Damit ist Valles Arbeitsprinzip umrissen. Ob innerhalb eines Stückes oder im Gesamtablauf des Konzertes: man ist einem permanenten Wechselbad ausgesetzt. Wunderbare Melodien entstehen, die anschließend wieder zerlegt werden („Fabio“). Romantische Themen stellt das Trio nahezu liebevoll vor, um sie wenig später mit der gleichen Sorgfalt abzuwürgen („Free at last“). Oder umgekehrt: Sehr abstrakt beginnend, nahezu freejazzig, dann die Versöhnung („Levitando“). Das aber ist nichts, was kalte Hirnlastigkeit ausstrahlt. Nein, am Ende des ersten Sets verführt Valle das Publikum dazu, gefühlig zum Song „Cinco hermanas“, die „Fünf Schwestern“, refrainartig mitzusingen. Das muss man sich mal vorstellen! Der Saal singt! Beim Jazzkonzert!

Eine gute Grundlage für das zweite Set, das nun wirklich unüberhörbar kubanisch inspiriert mit der fulminaten Zugabe „Baila Harold, baila“ endet.. Obwohl nur ein Trio: hier wird Musik gekocht, eine Art Guajira-Son, und für Minuten verwandelt sich der Saal in eine Dancehall der Zuckerinsel. Drauf und drin? Egal, weil wunderbar unkubanisch-kubanische Jazzmusik.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “Monty Alexander”

Ein gemeiner Pianist? Unveröffentlicht

Monty Alexander brennt ein musikalisches Feuerwerk ab

Da sitzt er, Monty Alexander, der große, kleine, nunmehr 67jährige amerikanische Pianist aus Jamaica. Am Freitagabend in der im Umbau befindlichen Halle der Landesparkasse Braunschweig in der Dankwardstraße. Sitzt an seinem Instrument, schlägt mit der Hand Zwischentakte in die Luft, rückt auf seinem Klavierschemel näher an die rechte Seite des Flügels. Als suchte er hier noch Näheres zu entdecken, als müsste er sich auch rein räumlich näher orientieren. Spitzt, man müsste sagen: pizzicatoartig, nur eben nicht gezupft, sondern gestochen, höchste Einzeltöne heraus, um dann wiederum in gehämmerte flächige Akkordblöcke und schließlich einem Tremolo in den untersten Tonlagen des Instruments sich auszubreiten, so alle Klangmöglichkeiten, alle dynamischen Abstufungen eines Songs heraus lockend. Grummelt das Piano oder das Schlagzeug oder der Bass?
Er dirigiert seine Mitspieler, den niederländischen Schlagzeuger Frits Landesbergen und Lorin Cohen, Akustik-Bassist aus den USA. . Und hindurch geht es durch alle möglichen Jazz-Stilarten. Mal Calypso, mal Blues, mal Swing, mal europäische Melodik, dann wiederum Bossanova-, Tangoandeutungen. Ganz gleich, ob Ballade oder Up-Tempo-Nummer; gleich ob Straight-Ahead-Jazz-Standard oder Eigenkompositionen. Ob Nahezu-Gassenhauer, wie „Day-O; Banana Boat Song“ (schön gesungen auch) oder Bob Marleys „No Woman No Cry“- Alexander ließ keinen Bruch entstehen zwischen Jazztraditionen und der Musik seiner Heimat, die diesmal etwas weniger direkt zum Zuge kam. Welch unglaubliche Modulationen, kann man Akkordübergänge noch trickreicher gestalten? In der Tat: Oscar Peterson hätte seine Freude gehabt, auch an den fast theatralisch anmutenden Abschlüssen der Stücke: Gospelhaftes, immer wieder hinausgezögertes Crescendo.
Das zündete schon zu Beginn des ersten Sets. Aber, das sei nicht nur so daher gesagt, es zündete, weil das Trio so wunderbar zusammenwirkte. Landesbergen zeigte am Schlagzeug nicht nur bei der Verwendung der Beckensounds, was ein Meister am Schlagwerk ist. Lorin Cohen wusste sich gegen das pianistische Feuerwerk nachhaltig durchzusetzen, indem er das Tempo reduzierte, die Klavierläufe konterkarierte. Nur hätte sein Bass gerade in den schnellen Passagen wie „Sweet Georgia Brown“ etwas fetter rüberkommen sollen. Aber – war es nicht fast ein wenig gemein, dieses Stück in einem derartigen Höllentempo anzugehen? Wollte Monty Alexander den Mitspielern zeigen, was eine Harke ist?

Er forderte die Zuhörer auf, mitzuklatschen, mitzusingen. Es hätte nicht viel gefehlt und man hätte hier, wie schon anderswo bei seinen Konzerten, getanzt, wären da nicht die geordneten Stuhlreihen gewesen.
Man redet oft von „Standing Ovations“. Am Freitagabend standen die Besucher wirklich und erwiesen den Musikern Respekt und Begeisterung.

Wermutstropfen: Warum geht der Veranstalter, die Initiative Jazz Braunschweig so lieblos mit der eigenen Veranstaltung um? Ein graphisch banales Plakat, was die Farbgestaltung, die Raumaufteilung für Textteile und die Typographie betrifft! Ein Homepage-Text , der etwas von einem „gemütlich durch die Jazzlande schnaufenden ‚Harlem-Kingston-Express’“ schwadroniert. Von „Jazztrio-Häppchen“, ein bisschen Cannabis-Geruch (Herr Gott, was soll das denn?), einem „Koch im rostigen Speisewagen, der Reggae-Musik“ erklingen lässt! Gibt es denn keine Peinlichkeitsgrenzen mehr bei den Verantwortlichen? Und dann eine kurzfristige Änderung der Bass- und Schlagzeugbesetzung, die dem Publikum nicht vorab mitgeteilt wird? Keinerlei Respekt vor den Musikern und dem Publikum? Fragen, die eine Antwort verdienten.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “Jean-Christophe Cholet – TIMES Creation 2010”

Einfach umwerfend

Vier Musiker aus Paris zeigen, wo die Harke liegt.

Zu Beginn sah das ja alles recht gemütlich aus. Die Band TIMES Creation 2010 betritt die Bühne, der „Chef“, Pianist Jean-Christophe Cholet, legt seine Unterarme auf dem Flügelrand ab, blickt interessiert, leicht amüsiert seine Mitspieler an. Der Posaunist, Geoffroy De Masure, greift zum Instrument und lässt eher suchend einige Töne erklingen. „Aha“, denkt man. „Erstes Stück, Aufwärmphase!“
Das war kaum zu Ende gedacht, da war es aus mit der Beschaulichkeit. Es brach nahezu los. Des Klaviermenschen Arme waren längst angelegt, der Körper eigenartig seitwärts gedreht. Die Finger berühren die Tasten kurz und heftig, als stünden sie unter Strom. Der Bassist, Linley Marthe, lässt ohne Ende Töne brodeln. Der Schlagzeuger, Chander Sardjoe, setzt harte Akzente, wirbelt urplötzlich über die Felle, um dann die Becken leise zischeln zu lassen. Possible Part Nr. 1 wurde entfaltet. Das Fortissimo stürzt ins Pianissimo und zurück. Aufwärmphase? Mitnichten. Nach 10 Minuten endet das erste Stück. Das Publikum applaudiert nicht nur heftig, nein, lautstarke Bravos schon jetzt. Wann hat man das schon?
Wer nun meinte, dass nach dem Powerstück Besinnlich-Balladeskes folgen sollte, sah sich positiv enttäuscht. Kompositionen und Improvisationen folgten vielmehr anderen Mustern. Innerhalb der Stücke wechselte die Dynamik beständig. Oder aber es lief ab, wie in „Chandarpa“. Man saß gewissermaßen in einer musikalischen Achterbahn. Das Tempo wechselte permanent: Mal rasend, dann sich verzögernd. So auch das Metrum, die Stimmen der Instrumente. Präzise Breaks schufen einen spannungsreichen Rhythmus.
Das erste Set endete mit einer Bearbeitung des Police-Stückes „Message in the bottle“, das nicht nur Witz und Sangeskunst andeutete, sondern zusätzlich eine Art Showdown lieferte: Speed-Bassist gegen Speed-Drummer.
Überhaupt die Soli: Linley Marthe zeigte, warum er zu den weltbesten E-Bassisten gehört. Geschicktes Voicing mit dem Wah- und Oktav-Pedal war noch das Geringste. Vor allem die Anschlagstechnik, der Wechsel vom Einzelsaiten- zum Akkordspiel und die nahezu unbegreifliche Geschwindigkeit des Spiels auf den dicken Saiten machten sprachlos.
Warum der Schlagzeuger eigens die Snaredrum abnehmen ließ wurde schnell klar: Mit ihr setzte er unglaubliche polymetrische Akzente, die permanent den Grundbeat aufbrachen.
Und dann war da noch der Antreiber der Gruppe. Nein, nicht der Leader J.Ch. Cholet, sondern der Posaunist Geoffroy De Masure. Wie schafft man mit diesem Posaunenmundstück so ein Staccato an Tönen? Wie gelingt der Wechsel von Powerplay zum lyrischen Spiel mit dem gestopften Instrument? Wie gelingt die Konzentration auf mikrotonale Feinheiten? Und dann eben noch Cholet, der Chef im Hintergrund: Setzte er sonst rhythmische Akzente, farbige Tontupfer, Zurückhaltung durch und durch, verwandelte er sich in den Solopartien. Kraftvoller Anschlag, rhythmische Differenzierung, eine ungemeine Geschwindigkeit und tonale Kreativität.
Und Witz hatte die Truppe auch noch: Die Bearbeitung des Hancock-Stückes „Actual Proof“ wurde plötzlich in die „Pata Pata“ –Melodie überführt, diese dann wieder zum Michael Jackson – Tune. Freude nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Musikern, denen man den Spaß ansah.
Aber: warum war das Konzert in den Räumen der Braunschweigschen Landessparkasse so relativ schlecht besucht? Weil es nicht die ganz großen Namen des Jazz waren? Name, so weiß man doch, ist oft Schall und Rauch. Gleichviel: Wer nicht dabei war, verpasste das beste Konzert, das die Initiative Jazz-Braunschweig in der Saison 2010-2011 anbot.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Bruno Böhmer Camacho Trio”

Latin oder nicht Latin – das war die Frage!

Kolumbianischer Modern Jazz auf Abwegen

Muss, wo Latin Jazz drauf steht, auch Latin Jazz drin sein? Nein, nicht zwingend, wie man am Freitagabend beim Modern-Jazz-Konzert im Lindenhof zu Braunschweig merken konnte. Angesagt war „Original Latin Jazz aus Deutschland“, so die Ankündigung der Initiative Jazz-BS. Das meinte: Drei U-30er kolumbianischer Herkunft, seit mehr als 10 Jahren in Deutschland lebend, tourerprobt, diverse Awards, der übliche Berkley-Hinweis und die fälligen Reputationslisten. Ein Klaviertrio übrigens.
Heiße Rhythmen in kühler Jahreszeit, Ausblicke auf Sonne, Strand, Tanz auf dem Vulkan? Weit gefehlt. Das Bruno Böhmer Camacho-Trio schien es sich vorgenommen zu haben, alle diese Erwartungen zu zerstören. Zu Gehör gebracht wurde Melancholisch-Verträumtes, etwas Melodramatik, feinsinniges Aufeinandereingehen. Balladenhaftes, auch mit Gesang. Nur – wo war der Latin Jazz? War das nicht, trotz gelegentlicher, den Wohlklang unterbrechender Improvisationsphasen, nicht eher anspruchsvolle Popmusik? Pop-Jazz oder Jazz-Pop?
Das fünfte (!) von sechs Stücken des ersten Sets dann eine Art Programmmusik. „Aschewolke“, geschrieben anlässlich des letztjährigen Vulkanausbruchs auf Island. Deshalb auch plötzlich Explosives vom Schlagzeug, bedrohlich Brodelndes am Bass, grelles Staccato beim Piano. Auf einmal ereignete sich etwas musikalisch. Das Publikum war spürbar erleichtert angesichts der längeren vulkanoösen Chaos-Improvisation. Endlich war er da, der Rhythmus!
Vollends versöhnend dann der Abschluss des ersten Sets, eine Bearbeitung von Stings „Fragile“. Die Melodielinie tauchte immer wieder auf, wurde dann aber nach allen Regeln lateinamerikanischer Rhythmik wundervoll zerhackt und akkordmäßig aufgesplittet. Hier trieb der Pianist und Bandleader Bruno Böhmer Camacho seinen Bassisten Juan Camillo Villa musikalisch vor sich her. Der nahm seinerseits die Vorgaben auf und gemeinsam setzten sie dann den hervorragend aufgelegten Schlagzeuger Rodrigo Villalón unter Druck, der aber nicht nur reagierte, sondern Gegendruck aufbaute. Die Band besaß also Virtuosität, Temperament, kraftvolles Interplay. Begeisterungsausbrüche beim Publikum. Da war er dann doch, Latin-Jazz vom Feinsten.
Nach der Pause dann ein ausbalancierteres Repertoire. Wunderbar leichte Karibik-Sounds in den Erinnerungen an den Großvater, die modernes Jazz-Schlagzeugspiel in Perfektion zeigten. Das Metrum wird als musikalische Richtschnur variabel und damit Teil eines größeren musikalischen Zusammenhangs.
Höhepunkt aber war die Neuinterpretation des Standards „Caravan“, den meisten wohl als Ellington-Nummer bekannt. Immer wieder einmal wurde das Stück in Latin Jazz – Gewänder gehüllt. An diesen Abend wurde es zu einem Stück, das in die Knochen ging, wie man nicht nur am heftigen Schulterreißen des Pianisten zu den Schlagzeug-Synkopen bemerken konnte. Faszinierend wurde die geläufige Melodie rhythmisch und tonal aufgebrochen, mühelos in swingende Passagen ein- und ausgeführt. Dass Böhmer Camacho nebenher auch ein charmant-witziger Erzähler sein kann, zeigten seine Erläuterungen zum Latin-Blues „Hortensia“. Heftiger Beifall.
Es muss nicht immer Latin Jazz drin sein, auch wenn es drauf steht. Wesentlicher ist, dass das Trio sich auf seine Stärken besinnt, und das heißt: Nicht kurzlebig-gefälliger Schmusejazz, sondern das Bohren dicker Jazz-Bretter.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Colina / Miralta / Sambeat Trio”

Hey, Mr. Bassman

Schon mal was von Jazz aus Spanien gehört? Taucht nicht auf in der Jazz-Landkarte. Wetten? Und dann kommen drei Herren daher und zeigen, wo die Jazz-Harke auch noch liegen kann. Ja, in Spanien nämlich. Erfreulicherweise schreckte der relative Bekanntheitsmangel des Colina-Miralta-Sambeat-Trios das Braunschweiger Publikum nicht ab. Nahezu ausverkauft war das Modern Jazz Konzert der Initiative Jazz Braunschweig am Freitagabend im Lindenhof.
Die Neugier wurde belohnt. Geboten wurde ein kurzweiliger Jazz-Spaziergang. Mal wurde ein Standard groovemäßig aufgefrischt ( Cole Porters „Love for sale“), mal ein Klassiker von Thelonious Monk Cha-Cha-Cha-artig verfremdet. Mal tauchte eine kubanische Melodie auf, dann ging es nach Afrika. Der 30er-Jahre Musical-Song „You and the night and the music“ erhielt ein Flamenco-Gewand. Eine südafrikanische Hymne wurde zum Jazz-Instrumental. Mal Elegie, mal Up Tempo-Nummer. Nein, Langeweile war nicht angesagt.
Allein die Tatsache, dass da ein Trio ohne ein Melodieinstrument antrat, konnte schon neugierig machen. Denn: Was passiert, wenn der Saxofonist Perico Sambeat die Melodie der wundervoll melancholischen Komposition „Verdad amarga“ vorgestellt und improvisatorisch bearbeitet hat?
Bass und Schlagzeug müssen dann zeigen, dass auch sie in der Lage sind, melodisch in Erscheinung zu treten, nicht die eher dienende Begleiterrolle zu spielen. Schlagzeuger Marc Miralta gelang beides: Feinfühliges Spielen nur mit den Händen oder mit dem Besen ließ die Melodie aufscheinen, dann wiederum durchbrach er mit einem wahren Off-Beat-Gewitter rhythmische Grundmuster. Dass er über Mikros abgenommen wurde, war allerdings überflüssig bis störend. In den dynamisch zurückgenommenen Passagen des Konzertes konnte man auch die leiseste Beckenarbeit vernehmen, und wenn die Post abging, hatte der Mann reichlich Power in den Sticks.
Mann des Abends aber war, ohne damit die Leistung der Mitspieler schmälern zu wollen, der Bassist Javier Colina. Es geschieht ja nicht so oft, dass ein Musiker das Publikum ausnahmslos in seinen Bann zieht. Und das auch noch bei einem Stück, das für Jazzer eher ein gefährliches Terrain darstellt, nämlich bei der Bearbeitung von Miriam Makebas Welthit „Pata Pata“. Wie leicht kann man an der Melodie kleben bleiben oder aber sich absichtsvoll zu weit entfernen.
Colina spielte mal Legato, dann wieder in scharfer Einzeltonsetzung. Immer in Opposition zum Saxofonisten, mal die Melodie, mal den Rhythmus herausstellend. Als er gar dann in seinem Solo ausgedehnt Akkorde auf seinem Kontrabass spielte, war es totenstill im Saal. Das war nicht nur Bewunderung des handwerklichen Könnens, nein, das war Ergriffenheit von der Schönheit der Musik, die sein Spielen da aufscheinen ließ.
Kammermusikalischer Jazz feiner Art. Spanien – auch ein Jazz-Land.

Klaus Gohlke

Kritik zu “SNOW OWL TRIO – THE ART OF CONTRABASS GUITAR”

Hochfliegende Schneeeulen

Bassisten haben es nicht immer einfach. Schon rein optisch ist das mitunter bemerkbar. Man denke nur an den armen alten Bill Wyman von den Rolling Stones. Immer stand er am Rande, eher hinten, fast im Halbdunkel. Auch im Jazz ist das Bassisten-Leben hart. Schon das Instrument: unförmig und flugzeuguntauglich. Nur vier Saiten sind zu bespielen! Dann aber die grundsätzlichen Einwände: der Bass bestimme zu sehr das tonale Zentrum. Konsequenz: Verbannung und Ersetzung z.B. durch die Bassklarinette. Oder, wenn es ums Klaviertrio geht: Der Bass sei nicht so durchsetzungsfähig gegenüber dem Melodie- und Akkordinstrument Klavier. Auch hier: Verbannung.
Der kolumbianische Bassist Juan Gárcia-Herreroes, a.k.a. Snowowl, wählte einen eigenen Weg, diesen Problemen aus dem Weg zu gehen. Er legte sich einen sechssaitigen Bass zu, um so den Tonumfang gehörig zu erweitern. Mit seinem Snow Owl Trio präsentierte er am Freitagabend in den Räumen der Landessparkasse Braunschweig „The Art of Contrabass Guitar“. Es war übrigens das 20. Konzert, das die Initiative Jazz-BS und die Landessparkasse zusammen veranstalteten.
Um es vorab zu sagen: Das Konzert hätte mehr Zuhörer verdient, denn was die Musiker präsentierten, war schon vom Feinsten. Solo-Partiten, durchaus J.S. Bach-affin, satte Samba- Grooves, Blues-Variationen, offene Kompositionen.
Was man befürchten konnte, dass der Bass in seiner dominanten Rolle die Mitspieler zu bloßen Randfiguren degradieren werde, trat nicht ein. Der ebenfalls aus Kolumbien stammende Pianist, Hector Martignon, hatte genug Gelegenheit sich auszuzeichnen. Mal ganze Tonkaskaden dem Klavier entlockend, mal scharf reduziert die musikalische Substanz einer Komposition freilegend, war es vor allem aber seine rechte Hand, die in den hohen Lagen seines Instruments messerscharfe Akzente setzte. Das inspirierte ein ums andere Mal den jungen österreichischen Schlagzeuger, Valentin Schuster. Verblüffend, wie seine raffinierte Rhythmik sich Freiheiten herausnehmen konnte, ohne den Beat zu verleugnen. So gelang es dem Trio, mit einem Geflecht komplexer Harmonien und deutlicher Riffs ein musikalisches Fundament zu legen, das der Freiheit des modernen Jazz eine stimmige Form gab.
Natürlich könnte die dominante Rolle den Bassisten dazu verleiten, mitunter mehr Töne zu spielen, als nötig sind. Gárcia-Herreroes verzichtete aber weitestgehend auf l’art pour l’art-Ornamente. Gerade in den besinnlicheren Stücken („Goodnight resurrection“), bewies er eine sehr diszipliniert lyrische Spielweise.
Dass er es auch richtig krachen lassen kann, zeigte er mit dem „Blues für Krampus“. Ein Feuerwerk aller Bass-Spieltechniken und der gezielte Einsatz elektronischer Verfremdungen ließen ein lebendiges Bild jenes alpenländischen Knecht Rupprecht entstehen. Und für die Bassfreaks, die Sehnsucht nach dem satten Tiefton-Spiel hatten, griff der Kolumbianer in „Second choice“ auch mal zum traditionellen Viersaiter.
Ein schöner Jahresabschluss, der gespannt sein lässt auf das nächste Konzert Ende Januar 2011.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Karin Hammar Quartet”

Magische Momente

Durchdachter und kultivierter Jazz aus Schweden

Wirklich, es gibt im Musikleben Ereignisse, die kann man sich nur schwer erklären. Nämlich: Warum war das Konzert des Karin–Hammar-Quartets am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig so gut wie ausverkauft? Die Posaunistin ist kein „Top-Act“, wie man so sagt. Warum trotzdem? War der Grund etwa das Erstaunen, dass eine Frau die Posaune spielt und Bandchefin zugleich ist? Denn: Wie viele Posaunenspielerinnen gibt es überhaupt in der schönen, weiten Welt? War es der gute Ruf der schwedischen Jazzmusik, qualitativ Top zu sein, ohne dass man Ausbrüche ins schwer Hörbare befürchten muss? Erinnerungen vielleicht an schwedische Jazzer in Braunschweig, allen voran E.S.T. und Nils Landgren, dem Übervater der schwedischen Jazz-Posaune und Hammar-Förderin? Oder war es das Foto der Schwedin auf den kleinen Vorankündigungen?
Warum auch immer: die Initiative Jazz-BS war es zufrieden und die Zuhörerschaft ebenfalls.

Das Quartett präsentierte ein Jazz-Konzert, das die Vorzüge der improvisierten Musik mehr als einmal deutlich machte. Allerdings leuchteten am Horizont auch Gefahren dieses Zusammenspiels auf. Man erlag ihnen allerdings erfreulicherweise nicht.
Wunderbar war es stets, wenn die Band zu „grooven“ begann. Plötzlich lief alles zusammen, wie etwa im Stück „Mind Candy“. Bass, Schlagzeug und Klavier lieferten einen Hochgeschwindigkeits-Klangteppich, auf dem Karin Hammar Platz hatte, gegen die Tempovorgabe entspannte und wohl durchdachte solistische Ausflüge zu starten. Wunderbar diese satten „Bratz-Töne“ in den tiefen Lagen, wie sie nur die Posaune erzeugen kann. Und da hinein fängt mit einem Mal der überragende holländische Bassist Tony Overwater an, in sein Basspiel ein ums andere Mal minimale Abweichungen einzubauen, zuverlässig vom Schlagzeuger Anders Kjellberg assistiert. Es ist Zeit und Raum da, solche musikalischen Einfälle zu verfolgen. Der Sog der Musik zieht das Publikum spürbar in den Bann.
Das Gleiche gilt aber auch für das Ausloten rhythmischer Strukturen. Alle Variationsmöglichkeiten, die die lateinamerikanische Musik bietet, werden von den Musikern ausgeschöpft, um dann sanft in eine Art Folk-Jazz hinüber zu gleiten. Das ist beeindruckend unakademisch und erhellend. Es sind gewissermaßen magische Momente, die urplötzlich entstehen und produktiv genutzt werden. Besonders schön gelingt das in balladenartigen Stücken wie „Voicemail“ und „Stationary“, wo auf der Basis ostinater Figuren Möglichkeiten für solistische Exkurse geschaffen werden. Mammar ist kein Landgren-Aufguss. Auf ganz eigenständige Weise greift sie auf verschiedenste Genres zurück, etwa den Blues, auf Salsa, schwedische Weisen, lateinamerikanische Musik. Alles sehr durchdacht und kultiviert. Expressive Ausbrüche vermeidet die Band.
Wie Karin Hammar aber ihre Stücke aufführungspraktisch arrangiert, darin steckt eine große Gefahr. In jedem Stück erhält jeder Musiker Gelegenheit für einen Solopart. Das kann Längen produzieren. Nur sehr disziplinierte Musiker, die sich nicht zu Egotrips hinreißen lassen, können diese Untiefen vermeiden. Beispielhaft etwa der Pianist Adam Forkelid, der sich solistisch gern kontrastreich in den höheren Lagen tummelte, aber nie selbstverliebt sich verbreitete. Gleichwohl: eine andere Form des Interplay, weg von der Hierarchie von Solo und Begleitung zur Gleichzeitigkeit des improvisatorischen Spiels könnte mitunter einen höheren Grad an musikalischer Aussage schaffen.
Und noch etwas ließ das Publikum fast ergriffen zurück: der reine Wohlklang, wie ihn das Quartett mit der Zugabe, einer Instrumentalfassung des Stevie-Wonder-Hits „Overjoyed“, ablieferte. Auch das gehört zum modernen Jazz. Besänftigt-friedvoll trat man hinaus in die Herbstnacht. Was will man mehr?

Klaus Gohlke

Kritik zu “Yuri Honing „Wired Paradise“ – White Tiger Tour 2010”

Ordentlich was auf die Ohren

Das Paradies ist uns versperrt. Darüber wachen die Cherube. Dass nun aber auch das musikalische Paradies uns unzugänglich bleibe, dafür will der niederländische Saxofonist Yuri Honing mit seiner Electricband „Wired Paradise“ sorgen. Umzäunt, verdrahtet, verkabelt wird die schöne alte Welt des Jazz. Stille ist damit aber nicht gemeint, mitnichten. Was uns stattdessen erwartet, war beim ersten Konzert der Veranstaltungsserie 2010/11 der Initiative Jazz-BS am Wochenende im Lindenhof zu hören. Eine Art Fusion-Jazz, der furchtlos Rock, Pop, Jazz, Weltmusic und Electronica in sich vereinigt. Oder – wie Honing es im Gespräch formuliert – diese Welt „mit aller Schönheit und Scheußlichkeit, die uns umgibt“ repräsentiert.
Was überwog nun an diesem Abend: Schönheit oder Scheußlichkeit? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall spielte das Quintett das, was Jugendliche in den Metropolen wieder in die Clubs führt: die tanzbare Jazzmusik. Eine Musik, die sich – wie ihre Zuhörer – nicht um Genregrenzen schert, nicht um Stile. Die gute Unterhaltung sucht und nicht Ideologien zum Thema „Ist das noch Jazz?“
Tanzbarer, gegenwartsorientierter Jazz, das braucht klare Strukturen. Also durchlaufend eine leicht identifizierbare Rhythmik, keine Scheu vor eingängigen Melodien und gleichzeitig typische Ausdrucksmittel des Jazz. Deshalb hatten Bass und Schlagzeug wieder die traditionelle Aufgabe, fast ausschließlich das rhythmische Fundament zu legen, und zwar sehr rockorientiert. Basslinien, die Mark Haanstra nur minimal verschob und somit einen fast magischen Sog entwickelte, waren das eine. Das andere war der knochentrockene Beat des Schlagzeugers Joost Lijbaart, im Zentrum dabei das Spiel auf der Snaredrum. Gewehrschussartig in der Regel. Solistische Ausflüge waren insofern für beide Musiker nicht drin.
Getragen von diesem Groove konnte dann Honing mit seinem Tenorsaxofon, typisch im Eröffnungsstück „Zitelle“ aber auch in im späteren „Space oddity“, eine leicht singbare Melodie vortragen, die eingebettet wurde von Klangfeldern der beiden Gitarristen Stef van Es und Frank Möbus. Was folgte, war von Stück zu Stück sehr verschieden. In „Meet your demons“ wurde Jazz-Punk gefetzt, „CastorPollux“ wiederum kam im Freejazzgewand daher. Dann wieder gaben sich die Musiker beinahe ungebrochen rockpoppigen Melodien hin („Lost“).
So gab es für das Publikum ordentlich etwas auf die Ohren. Besonders im zweiten Set wurde die Musik zu einem auch physischen Erlebnis. Das hatte einerseits mit der spezifischen Holzfußbodenkonstruktion des Piccolotheaters zu tun, die durch den Basssound ins Vibrieren geriet. Vor allem aber war das zu viel Lautstärke für den kleinen Raum. Die musikalischen Feinheiten drohten bei den Powerstücken mitunter verloren zu gehen.
Für diese Musik mit Bodenhaftung hätte man sich einen größeren, vor allem jüngeren Zuhörerkreis gewünscht, machte die Band doch hinreichend deutlich, dass Jazzmusik nicht zwingend mit elitärer Hirnlastigkeit zu verbinden ist. Alles in allem ein viel versprechender Start in die neue Jazz-Saison.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Claudio Puntin Oktett”

Ist das erlaubt?

Ja, den Düwel ook, wie soll man diese Musik einordnen? Ist nicht diese Formation schon höchst bedenklich? Ein Oktett im Piccolo-Theater des Lindenhofs zu Braunschweig! Wie sollen sich da acht Musiker vor der Bühne platzieren, ohne sich gegenseitig beim Spiel zu behindern? Und: Man sehe sich nur an, was da für Instrumente zum Einsatz kommen! Was, bitte schön, haben in einer Jazzband ein Zischboard, ein Altflöte, eine Bass-, eine Kontrabassflöte zu suchen? Und was sind Toys, also Spielzeuge? Muss der Jazz nun die absurdeste Instrumentierung suchen, um interessant zu erscheinen? Wen hatten die Leute von der Initiative Jazz Braunschweig zum letzten Konzert vor der Sommerpause da eingeladen?

Der Konzertbeginn: War es Unterwassermusik, dem Namen der Band folgend: Claudio Puntins „Sepiasonic“? Oder eher Sphärengeräusche? Denn: Klänge waren das ja weniger. War es nicht etwas wie Alphorn, dann auch wie Bahnübergangswarnglocke? Wer machte da überhaupt welche Geräusche? Fast zehn Minuten eine Konzentrationsübung auf minimale Klangerzeugung, eine Übung in Sachen Entschleunigung. Dann eine weibliche Stimme. Mit einem Mal: es zischt, rockt, rollt, rattert, pling-plongt, bimmelt, megaphont und endet in einer Kakophonie. Beeindruckend und verwirrend zugleich.
Das nächste Stück nicht minder irritierend. Zarter elegischer Gesang, durchbrochen von heftigen Rhythmen, ein Break: es folgt ein dreistimmiger Flötensatz mit Liz Hurst an der Kontrabassflöte, Daniel Agi an der Bassflöte und Daniel Manrique-Smith an der Alt- und Piccoloflöte,was an klassische Musik erinnert. Dazwischen dann höchst waghalsige Unisonopartien von Claudio Puntins Klarinette und Insa Rudolphs Gesang. Ein Ton daneben wäre das Aus gewesen. Aber nichts da: absolut gekonnt. Man redet heutzutage sehr viel vom skandinavischen Frauenstimmwunder. Insa Rudolph kommt aus Göttingen, Deutschland und steht den Sängerinnen in nichts nach.
Dann wird man musikalisch nach Paris geführt, natürlich auf Umwegen. Die Klarinette ist hörbar nur über die Klappengeräusche, Jörg Brinkmann spielt diesmal ein gestrichenes Cello, Samuel Rohrer unterlegt das alles mit zarten perkussiven Mitteln, Flöten dahinter – alles etwas psychedelisch. Und aus diesem recht freien assoziativen Klangteppich heraus entwickelt sich eine wunderbar leichtfüßige Musik im Musette-Neuve-Stil. Und um die Sache vollends wundervoll zu machen, kommt die Stimme hinzu, zeitlich und akustisch durch den verfremdenden Klang des Megaphons in die Ferne gerückt.
Ein Nocturne wird angekündigt. Die erwarteten träumerisch-elegischen Klänge umschmeicheln die Zuhörer, jäh aber wird daraus ein heftig groovendes Stück, kräftiger Übergang vom ¾ in den 4/4 Rhythmus, sodass aus dem Traum eher der Alptraum erwächst: Poltergeister und Kobolde bestimmen die Atmosphäre. Schluss!Aus! mit der alten Nocturne-Vorstellung.
In der Programm-Musik „Mitternacht“ wird das Kompositions- und Arrangementsprinzip Claudio Puntins noch einmal recht deutlich. Die Geisterstundenatmosphäre wird durch Tonmalereien bis hin zu Käuzchenrufen sinnfällig. Dann schiebt Kim Efert auf seiner E-Gitarre – nicht brachial, aber immer bestimmender – schwere Gitarrenriffs dazwischen, die Klarinette ergänzt mit geradezu übersinnlichen Tonkaskaden. Eine unruhige Mitternacht. Das Stück endet mit einem berückenden ruhig atmenden Cello-und Bassklarinetten-Ostinato, dissonant umspielt vom dreistimmigen Flötensatz. Ruhe durchaus, aber nicht romantisch. Alle musikalischen Mittel werden kreativ ausgeschöpft, um ein differenziertes Stimmungsbild zu entwickeln.
Wie also soll man diese Musik einordnen? Ist das Jazz, ist das zeitgenössische Kammermusik? Nun, wen interessieren eigentlich die Schubladen? Das Publikum war auch ohne diese völlig zu Recht ungemein angetan.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Angelika Niescier Sublime III”

Fast beängstigend perfekt

Ein glückliches Händchen kann man der Initiative Jazz-Braunschweig nicht absprechen. Am Mittwoch zur Jazz-Echo-2010-Preisträgerin als beste Newcomerin des Jahres gekürt, spielte sie schon Freitagabend mit ihrem Quartett Sublim III im Lindenhof zu Braunschweig.: die Saxofonistin Angelika Niescier. Die Freude über den Preisgewinn war den Musikern anzumerken und sie legten auch mit dem ersten Stück „Bill“ gleich das von der Jury auserkorene Werk zur Begutachtung vor.
Niesciers Liveauftritte wurden in der Fachpresse mehrfach als „wild Thing“ beurteilt. Und in der Tat: Ein furioser Konzertbeginn! Zwei Dinge beeindruckten durchgängig: Zum einen die rasanten Unisono-Läufe, die die Musiker immer wieder zusammenführten, rhythmisch hoch komplex. Zum anderen dann Niesciers musikalische Ausbrüche. Da wurden Tonfolgen zusammengerafft und gewissermaßen gestapelt, die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments bis zu den Grenzen ausgelotet, vom ekstatischen Schrei bis zum kaum mehr hörbaren Hauch. Aber es war nicht allein die technische Seite des Spiels, die faszinierte. Ebenso beeindruckend war auch, wie das Quartett inhaltlich-musikalisch die Arrangements gestaltete. Mal reagierten Bassist Sebastian Räther, Schlagzeuger Christoph Hillmann und Pianist Florian Weber geradezu reduktionistisch auf die Ausbrüche der Bandleaderin. Dann wiederum verstärkten sie deren Powerplay. Eine erfahrene, sehr gut eingespielte Truppe.
Anders als Niesciers Saxofon-Vorbild John Coltrane, der ja in jungen Jahren oftmals nicht wusste, wie er seine legendären Sax-Läufe stoppen sollte, gelang ihr das tadellos. In der Ballade „Sirr“ etwa stand sie lange Zeit abseits und ließ so intimen Dialogen zwischen Piano und Bass gebührenden Raum.
Ende und Höhepunkt des ersten Sets war das Stück „Urban liquid time“ das freejazzartig die unterschwelligen Geräusche, die Parallelwelten der Großstadt thematisierte. Die ganze Kraft des Modern Jazz wurde hier demonstriert und führte folgerichtig, aber doch ungewöhnlich für diesen frühen Zeitpunkt, zu stehenden Ovationen.. So waren die Erwartungen fürs zweite Set hoch- und wurden jäh gebrochen.
Der Special Guest, der in Aachen lebende irakische Oud-Spieler Raed Khoshaba, eröffnete die dreiteilige Suite für die arabische Laute. Es war, als sollten all jene, die bislang das Harmonisch-Melodiöse vermisst hatten, getröstet werden. Bassist Sebastian Räther spielte über weite Strecken seinen Bass ostinat mit dem Bogen, hatte aber auch Gelegenheit seine solistischen Fähigkeiten zu entfalten. Drummer Christoph Hillmann übernahm mit großem Feingefühl die rhythmischen Strukturen und auch Pianist Florian Weber hatte mehr Raum sich intensiv und beeindruckend mit dem für europäische Ohren fremden Tonsystem auseinander zu setzen. Zwischendurch Niesciers Saxofon-Exkurse, wenngleich gezähmter als im ersten Teil. Und dass Khoshaba ein Meister seines Instruments ist, wurde nicht nur in seinen Solo-Parts deutlich. Das war musikalisch alles sehr gekonnt und verfehlte seine Wirkung nicht, wenngleich es auch Längen gab.
Nur: ob diese Konzert-Dramaturgie sinnvoll war, sei bezweifelt. Umgekehrt wäre ein Schuh draus geworden: Erst die Oud-Trilogie und dann im zweiten Set den Rest! So wäre der Gesamteindruck noch zwingender gewesen. Wenn Angelika Niescier dann auch noch eine klare und knappe Moderation zwischen den Stücken gelänge, dann wäre sie auf fast beängstigende Weise perfekt. Gleichviel: Das Publikum war zu Recht begeistert und feierte die Musiker.
Schade übrigens, dass dieses Konzert nicht in den Gesamtrahmen der City-Jazz-Night integriert wurde.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Makiko Hirabayashi-Trio”

Beglückende Momente

Ach nein, nicht schon wieder! Das vierte Mal in direkter Folge präsentiert die Initiative Jazz-BS dem Braunschweiger Publikum ein Klaviertrio. Mögen sich auch Schlagzeuger oder Bassist als Kopf des Trios präsentieren: da beißt keine Maus den Faden ab, dass das Klavier aufgrund seines Klangs und seiner technischen Möglichkeiten sehr schnell den dominanten Part übernimmt. Es ist nun einmal zugleich Harmonie- und Melodieinstrument. Und allzu oft entsteht dann ein intimer und recht kopflastiger moderner Jazz.
Freilich, ein Bass kann streckenweise dagegen angehen, die reine Begleiterfunktion in diesem Rahmen zu spielen. Wie aber soll das mit dem Schlagzeug, der Perkussion erreicht werden?
Das Konzert des dänisch-japanischen Makiko-Hirabayashi-Trios in den Räumen der Landessparkasse in der Dankwardstraße am Freitagabend zeigte zum zweiten Mal, dass und unter welchen Bedingungen Klavierdominanz produktiv gebrochen werden kann. War es beim letzten Jazzkonzert der überragende Bassist Dieter Ilg, so war es diesmal vor allem die Schlagwerkerin Marylin Mazur, die den Trio-Horizont auf überzeugende Art und Weise erweiterte.
Mazur, die sich durch ihre langjährige Arbeit mit Miles Davis und Jan Garbarek einen Namen machte, zeigte von Anbeginn, dass Perkussionsinstrumente und klasssiches Schlagzeug nicht nur dazu dienen, exotische Geräusche beizufügen. Die flirrenden Klänge der Zymbeln, die Holz-, Schellen- und Rasselsounds bis hin zum archaischen Wummern der indischen Tontrommel Madga öffneten die Musik in viele Richtungen. Das Besondere dabei war aber, dass die Tonhöhen auf die Klavier- und Bassmelodien abgestimmt wurden. Das Schlagwerk also als Melodieinstrument. Verblüffend und überzeugend, vor allem natürlich bei klangmalerischen Stücken wie „Clouds over Mt. Blanc“, „My Cherry Tree“, „Okinawa“ und vor allem „Rain“.
Die Komposition „Hide and Seek“ demonstrierte das Konzept des Trios nahezu wortwörtlich: ein verwirrendes, aber nicht verhirntes Versteckspiel. Mal fernöstlich-folkloristische Klänge, mal sehr freies atonales Klavierspiel, dann neoromantische Anklänge, klassische Anspielungen durchkreuzt von bissigen blue Notes.
Hirabayashis Klavierspiel wirkte einerseits beiläufig und filigran, andererseits auch kraftvoll phrasierend. Besonders überzeugend jene Momente, in denen ihr Spiel die Impulse der Rhythmussektion unmittelbar aufgriff und weiterentwickelte. Das führte dann zu beglückenden Momenten, in denen sich intensive Dialoge zwischen den Musikern entwickelten.
Dabei zeigte sich der Bassist Klavs Hovman als sehr feinfühliger Begleiter, der das Klavierspiel mit schönen Legato-Linien zu umspielen wusste, aber mit seiner Konzentration und Prägnanz auch für zahlreiche beflügelnde rhythmische Akzente sorgte.
Die Kommunikationsfreudigkeit der Musiker war schon beeindruckend, vor allem die Freundlichkeit im Umgang miteinander. Man ging nicht aufeinander los, sondern aufeinander ein. Es gab auch keine belanglosen Passagen des Konzertes. Rhythmische Kompaktheit traf auf höchste Präzision, melodische Überraschungen trafen auf strukturierte Linien.
Das Publikum war des Klaviertrios nicht überdrüssig, wie der begeisterte Beifall zeigte. Es erklatschte eine zweite Zugabe, was bei Jazz-BS wahrlich nicht oft geschieht.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Dieter Ilg Trio”

Im Otello-Steinbruch

Wie soll das gehen? Ot(h)ello, für viele die Oper schlechthin! Die vollkommenste Verbindung von Verdis Musik und Shakespearescher Dramatik! Neun festgelegte Stimmen, Chöre, ein ganzes Opernorchester! Und am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig ganze drei Musiker; ein Kontrabass, ein Piano, ein Schlagzeuger und Elektroniker. Das ist die Besetzung von Dieter Ilgs Projekt „Otello“. Eine Eindampfung der Oper Verdis auf ihre Essenz oder eine schnöde Sparfassung?
Der Konzertbeginn war verstörend. Patrice Heral, Schlagzeuger und Loop-Spezialist, schichtete Geräusch über Geräusch. Hundeknurren vielleicht oder Gesprächsfetzen, undefinierbare Sounds, die dann von einem Marschrhythmus auf der Snaredrum überlagert wurden. Erinnerungen an Verdis „Aida“ oder Anspielungen auf die Situation der Zuhörer: Vom Straßenlärm draußen hinein in die Welt der Musik?
Wie dem auch immer sei: was folgte, war die Aufforderung „ M’ascolta“ – also: Höre mir zu. Ein filigranes Stück mit zarten Bass- und Piano-Melodien und einem Schlagzeug, das hier besser „Tupfzeug“ hieße. Lange Tonbögen, die Dieter Ilg, der herausragende deutsche Jazz-Bassist, seinem Instrument entlockte, somit nachhaltig verdeutlichend, dass der Kontrabass durchaus ein Melodieinstrument sein kann. Wer nun Sorge hatte, einem rein kammermusikalischen Jazzabend beiwohnen zu müssen, wurde schnell eines Anderen belehrt.
„Fuoco die Gioia“, das Feuer der Freude, wurde abgebrannt. Eine betörende Verdische Melodie und Akkordfolgen, die das Prinzip der Kompositionen Ilgs veranschaulichte. Aus der Vielzahl der Arien hat er die Stellen herausgesucht, deren Zusammenwirken von Harmonie und Melodie am faszinierendsten schienen. Diese unterzog er seiner musikalischen Interpretation, ohne die Essenz, den emotionalen Gehalt zu opfern. Das musikalische Material der Verdi-Oper wurde gewissermaßen als Steinbruch für die eigenen Kompositionen benutzt.
Immer, wenn man sich gerade in den Wohlklängen eingerichtet hatte, wurde in den Improvisationen dieses pure Schönsein zerstört. Pianist Rainer Böhm trieb es mehr als einmal aus seinem Klavierschemel, wenn er die ursprünglichen Melodien Zug um Zug verfremdete, sie dem Jazzidiom anverwandelte.
Daneben schuf Ilg auch so etwas wie musikalische Porträts der Protagonisten Jago und Otello. Mit einem Feuerwerk an Tönen stellte Ilg z.B. den Schurken Jago vor, immer wieder aber reflektierend-zögerliche Passagen einflechtend. Plötzlich wird die Musik entschlossener und Patrice Heral singt im Stile des Gangsta-Rap und lässt Jago am Ende an sich selbst ersticken. Otello hingegen wird zunächst mit gestrichenem Bass düster-melancholisch, vergrübelt-einsam vorgestellt. Dessen entschlossene Seite wird dann über Tempo- und Rhythmuswechsel veranschaulicht, um schließlich in einem langen Ostinato von Bass und Klavier in der Höhe zu entschwinden.
Anrührend das Stück „Ora e per sempre addio“: Jetzt und für immer Adieu: ein Stück, das Dieter Ilg seinem langjährigen Freund und Mitspieler, dem Saxofonisten Charlie Mariano, widmete, der letztes Jahr verstarb.
Dass Ilg ein Freund der schönen Melodien ist, zeigte noch einmal die Zugabe. Neidhart von Reuentals „Nun will der Lenz uns grüßen“ wurde nach allen Regeln der Kunst verjazzt, ohne dass die Hoffnung der Schlusszeile: „Nun hat uns Kinden ein End all Wintersleid“ darüber verloren gegangen wäre. Das Publikum war begeistert. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass das Konzert komplett vom TV-Team der Deutschen Welle aufgenommen wurde.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Pablo Held Trio”

Fürwahr erstaunlich

Ach, man mag es schon gar nicht mehr hören, dieses Gerede von musikalischen Wunderkindern, Ausnahmetalenten, Stars – Super oder Mega. Das belastet Zuhörer wie Bezeichnete gleichermaßen. Man erwartet das Unerhörte, was leicht zu Enttäuschungen führen kann. Am Freitagabend präsentierte sich der „Senkrechtstarter“ Pablo Held – so die Ankündigung – mit seinem Trio dem erstaunlich zahlreich erschienenen Braunschweiger Jazzpublikum im Lindenhof. Mit dabei als besonderer Gast der Tenorsaxofonist Sebastian Gille aus Hamburg.
In der Pause Irritation pur bei einem Jazz-Experten. „Sag mal, was spielen die da eigentlich? Das ist ja irgendwie unglaublich!“ Ja, was spielten diese jungen Männer, Pablo Held 23 Jahre alt, der Rest um die 28? Zwei Sets en bloc ohne eine Titelansage, denn – so Held erläuternd – man spiele nunmehr drei Jahre zusammen und wolle keine festen Arrangements mehr. Gewissermaßen ein freies Zusammenspiel, bei dem ein Stück ins andere übergeht, wenn es denn richtige Stücke gäbe. Aber nicht etwa Free Jazz, versteht sich. Held war zweifelsfrei der Organisator des Zusammenspiels. Er lieferte seinen Mitspielern Ideen zu rhythmischen Mustern, Riffs, Skalen, Harmonien, formalen Abläufen, Klangschichten. Was aber nur funktionieren kann, wenn die Mitspieler diese Ideen aufzugreifen imstande sind. Und seine Krönung findet, wenn die anderen Musiker selbst auch Impulse zu geben in der Lage sind.
Das war beides auf eindrucksvolle und überzeugende Weise der Fall. Was Robert Landfermann am Bass, gestrichen oder gezupft, locker elegant entfaltete, war beeindruckend. Nicht minder die Arbeit des Schlagzeugers Jonas Burgwinkel und der Einsatz des Tenorsaxofonisten Gille.
Frappierend war zum einen die Grundidee zur Gestaltung des Konzerts. Das Intro zu Beginn des Konzertes tauchte am Ende als Schlussteil wieder auf. Eine runde Sache also. Dann das Durchbrechen eines gewichtigen Jazz-Konzert-Stereotyps: Thema – Solo – Thema – Solo, und das bei vier Musikern schlimmstenfalls viermal pro Stück. Nein, hier setzte jeder Spieler während des gemeinsamen Spieles seine ganz individuellen Akzente, etwa im Sinne Brubecks: Freiheit des Individuums ohne Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühls.
Und so entwickelte sich aus einem in der Regel vom Pianisten skizzierten harmonischen Grundmuster ein sich bis zum Crescendo steigerndes Zusammenspiel, das dann wieder nach und nach in ruhigerem, mitunter fast romantischem Fahrwasser abebbte.
Freilich, Freunde des eher an der Tonalität, am Liedhaften, an der Melodie orientierten Jazz, waren da wohl überrascht, aber sicherlich nicht enttäuscht. Außerordentlich spannend war es nämlich zu hören, wie sich der Gastsaxofonist Sebastian Gille in diese Akkordverschiebungen einzufinden versuchte, um sich dann, unterstützt und angetrieben durch Bass und Schlagzeug, zu improvisatorischen Höhenflügen aufzuschwingen. Faszinierend, was Jonas Burgwinkel am Schlagzeug an rhythmischer Variabilität und Sound-Vielfalt vorführte, wobei die Einbeziehung von Perkussionsinstrumenten die Skala der Klangfarben enorm erweiterte. Und Bassist Robert Landfermann war beileibe nicht der stille Begleiter im Hintergrund, vielmehr legte er oft neue melodische Linien über gegebene Harmonien.
Sicherlich: Held wird auch bei dieser arrangementfreieren Gestaltung des Konzertes darauf achten müssen, dass daraus nicht wieder ein Schematismus erwächst und sicherlich weiß er auch, dass das nur funktioniert, wenn man eine derart gute Rhythmus-Sektion hinter sich hat. Zur Frage „Senkrechtstarter“ – das Thema erübrigte sich angesichts des souveränen Auftretens dieser vier jungen Musiker. Von ihnen wird man sicherlich noch einiges hören.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Dick de Graaf Special Project”

A Touch of Béla

Das nun war das letzte Konzert der Initiative Jazz-Braunschweig in diesem Jahr, wieder in den Räumen der Braunschweigschen Landessparkasse und begleitet von einer Fotoausstellung der Arbeitsgemeinschaft Fotografie mit dem sperrigen Titel „Remote Places“.

Zu Beginn gab es „Reisemusik“. Neuseeland-Inspiriertes im Piano-Saxofon-Duett. „Doubtful Sound“ hieß das Stück. In der Tat kamen Zweifel auf, aber nicht in Bezug auf Neuseeland, sondern darüber, ob diese Konzerteröffnung die richtige Stimmungslage zu schaffen geeignet war. Angestrengt und distanziert wirkte das Ganze.

Da fehlt doch was

Dann aber tauchten Schlagzeuger, Bassist und Posaunist auf und komplettierten das holländische „Dick de Graaf Special Project“ aufs angenehmste. Die musikalische Reise ging nun nach „Havanna“, ein wundervoll wehmütiges Stück, eine Art Filmmusik, die im Kopf Bilder und Erzählfetzen entstehen ließ. War es Ankunft, Abreise oder Aufenthalt? Nur – irgendetwas fehlte doch noch?
„Moving targets“ als dritter Titel, der aber keinerlei Anspielungen auf Militärisches enthielt. Stattdessen eine Hardbop-Nummer. De Graafs Tenorsaxofon im echten Coleman Hawkins-Stil, satt in den tiefen Lagen. Andrea Pozza am Klavier provoziert die Posaune mit harten Einwürfen, worauf Adrian Mears auf seinem Blasinstrument zu wahren Höhenflügen ansetzt. Das wiederum lässt sich der Pianist nicht zweimal demonstrieren. Er repliziert kraftvoll mit beeindruckenden Akkordverschiebungen und schönen Melodiefolgen. Auch Jos Machtel am Bass kommt zu seinem Recht, der Schlagzeuger Pascal Vermeer liefert perfekt das rhythmische Fundament.
Ein Tempobruch mit der Ballade „Stolen dreams“. Bei diesen langsamen Stücken kann man erkennen, wie gut ein Musiker sein Instrument technisch beherrscht. Das Quintett lässt diesbezüglich keine Zweifel aufkommen.
Den Abschluss des ersten Sets „Graffiti“ nennt de Graaf ein modernes, eine multifunktionelles Stück. Man könne danach tanzen oder sich entspannt anlehnen, nachdenken oder mitsummen. Alles sehr schön, und doch fehlt etwas.

Des Rätsels Lösung

Zu Beginn des zweiten Sets folgt dann endlich des Rätsels Lösung. Dick de Graaf teilt mit, dass leider die Sängerin, Fay Claassen, nicht mit von der Partie sein könne, weil sie kurzfristig erkrankt sei. Genau, das war es doch! Das „Braunschweig Special Project“ sollte doch eine Sängerin präsentieren. Wer darauf gewartet hatte, war sicherlich enttäuscht.
Das Quintett allerdings gab keinerlei Anlass für Frustrationen, im Gegenteil. Der Bandleader wurde als Komponist hörbar, der bei den folgenden Stücken vom Tenor- zum Sopransaxofon wechselte. „A touch of Béla“ und „Why birds always sing“ : De Graafs Bartók-Adaptionen und –Transformationen begeisterten das Publikum genauso wie seine Schubert-Impression „Via aeterna“.
Jazz greift auf „Klassik“ zurück: ob Bach., Rodrigo, Mompou – das ist keine schlechte Referenz, wie sich an diesem Abend zeigt. Wunderbare Bartóksche Melodien aus dem „Mikrokosmos“ und den „Volksliedern“ werden aufgegriffen und dem Jazzidiom anverwandelt über neue Tempi, melodische Ausweitung, Reduktionen und Verfremdungen, rhythmische Bearbeitungen. All das verwundert, fasziniert und ergreift.
Ja, und dann die Zugabe! Diese Melodie, ein Ohrwurm! Welcher Song ist das, der hier kanonartig zwischen Saxofon und Posaune leicht verschoben anklingt? Das Piano bricht die Melodie auf, der Bass holt sie freundlich zurück. Ja, natürlich, das ist „Fragile“ von Sting! Wenn das die Jazz-Polizei wüsste…

Klaus Gohlke

Kritik zu “Miguel Zenón Quintet”

Kaum Zeit, Luft zu holen

Ja, wo sind wir eigentlich? In einer Latin-Dancehall, bei Straßenmusikern irgendwo in Mittel- oder Südamerika? Oder aber live beim Modern Jazz im New Yorker Village Vanguard mit einer Art John Coltrane auf dem Altsaxofon? Oder beim Showdown zwischen dem Pianisten und dem Saxonfonspieler – wer kann schneller und vertrackter? Oder beim Test, wie lange ein Bassist bzw. ein Drummer ein hochenergetisches Solo spielen können, ohne vor Erschöpfung niederzusinken? Es war all das , aber all das auch nicht. Vielmehr handelte es sich um den Auftritt des Miguel- Zenón-Quintetts im Lindenhof zu Braunschweig , die zehnte Veranstaltung der Initiative Jazz-BS dort.
Völlig zu recht war das Konzert ausverkauft, handelte es sich doch um den Auftritt nicht irgendeines hoffnungsvollen Nachwuchstalentes, sondern um einen der herausragendsten Altsaxofonisten der USA. Vielleicht war es aber auch die Ankündigung, dass Zenón weltmusikalischen Jazz präsentieren würde, was die Zuhörer lockte. Also nicht Jazz der Sekten-Kultur im Sinne einer immer abstrakteren Verfeinerung. Stattdessen offene improvisatorische Musik, die Vitalität und Spiritualität auszudrücken und zu wecken beabsichtigt.
Was Zenón und seine Mitspieler auf überzeugende Weise vorstellten, war die Kombination einer speziellen Variante karibischer Musik, der Plena Puerto Ricos, mit allen Spielarten des modernen Jazz. Die Plena war und ist eine Alltagsmusik der Puertoricaner. Im Zentrum stehen dabei unterschiedlich große Handtrommeln und situationsbezogene Texte, die formal gut nachvollziehbar sind. Ein klares 4/4 – Metrum, allerdings permanent aufgebrochen durch wunderbare Synkopierungen. Danach tanzt man heute in den Dancehalls nicht nur Lateinamerikas.
Diese rhythmische Basis behielt Zenón in seinen Kompositionen bei. Und das war es, was die Tanzbarkeit seiner Musik an diesem Abend ausmachte. Gleichzeitig aber unterlegte er diese stabile Struktur mit komplexen, variablen Metren, die die Musik in andere Sphären führte und der Tanzbarkeit gleichzeitig Stolpersteine in den Weg legte. Das alles geschah einerseits ungemein komprimiert. Das erste einstündige Set bestand beispielsweise aus zwei großen Blöcken, eingeleitet und gegliedert durch ausdrucksstarken Gesang und Perkussionsarbeit des Plena-Meisters Hektor Tito Matos. Zenón und sein ungemein variabel und elegant spielender Pianist Luis Perdomo nahmen diese Vorgaben auf und verblüfften ein ums andere Mal die Zuhörer mit rasenden Melodieläufen im Call- und Response-Stil. Andererseits gab es viel Raum für die Musiker, sich zu entfalten. Bassist Hans Glawischnig konnte in aller Ruhe die Skalen und Rhythmen zergliedern und neu zusammensetzen. Die Schlagzeugsoli des Drummers Henry Cole erwuchsen völlig organisch aus dem musikalischen Gesamtgeschehen heraus. Erstaunlich, mit welcher Konzentration, Geschwindigkeit, Ausdauer und gleichzeitigen Variabilität der junge Mann zu Werke ging. Allein physisch kaum nachvollziehbar, das Publikum war fasziniert.
Das setzte sich im dreiteiligen zweiten Set fort, und man war froh, dass mit dem balladesken Stück „Progreso“ einmal liedhafte Ruhe einkehrte. Perdomo bezauberte mit strahlenden Akkorden, über die Zenón dann zu einem Solo ansetzte, das ihn schier abheben ließ. Das langgestreckte Crescendo nach einem herunterkühlenden Bass-Solo schuf eine gefühlsstarke Klangwelt, die alle Gedanken an den kühlen Novemberabend draußen vergessen ließ. Dann noch einmal karibische Klänge at it’s best.
Allerdings: so ein ausdrucksstarkes, kraftvolles Quintett bräuchte einen größeren Raum, um angemessen zu Gehör zu kommen. Gleichviel und uneingeschränkt: stehende Ovationen für diese Ausnahmemusiker.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Yellowjackets”

Weder Wespen noch Gelbjacken

Wie gelingt das? Eine Jazzband spielt seit ewigen Zeiten zusammen, in Teilen seit fast dreißig Jahren. Und doch ist immer noch die Spielfreude da, die überraschende Improvisation, der unerwartete Widerspruch.
Die Rede ist von den „Yellowjackets“, einem US-amerikanischen Ausnahmequartett, grammy-nominiert, das am Freitagabend in den Räumen der Braunschweigischen Landessparkasse in der Dankwardstraße spielte. Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass die Band, je länger sie ihr Konzept verfolgt, zu immer größerer Klarheit findet.
Als Fusion ist ihr Stil ungenau benannt. Vielmehr geht es den vier Musikern darum, ihre Vision von improvisierender Musik ständig weiter zu entwickeln. Kernpunkt ist dabei die Offenheit gegenüber allen musikalischen Quellen und Entwicklungen, ohne sich dabei aber an modische Trends anzubiedern.
Das ließ der Auftritt in Braunschweig sehr schnell aufs Angenehmste erkennen. So spielte der Saxofonist Bob Mintzer z.B. beim Stück „Freda“ auf seinem elektronischen Blasinstrument den fiddle-part eines Reels an. Der wurde dann von den Mitspielern aufgenommen und nach allen Regeln der Kunst sukzessive akkordisch aufgebrochen bzw. rhythmisch variiert. Pianist und Keyborder Russell Ferrante griff in „Monk’s habit“ auf dessen exzentrische und robuste Melodie- und Rhythmusgestaltung zurück. Eindrucksvoll spielte er die Akkorde so, dass sie uneindeutig schwebend erschienen und eine unerwartete Tiefe desAusdrucks erlaubten.
Ein allein ästhetischer Genuss war das elegante Spiel des Bassisten Jimmy Haslip auf seinem 6-saitigen E-Bass. Selbst bei schnellsten Läufen schien Haslip die Saiten nur zu tupfen. Überhaupt ist die Rhythmus-Sektion der Band für den Gesamtausdruck der „Yellowjackets“ sehr wichtig. Der Schlagzeuger Marcus Baylor liefert zusammen mit Haslip das rhythmische Fundament, dabei ständig die Metren umspielend. Beide bilden ein Power-Pack ohne aber die Melodieinstrumente zu übertönen. Überhaupt gilt für die Band, dass bei aller Virtuosität der Einzelmusiker nie der Eindruck entstand, dass hier einzelne sich profilieren wollten. Vielmehr sah man vier Musiker, die als Einheit zusammenwirkten und sich in dieselbe musikalische Richtung bewegten.
Mitunter erinnerte das Spiel des Quartetts gerade durch Ferrantes Art, eine Melodie – so bei „Seafolk“ – gleichsam zu dekonstruieren und wieder neu zusammen zu setzen, an die frühen Quartett-Einspielungen Keith Jarretts in den 70er Jahren. Der Rückgriff auf Genres wie Blues, Gospel, Swing, Latin erfolgte mühelos und ungekünstelt, was die Zuhörerinnen und Zuhörer erkennbar erfreute und die Musiker trotz großer Tagesstrapazen zu Zugaben inspirierte. Mintzer ließ durchblicken, dass er sich duraus vorstellen könnte, noch 25 Jahre mit der Band zu arbeiten, dem Publikum wäre es sicherlich recht.
Obwohl am letzten Wochenende gewissermaßen ein kultureller Overkill herrschte und zudem das Konzert an einem so genannten Brückentag stattfand, war die Veranstaltung doch ansprechend besucht. Besonders auffällig war, dass es wieder mehr jüngere Zuhörer zum Jazz zieht, ein Trend, der sehr wünschenswert wäre.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Wolfert Brederode Quartett”

Vier sehr ernste junge Männer

Ja, es war Freitag der 13. Im schlechten wie im guten Sinne; es gibt ja beides, sagt man. Das Schlechtere: Der Klavierstimmer konnte seine Arbeit erst knapp vor Konzertbeginn abschließen. Dann gab mit Konzertbeginn eine Basssaite ihren Geist auf und erzwang eine Pause. Alles nichts, was empfindsamen Musikerseelen gut tut.
Doch dann die gewissermaßen italienische Wende des Freitags Nr. 13. Nach zwei etwas verhalteneren Eröffnungsstücken, die ihrer aktuellen ECM-Einspielung entstammten, befreite sich das Wolfert Brederode Quartet von allen Stimmungstrübnissen und zeigte, was in ihm und diesem Tag steckte.
Der oft zu hörende und schnell ermüdende Jazz-Aufführungsschematismus , nämlich Thema- Solo-Thema-Solo, war nicht angesagt. Im dritten und letzten Stück des ersten (doch etwas kurz geratenen) Sets entwarfen die Musiker um den niederländischen Pianisten Wolfert Brederode herum etwas, was man impressionistische Klanggestaltung nennen könnte. Musikalische Räume wurden geschaffen, die den Zuhörern vielfältige Assoziationen ermöglichten. Schlagzeuger Samuel Rohrer aus der Schweiz verstand es auf mitunter wundersame Weise, das Schlagzeug als eine Art Melodieinstrument einzusetzen. Mit dem Bogen gestrichene Becken erzeugten schwebende Klänge, ohne dass dabei die rhythmisch strukturierende Arbeit vernachlässigt wurde. Zusammen mit dem norwegischen Bassisten Mats Eilertsen entstanden Hallräume, die für das Klavier Brederodes und die Klarinetten, gespielt vom Schweizer Claudio Puntin, Platz schufen, ihre Tonfolgen zu spielen.
Durch minimale, aber doch stetig sich verändernde Melodik entstand eine interessante Spannung. Diese Durchbrechungen der Funktionsharmonik allein wären aber nicht hinreichend gewesen, hätte das Quartett es nicht verstanden, durch dynamische Variationen eine enorme Steigerung zu erzeugen.
Diesem Konzept blieben die sehr ernst dreinblickenden Musiker auch im zweiten Set überwiegend treu, was den zahlreich erschienenen Zuhörern erkennbar gefiel. Insbesondere Brederodes Komposition „Scarabee“ veranschaulichte schön, dass es nicht darum ging, Virtuosität um ihrer selbst Willen zu demonstrieren. Vielmehr nahm man sich Zeit, musikalische Ideen in Ruhe zu entfalten, wobei die Stücke teilweise fließend ineinander übergingen.
Kammermusikalisch orientierter Jazz kann leicht zu reinem „Hirnjazz“ mutieren. Dieser Gefahr trotzte das Quartett, indem gerade Schlagzeug und Klarinette alle Facetten der Klangerzeugung ausloteten. In der Zugabe imitierte Puntin z.B. Vogelgezwitscher, als wollte er zu Kerstin Ekmans Buch „Der Wald“ die Hintergrundmusik liefern.
Das so in den Bann geschlagene Publikum forderte zu Recht Zugaben ein und entlockte den Musikern auch ein Lächeln.
Nicht nachvollziehbar ist, warum die – ohnehin spärliche – Titelansage und die Vorstellung der Musiker durch den Pianisten über das Mikrofon so unverständlich sein musste. Eine übrigens oft zu erlebende Sache in dem kleinen Saal des Lindenhofs, der sich – bei allem Flair – als doch recht kleinen Spielort erweist, sowohl für die Musiker als auch für das Publikum.

Kritik zu “Dietmar Osterburg Trio”

BZ-Kultur: Das Dietmar Osterburg Trio. Freitag, 16. 12.2008 20 Uhr im Lindenhof Braunschweig.

Ach, so müsste man Gitarre spielen können

>„Lob ist etwas Feines, kann aber auch lähmen. Wenn die Jazz-Fachpresse einen Gitarristen „einen ganz großartigen europäischen Modern-Jazz-Gitarristen“ nennt bzw. sein Werk als
„Meisterwerk und Offenbarung“ anschwelgt, dann erwartet das interessierte Publikum Repsektables. Wie aber gehen die Musiker damit um? Das war die Frage, die sich am Freitagabend beim Jahresabschlusskonzert der Musikerinitiative Braunschweig auftat. Antwort geben musste das Dietmar Osterburg-Trio mit dem Braunschweiger Gitarristen Dietmar Osterburg , André Neygenfind aus Wolfsburg am Bass und Eddie Filipp am Schlagzeug, ebenfalls aus Braunschweig.
Und zunächst schien es auch so, als lähmte der Erwartungsdruck die Musiker eher. Die beiden ersten Stücke waren wohl gefällig, aber vom Aufbau und dem Tempo her recht ähnlich. Das ließ einen wohl anspruchsvollen, aber doch weniger spannenden Musikabend vermuten.
Je länger aber das Trio spielte, desto mehr kamen die solistischen Fertigkeiten und die Stärken des Zusammenspiels zutage. Osterburg demonstrierte beim ausgedehnten Intro seines Stückes „Candle“ seine stupende Fingerfertigkeit. Sehr schön die rasanten Singlenotes-Läufe und die diese unterbrechenden Akkordtupfer.
Ein Höhepunkt des ersten Sets war zweifelsohne Osterburgs komplexe Komposition „Meanwhile“. Die vertrackte Komposition bewältigte das Dreigespann elegant, das Zusammenspiel machte sichtbar Freude. Die Musiker verstanden es, die Dynamik des Stückes über einen langen Zeitraum zu entwickeln. Beeindruckend waren die Unisono-Passagen von Bass und Gitarre, die aber nicht ins Endlose ausgedehnt wurden. Hier phrasierte das Schlagzeug eigenständig – endlich mochte man sagen, denn zu oft begleitete der Drummer mehr, als dass er ganz eigene Akzente setzte.
Stilsicher bewegte sich das Trio zwischen den Genres moderner Jazzmusik, gleich ob Latin oder die Übertragung der schwedischen Ostküstenlandschaft in Soundscapes. Einmal, leider nur einmal, griff Osterburg zu seiner Solid-Body-Guitar und ließ es recht funky im ungraden Rhythmus jazz-rocken.
So ist es dem Dietmar Osterburg Trio gelungen, durch geschickte Kombination von Stilrichtungen, Tempi, musikalischen Formen einen sehr ansprechenden Musikgenuss zu verschaffen. Die Anfangszweifel waren unangebracht. Was sagte ein Zuhörer? „Ach, so müsste man Gitarre spielen können. Ich weiß gar nicht, wie der das macht!“ Genau! <

Klaus Gohlke