Samuel Blaser Quartet

westand Event- und Kulturzentrum, Westbahnhof 13, 38118 Braunschweig

Samuel Blaser – Posaune
Marc Ducret – Gitarre
Gerry Hemingway – Schlagzeug
Masatoshi Kamaguchi – Bass

Die Initiative Jazz Braunschweig macht genau da weiter, wo sie im Februar dieses Jahres aufgehört hat. Nämlich mit der Präsentation erstklassiger Jazzkonzerte. Bleiben wir dieser Tradition auch treu, so müssen wir nunmehr immer mit der Unsicherheit leben, dass aktuelle Infektionsentwicklungen alle Planungen umstoßen. So ist es nun einmal, wir bitten Sie, die aktuellen Entwicklungen unserer Konzertplanungen aufmerksam zu verfolgen.

Im Februar begeisterte das Eva Klesse Quartett, nun wird das Quartett des Schweizer Ausnahme-Posaunisten Samuel Blaser für uns aufspielen, eine kleine Supergruppe, wenn man so will. Mit dem Gitarristen Marc Ducret, Träger des Django Reinhardt Preises. Er spielte u.a. mit Joachim Kühn, Michel Portal und Tim Berne und gilt als Grenzüberschreiter, was seine Arbeitsfelder betrifft. Das Gleiche kann man auch von Gerry Hemingway sagen, dem Schlagzeuger der Band. Auf über 150 Einspielungen für verschiedenste Labels ist er als Bandleader, Komponist und Mitspieler verschiedenster Stilrichtungen von John Cale bis Marilyn Crispell zu hören. Schließlich Masatoshi Kamaguchi am Tieftöner, ein äußerst vielseitiger, intuitiv agierender Bassist.

Samuel Blaser seinerseits – Benny Golson-, J.J. Johnson- und 2019 European Jazz Award-Gewinner – gilt als einer der technisch versiertesten Posaunisten der Gegenwart, der sich nicht schubladisieren lässt. „Meine Interessen sind zu offen, um in eine spezifische Kiste gesperrt zu werden.“, sagt er im Interview. So spielt er Hommagen an Jimmy Guiffre und Carla Bley ein, dann verknüpft er Renaissance- und Barockmusik mit Gegenwarts-Jazz. Zeigt sich als kreativer Bandleader, der starke Melodien, Harmonien und Rhythmen kreiert, um seinen Mitspielern Räume zu eröffnen, sich auszudrücken, Kompositionen fortzuentwickeln und einen Gruppensound zu entwickeln. Wagt aber auch, Soloprojekte zu präsentieren.

Seine Arbeiten zeigen insgesamt Wege auf, improvisierte Musik zu einem echten Hör-Erlebnis werden zu lassen. „Ich bin sicher, dass eine funkelnde Posaune eine Botschaft direkt in dein Herz senden kann und damit dein Leben verändert!“, prophezeit er mit Emphase. Wir werden es mit seinem Quartett erleben.

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Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Die Braunschweigische Stiftung
 

Festival “Drei Tage Neue Musik Braunschweig”

9. bis 11. Oktober 2020

Natura Renovatur
Wiederherstellung des Gewohnten. Gleichzeitig ein neuer Anfang.

Unter diesem Motto nimmt das Festival „Drei Tage Neue Musik Braunschweig“ das Werk Giacinto Scelsis in den Fokus und entwickelt daraus einen programmatischen Parcours, der ausgehend von Scelsis Werktitel Natura Renovatur die Klangwelt des 21. Jahrhunderts neu definiert.

Das Festival findet vom 9. bis 11. Oktober in der Dornse des Altstadtrathauses statt.
Es bleibt seinem bewährten Konzept mit einem aktuellen Motto, drei thematischprogrammatischen Konzerten, dem Profil Entertainment-Performance – dem moderierten und kommentierten Konzert – und dem pendenprinzip bei der finanziellen Publikumsbeteiligung treu.

Alle Konzerte des diesjährigen Festivals beziehen sich programmatisch ganz bewusst auf den experimentierfreudigen Italiener und stellen sein Werk neben dasjenige von Galina Ustvolskaja und Spohr-Preisträger Salvatore Sciarrino. Auf dem Programm steht auch die Uraufführung eines Auftragswerks für Ensemble, Live- Elektronik und Saxofon.

Das Eröffnungskonzert am Freitag, 9. Oktober, konfrontiert den Komponisten-Sonderling Scelsi mit Stücken, die eine innere Verbindung zu seinem Werk haben, wie etwa „Tre Pezzi for Scelsi“ für Kammerensemble, Live-Elektronik und AltSaxofon des Künstlerischen Leiters des Festivals Vlady Bystrov. Auch Bystrov ist, wenn man so will, mehr Klangtüftler als Komponist, einer, der sich praktisch und theoretisch intensiv mit dem Phänomen Klang auseinandersetzt. In „Tre Pezzi for Scelsi“ aus dem Jahr 2020, gespielt von der Klangwerkstatt Braunschweig, heben sich solistische Melodiefragmente des Saxofons aus einem dichten Gewebe an irisierenden Ensembleklängen heraus. Konzentration und Reduktion bestimmen hier das musikalische Geschehen. Auch Salvatore Sciarrinos Werke sind von Scelsi inspiriert und spielen mit dem Phänomen des Klangs und seiner Auffächerung bzw. Transformation via Klangfarbe und mikrotonaler Veränderungen. Als Solistinnen sind Tatjana Prelevic am Klavier und Lenka Zupkova an der Violine (Ensemble Megaphon).

Im zweiten Abend, am Samstag, 10. Oktober, teilen Musiker unterschiedlicher Herkunft eine gemeinsame Klanggestik und vereinigen zwei verschiedene Klangideen: Homogenität und Heterogenität, Realität und Illusion sowie Identität und Incognito. Hier werden auf den Reminiszenzen von und über Scelsi basierende Themen improvisatorisch verarbeitet, die sich zum ersten Mal treffendes Trio, bestehend aus wahren Meistern ihres Fachs, dem Pianisten Simon Nabatov, Schlagzeuger Christian Lillinger und Saxofonisten Vlady Bystrov, zu neuen Klanggebilden formt.

Im Abschlusskonzert, der Matinee am Sonntagvormittag, 11. Oktober, erzählt Dr. Vlady Bystrov aus musikwissenschaftlicher Sicht über seine persönlichen Begegnungen mit Musik Giacinto Scelsi und präsentiert einige Solo-Stücke für Saxofon und Klarinette. „Tre Pezzi“ nannte Giacinto Scelsi ein Stück aus dem Jahr 1956, in dem er von einem Ton D ausgehend einen wahren Klangkosmos entstehen lässt. „Maknongan“ oder „Ixor“ sind die anderen. Außerdem spielen Simon Nabatov und Vlady Bystrov Improvisationen zu dem Hörspiel- Klanginstallation über Scelsi. Eine fantastische Schule des Hörens und eine Klanginsel im Meer des Gewöhnlichen.

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Veranstalter: Freunde Neuer Musik Braunschweig e.V.
 

Jazz mit Mindestabstand

DAS KULT, Hamburger Straße 273 Eingang 2C, 38114 Braunschweig

Sonntag, 26. 7. 2020 von 14-19 Uhr: Regio-Jazz Open Air, Schimmelhof-Gelände

Das Festival findet trotz des angesagten leichten Regens statt!

Beitragsbild

Wir sind aus der Coronapause zurück und freuen uns, Sie/Euch begrüßen zu können. Schon seit vier Monaten ist die Braunschweiger Kulturszene pandemiebedingt im Stillstand – keine Auftrittsmöglichkeiten für die Künstler, keine Konzerte für das Publikum. Mit dem Jazz-BS Open Air soll nun am 26. 7. ein vorsichtiger Neuanfang gewagt werden. Unter Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen veranstaltet die Initiative Jazz Braunschweig in Zusammenarbeit mit dem KULT ein Open-Air-Konzert mit Bands aus der Region. Von 14-19 Uhr werden zu sehen sein:
 
 
 
 

  • 14:00-14:45 Uhr: Duo Waida/Lampe (Sven Waida p, Tobias Lampe b)
  • 14:45-15:30 Uhr: Britta Rex Quartett (Britta Rex voc, André Neygenfind b, Eddie Filipp dr, Jan Behrens p)
  • 15:30-16:00 Uhr: Konrad Brinckmeier (p)
  • 16:00-16:45 Uhr: Henny Baldt Trio feat. Bernd Dallmann (Henny Baldt dr, Viktor Bürkland p, Peter Schwebs b, Bernd Dallmann sax)
  • 16:45-17:30 Uhr: Trio Matti Wandersleb dr, Bernd Dallmann sax, Heinrich Römisch b
  • 17:30-18:15 Uhr: Alex & Solid Jazz feat. David Tobin (Alexander Hartmann sax, David A. Tobin voc, Peter Schwebs b, Helge Adam p, Sam Torres dr)
  • 18:15-19:00 Uhr: Die kleine Swingbrause (Matthias Köninger voc/p, Heinrich Römisch b, Ingemar Oswald dr)

Ort: Schimmelhof-Gelände vor dem KULT, Hamburger Str. 273/C2

Der Eintritt ist frei; um eine Spende zugunsten der Auftretenden wird gebeten.

Hygieneregeln: Sitzplätze mit Mindestabstand sind vorhanden, evtl. Sitzkissen mitbringen. Maskenpflicht auf dem Weg zum Platz und zum Catering; auf den Sitzen kann die Maske abgenommen werden.

 

Jazzhilfe

Ein großes DANKE an alle Spender der „Jazzhilfe“ für das großartige Spendenaufkommen von knapp über 10.000 Euro. Der größte Teil der Summe ist inzwischen an Jazz-Musikerinnen und -Musiker der Region geflossen, als Honorare für Auftritte nach der Corona-Zeit. Ein erster Auftritt mehrerer Gruppen ist jetzt sogar schon für die nächste Zeit in Planung, als Konzert im Netz über unsere Website.
Ein kleiner Teil der Spendensumme steht noch bereit. Die Krise ist noch nicht vorüber.
 

Offener Brief der nds. Musikkultur

BITTSCHÖN: LESEN; ZEICHNEN; TEILEN

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir danken Ihnen und Euch für die Mitzeichnung unseres Schreibens (siehe Link), das wir gestern an die Landesregierung verschickt haben. Wir sind gespannt auf die Rückmeldung seitens der Politik.

Wir sammeln in der Zwischenzeit weitere Unterstützer*innen. Ab sofort ist es möglich den Brief auf unserer Website zu unterzeichnen, die Liste der Unterzeichner*innen wird regelmäßig aktualisiert: www.lag-jazz.de/corona

Daher die Bitte an Sie und Euch: teilt die Seite unter Mitgliedern, auf Social Media Kanälen, Newslettern usw., wir können jede Unterstützung gebrauchen. Es darf nicht sein, dass in anderen Bundesländern (wie kürzlich in Bayern) nachgebessert wird und in Niedersachsen nichts passiert!

Rückfragen oder weitere Anregungen nehmen wir jederzeit gerne entgegen!

Viele Grüße

der Vorstand der LAG JAZZ

LAG JAZZ in Niedersachsen e.V.
Schwarzer Bär 2
30449 Hannover
web: www.lag-jazz.de
mail: info[at]lag-jazz.de
 

To whom it may concerns. Eine gute Aktion der Stadt BS!

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Sie heute darüber informieren, dass der Verwaltungsausschuss der Stadt Braunschweig einen Härtefallfonds für von der Corona-Virus-Pandemie existenziell bedrohte, in Braunschweig ansässige Unternehmen, Selbstständige, Soloselbstständige, Freiberufler sowie Kultureinrichtungen, Kulturschaffende und weitere Einrichtungen beschlossen hat, um Betroffenen helfen, die nicht oder nicht ausreichend von den Rettungsschirmen von Bund und Land berücksichtigt werden. Mit zunächst 3 Millionen Euro will die Stadt Braunschweig hier unterstützen. Von dem Gesamtbetrag stehen 1 Million Euro für Kulturschaffende zur Verfügung. Die Richtlinie zu dem eingerichteten Fonds sieht vor, die Fördersummen bei einer Antragsberechtigung als Soforthilfe auszuzahlen. Um schnellstmöglich eine effiziente Unterstützung gewähren zu können, sollen bürokratische Hürden auf ein Mindestmaß beschränkt werden. Die Anträge werden chronologisch nach Eingangszeitpunkt der vollständigen Unterlagen bearbeitet.

Die Soforthilfen sind für folgende Fallkonstellationen vorgesehen:

– Unterstützung von Kultureinrichtungen bei Existenzgefährdung und Liquiditätsengpässen
– Kompensation für Kulturschaffende für ausgefallene Engagements, Ausstellungen, Publikationen und Präsentationen ab dem 13. März 2020
– Kompensation für Kulturschaffende für verlorene Projektinvestitionen im 1. Halbjahr 2020, sofern ein entsprechender Förderantrag vor dem 13. März 2020 gestellt wurde

Anträge können ab sofort online gestellt werden. Dafür muss das unter folgendem Link hinterlegte Formular genutzt werden: www.braunschweig.de/corona-hilfsfonds

Für weiterführende Informationen finden Sie unter www.braunschweig.de/corona-hilfsfonds eine Liste mit häufig gestellten Fragen. Außerdem können Sie sich bei Fragen rund um die Antragstellung an die dafür eingerichtete Hotline unter 0531 470-4847 wenden.

Wir senden Ihnen diese Nachricht als potenzielle Antragstellerinnen und Antragsteller, aber auch und besonders als Multiplikatoren und bitten, diese Informationen an entsprechende Personen weiterzuleiten, die ggf. eine Förderung erhalten können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Anja Hesse

Dezernentin für Kultur und Wissenschaft
Stadt Braunschweig
 

Kartenrückgabe “Emile Parisien Quartett”

Liebe Jazz-Freunde!

Das Konzert von Emile Parisien in Braunschweig wurde abgesagt. Wir bedauern das sehr, aber die Beurteilung nach dem Gefährdungsbogen der Stadt Braunschweig hat ergeben, dass die Durchführung der Veranstaltung mit einem zu hohen Risiko für gefährdete Personen verbunden gewesen wäre. Wir bemühen uns derzeit um einen Ersatztermin, können aber zum gegenwärtigen Zeit noch keine näheren Aussagen machen.

Die Karten können an den Vvk.-Stellen zurückgegeben werden.

 

Spendenaufruf

Jazzhilfe Braunschweig
– Ein Aufruf der Initiative Jazz Braunschweig e.V. –

„Danke“ und Hinweise für Spendenbescheinigungen

Großer Dank an alle Spender, an die Mitglieder der Jazz-Ini, an Freundinnen und Freunde, Jazzbegeisterte, Hilfsbereite. Der Spendeneingang war schon jetzt in den ersten Tagen ganz überwältigend und versetzt uns in die Lage, jetzt und im weiteren Verlauf der Krise, deren Verlauf und Ende noch nicht abzusehen ist, zu helfen. Die ersten Auszahlungen sind bei den Musikern angekommen.

Die Spenden sind steuerlich absetzbar. Bis € 200 wird der Kontoauszug als Beleg akzeptiert. Wenn Sie trotzdem eine Spendenbescheinigung haben möchten, lassen Sie es uns per E-Mail und mit der Angabe Ihrer Postadresse wissen. Für höhere Beträge erbitten wir Ihre E-Mail mit Postadresse, soweit sie nicht auf dem Überweisungsformular enthalten ist oder wir die Adresse (z.B. von Mitgliedern der Ini) kennen.


Braunschweigs Jazzszene hält zusammen und unterstützt existenzbedrohte, freischaffende Jazzmusiker*innen!

Liebe Jazzbegeisterte,
die Kulturszene unserer Region leidet wie viele andere Bereiche auch unter den einschneidenden, wenn auch unausweichlichen Maßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung des Corona-Virus. Viele freiberufliche Jazzmusiker*innen, die eh schon in prekären Verhältnissen als Künstler*innen leben, sind durch diese Krise in ihrer Existenz bedroht, da sie in den kommenden Monaten ihre Lebensgrundlage verlieren – Keine Auftritte, kein Unterrichten, kein Geld! Nur die wenigsten haben Rücklagen oder eine familiäre Absicherung.
Aus diesem Grund bittet die Initiative Jazz Braunschweig e.V. um Spenden für existenzbedrohte, freischaffende Jazzmusiker*innen der Braunschweiger Region. Helfen Sie mit, damit wir unsere lebendige Szene durch diese schwierige Zeit bringen können. Jeder Euro hilft! Wir sorgen dafür, dass Ihre Spende als finanzielle Unterstützung bei den sozial betroffenen Musiker*innen ankommt.
Unser Konto IBAN DE82 2505 0000 0002 0073 91 Stichwort „Jazzhilfe“


Informationen für betroffene Musiker*innen

Pro Antrag zahlen wir nach den Möglichkeiten des Spendeneingangs maximal Euro 300 aus, wenn nötig plus MWSt.

Wir erbitten Ihren/euren Antrag auf Hilfe formlos per eMail mit einer kurzen Begründung. Die Bearbeitung der Anträge bei uns übernimmt eine Gruppe bestehend aus dem Vorstand und mit der regionalen Jazz-Szene vertrauten Personen. Wir werden für Transparenz sorgen.

Zur Abwicklung benötigen wir eine Rechnung von Ihnen/euch an uns, ebenfalls per eMail:
Initiative Jazz Braunschweig e.V.
Erhard Oelmann
Rhönweg 8, 38122 Braunschweig
für möglicherweise künftige Auftritte/Konzerte.

Wir wissen auch nicht, wie lange die Krise dauert. Wir wollen entsprechend unseren Möglichkeiten helfen. Erneute Anträge werden genauso geprüft wie Erstanträge.

Unsere eMail-Adresse: vorstand[at]jazz-braunschweig.de
 

RIP: Otto Wolters (1938-2020)

Trauer und Dankbarkeit

Der Braunschweiger Jazzpianist und- pädagoge Otto Wolters ist im 82. Lebensjahr verstorben

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in den „Sozialen Medien“. Otto Wolters ist tot! Der Mann, der wie kein zweiter das Gesicht des Braunschweiger Jazz war. Innerhalb von 24 Stunden über 3500 Aufrufe bei Facebook, Beileidsbekundungen von überall her, bezeugen seine Wertschätzung weit über den Braunschweiger Raum hinaus. „Ein großer Verlust für die ganze Szene!“ „Otto war eine Lichtfigur und absolut authentisch!“ „Großartiger Lehrer, großartiger Mensch!“ „Sensibler Klavierspieler.“ „Er hat mich zum Jazz gebracht.“ „Seine Konzerte sonntags im Anton Ulrich!“ So oder so ähnlich wird kommentiert. Otto Wolters, 1938 in Oldenburg geboren, geliebter Mittelpunkt seiner Familie, ist nach längerer schwerer Krankheit am Montag verstorben.

Dass Braunschweig heute einen Ruf als Top-Adresse des nationalen und internationalen Jazz hat, das ist ganz wesentlich Otto Wolters‘ Verdienst. Auf drei Ebenen, die eng miteinander verwoben waren, gelang es ihm, den Jazz zu etablieren. Als Praktiker in seinen verschiedenen Band- und Soloprojekten, als Lehrer an der Musikhochschule Hannover und der Städtischen Musikschule Braunschweig, schließlich als Initiator und treibender Motor der Braunschweiger Jazz-Szene, organisiert in der Braunschweiger Musiker-Initiative.

Jazz galt in den frühen 70er Jahren hier als ein sehr eigenartiges Gebräu. Als schräge Ami-Mucke oder aber als eine Art „Eliten-Protest-Musik“. Kaum verortbar nebulös zwischen Dixie und Post-Bop pendelnd, zwischen Riverboat-Party und Räucher-Keller. Otto Wolters nun gelang es einerseits, diese Musik in Braunschweig und darüber hinaus gewissermaßen zu erden. Vor allem dadurch, dass er das Fach „Jazzpiano“ an der Städtischen Musikschule Braunschweig zu etablieren vermochte, aber auch durch seine zahlreichen Konzerte, die mit Braunschweiger Lokalen untrennbar verbunden sind: „Bassgeige“, „Altdeutsche Bierstube“, „Lindenhof“.

Gleichzeitig aber verlieh er dem Jazz eine Aura der Seriosität. Durch sein Zusammenspiel mit Jazzern von Rang und Namen: Sonny Stitt, Attila Zoller und Gunter Hampel, um nur wenige zu nennen. Vor allem aber, indem er zusammen mit seinen Mitstreitern in der Musikerinitiative Jazzmusiker der Top-Liga nach Braunschweig holte. Etwa US-Shooting Star Pat Metheny, deutsche Avantgardisten wie Albert Mangelsdorff und Joachim Kühn. Jazzmucke wurde in den Konzertrang erhoben, Gepflogenheiten bürgerlichen Konzertverhaltens übernommen.

Vieles kann man nur antippen. Wolters‘ Arbeit für das Goethe-Institut, Crossover-Projekte mit Hans-Christian Wille, der Münchner „Klaviersommer“, die Reihe „Jazz und Lyrik“. Viele unserer in der Region aktiven Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker sind durch seine Schule gegangen. Zweierlei ist von ihnen immer wieder zu hören. Er habe ein ungemein feines musikalisches Empfinden besessen, gepaart mit großem pädagogischem Feingefühl. Aber dann vor allem: Otto Wolters sei immer ein Mensch gewesen, im besten Sinne. Große Trauer über seinen – natürlich. Gleichzeitig aber das Gefühl großer Dankbarkeit und großen Respekts ihm gegenüber.

Klaus Gohlke
 

Jahresmitgliederversammlung

Liebe Mitglieder der Initiative Jazz Braunschweig,

angesichts der aktuellen Corona-Entwicklungen wird die Jahresmitgliederversammlung am 18. März 2020 auf einen späteren Termin verschoben. Es erfolgt eine erneute Einladung.

Da die Coronakrise sicherlich nicht nur ein paar Wochen dauern wird, werden unsere nächsten Konzerte höchstwahrscheinlich auch davon betroffen sein. Wir werden Sie/Euch rechtzeitig informieren.

 

Bolle-Gedächtniskonzert

Jazz-Kneipe Baßgeige, Bäckerklint 1, 38100 Braunschweig

Britta Rex – Gesang
Walter Kuhlgatz – Trompete, Flügelhorn
Marcel Reginatto – Alt- und Baritonsaxophon
Otto Jansen – Tenorsaxophon
Elmar Vibrans – Piano
Heinrich Römisch – Bass
Thomas Geese – Schlagzeug

BeitragsbildEin Jahr ist es im Februar her, dass Norbert „Bolle“ Bolz gestorben ist. Es ist Zeit, mit einem Jazzabend in der Baßgeige an ihn und seinen Einsatz für die swingende Musik zu erinnern. Bolle, der auch den Musikerinnen und Musikern der Braunschweiger Szene immer wieder Auftrittsmöglichkeiten gab, hätte daran Freude gehabt. Freude ist das Stichwort:
Es gibt keinen Trauerabend, sondern eine Feier des swingenden Jazz, den Bolle liebte.

Eintritt: 15 €
 

Kritik zu Eva Klesse Quartett

Klesses Erzählungen
Das Eva Klesse Quartett spielt begeisternden modernen Jazz im ausverkauften Roten Saal

Nein, das waren keine neuen Hoffnungsträger des Jazz, keine „upcoming stars“, kein Silberstreif am Jazzhorizont. Nichts von dem, was medial wichtigtuerisch herum posaunt wird und doch bloßer Reflex kulturindustrieller Imperative ist.

Es war „nur“ das Eva Klesse Quartett, das am Freitagabend auf Einladung der Initiative Jazz Braunschweig im Roten Saal spielte. „Nur“? Nun, es spielte eine hervorragend eingespielte, kreativ miteinander kommunizierende Formation. Vier MusikerInnen, die ihr musikalisches Handwerk bis ins Detail verstehen. Die nicht morphten oder Module konstruierten, auch kein angeblich neues „zirkulares Musikverständnis“ zelebrierten, wohl aber Kompositionen spielten, deren zugrunde liegende Ideen den ZuhörerInnen unmittelbar einleuchteten. Die eine Basis lieferten, Jazz-Spaziergängen zu folgen, auch wenn sie mal ins musikalische Hochgebirge führten.

„Wesen und Zustände“, so Eva Klesse, „spiegeln die Stücke wider oder sind Ausgangspunkte.“ Alltägliche Verwirrungen, Traumsequenzen, Gefühlsüberschüsse, Fabelwesen, Erinnerungen, die in Musik transformiert werden.

Fast programmmusikalisch mitunter, wie in „Klabautermann“. Geisterartig-verschwebende Sounds als Einstieg, gefolgt von einer dramatisch aufgeladenen Fortführung, die sich zu einem wilden Tanz entwickelte. Ja, der Schiffsgeist war an Bord! Dann überraschend ein harter Break – etwas, was das Klesse-Quartett liebt – dem fast kammermusikalische Gespräche zwischen Bass und Piano folgten. Ein langes Crescendo dann, ein Finale furioso, wüst, die tonalen Grenzen aufsprengend. Klare Botschaft: Der Schiffsgeist geht und das Schiff unter.

Ganz anders präsentierte sich das Quartett in „Gravity“. Melancholisch-düster, verzerrt, hoch- und tiefst-tönig, mal völlig transparenter Klang, dann mächtig anschwellender Soundwall. Dazwischen wiederholt eine wunderschöne Melodie bei Reduktion der Begleitung auf das Nötigste.

Überhaupt: Improvisation und Komposition verschmolzen raffiniert, die Soloparts waren integriert. Und die Verankerung der Band in der musikalischen Tradition auch außerhalb des Jazz war unaufdringlich und doch schön nachvollziehbar in Stücken wie „Hal Incandenza“ oder aber dem anrührenden, nahezu „romantischen“ „Choral für P.“

Eva Klesse weist zu Recht darauf hin, dass sie zwar die „Orga-Chefin“ der Band , das Quartett aber ein Kollektiv sei mit ihr am Schlagzeug, Philip Frischkorn am Klavier, Evgeny Ring am Saxophone und Stefan Schönegg am Kontrabass. Genauso ist es: Ein organisches Gebilde auf höchstem Niveau. Viel Beifall im ausverkauften Haus.

Klaus Gohlke

Eva Klesse Quartett

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Eva Klesse – Schlagzeug
Philip Frischkorn – Klavier
Evgeny Ring – Alt-Saxophon
Stefan Schönegg – Kontrabass

BeitragsbildWas die Schlagzeugerin Eva Klesse (die erste (!) deutsche Instrumentalprofessorin für Jazz) mit ihrem Quartett (Evgeny Ring: Alt-Sax; Philip Frischkorn: Piano; Stefan Schönegg: Kontrabass) entwickelt, ist reife, klug durchdachte und zugleich empathisch gespielte Musik. Dank melodischer und harmonischer Raffinesse ist ihr Jazz für unterschiedliche Hörerinnen und Hörer interessant, jenseits vom Mainstream. Das Quartett präsentiert sich dabei als atmender Organismus, der modernen Jazz zwischen Kontemplation und Temposchärfe entwirft. Man lässt einander ungemein viel Platz und klebt nicht an konventionellen Rollenverteilungen von Komposition und Improvisation. Dieser kammermusikalische Jazz mit seiner Ausdruckstiefe führt zu einer musikalischen Erzählkunst, die im internationalen Kontext souverän bestehen kann. Eva Klesse beeindruckt mit einem dynmaischen Spiel, beherrscht feinste Nuancen und zarteste Töne. Sie ist kreative Gestalterin mit einer identifizierbaren Handschrift und kongeniale Partnerin ihrer exzellenten Mitmusiker, die ihre Spielphilosophie bruchlos teilen. Die Jazzfreunde erwartet ein Abend mit spannendem Interplay unterschiedlicher Spielhaltungen und Charaktere.

» Weitere Informationen

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
POMPE OPTIC
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Interview mit Eva Klesse

Konzentrieren wir uns doch auf die Musik
Geschlechtergerechtigkeit ist für die Hannoveraner Bandleaderin, Schlagzeugerin und Jazzprofessorin Eva Klesse ein wichtiges Thema

Eva Klesse spielt am Freitag, 14. Februar 2020 im Roten Saal Braunschweig mit ihrem Quartett Modern Jazz. Sie war 2018 die erste Jazz-Instrumentalprofessorin und lehrt an der Hochschule für Musik in Hannover. Klaus Gohlke sprach mit ihr über die Genderthematik im Jazz.

Frau Klesse, in Deutschland gibt es zwei Instrumentalprofessorinnen für Jazz. Sie sind eine davon. Was ist das Besondere daran im Vergleich zu anderen Lehrenden im Studiengang Jazz?

E.K.: Ich denke, das Besondere ist, dass es immer noch als etwas Besonderes angesehen wird (obwohl wir denken, dass wir – was Gleichstellung in unserer Gesellschaft angeht – angeblich schon „so wahnsinnig weit“ sind und obwohl gerade wir im Jazz, der als progressive Musik angesehen wird, eigentlich Vorreiter sein müssen für gesellschaftliche Prozesse, oder?). Für meine tägliche Arbeit und den Umgang mit meinen Studierenden spielt die Tatsache, dass ich eine Frau bin, keine große Rolle. Das Besondere ist das politische Signal, das von der Berufung von 2 Frauen für diese Stellen ausgeht, die ersten im Jahr 2018,  obwohl es Jazz-Ausbildung an Hochschulen schon seit Jahrzehnten gibt. Ich erhoffe mir einen Aufbruch und mehr Diversität unter Studierenden und Lehrenden an Hochschulen, in der Jazzausbildung und überall.

Wolfram Knauer überschreibt ein Kapitel in seiner gerade erschienenen Geschichte des deutschen Jazz: Jazz wird diverser, weiblicher, queerer. Frauen tauchen also auf im Zusammenhang mit Verschiedenartigkeit, mit Normabweichung, wenn man Lexikondefinitionen folgen will.  Auch wenn Knauer das nicht so meint, aber Weiblichkeit im Jazz als Abweichung:  eine zutreffende Beschreibung?

E.K.: Ich finde das Buch von Wolfram Knauer sehr lesenswert und bin froh, dass auch er dieses wichtige Thema aufgreift. Jazz wird diverser, weiblicher, queerer – das ist/wäre doch ganz wunderbar! Klar waren Frauen bisher in der Jazzwelt/-geschichte die Abweichung von der Norm, aber Wolfram Knauer spricht in seinem Buch ja genau diesen nun stattfindenden und längst fälligen Wandel an: die Szene öffnet sich (und muss sich auch öffnen!), mehr und verschiedenere Menschen finden Platz, Raum und Gehör.

Finden Sie das Tempo im Hinblick auf die Geschlechtergerechtigkeit im Bereich Jazz nunmehr ermutigend oder eher erschreckend?

E.K.: Natürlich dauert das alles lange und manchmal kommt das Gefühl auf, als müsste man wieder neu für Dinge kämpfen, die doch eigentlich schon mal common sense waren. Aber: ich finde es ermutigend, dass gerade ein Wandel stattfindet: gesamtgesellschaftlich und in der Jazzwelt. Und freue mich über alle Kolleginnen und Kollegen, die diesen Weg mitgehen. Erschreckend finde ich den gleichzeitig stattfindenden Backlash, rechts-nationale, rassistische und damit einhergehend auch sexistische und anti-feministische Tendenzen.

Warum ist das mit der Geschlechtergerechtigkeit im Jazz so schwierig?

E.K.: Ich denke, die Gründe für das Geschlechterverhältnis im Jazz sind vielfältig, ebenso wie die Ansätze, um dieses zu verändern. Meine große Hoffnung ist, dass dieses Thema für nachfolgende Generationen irgendwann keine Rolle mehr spielt, ehrlich gesagt, sondern alle ihren Talenten und Neigungen nachgehen können, und sich dabei nicht nach irgendwelchen Gender-Konventionen/ veralteten Rollenbilder richten müssen – Männer wie Frauen! Feminismus und das Streben nach Gleichberechtigung/Gleichstellung sind für alle da!

In Ihrer Band sind  Sie die Chefin. Ihre Bandkollegen sind alles Männer. Müssten Sie da nicht gegensteuern, etwa mit reinen Frauenbands (vgl. Marilyn Mazurs „Shamania“).

E.K.: In meiner Band bin ich die Orga-Chefin. Musikalisch wir sind wir ein Kollektiv. Und: ich muss gottseidank gar nix 🙂 Ich finde ja, es sollte alles geben dürfen: Männerbands, Frauenbands, gemischte Bands, diverse Bands. Vielleicht könnte man einfach aufhören, bei „Frauenbands“ immer wieder darauf hinzuweisen, dass es Frauenbands sind. Oder, alternativ: wir sprechen ab jetzt auch immer von Männerbands, wenn wir von rein männlich besetzen Ensembles sprechen. Dann müssten wir aber alle je erschienenen Jazz-Bücher und die gesamte Jazzgeschichte umschreiben. Bisher gab es nämlich ja so gut wie ausschließlich nur Männer-Bands. Reine Männer-Bands, reine Männer-Festivals. Vielleicht wurden die alle ja nur wegen ihres Geschlechts ausgesucht?? 🙂 Sie sehen, manchmal hilft es, sich mal alles umgekehrt vorzustellen, dann wird einem die Absurdität bewusst.
Vielleicht lassen wir diesen ganzen Quatsch aber auch einfach mal und konzentrieren uns auf das, worum es uns ja eigentlich geht: die Musik!

Welche „Jazz-Role-Models“ gab/gibt es für Sie?

E.K.: Viele. Meine Lehrer waren oft role models für mich, weil ich auch so tolle hatte. Heinrich Köbberling war und ist für mich ein Vorbild zum Beispiel, als Lehrer, Mensch und Musiker. Julia Hülsmann war und ist eine ungemein wichtige Mentorin für mich. Brian Blade verehre ich als Schlagzeuger. Daneben aber genau so Joni Mitchell und noch ganz viele andere. Ausserdem alle, die sich  – sowohl gesamtgesellschaftlich als auch in unserer Szene – für Gleichstellung und Gerechtigkeit einsetzen. Eine wilde Mischung also.

Kritik zu Silke Eberhard Trio

Jazz ist ein Kind der Freiheit

Das Silke Eberhard Trio eröffnete das Jazzjahr 2020 der Initiative Jazz Braunschweig

Musik ist ein flüchtig Ding. Des ist man oftmals froh, mitunter aber auch nicht. Vor allem bei Jazzkonzerten. Ganz besonders schmerzlich, wenn die Musik über einen kommt wie der Sturm und in so vielfältig gebrochener Weise, wie dies das Silke Eberhard Trio am Freitagabend im Roten Saal zu Braunschweig tat.

Zum Beispiel: Nur ein Ton! Knallig, scharf, von allen zugleich. Dann Pause. Tja, wie ging es weiter? Zwei Takte oder etwas länger? War das dann ein Thema oder nur eine Art Ton-Bewegung. Hören kann so schwierig sein, wie das Spielen von Musik. Über die verwirrende Fortsetzung musikalischen Geschehens vergaß man schon den Einstieg. Waren das nun Melodien oder deren Fragmente? Oder aber Flächen?

Wie auch immer im Detail – das Trio zeigte, was es heißt, die Traditionen zu kennen und fort zu entwickeln. Es wurde natürlich nicht nur ein wenig am harmonischen Korsett gerüttelt. Nein, Jazz ist ein Kind der Freiheit. Darum ging es. Gewiss, für Freunde der sanglich-melodischen, harmonisch eingängigeren Musik war das schwere Kost. Wobei allerdings die entspannte, spielerische Haltung der Musiker doch zum Aushalten einlud. Aber – macht es nicht auch Spaß, zu erleben, wie das Trio quasi telepathische Tempo- und Taktwechsel, ein blitzschnelles Changieren zwischen verschiedenen rhythmischen Idiomen vorführte? Wie die Begleitstrukturen zerflossen, sich neu ordneten und verselbständigten, um eigene Wege zu gehen? Natürlich ist das nicht so einfach zu erkennen, besonders, weil Silke Eberhard gerade nicht zu den „Kaltblütern“ am Instrument gehört, also das Tempo, den Druck liebt.

Dabei verführen die Songtitel geradezu. „Schneekatze“, „One for Laika“, „Belka und Strelka“, „Strudel“, „Damenschrank“(!) „Schwarzwurzelwäldle“, „Ping-Pong“. Das klingt nach Programmmusik. Aber, weit gefehlt, zu glauben, „Laika“ sei ein Requiem und die Schneekatze striche irgendwo leis-tatzig durch die Gegend. Schön: „Strudel“ fängt – sofern man ans Wasser denkt – durchaus wirbelnd an. Ein Chaos. So endet es auch. Aber sogleich stellen sich die Fragen ein: Ist das Trio der Tonalität verpflichtet? Oder wird diese eher von innen heraus verändert statt zerbrochen? Die Tonskalen werden aufgrund ihres offenen Charakters flexibel ausgedeutet zwischen Bass und Saxofon hin zu einer Polymelodik. Es gibt keine vom Thema her definierte Chorusstruktur, was spontanes Reagieren auf harmonisch-rhythmische Wendungen zur Folge hat. Eine Art von Befreiung der Melodie von formalen Fesseln vertikaler Ordnungen. Allerdings: Dazwischen auch eingängige, wunderbar swingende Intermezzi. Und spielte die Klarinette nicht auf einmal tänzerisch-locker im Benny-Goodman-Sound? Mit Charles Mingus könnte man von einer „organisierten Desorganisation“ sprechen.

Was das Konzert spannend machte, war auch die absolut gleichberechtigte Kommunikation der Instrumentalisten. Natürlich ist Silke Eberhard die Chefin auf der Bühne. Wer jedoch auf welche Weise auf harmonische Wendungen der Bläsersolistin reagiert, ist freigestellt. Soloparts unterliegen keiner schematischen Verteilung. Es gibt eben keine Begleiter, nur Mitspieler. Kay Lübke am Schlagzeug beeindruckte mit einer Vielfalt an Klängen, die er mit einem relativ kleinen Schlagzeug-Besteck zu erzeugen wusste. Es ging eben nicht nur um das time-keeping. Es ging um eigene rhythmisch-klangliche Gestaltung. Um ein Grundieren, Umspielen, Erweitern, Unterlaufen, Neuordnen der musikalischen Ideen. Das traf in gleichem Maße auf Jan Roder am Kontrabass zu. Mühelos bewegte er sich über das gesamte Griffbrett. Expressive Glissandi, feine Bendings und eine ausgefeilte Dynamik zeichneten sein Spiel aus. Allerdings – wegen der Mikro-Abnahme- nicht immer gut beim Forte-Spiel herauszuhören. Sein langes Bass-Intro vor der Pause war schlichtweg eindrucksvoll.

Dass Silke Eberhard zu den versiertesten Könnern an ihren Instrumenten zählt, muss nicht herausgehoben werden. Dass sie im Sommer den Berliner Jazzpreis 2020 erhält, spricht für sich. Schön vor allem, dass die MusikerInnen aus entspannter Haltung Momente größter Intensität entwickelten, frei von Avantgarde-Attitüden. Viel Beifall für einen guten Start ins Jazzjahr 2020 mit der Initiative Jazz-Braunschweig.

Klaus Gohlke

Interview mit Silke Eberhard

Zwischen Tradition und Avantgarde

Das Silke Eberhard Trio entwickelt den modernen Jazz beharrlich weiter

Das Jahr fängt sehr gut an für Silke Eberhard, eine der renommiertesten deutschen Saxofon- und Bass-Klarinette-Spielerinnen. Nach dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ist ihr nun der Berliner Jazzpreis 2020 zuerkannt worden. Am kommenden Freitag gastiert sie in mit ihrem Trio in Braunschweig. Unser Mitarbeiter Klaus Gohlke sprach mit ihr über den kommenden Auftritt.

Mir scheint, Kontinuität ist Dir bei der Fortentwicklung deiner musikalischen Ideen sehr wichtig. Mit Deinem Trio arbeitest Du schon weit über zehn Jahre zusammen.

Kontinuität ist ja nicht das Gegenteil von Progressivität. Mein Trio ist so etwas wie eine „Working Band“, in der wir unsere musikalischen Ideen stetig weiterentwickeln. Das sind gewissermaßen
Forschungsprojekte. In dieser Gruppe spüre ich große Freiheit. Es ist meine Musik, es sind meine Improvisationen, vor allem Leute, mit denen ich gern zusammenspiele.

Deine Musik setzt sich explizit mit Eric Dolphy, Charles Mingus und Ornette Coleman auseinander. Warum sind sie Dir noch immer so wichtig?

Ihre Musik berührt mich. Heute. Ich hab von denen allen gelernt. Sie sind mein musikalisches Fundament, auf dem ich aufbaue.

Du spielst keinen Schmuse-Jazz. Was erwartet die ZuhörerInnen?

Gerne können die Menschen auch zu meiner Musik schmusen! Die Triobesetzung mit Saxophon, Bass und Schlagzeug ist gewissermaßen „klassisch“. Die fundamentalen Kategorien Melodie, Basslinie und Rhythmus sind ideal verkörpert. Dieses Format steht in einer langen Tradition im Jazz. Diese Linie führen wir weiter.

Du warst 2007 schon einmal in Braunschweig. Hat sich die Jazzwelt aus deiner Sicht seitdem verändert?

Die Frage ist sehr komplex. Zwei Hinweise vielleicht: Die gesellschaftlich virulente Debatte um Geschlechtergerechtigkeit ist auch im Jazz angekommen. Auch die Fragmentierungsprozesse, die wir gesamtgesellschaftlich erleben, sind im Jazz zu sehen und so gibt es beide Tendenzen – globale, was Rezeptionsmöglichkeiten, Kooperationen etc. betrifft, und partikulare, was z.B. Spezialisierung der Szenen und deren Narrative anbetrifft.

Deine Wahlheimat – Du bist ja gebürtige Schwäbin – ist Berlin. Ist Berlin so etwas wie die Jazzhauptstadt Deutschlands?

Berlin ist aus meiner Sicht zur Zeit die für Jazz zentrale Stadt in Deutschland, wenn nicht darüber hinaus. Die Szene ist in den letzen beiden Jahrzehnten enorm gewachsen – und zwar vor allem auch an internationalen Musikern. Das bedeutet natürlich nicht, dass Impulse ausschließlich von Berlin ausgehen. Was die Schwäbin betrifft: Nach wie vor sind mir – wahrscheinlich genetisch bedingt – gute Spätzle sehr wichtig. Ich gebe auch auf Anfrage Kässpätzle Workshops.

Das Silke Eberhard – Trio spielt am Freitag, dem 17. Januar im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses ab 20 Uhr. Karten im Vorverkauf und an der Abendkasse.

Klaus Gohlke

Silke Eberhard Trio

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Silke Eberhard – Klarinette, Altsaxophon
Jan Roder – Bass
Kay Lübke – Schlagzeug

BeitragsbildDie Klarinettistin und Altsaxophonistin Silke Eberhard steht mit ihrem aufregenden Trio fest auf dem Fundament der modernen Jazztradition. Sie bezieht sich auf Innovatoren wie Ornette Coleman, Charles Mingus oder Eric Dolphy. Ohne das Sicherheitsnetz eines Harmonieinstrument spielt ihr Trio mit dem Bassisten Jan Roder und dem Schlagzeuger Kay Lübke hart swingenden modernen Jazz. Das Konzept der Band erinnert an das Mike Osborne Trio aus den 70er Jahren oder an das berühmte Ornette Coleman Trio der Blue-Note-Aufnahmen aus dem „Golden Circle“ in Stockholm.
Interaktion ist das Stichwort, das das Spiel der Drei kennzeichnet. Die Musiker gehen spontan auf die Ideen des jeweils anderen ein. Die originellen Kompositionen bieten dafür das Ausgangsmaterial.
Die CD des Silke Eberhard Trios „The Being Inn“ wurde 2017 mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Der bekannte Jazzkritiker Bert Noglik begründete das für die Jury so:
„Das Album gleicht einer Einladung in das imaginäre Gasthaus, das sich die Berliner Altsaxophonistin und Bassklarinettistin Silke Eberhard beim Schreiben der Stücke vorstellte – ein Ort, an dem die moderne Jazztradition im Raum schwebt und im gemeinschaftlichen Spiel neu ausgeformt wird. Dabei sind die Fenster weit geöffnet, so dass sich bei allen Reminiszenzen an die Geschichte dieser Musik ein beglückendes Gefühl von Freiheit einstellt. Jan Roder am Kontrabass und Kay Lübke am Schlagzeug weben ein spannendes Beziehungsgeflecht und treten als Gesprächspartner der Bandleaderin wie auch selbst als Solisten hervor, so dass ein vielfältig ausdifferenzierter Trioklang entsteht, der sehr eigen ist und zugleich vertraut anmutet.“ Da kann man nur gespannt sein.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Silke Eberhard Trio: Silke Eberhard

Weihnachten und Jazz

Überall ist die Rede von “Konsumterror”, von Weihnachten als “Klimabeschädigungsfest” und was es noch so alles gibt. Mehr sei immer besser, meint Spottify. Nein, seien wir bescheiden mit unseren Weihnachtsvorschlägen.Keine tollen CDs, siehe für so etwas Südd.Zeitung vom 17.12.19 S.10. Oder die einschlägigen Magazine. Nix DVDs oder Bill Frisell-Socken.
Nur eine Empfehlung, nämlich:

Wolfram Knauer: “Play yourself, man!”. Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Reckam Hartcover Stuttgart 2019. 528 S. 36 Euro, als E-Book 30,99 Euro.

Es ist ein echtes Sachbuch. Umfassender Ansatz, gründlich im Detail. Nun, die Sprache ist die eines deutschen Sachbuches: dröghaftig, jedoch nicht kompliziert. Aber das nimmt man angesichts der kenntnisreichen Darstellung in Kauf. Das Buch beginnt mit den Spirituals im Kaiserreich und endet im 21. Jhd. Dazwischen 40 Seiten für Jazz in der Weimarer Republik. vor allem über 50 Seiten zum Jazz während der Nazizeit. Das geht weit, weit über die alternative Jugendkultur hinaus mit überraschenden Details zur Indienstnahme des Jazz durch die Nazi-Propaganda.

Besonders erfreulich auch die Würdigung des Jazz in der DDR in zwei Kapiteln, gegliedert in die Zeit bis zum Mauerbau und die bis 1989. Das sind nun alles eher quantitative Hinweise. Wer Genaueres zum Inhalt wissen will, blicke in die Verlagspräsentation des Buches. Garantiert aber ist: Wer das Buch gelesen hat, weiß anschließend mehr. Es ist ein Standardwerk: zum Vor-sich hin-.Lesen, aber auch als Nachschlagewerk zu nutzen, wie Ulrich Stock richtig in der ZEIT vom 21. 11. 19 anmerkt. Ja, es ist teuer. Das geht aber auch nicht anders, weil der Leser*kreis absehbar gegrenzt sein wird und weil es eben ein Sachbuch ist.

So, gut jetzt. Besorgen, unter, vor, am Weihnachtsbaum oder Ersatz lesen. Fertig.

Schöne Weihnachten, gutes 2020 wünscht die Initiative Jazz Braunschweig.

Verantw. Klaus Gohlke

Kritik zu Nathan Ott Quartett

Glück im Unglück
Das Nathan-Ott-Quartett bescherte zum Nikolaustag hochkarätige Jazz-Feinkost

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. So erging es Nathan Ott, Jazzschlagzeuger aus Berlin, als er seine Dezembertour plante. War ja auch prima gedacht und schon mehrfach vorher Probe gelaufen. Eine kleine Supergruppe zusammengestellt mit der New Yorker Saxofonlegende Dave Liebman im Zentrum. Dafür ein interessantes Konzept der Elvin-Jones Band der frühen 70er Jahre aufgegriffen, nämlich zwei Saxofonisten ohne Harmonieinstrument gegeneinander antreten zu lassen. Und auf geht‘s, unter anderem auch nach Braunschweig in den Roten Saal.

Dann jedoch das Leben, wie es so spielt. Liebman hatte einen schweren Unfall. Spielunfähig. Was tun? Ott, hervorragend vernetzt, fand Abhilfe. Nämlich in Christof Lauer, einem der herausragenden Saxofonisten der Gegenwart, der sich flugs das Tourprogramm drauf schaffte.

Das Konzept, zwei Saxofonisten spielen zu lassen, klingt gut, ist aber nicht ungefährlich. Zum einen stehen die beiden Protagonisten im Mittelpunkt, die „Rhythmiker“ scheinen in den Hintergrund gedrängt. Zum anderen aber ist die Frage, wie die Bläser damit umgehen. Gibt es einen Showdown oder eine gleichgewichtige Kommunikation?

Lauers Partner war Sebastian Gille, Bigband-Kollege für einige Zeit. Wie würde dieser umgehen mit so einem musikalischen Schwergewicht? Höchst interessante Fragen fürs zahlreich erschienene Publikum und: gute Antworten der Musiker.

Lauer und Gille entwarfen einfühlsam Melodienbögen, gestalteten schöne Unisono-Partien, führten durchdachte, ruhige Dialoge mit allen Bandmitgliedern. Aber dann, in den Improvisationsteilen zeigte Lauer seine ganze Kraft und Spielfreude. Er folgte gewissermaßen seiner inneren Natur mit nahezu ekstatischen Arpeggien, die wie Klangflächen erschienen, einer Tour de Force die Skalen hoch und runter, Überblaseffekten, Intervallsprüngen. Hoch konzentriert, trotzdem locker und ohne technizistische Effekthascherei. Und Gille? Stand dem in nichts nach, fand seinen eigenen Zugriff und Ton. Wozu sicherlich auch der Charakter der Kompositionen beitrug, in der Mehrzahl von Ott geschrieben.

Und die „Rhythmiker“, waren sie die armen, im Dunkel Stehenden? Mitnichten. Jonas Westergaard am Kontrabass leistete Schwerstarbeit. Er hatte auf der harmonischen wie auf der rhythmischen Ebene zu gestalten und zog mit Schlagzeuger Ott gewissermaßen die Streben für die Bläsergebäude ein. In den Up-Tempo-Parts erhöhte er repetitiv den Druck und gestaltete das rhythmische Konzept farbiger. Ott seinerseits ließ nicht den Bandleader raushängen. Ja, er schuf Raum und nutzte sein Instrument bei der Schlägelarbeit geradezu melodiös. Und ein Drumsolo ohne Muskelspiel als Ausklang eines Stückes – selten zu hören.

Insgesamt beschritten die vier Musiker musikalische Wege, die zwischen großer Offenheit und Gebundenheit, zwischen Abstraktion und feiner Melodiosität verliefen. Metrisch komplex mit beeindruckender Polyrhythmik, ja, mitunter mal weniger harmonisch durchorganisiert, als von der Rhythmik und der Expressivität zusammen gehalten. Vielleicht nicht immer leichte Arbeit beim Zuhören, aber zu Recht viel Beifall.

Klaus Gohlke

Nathan Ott Quartett

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Nathan Ott – Schlagzeug, Komposition
Christof Lauer – Saxophone
Sebastian Gille – Saxophone
Jonas Westergaard – Kontrabass

BeitragsbildFür den 6. Dezember ist ein Konzert mit dem Natan Ott Trio feat. Dave Liebman angekündigt. Dave hatte leider einen schweren Unfall erlitten, der Auftritte unmöglich macht. Nathan Ott ist es gelungen, Christof Lauer zu gewinnen, Daves Saxofonpart zu übernehmen. Wir sprechen ausdrücklich nicht von „ersetzen”, denn Christof ist kein Ersatzmann. Die Band wird das avsierte Repertoire spielen, auf andere Weise interpretiert. Christof Lauer muss man nicht vorstellen, er ist einer der profiliertesten Saxofonisten Deutschlands, der uns schon oft in Braunschweig begeisterte.
Wir bitten um Verständnis und Neugier.

Das Nathan Ott Quartett bringt den Geist der legendären Lighthouse-Edition der Elvin Jones Band der 70er Jahre ins 21. Jahrhundert und präsentiert eine der wichtigsten Jazz-Stimmen unserer Zeit: die des US-amerikanischen Saxophonisten Dave Liebman. Liebman ist eine treibende Kraft des zeitgenössischen Jazz und gehört zu den zentralen Saxophonisten der von John Coltrane beeinflussten Moderne. Seit er weltweites Aufsehen durch seine Zusammenarbeit mit Miles Davis und Elvin Jones erregte, übt er großen Einfluss auf die Musik der Gegenwart aus, sowohl als Saxophonist, Komponist und Bandleader wie auch als Lehrer und Buchautor. In Braunschweig können Sie ihn in der außergewöhnlichen Konstellation im Quartett mit dem jungen Jazzdrummer Nathan Ott erleben.

Ott war zuerst klassischer Geiger und begann erst mit 18 Jahren, Schlagzeug zu spielen, nachdem er ein Konzert von Dave Liebman beim Augsburger Jazzsommer erlebt hatte. Inzwischen hat er sich in der Jazzszene auch über Generationsgrenzen hinweg als ein überaus wacher und vitaler Impulsgeber bewährt und spielt mit Musikern aus Deutschland, Griechenland, Spanien und den USA. Seit Herbst 2016 gestaltet Ott auch seine eigene Konzertreihe „The Nathan Ott Dubph0nic“ im Altonaer Jazzclub Hafenbahnhof.

In seinem Quartett verzichtet Ott bewusst auf ein Harmonieinstrument und richtet so den Blick auf die je individuellen Spielweisen und Klanggestaltungen der beiden Saxophonisten. Dave Liebman war 2005 bei uns im Städtischen Museum zu Gast, während Sebastian Gille, Preisträger des Hamburger Jazzpreises 2015, unlängst mit Jens Düppe das Braunschweiger Jazzpublikum im Roten Saal begeisterte. Am Kontrabass ist Jonas Westergaard, der die Reihe großer skandinavischer Bassisten mit internationalem Erfolg fortsetzt.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Nathan Ott: Cascadas

Sound on Screen – Festival Edition

Internationales Filmfest Braunschweig e.V.

Logo

MUSICA CUBANA
Regie: Kurt Hartel

D 2019, 89 Min., OmenglUT
(Span. Originalfassung mit engl. UT)
Deutsche Erstaufführung!

zu Gast: Kurt Hartel (Regisseur)

BeitragsbildDem Phänomen der kubanischen Musik auf der Spur: In MUSICA CUBANA begibt sich Regisseur Kurt Hartel in den kulturellen Schmelztiegel Havanna, um ebenso historischen Wurzeln wie aktuellen Entwicklungen nachzugehen. Von der Clave und den hypnotischen Rhythmen der Bongos bei den Orisha-Zeremonien über die Lebensfreude von Rumba und Salsa bis hin zu den Tanzkompanien und den zeitgenössischen Livebands: Mit seinem Debutfilm ist Hartel eine ebenso authentische wie lebendige Dokumentation der facettenreichen kubanischen Musikkultur gelungen, die die Leidenschaft zu vermitteln weiß, mit der Musik auf Kuba zelebriert wird. Der Fokus liegt hier auf den Musikern, ihrem Schaffen und ihren Sichtweisen.

Internationales Filmfest Braunschweig e.V. in Kooperation mit Initiative Jazz Braunschweig


 

Shake Stew “Rise And Rise Again”

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Lukas Kranzelbinder – Bass, Bandleader
Clemens Salesny – Altsaxofon
Johannes Schleiermacher – Tenorsaxofon
Mario Rom Trompete
Oliver Potratz – Bass
Nikolaus Dolp – Schlagzeug
Mathias Koch – Schlagzeug

BeitragsbildShake Stew ist die österreichische Jazzband der Stunde. Eine Band, die als Sensation im Jazz gilt. Der Staub, den die sieben Ausnahmemusiker rund um Lukas Kranzelbinder seit ihrer Bandpremiere beim Jazzfestival Saalfelden 2016 aufgewirbelt haben, hat sich gerade erst wieder ein wenig gesetzt, da legen sie bereits mit voller Energie nach: „Rise And Rise Again“ ist das zweite Studioalbum betitelt, und in welchem Tempo diese Formation neuen musikalischen Output erzeugt, ist wirklich atemberaubend.
Wurde ihr Debüt im österreichischen „Standard“ noch als „magische Eröffnungsstunde“ und vom „Kurier“ als „intergalaktisches Roadmovie für die Ohren“ beschrieben, scheint es mittlerweile wirklich so, als ob die Musik dieser Formation immer größere Wellen schlägt. Nach Einladungen vom renommierten Montreal Jazz Festival bis hin zum deutschen Jazzfestival Frankfurt wurde auch die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT auf Shake Stew aufmerksam. Sie schickte ihren Musik-Journalisten Ulrich Stock im September 2018 für ganze fünf Tage in den Jazzclub Unterfahrt nach München, wo die Band gerade eine Residency mit täglich wechselndem Programm spielte.

Dass einer jungen österreichischen Formation eine komplette Seite im Feuilleton der ZEIT gewidmet wird, erscheint bereits bemerkenswert, viel mehr aber verblüffen die Euphorie und Begeisterung, die den Journalisten angesichts seiner Erfahrungen gepackt haben:

„Was ich hörte, haute mich um. Grandiose Rhythmen, schmelzende Bläser, hypnotischer Funk-Beat-Swing-Afro-Jazz-Rock-Rhythm-and-Irgendwas. Ich war so gebannt, ich konnte nach dem Konzert kaum aufstehen. Inzwischen weiß ich, dass andere Hörer ähnliche Initiationserlebnisse hatten; etwas geht von dieser Band aus, das neu und besonders ist – und ungemein attraktiv.“

Es könnte Ihnen genauso gehen. Freuen Sie sich auf einen einzigartigen Abend!

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Shake Stew: Andreas Waldschuetz

Drei Tage Neue Musik

25. bis 27. Oktober 2019

Programm

Kompositionen auf Weiß

Freitag, 25. Oktober 2019, 19:30 Uhr
Einführungsvortrag
Dr. Vlady Bystrov: Freie Improvisation

Freitag, 25. Oktober 2019, 20:00 Uhr
Impro-Abend mit Vlady Bystrov (Holzblasinstrumente), Anto Pett (Klavier) und Anne-Liis Poll (Gesang)

Musik am Bauhaus

Samstag, 26. Oktober 2019, 19:30 Uhr
Einführungsvortrag
Dr. Vlady Bystrov: Musik am Bauhaus

Samstag, 26. Oktober 2019, 20:00 Uhr
Adolf Busch: Duo für Viola und Saxofon, Erwin Schulhoff: Hot-Sonate für Altsaxofon und Klavier, Arnold Schönberg: Verklärte Nacht (Arr. f. Ensemble)
Braunschweiger Klangwerkstatt und Ensemble Megaphon: L. Župková, V. Bystrov, H. Krauss, T. Prelevic

Komponistinnenportrait Adriana Hölszky

Sonntag, 27. Oktober 2019, 11:00 Uhr
Quasi una fantasia für Oboe, Snowbirds für Violine und Klavier, Flux Reflux für Saxofon solo, Klangwaben für Violine solo, Hörfenster für Franz Liszt für Klavier solo
Braunschweiger Klangwerkstatt und Ensemble Megaphon: L. Župková, V. Bystrov, H. Krauss, T. Prelevic

Alle Konzerte finden in der Dornse des Altstadtrathaus Braunschweig statt.
Eintritt frei, Spenden erbeten.
Veranstalter: Freunde Neuer Musik Braunschweig e.V. in Kooperation mit dem Louis Spohr Musikzentrum
Programm-Download (PDF 2,5 MB)

Altstadtmarkt 7
38100 Braunschweig

 

VEIN – Symphonic Bop

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Michael Arbenz – Piano
Thomas Lähns – Bass
Florian Arbenz – Schlagzeug

BeitragsbildSeit mehr als einem Jahrzehnt gilt das Schweizer Trio VEIN als eines der führenden Klaviertrios Europas. Es bestritt Tourneen in über 40 Ländern, von Kolumbien bis Russland, von Portugal bis Norwegen, von Italien bis Japan, und wurde von Ulrich Olshausen (FAZ) auch schon als ein “Trio von nahezu abgehobener Sonderklasse” bezeichnet. In letzter Zeit beschritt VEIN neue Wege, in dem es sein kammermusikalisches und flexibles Trio-Spiel auch durch grössere Formationen erweiterte.

Da alle drei VEIN-Mitglieder ein klassisches Studium absolvierten, sind auch Einflüsse aus der klassischen Musik hörbar. So zum Beispiel von Ravel (dessen Musik VEIN auf dem letzten Album „VEIN plays RAVEL“ bearbeitete), Debussy, Mahler oder Stravinsky.

VEIN ist nun auch mit der Trioversion des „Symphonic Bop“ – Programms auf Tournee. Hier wird dieses klangliche Universum wieder auf die drei ursprünglichen Instrumente reflektiert. Auf diese Weise vereint sich der flexible und unberechenbare Aspekt von VEIN mit einer maximalen dynamischen Breite und einer Farbenvielfalt, die von großen Formationen inspiriert ist.

Michael Arbenz – Piano

Michael Arbenz, klassisch ausgebildeter Pianist und autodidaktischer Jazzmusiker, verbindet seine Neugierde zum Neuen mit der Erfahrung seiner klassischen Ausbildung. Nach dem Studium am Konservatorium in Basel arbeitete er zum Beispiel mit Pierre Boulez, Heinz Holliger, Jürg Wyttenbach oder dem Schweizer Ensemble Contrechamps.
Bereits als Kind entdeckte Michael die Liebe zum Jazz. Seine eigenständiger Zugang zur Jazz-Tradition und weiterer improvisierter Musik führte zu einem sehr persönlichen Ansatz. Da er das Klavier gerne orchestral einsetzt, sind seine Improvisationen oft sehr vielschichtig und von vielen Einflüssen geprägt. Zu diesen zählen bedeutende Jazzpianisten quer durch die Musikgeschichte aber auch Ideen und Klangfarben der klassischen und zeitgenössischen Musik.

Er spielte mit dem Trio VEIN bei vielen renommierten Konzertveranstaltern und arbeitete zum Beispiel mit Greg Osby, Glenn Ferris, Dave Liebman, Marc Johnson, Wolfgang Puschnig und Andy Sheppard.

Thomas Lähns – Bass

Als gefragter Bassist kombiniert Thomas Lähns die Bogen-Technik eines klassischen Orchestermusikers mit der Spontanität eines Jazz-Bassisten. Er spielte klassische Konzerte mit Grössen wie Heinz Holliger oder Peter Eötvös, u.a. bei den Salzburger Festspielen oder dem Schleswig-Holstein Musik Festival, und bestreitet regelmäßig klassische Soloauftritte in Europa und Südamerika. Ausserdem ist er einer der wenigen Kontrabassisten, die Hans Werner Henzes Konzert für Kontrabass und Orchester aufführten.
Seine ersten musikalischen Schritte machte Thomas auf dem E-Bass, seinen Jugend-Idolen “Iron Maiden” nacheifernd. Als er später zum Kontrabass wechselte, entdeckte er den Jazz, studierte in Basel klassische Musik bei Wolfgang Güttler und Botond Kostyak und nahm an Masterclasses von Mark Dresser teil.
Als Jazzbassist spielt er mehr als 100 Konzerte im Jahr, neben seiner Mitwirkung im Trio VEIN unter anderem mit Christoph Stiefel, Johannes Mössinger und Kolsimcha. Er bezieht sich auf die Tradition von Scott LaFaro, Richard Davis oder Miroslav Vitous, besonders aber auch auf jene der grossen Bogen-Meister Slam Stewart und Major Holley.

Florian Arbenz – Schlagzeug

Florian Arbenz ist einer der vielseitigsten Schlagzeuger Europas. Mit dem Jazz kam er über Musiker wie Kirk Lightsey oder Famadou Don Moye in Berührung und studierte bei Ed Thigpen und Steve Smith. Als klassisch ausgebildeter Perkussionist mit grosser internationaler Orchestererfahrung trat er unter anderem mit Peter Eötvös, György Kurtag und Christoph von Dohnanyi auf. Während seines Studiums verbrachte er sechs Monate am Instituto Superior de Arte in Havanna/ Kuba und so ist sein Spiel von afro-kubanischen Elementen, aber auch von asiatischen Finger-Techniken beeinflusst. Florian ist in aktivem Austausch mit der internationalen Drummer-Szene, folgt den neusten Strömungen des Drumsets und verfeinert seine Spielweise stets mit neuen Innovationen.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte VEIN: Daniel Infanger

Kritik zu VEIN – Symphonic Bop

Hochkomplexe Trioarbeit
Das Schweizer Piano-Trio VEIN spielt reduzierte Bigbandkompositionen und Ravelbearbeitungen im Roten Saal zu Braunschweig

„Symphonic Bop“ war das Konzert des Schweizer Klaviertrios „Vein“ bei der Initiative Jazz Braunschweig betitelt. Was meint „Symphonic“ im Zusammenhang mit einem Jazztrio? Bop ist ja unmittelbar einleuchtend. Nun, es ist eine etwas unglückliche Bezeichnung, die zurückzuführen ist auf das letzte Projekt der Schweizer mit der Norbotten Bigband. Eine Kooperation von Trio und Groß-Ensemble sollte erprobt werden, die die jeweiligen Charakteristika beider Formationen ohne Selbstaufgabe verschmelzen sollte. Schon hier aber war „symphonisch“ irreführend. Es wurde weder symphonische Musik gespielt, noch hat eine Bigband Sinfonieorchester-Stärke.

Was nun am Freitagabend im Roten Saal zu Gehör gebracht wurde, war eine Reduktion dieser Bigband-Arrangements, ein Herunterbrechen auf Kammermusik-Jazz-Ebene. Nicht, dass das nicht geglückt wäre. Im Gegenteil, grundsätzlich gesehen. Nur, dass gewisse Hörerwartungen, die eventuell in Richtung durchschaubaren „Third Stream“ gingen, gleich zu Beginn enttäuscht wurden.

„Vein“ spielte, wenn schon, dann eher Bop, wobei das auch nicht stimmt. Es war eine Mixtur hochkomplexer Trioarbeit, die einerseits eine Aneignung der Jazztradition widerspiegelte, andererseits aber sehr eigenständige Fortentwicklungen des Jazz bot. Ergänzt durch Bearbeitungen von Ravel-Kompositionen, nur für Experten als solche erkennbar, was aber durchaus kein Handicap sein musste.

Der Einstieg mit „Boarding the Beat“ war kein sanftes Hinführen zum Vein-typischen musikalischen Denken, sondern es ging gleich zur Sache. Wohl war da eine thematische Einführung, dann aber ging es zügig in die Durchführung, die sich durch konzentriertes Interplay auszeichnete. Vor allem die Rolle von Thomas Lähns am Kontrabass war spannend zu hören, nämlich einerseits eine rhythmische Grundierung mit und über das Schlagzeug hinaus zu liefern, andererseits die Piano-Exkurse melodisch einzuleiten und zu umspielen. Die Band zeigte sich dynamisch und rhythmisch variantenreich und jazzaffin, wenngleich immer wieder Hinweise auf klassische Musik aufschienen.

Was „Vein“ an diesem Abend aber offenbar auch demonstrieren wollte – oder wollte es nur der Schlagzeuger Florian Arbenz? – war nicht ganz unproblematisch. Dass es nämlich nicht ein typisches Klavier-zentriertes Piano-Trio sein wollte, sondern durchaus andere Akzente zu setzen weiß. Florian Arben, so schien es streckenweise, wollte wohl den kammermusikalisch-klassischen Ansatz mit Jazzrock-Anleihen durchlöchern. Nicht, dass er im Laufe des Abends dynamisch einfallsarm geblieben wäre! Überhaupt nicht. Wunderbar sein Duo mit Lähns etwa, seine Besenarbeit später. Aber er zeigte sich als ungemein kräftiger Gegenpol zum Pianospiel seines Bruders Michael. Sein Können beeindruckte, aber er überlagerte seine beiden Mitspieler mitunter doch sehr. Das konnten das Pianosolo in „Reflections in D“ und die Ravel-Bearbeitung „Mouvement de Menuet“ nur partiell kompensieren.

Die Kompositionen waren komplex, anspielungsreich, keinesfalls flacher Third Stream. Eine sehr eigenständige Tonsprache des Jazz wurde erlebbar, nur die an „Vein“ so gelobte größtmögliche Ausgewogenheit ihres Interplays konnte man an diesem Abend nicht unbedingt erleben.

Klaus Gohlke

Dieter Ilg “B-A-C-H”

Augusteerhalle der Herzog August Bibliothek, Lessingplatz 1, 38304 Wolfenbüttel

Eine Kooperation mit der „Gesellschaft der Freunde HAB“

Dieter Ilg – Bass
Rainer Böhm – Piano
Patrice Héral – Drums

BeitragsbildBereits seit Jahren gehört Dieter Ilg zu den einflussreichen Stimmen des europäischen Jazz. Seine elektrisierende Vitalität, intelligente Neugier, technische Brillanz und totale Hingabe an den Moment brachten ihm internationale Reputation nebst drei ECHO Jazz Trophäen ein.

Aus den Werken Johann Sebastian Bachs holt sich Kontrabassist Dieter Ilg das neue Material für sein Trio mit Rainer Böhm am Piano und Patrice Héral am Schlagzeug. Kammerjazz, intim und extrovertiert zugleich. Ilgs Trio hebt Grenzen zwischen musikalischen Epochen und Genres auf. Bemerkenswert konsequent verfolgt Ilg seine Vorstellung von einer eigenen, natürlichen Herangehensweise. Traumwandlerisches Zusammenspiel und Mut zum Risiko lässt magische, unverwechselbare Augenblicke entstehen, die diese drei Instrumentalisten zu einer der intensivsten und organischsten Live-Formationen ihrer Art formen. Melodiös, lyrisch, romantisch eingänglich und gleichsam forsch herausfordernd. Musik mit Anspruch und gleichzeitig angenehm hörbar.

Der dreifache Echo Jazz – Preisträger Dieter Ilg erlangte Ende der 1980er Jahre größere nationale wie internationale Bekanntheit durch seine feste Mitgliedschaft im Quintett des US-Trompetenstars Randy Brecker, als Nachfolger Ron Carters. Ein Ritterschlag. Daraufhin wurde der Südbadener für ausgewählte WDR-Bigband- Projekte regelmäßig engagiert und wirkte u.a. an der erfolgreichen ACT-Produktion „Jazzpana“ mit. Ob im Quartett mit Peter Erskine, Kenny Wheeler und John Taylor, im berühmten Albert Mangelsdorff-Wolfgang Dauner Quintett oder mit seiner Furore machenden Premiere als Leader von Ilg / Schröder / Haffner wurde Dieter Ilg zu einem Vorbild für jüngere Generationen.

Durch seine Trioexkursionen als Initiator von Formationen mit Marc Copland und Bill Stewart (American Songbook) oder Wolfgang Muthspiel und Steve Argüelles (European Songbook) wurde der Kontrabassist zu einem Aushängeschild für Eigenständigkeit, Konstanz und ständigem Forscherdrang.

Seit acht Jahren nun präsentiert er mit seiner „Working Band“ (mit Rainer Böhm und Patrice Héral) Bearbeitungen klassischer Werke europäischer Musikgeschichte. Nach Giuseppe Verdis „Otello“ und Richard Wagners „Parsifal“ veröffentlichte der Virtuose 2015 seine letzte Tonkonserve, wiederum beim renommierten Label ACT, mit Variationen zu Themen Ludwig van Beethovens. Ende September 2017 erschien des Tiefenzauberers neuestes Werk: dieses Mal Johann Sebastian Bach gewidmet. Dieter Ilg formt – nach langjähriger Duopartnerschaft mit dem beliebten Saxofonisten Charlie Mariano – seit einigen Jahren auch eine solche mit Deutschlands prominentestem Jazzmusiker, Trompeter Till Brönner.

Der im südbadischen Offenburg aufgewachsene Landesjazzpreisträger Baden-Württemberg studierte klassischen Kontrabass bei Prof. Wolfgang Stert in Freiburg i. Br., zog zu einem seiner intensivsten Lehrern, dem umtriebigen Mentor Dave Liebman, nach NYC und sponn die Fäden seiner weiteren Karriere. Sein singender Ton, seine handwerkliche Meisterschaft und seine expressive, individuelle Ausdruckskraft sind Markenzeichen und finden bei unterschiedlichsten Musikern und Musikerinnen weltweit starken Anklang.
Für einen deutschen Jazzmusiker eine einmalige und einzigartige Vita.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 18 € (GdF) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Dieter Ilg “B-A-C-H”: Dieter Ilg

BS-Jazz – Osterburg-Vibrans Duo / HC Hasse Quintett

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Jazz BS – BS Jazz

Set 1: Osterburg-Vibrans-Duo
(Dietmar Osterburg: Gitarre; Elmar Vibrans: Piano)

Set 2: HC Hasse Quintett
(Hans-Christian Hasse: Piano; Claus Sartori: Saxophon; Lorenz Däubler: Saxophon; Heinrich Römisch: Bass; Ingemar Oswald: Schlagzeug)

Unter dem Motto Jazz BS – BS Jazz möchte die Initiative Jazz Braunschweig zukünftig Musiker*innen bzw. jeweils zwei Bands am Abend präsentieren, die in der Region Braunschweig verwurzelt sind.

BeitragsbildDie Duo-Besetzung Gitarre-Piano ist selten im Jazz. Eigentlich schade, finden Dietmar Osterburg (Gitarre) und Elmar Vibrans (Piano). Denn in dieser Kombination findet man eine Freiheit in der Improvisation, Kommunikation und Interaktion, wie sie in größeren Besetzungen nur schwer zu erreichen ist. Das Programm enthält Jazz-Standards und Kompositionen von John Abercrombie, Jim Hall, John Hicks und Attila Zoller, die in ganz eigener Manier improvisatorisch interpretiert werden.

BeitragsbildDie aktuelle Formation um den Braunschweiger Jazzpianisten Hans-Christian Hasse fühlt sich der Tradition der US-amerikanischen Tonsprache des Jazz verpflichtet. Die Musiker bieten dem Hörer ein abwechslungsreiches musikalisches Menü, angerichtet aus packenden Latin-Grooves, erdigen Hard-Bop-Linien und leidenschaftlichen Improvisation-Parts.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Osterburg-Vibrans Duo: Dietmar Osterburg
Bildrechte HC Hasse Quintett: Hans-Christian Hasse

Jazz-BS startet BS-Jazz

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Jazz-BS startet BS-JazzBeitragsbild

Die Initiative Jazz Braunschweig e.V. möchte zukünftig im Rahmen ihres regulären Konzertprogramms zu besonderen Terminen auch Musiker*innen bzw. Bands präsentieren, die in der Region Braunschweig verwurzelt sind. Sie sollen in gleicher Weise vorgestellt werden, wie die anderen Bands aus aller Welt. Der einzige Unterschied wird sein, dass das Publikum an einem Abend zwei Jazz-Formationen erleben wird, die ein jeweils einstündiges Set spielen.
Auftrittsort ist der Rote Saal im Schloss der Stadt Braunschweig. Jazz-BS stellt eine angemessene PA, die Gage orientiert sich – wie bei allen anderen Musiker*innen auch – an den Empfehlungen der UDJ.

Der erste Termin ist Freitag, der 06. September 2019, 20 Uhr.

Bewerbungen bitte bis 30. März 2019 an bk.gohlke[at]t-online.de

Erforderlich sind dabei

  • ein Presskit (Bandprofil, HD-Foto > 1MB)
  • Tech- und Stagerider
  • Musikbeispiele (downloads, soundcloud, dropbox o.ä.)
  • Vertragsvordrucke stellt der Veranstalter

Klaus Gohlke, jazz-bs

Jazz im Park

Park des Ritterguts Abbensen, Eixer Straße 24, 31234 Edemissen

Veranstalter: Braunschweigische Landschaft e.V.

MUSIKZUG FREIW. FEUERWEHR ABBENSEN – JAZZ & DIXIELAND
JAN-HEIE ERCHINGER – SOLOPIANO
EVELYN KRYGER – WORLDFUSION
SAM LEIGH-BROWN & PETER BEFORT QUINTETT – BOSSANOVA

Zum 7. Mal lädt die Braunschweigische Landschaft ein zu JAZZ IM PARK. Diesmal grooven und swingen die Bands im Park des Rittergutes Abbensen. Moderne Musik in traditionsreicher Umgebung, ein Festival zum Hören und Sehen. Etablierte und erfolgreiche Jazz-Musiker ebenso wie musikalische Newcomer lassen hören, wie zeitgenössischer Jazz klingt.

» Weitere Informationen

Eintritt: 5 €

Jens Düppe Quartett “Dancing Beauty”

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Jens Düppe – Schlagzeug, Komposition
Sebastian Gille – Saxophon
Lars Duppler – Piano
Christian Ramond – Kontrabass

BeitragsbildGehen John Cage und Jazz zusammen? Neutöner Cage hatte ja ein eher distanziertes Verhältnis zum Jazz. Jens Düppe zeigt mit seinem Projekt „Dancing Beauty“, wie gut das funktionieren kann. Der Schlagzeuger und Komponist Düppe hat sich neun musikphilosophischer Aussagen des Jahrhundertmusikers Cage angenommen und sie als Grundlage für einen kreativen Entstehungsprozess benutzt. Ganz im Sinne von Cage hat sich Düppe frei von Genregrenzen und musikalischen Schranken von diesen Zitaten leiten lassen. Besonders zeigt sich das Potential dieser Idee durch die Umsetzung Düppes in dem Song „Dancing Plastic Bag“: ein kurzes Stück Musik, gespielt nur mit Hilfe von zwei Plastiktüten.

“Die erste Frage, die ich mir selbst stelle, wenn etwas nicht scheint, schön zu sein, besteht darin, warum denke ich, dass es nicht schön ist? Und sehr kurz darauf entdeckt man, dass es keinen Grund dazu gibt.“ Diesen Gedanken von Cage hat der Kölner Komponist in dem Stück „Sleeping Beauty“ verarbeitet. Es geht ihm ganz besonders um die wünschenswerte Offenheit, die ihm in unserer heutigen Welt so wichtig scheint, und er möchte deshalb ganz bewusst von anderen Perspektiven aus blicken können.

Bei der Komposition „Everything We Do Is Music“ handelt es sich um einen fast schon heroischen und edlen Gedanken! Ein Gedanke, der absolute Freiheit verleiht und einen Aufruf zu einer uneingeschränkten künstlerischen Entfaltung darstellt. Mit „This Is Not The End“ spielt er natürlich auch darauf an, dass er hier nicht stehenbleiben und auf jeden Fall weitermachen werde. Mit neuen Ideen, weiteren Kompositionen und Projekten – nicht nur im Jazz, so der Kölner.

Es sind aber nicht nur die Zitate von Cage, die Düppe beim Komponieren beflügelt haben. Sebastian Gille am Saxophon, Lars Duppler am Piano und Christian Ramond am Bass, Musiker aus der ersten Reihe des deutschen Jazz, sind seine Wegbegleiter und Inspiratoren. Sie alle haben mit ihrem Können eine ganz individuelle Klangvielfalt entwickelt, auf die Düppe beim Komponieren jedes Stückes ausdrücklich eingegangen ist. Die Folge ist ein unverwechselbarer Gesamtklang als Band, der so in fast zehn Jahren gemeinsamen Spiels entstehen konnte.

So präsentieren sich ganz unterschiedliche Klangwelten, jede für sich ein eigener
Kosmos von Melodien, Rhythmen und Strukturen. Eine große Geschichte von Möglichkeiten, Unvoreingenommenheit und musikalischer Freiheit. Ein Jazz-Abenteuer erster Güte.
„Dancing Beauty“ war für den Echo Jazz 2018 nominiert und erhielt 2019 den WDR Jazzpreis.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
Hoffmann Maschinen- und Apparatebau GmbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Jens Düppe Quartett: Gerhard Richter

Interview mit Jens Düppe

Alles geht – oder auch nicht
Jens Düppe im Gespräch mit Klaus Gohlke anlässlich seines Konzertes

John Cage gilt als musikalischer Freigeist, als einer der Begründer der Neuen Musik. Hörgewohnheiten, Erwartungen zu unterlaufen, neue  Kontexte zu kreieren, das ist ihm immer wieder gelungen. Teilweise spektakulär, wie in seinem Werk 4’33, einem dreisätzigen Klavierstück, bei dem kein einziger Ton gespielt wird, oder mit einem Orgelstück, das im nahen Halberstadt so langsam wie möglich gespielt wird. In gut 600 Jahren wird es beendet sein! 
Nun kommt Jens Düppe mit seinem Jazz-Quartett am Freitag, dem 28. Juni in den Roten Saal nach Braunschweig und spielt bei „Dancing Beauty“ Stücke, die sich auf Cage beziehen. Was erwartet die Zuhörenden? Gibt es Grund besorgt zu sein? Das fragt unser Mitarbeiter den Jazzer vorab.

Herr Düppe, muss man damit rechnen, dass da 90 Minuten nichts anderes zu hören sein wird, als die Stille im eigenen Kopf? Oder vielleicht nur einige Töne, langsamst gespielt, wie in der Kirche St. Burchardi im nahen Halberstadt?

Lustig, dass Sie die Kirche in Halberstadt ansprechen. Für die Stiftung dort werden wir im September zu Cage Geburtstag spielen, am 5.9. Und zwar nicht nur Stücke des Quartetts. Wir werden stilistisch so unterschiedlich wie nur denkbar agieren. Und dann wird die Reihenfolge der Stücke ausgewürfelt. Das hat alles direkt mit Cage zu tun! Ja, so offen und humorvoll war er. Es gibt halt viele Zugänge zu seiner Musik und viele Ansätze, sich von der Musik ansprechen zu lassen. Die Musik von DANCING BEAUTY wurde inspiriert von Wort-Zitaten und Denkweisen von Cage, als Komponist kommt er aber nicht drin vor (würde ich jedenfalls sagen), bis auf eine besondere Stelle im Konzert. Das wird hier aber nicht verraten. Es wird ein – wenn auch stellenweise etwas besonderes – Jazzkonzert werden.

John Cage hielt nicht viel vom Jazz. Jazz müsse sich dem Publikumsgeschmack beugen. Tue er das nicht, würde er zu E-Musik werden, wäre also kein Jazz mehr. Ärgert Sie so eine Sicht der Dinge?

Nein, Cage hat sich ja über jede Art von Musik geärgert, die auf irgendeine Art musikalisch vorhersehbar war, wo man nur ahnen konnte, wo die Melodie oder der Rhythmus hingehen werden. Da scheidet dann zum Beispiel schon mal jede Musik aus, die ein festes Tempo hat; das reicht dann von Mozart über Stravinsky bis hin zu James Brown und David Bowie. Da bleibt also nicht mehr viel an Musik über, die wirklich völlig unberechenbar daherkommt. Deshalb hat er sich ja zeitlebens als Komponist damit beschäftigt, diese Unberechenbarkeit den Ausführenden seiner Kompositionen irgendwie unverbindlich vorzuschreiben und dabei spannende Modelle entdeckt.

Muss Orientierung am Publikumsgeschmack Musiker automatisch verderben?

Ich kenne keinen Künstler, der überhaupt nicht reflektiert, wie sein Schaffen beim Publikum ankommt. Es kommt letztlich auf die Grundmotivation an, die einer hat, wenn er „Kunst“ schafft. Und diese sollte sich Inhalten widmen.

Ihre Musik wird hoch geschätzt. Sie wurden mit der aktuellen CD DANCING BEAUTY zum ECHO JAZZ 2018 nominiert, erhielten in diesem Jahr sogar den WDR-Jazzpreis für Improvisation. Trotz oder wegen Cage? Anders gefragt: Wäre Ihre Musik auch ohne den Cage’schen Überbau denkbar?

Ja, auf jeden Fall kann man sich das aktuelle Album anhören, auch wenn man den Inspirationsquell John Cage nicht kennt. Cage gibt dem ganzen einfach eine weitere Ebene und hat mir beim Komponieren geholfen; nämlich sehr geradlinig zu komponieren und mir selber und meinen musikalischen Ideen wirklich treu zu bleiben. Der Bezug zu Cage hat der Musik dieses Albums Kraft gegeben.

Sound on Screen Special – CHASING TRANE – THE JOHN COLTRANE DOCUMENTARY

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, 38100 Braunschweig

CHASING TRANE – THE JOHN COLTRANE DOCUMENTARY
Regie: John Scheinfeld, USA 2016, 99 Min., OmU

BeitragsbildAuf der Jagd nach Coltrane: “Chasing Trane” erzählt das musikalisch reiche und menschlich bewegte wie bewegende Leben des legendären Saxophonisten und Erneuerers des Jazz.

“Ein Muss nicht nur für alle Coltrane- und Jazz-Fans, sondern im Grunde genommen für jeden, der sich ernsthaft für die bleibende Musik des 20. Jahrhunderts interessiert” (Variety). Mit Bill Clinton, Carlos Santana, Kamasi Washington, Wynton Marsalis, McCoy Tyner u.a.

Featured by Initiative Jazz Braunschweig!

Anschließend im Café Riptide: die Jazz-Band „Ascension“
(Marcel Reginatto: Bassklarinette, Alt-Saxophon – Friedrich Kuhn: Gitarre – Mingus Worthy: Bass – Maximilian Schneider: Schlagzeug)
 

Turn feat. Nils Wogram

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Jonathan Hofmeister – Piano, Synthesizer
Florian Herzog – Kontrabass
Jan F. Brill – Schlagzeug
Nils Wogram – Posaune

BeitragsbildTURN hat die Klangwelten von Keith Jarrett, Peter Erskine und Paul Bley absorbiert, neben der Jazz-Tradition Einflüsse aus Rock, Pop und Elektronik integriert und Bass und Schlagzeug von der Begleitrolle emanzipiert. Im Gegensatz zu anderen jedoch bleiben Jonathan Hofmeister, Florian Herzog und Jan F. Brill nicht dort stehen. Instinktsicher loten sie die Register des Trioklangs nach neuen Farben aus, drehen und wenden vermeintlich vertraute Formen und finden immer wieder überraschende Wege zwischen schwebender Klang-Improvisation, raffiniertem Gewebe und treibendem Groove. Ein pulsierender Basslauf zerstäubt plötzlich zur kollektiven Klangwolke, und bevor man weiß, wo oben und unten ist, rollt ein monströser Groove vorbei und pflügt das Feld für eine zauberhaft zarte Melodie.

Auf seiner Tour im Mai 2019 hat das Trio den international bekannten Posaunen-Star Nils Wogram dabei. Das Publikum kann sich also auf ein Klaviertrio freuen, das um Posaune und Synthesizer erweitert ist, einen ganz eigenen Sound präsentiert und gleichzeitig fest im Jazz verwurzelt ist.

Jonathan Hofmeister, Florian Herzog und Jan F. Brill begegneten sich 2012 während des Studiums an der Musikhochschule Köln. Über das Instrumentalstudium hinaus erforschen sie seitdem traditionelle und innovative Aspekte des Klangkörpers Trio. 2014 gewann TURN den Kompositionspreis beim Jazzpreis Biberach. Ihre im Juni 2014 im Kölner „Loft“ aufgenommene Debut-CD ist im April 2016 im Rahmen der Next Generation Reihe (JazzThing) auf dem Label Doublemoon erschienen. Im Sommer 2015 gewannen sie den europäischen Jazzpreis „Conad“ und tourten durch Europa (Konzerte u.a. auf Umbria Jazzfestival, Jazzwoche Burghausen, Jazzrally Düsseldorf).

Nils Wogram genoss gleichzeitig eine Klassik- wie Jazz-Ausbildung. Bereits im Alter von 16 Jahren war er Mitglied des Bundesjugendjazzorchesters, gründete eigene Bands und gewann Preise bei „Jugend musiziert“. Von 1992 bis 1994 studierte er in New York und schloss seine Ausbildung 1999 an der Musikhochschule Köln ab. Seit dieser Zeit hat er 23 Alben unter seinem Namen veröffentlicht. Wogram, der einer der führenden Posaunisten in der Welt des Jazz überhaupt ist, lehrt an der Musikhochschule Luzern.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
Hoffmann Maschinen- und Apparatebau GmbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Gefördert durch die Initiative Musik gemeinnützige Projektgesellschaft mbH mit Projektmitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

 
Bildrechte TURN: Jonathan Hofmeister

Omer Klein Trio

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Omer Klein, Piano
Haggai Cohen-Milo, Bass
Amir Bresler, Schlagzeug

BeitragsbildJazz aus Israel macht seit einiger Zeit weltweit Furore. Zur ersten Reihe der israelischen Musiker gehört der Pianist Omer Klein. Sein klassisch besetztes Trio mit Haggai Cohen-Milo am Kontrabass und dem Schlagzeuger Amir Bresler gehört zu den wichtigsten akustischen Formationen des aktuellen Jazz.

Bei seinem Konzert in Braunschweig stellt das Trio sein gerade erschienenes Album „Radio Mediteran“ vor, dessen neun Stücke alle aus der Feder von Omer Klein stammen. Die Kompositionen schlagen stilistisch einen weiten Bogen, der von Modern-Jazz-Klavierspiel bis zu Balkan-Einflüssen und arabischer Volksmusik reicht. Durch den erstmaligen Einsatz von Percussions und Synthesizern kommen diesmal weitere Aspekte hinzu.
Dass diese abenteuerfreudige Mischung so gut funktioniert, liegt nicht nur an Kleins Klavierkünsten, sondern auch an der thematischen Klammer. Die Songs kreisen um das Mittelmeer. „Meine Band und ich haben einen sehr persönlichen Bezug zu diesem Meer: Wir alle sind in seiner Nähe aufgewachsen“, so Omer Klein. „Haggai, Amir und ich hören nach einem Konzert oft noch gemeinsam im Hotel Musik. Während der Tour zu ‚Sleepwalkers’ fiel mir auf, dass ein Großteil der Stücke, die wir uns vorspielten, aus Nordafrika, dem Balkan oder der arabischen Welt stammten.“ Diese Erkenntnis legte den Grundstein für „Radio Mediteran“.
Omer Klein entwickelte eine Faszination für das Mittelmeer, studierte seine Geschichte, besann sich eigener Erinnerungen, ging den kulturellen Verbindungen und Vermischungen nach und hörte dabei immer wieder die Musik dieser Region. „Nach und nach erschien mir das Meer wie ein geheimer Kontinent, ein Kulturkreis, der viel mehr Gemeinsamkeiten hat, als sich viele Länder bewusst machen.“

Ein folkloristisches Album ist es dennoch nicht geworden, denn so Omer Klein: „Ich wollte diese Musik nicht kopieren. Wir haben eher versucht, sie aufzusaugen und in einen neuen, persönlichen Kontext zu bringen, um am Ende vielleicht gar ein neues Genre zu schaffen.“

Das – darauf lassen sie ersten Hörproben schließen – scheint dem Omer Klein Trio überzeugend zu gelingen.

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Karten:
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- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
GOD Gesellschaft für Organisation und Datenverarbeitung mbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Omer Klein Trio: Peter Hönnemann

Kritik zu Nguyên Lê „Streams“ Quartet

Raffinierte Alchemie
Das Nguyên Lê -Quartett „Streams“ überzeugt mit einer ganz eigenen Fusion von Welten unter dem Dach des Jazz

Nguyên Lê – französischer Jazz-Gitarrist mit vietnamesischen Wurzeln. Zum dritten oder vierten Male in Braunschweig. Die Gelehrten streiten da noch. Unstreitig aber: Wiederum ausverkauftes Konzert. Das lässt stutzen. Es geht schließlich um Jazz. Man nennt ihn „Weltmusiker“, „personifizierte Fusion der Kulturen“ oder „Ethno-Jazzer“. Das aber riecht doch sehr nach Schön-Töner. Was er mitnichten ist.
Recht arglos klingt die Konzerteröffnung. Er lade ein zu einer „Journey to different places“, zu einer Reise an verschiedene Orte. Und so reisen wir musikalisch nach Marokko z. B., zu den Buddha-Figuren von Bamiyan, ins China der Ming-Dynastie, nach Martinique. Aber auch zu „sehr exotischen Stationen“, wie J.S. Bachs „Goldberg-Variationen“, in die „Hippocampus“-Welt, wobei in der Schwebe bleibt, ob es die Welt der Seepferdchen oder die der Gedächtniszentrale im menschlichen Hirn ist. Oder mit „Subtle Body“ zu den Alchemisten, zu jenen, die aus Stein Gold machen wollten, wie Lê erläutert.
Eine gute Bezeichnung für ihn selbst. Subtle, also raffiniert, feinsinnig, ausgetüftelt – das trifft diesen Mann hervorragend. Die uralte Gwana-Musik aus dem Maghreb, indische Ragas, vietnamesische und chinesische Phrasierungen, Rock und Funk, europäisch-romantischer Tanz, das sind die Steine, die Nguyên Lê bearbeitet. Aber nicht als folkloristische Adaptionen oder in Form stilistischen Wildwuchses, sondern als organisch strukturierte Musik auf der Höhe der Zeit, auch mit deren technischen Mitteln.
Ob das immer Gold wird, sei dahin gestellt. Die Bach-Bearbeitung wirkte etwas bemüht. Ganz anders aber „6h55“ mit seiner raffinierten Polyrhythmik oder das Amalgam aus Funk, Rock ‚n‘ Roll und ostasiatischen Skalen in „Swing a Ming“.
Ungewöhnliche Dialoge etwa zwischen Gitarre und Schlagzeug („Mazurka“), aufreizende Brüche zwischen ostinaten Figuren, minimalistischen Melodien am Bass bzw. Vibraphon und explosiven Ausbrüchen daraus(„Bamiyan“). Wahre musikalische Zwei-, wenn nicht gar Vierkämpfe. Das war es, was das Publikum begeisterte. Die Ausgestaltung der kreativen Freiheit, die den einzigartigen Reiz dieses Genres ausmacht.
Natürlich ist Nguyên Lê ein Ausnahmegitarrist und großartiger Musiker. Aber es wäre alles nichts, hätte er mit dem US-Amerikaner John Hadfield (Schlagwerk), dem Kanadier Chris Jennings (Kontrabass) und dem Franzosen Illya Amar (Vibraphon) nicht ausgesprochen hochklassige Partner im Quartett vereint. Knackige Grooves, bei denen man nicht weiß, wer wen antreibt, sphärisch-entrückende Klänge und vor allem ein absolut sicheres Interplay begeistern das Publikum und nicht zuletzt auch die Musiker selbst.

Klaus Gohlke

Nguyên Lê „Streams“ Quartet

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

*** Konzertbeginn im LOT-Theater ist künftig bereits um 19:00 Uhr ***

Nguyên Lê – E-Gitarre, Elektronik
Illya Amar – Vibraphon
John Hadfield – Schlagzeug
Chris Jennings – Kontrabass

Beitragsbild„Streams“ heißt das neue Quartett, das der in Paris lebende Gitarrist Nguyên Lê geformt hat. Das musikalische Ziel der Band ist die Verschmelzung von Jazz und der Musik anderer Kulturen. Dabei geht es den Musikern nicht um exotische Effekte, sondern darum, einen stimmigen und zeitgenössischen Ausdruck zu erzeugen – also Ströme (Streams) der verschiedensten Kulturen aufzugreifen und musikalisch zu verschmelzen. Der Fokus liegt bei eigenen Kompositionen, die von Nguyên Lês vielfältigen Erfahrungen musikalischer Grenzüberschreitungen genährt werden. Die Wurzeln der afro-amerikanischen Musik, des Blues und des Bebop, aber auch die Einflüsse von Bela Bartok und Claude Debussy finden Widerhall.

Die Musiker von „Streams“ sind tief im Jazz und der Weltmusik verwurzelt. Nguyên Lê – bereits mehrmals in unterschiedlichen Projekten bei uns in Braunschweig zu Gast – wurde in Paris als Sohn vietnamesischer Eltern geboren. Er kommt vom Jazz und hat in den letzten 20 Jahren zahlreiche Projekte über Vietnam, Nord- und Westafrika, Westindien, Türkei, Indien, Japan und Korea geleitet oder war daran beteiligt.

Schlagzeuger John Hadfield aus New York stammt aus der Kansas-City-Jazztradition um den Saxophonisten Bobby Watson. Er bereiste intensiv Indien, Peru, die Mongolei, den Mittleren Osten und Indonesien, um die Rhythmen und Instrumente jener Kulturen zu erlernen.

Kontrabassist Chris Jennings ist Kanadier und lebt in Paris. Er hat sich mit Dhafer Youssef, Karim Ziad, Bojan Z, Kudsi Erguner oder dem algerischen Chaabi-Orchestra „El Gusto“ einen Namen gemacht.

Der französische Vibraphonist Illya Amar arbeitete mit Musikern aus Indien, Argentinien, Vietnam und Brasilien zusammen. Zurzeit arbeitet er an Arrangements jüdischer Musik.

Für die Musiker von „Streams“ ist der Jazz wegen seiner Offenheit und seiner Integrationskraft die beste musikalische Form, um den Dialog über die Kulturen hinweg zu festigen.

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Karten:
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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
POMPE OPTIC
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Nguyên Lê: Uli Fild

Interview mit Daniel Erdmann

Ludwig XIV., de Gaulle und Napoléon jazzen

Das Trio „Das Kapital“ des Ex-Braunschweiger Saxofonisten Daniel Erdmann präsentiert seine neue CD „Vive La France!“

„Das Kapital“ nennt sich das renommierte Jazz-Trio um den Ex-Braunschweiger Saxofonisten Daniel Erdmann. „Das Kapital“? Welches? Marxens Opus Magnum oder was? Das Trio stellt demnächst im Braunschweiger LOT seine neue Produktion vor. Titel: „Vive la France!“. Weshalb? Was steckt dahinter? Klaus Gohlke beseitigt im Gespräch mit Erdmann alle Unklarheiten.

Die neue CD von „Das Kapital“ heißt „Vive la France!“ Dabei posiert das Trio auf dem Cover-Foto verkleidet als Ludwig XIV., Napoléon und Charles de Gaulle. Ist das eine politische Aussage?

Wir sind drei europäische Musiker, die in Frankreich leben, es ist eine Hommage an die Musik unseres Heimatlandes. Wir verpacken das ganze aber auf unsere Weise, etwas provokant, sicher aber eher lustig gemeint.

Die Musik scheint ein Gang durch die französische Musikgeschichte zu sein, vom 16.Jh.bis zur Gegenwart. Warum diese Art Wanderung durch die Jahrhunderte? Und – wie sind Sie auf diese Auswahl gekommen?

Wir wollten wirklich die volle Bandbreite zeigen und ein abwechslungsreiches Programm präsentieren. Jeder von uns hat Vorschläge eingebracht, und wir haben dann die Stücke aufgenommen, mit denen alle einverstanden waren.

Sie spielen ja Instrumentalmusik. Bei den Chanson-und Pop-Referenzen fehlt somit der Text. Geht damit nicht Entscheidendes bei den Interpretationen verloren?

Ich finde, dass der Sinn der Texte oft sehr stark musikalisch umgesetzt ist, und wir haben versucht, das noch mehr herauszuarbeiten.

„Das Kapital“ ist ein Jazz-Trio. Wie kommt der Jazz in diese Kompositionen?

Wir spielen eigentlich die Melodien ziemlich genau wie im Original, allerdings mit den Stilmitteln des Jazz. Aber wir versuchen, dem Original gerecht zu werden. Das Trio hat auch eine eigene Art zu spielen entwickelt, etwas zwischen den Stilen, eine akustische Musik ohne Grenzen.

Können Sie kurz die französische Jazzszene charakterisieren? Gibt es signifikante Unterschiede zu Deutschland?

Meiner Meinung nach gibt es in Frankreich verschiedene Jazzszenen, die sich jetzt langsam anfangen zu mischen. Ich denke, das Leben als Musiker ist in Frankreich etwas anders, weil das System anders funktioniert. Kurz gesagt, ist man dort generell als Künstler mehr in staatliche Systeme eingebunden.

Geboren sind Sie in Wolfsburg. Haben Sie noch einen Bezug zu dieser Region?

Ich bin ja in Braunschweig aufgewachsen. Ich habe hier keine Familie mehr, aber kürzlich war ich für einen Tag zu Besuch in der Stadt und habe Orte der Vergangenheit besucht. Das war sehr schön, denn mir ist da aufgefallen, dass ich in einer tollen Stadt aufgewachsen bin. Der Tag begann im Heidberg, wo ich in der Raabeschule war, und endete bei Bolle in der Bassgeige. Also freue ich mich umso mehr auf das Konzert in der alten Heimat!

Klaus Gohlke

Das Kapital

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

*** Konzertbeginn im LOT-Theater ist künftig bereits um 19:00 Uhr ***

Daniel Erdmann, Tenorsaxophon
Hasse Poulsen, Gitarre
Edward Perraud, Schlagzeug

Beitragsbild„Das Kapital“ präsentiert bei uns die Musik seines aktuellen Projekts „Vive la France“- und das sehr eigenwillig: Wann haben Sie zum letzten Mal „La mer“ oder „Ne me quitte pas“ gehört? Patrick Hernandez’ Disco-Knaller „Born To Be Alive“ oder „Comme d’habitude“, die französische Vorlage zu Sinatras Ego-Hymne „My Way“? Die erste „Gymnopedie“ von Impressionismus-Ikone Satie oder Stücke aus Renaissance und Barock, etwa von Lully? Egal, wie lange es her sein mag, so wie hier waren diese „Hits“ aus rund 430 Jahren Musikgeschichte noch nie zu erleben. Das Kapital, weithin gefeiert als versiertes Jazztrio mit charakteristischem Ausdruck, transzendiert die höchst unterschiedlichen Vorlagen in seinen eigenen Kosmos. Mit hintersinnigem Witz schneidert die Band den Stücken ein hinreißend neues Klanggewand, das ursprüngliche Genrezugehörigkeiten vergessen lässt oder gar absichtsvoll konterkariert. Etwa wenn das ehemals hedonistische „Born To Be Alive“ unvermittelt Blues-Züge annimmt oder „Vertigo“, 1746 von Joseph-Nicolas-Pancrace Royer geschrieben, plötzlich zu rattern beginnt wie eine Punkjazz-Parodie.

Bekannt wurde die 2002 gegründete pan-europäische Band der Individualisten mit eigenwilligen Eisler-Interpretationen. Auf zwei Alben transferierten Erdmann, Poulsen und Perraud 2009 und 2011 Songs des legendären Komponisten Hanns Eisler ins Jazz-Idiom. Für ihren ironischen Biss auf „Ballads & Barriades“ wurde die Band mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Auch bei ihren folgenden Studio-Produktionen, zuletzt Ende 2015 „Kind Of Red“ mit durchweg eigenen Kompositionen, ließen die meinungsfreudigen, vielfach preisgekrönten Virtuosen ihre politische Haltung durchschimmern. Natürlich beziehen sie sich dabei auch auf Traditionslinien des freien Jazz. Man denke nur an jene Musiker in den Vereinigten Staaten, die einst der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung nahe standen. Oder an die europäische Freejazz-Bewegung der späten Sechziger.

Inhaltlich erweist „Das Kapital“ nun der populären Musik seiner ersten respektive zweiten Heimat Referenz. Edward Perraud wurde in Nantes geboren, der in Wolfsburg geborene Berliner Daniel Erdmann ist schon länger überwiegend in Reims ansässig und der Däne Hasse Poulson lebt, nach Boston und Kopenhagen, seit Jahren in Paris. „Der Titel der Platte ist natürlich ironisch gemeint. Es ist doch total absurd, dass Nationalisten jetzt an vielen Orten wieder stärker werden“, sagt Daniel Erdmann. „Manche der Stücke, die wir eingespielt haben, mögen zum nationalen Kulturgut Frankreichs gehören, aber sie sind sicher kein Soundtrack zu Patriotismus.“

Ein zentrales Element der Musik von „Das Kapital“ ist Sound. Erdmanns Tenorsaxophon fesselt durch sein warmes, tiefgründiges Timbre, eine latente, eruptive Energie und pointiert angerauten Ausdruck. Perraud weiß dank klassischer Schlagwerkausbildung, wie man neben rhythmischen auch klingende Akzente setzt. Poulsen spielt filigrane, gezupfte Motive auf der akustischen Gitarre, streicht flirrende Töne mit dem Geigenbogen, entlockt der E-Gitarre harsche Riffs oder greift zur Mandoline. Das Trio kennt keine Tabus, wechselt von melodischen zu abstrakten Passagen, vereint Stilmittel unterschiedlicher Genres. Was aber am wichtigsten ist: alle hören einander zu, gehen auf Ideen der anderen ein. So entsteht eine wunderbare Transparenz und gleichzeitig seltene atmosphärische Dichte, die live (in ausgedehnteren Improvisationen) umso spektakulärer wirken kann.

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Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Das Kapital: Das Kapital

Nachruf auf Norbert “Bolle” Bolz

Ein letzter Blues

70jährig verstarb vorgestern die Lichtgestalt der Braunschweiger Jazzszene Norbert „Bolle“ Bolz

Die Nachricht verbreitete sich nicht nur in Jazzkreisen in Windeseile: „Bolle ist tot!“ Kaum vorstellbar: Norbert Bolz, wie er eigentlich hieß, diese Personifikation des Jazz in Braunschweig, ist nicht mehr. Dieser Urtyp, der so gar nichts von sich hermachte! Graugescheckter Bart, altersgemäß ausgedünnter Haarwuchs, fransig, aber immer noch lang hängend, scharfer Brillenblick unter kritisch gefältelter Stirn, gern kariert gehemdet, so stand er hinter der Theke. Spröde im Umgang oft, aber, war das Eis dann gebrochen – was für ein gesprächiger Mann! Und welch phänomenales Gedächtnis, was Menschen, Orte, Musik betraf!

Bolle, das ist für die meisten die Braunschweiger „Bassgeige“. Für Musiker wie Szenegänger immer noch eine Kultstätte. Seit über vierzig Jahren ist dieses Lokal „eine Topadresse des hart swingenden Jazz mit amerikanischen, europäischen und natürlich deutschen Musikern!“, wie Thomas Geese, Kenner der Szene, urteilt. Eine Kneipe urigen Eigensinns, ein Bolle-Spiegelbild, wenn man es recht besieht.

„Jazz“, sagte er im Gespräch, „der lebt nur, wenn er gespielt wird. Der lebt in Clubs! Aber – das braucht auch jemandem, der dafür brennt!“ In der Tat, für Blues und dann vor allem für den Jazz hat dieser Mann immer gebrannt. Als er, der gelernte Schriftsetzer, später sein Studium als Zapfer in der Braunschweiger Szenekneipe „Dreampipe“ finanzierte, entwickelte er seinen Traum von einer eigenen an die große Tradition der US-amerikanischen Clubs anknüpfenden Spielstätte.

Und so entwickelte er eine Art Blues-und Jazz-Netzwerk. Lockte Blueslegenden und internationale Jazzgrößen in seine „Bassgeige“, die zugleich immer auch der Brennpunkt für die regionale-, lokale- und Session-Szene war. Und obwohl der Laden auftrittstechnisch und akustisch eher wie ein Problemfall wirkte, sahen die Musiker und Fans das ganz anders. Bolle und die „Bassgeige“ gleich Kult. „Es geht nicht um Kohle, es geht um die Mucke, verstehst du?“ Das war die Leitlinie. Deshalb Raucherkneipe, sparsame Möblierung. Gab’s keine Live-Mucke, legte er selbst auf. Vinyl selbstverständlich. Mehr als 7000 Scheiben hatte er angesammelt. „Das wird alles gepflegt hier, muss alles so bleiben, wird nichts verändert!“, war seine Devise für mehr als vierzig Jahre.

Das hatte etwas, war aber völlig konträr zu neueren Club-und Musikentwicklungen. Bolle stemmte sich gegen den Zeitgeist, was viel Idealismus und vor allem viel Kraft verlangte. Und so stemmte er sich auch gegen seine schwere Erkrankung. „Ich mache hier weiter, bis ich tot umfalle!“, sagte er trotzig vor zwei Jahren im Gespräch. Mit Hilfe seiner Freunde und vor allem seiner Lebensgefährtin, Karin Schlesiger, erlebte er seinen 70. Geburtstag noch in seinem Lebensmittelpunkt, der „Bassgeige“. Welch ein Verlust ! Was aus der Kultstätte wird, ist mehr als ungewiss.

Klaus Gohlke

Interview mit Angelika Niescier

Diversität bereichert den Jazz

Das Gleichstellungsproblem im Jazz aus der Sicht der engagierten Saxofonistin Angelika Niescier

Jazz sei nicht tot, meinte Frank Zappa einst, er röche nur komisch. Wenn man auch nur oberflächlich schaut, wer denn den Ton in diesem Genre angibt, dem kann es schon gewaltig stinken. Eine Männerdomäne nach wie vor. Symposien, Panels, Podiumsdiskussionen beschreiben das Gleichstellungsproblem detailliert. Was aber ist praktisch zu tun? Fragen wir dazu Angelika Niescier, renommierte Jazz-Saxofonistin und in Sachen Gleichstellung engagiert, die demnächst auch in Braunschweig mit ihrem italienischen Trio auftritt.

Frau Niescier, die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, sagte in Bezug auf die Genderdebatte: „Wenn sich die Kultur als die Avantgarde der Gesellschaft verstehen möchte, müsste sie auch in diesem Punkt voranschreiten!“

Abgesehen von der Frage: „Was ist eigentlich Avantgarde?“, muss ich dazu bemerken: Wenn es ein Grundzug dieser Gesellschaft ist, dass Mann und Frau in vielen Bereichen nicht gleichgestellt sind, wieso soll das gerade in der Kunst, beim Jazz anders sein? Jazz ist Teil dieser Gesellschaft, insofern spiegelt er auch deren Probleme wider.

Wenn bei 24 in Braunschweig beobachteten Jazzkonzerten 75 Männer und nur 6 Frauen auftraten, kann ich Ihnen nur zustimmen.

Das Ganze ist jetzt zum Glück wieder im Fluss. Zurzeit beschäftigen sich auch Musiker*innen intensiv mit dem Thema und versuchen die Strukturen zu verändern.

Es gibt bei Veranstaltern Überlegungen zur Einführung von Quoten.

Die Debatte um Quote ist nötig, um auf die Schieflage in der Präsentation aufmerksam zu machen. Es bleibt aber ein Werkzeug. Viel wichtiger ist es, das Mindset weiterzuentwickeln und endlich zu kapieren, dass Diversität, in welchem Bereich auch immer, bereichert. Die Durchführung ist dann die einfachere Aufgabe.

Was kann das denn praktisch heißen für die Konzertveranstalter vor Ort?

Der Veranstalter hat dafür zu sorgen, unterschiedlichen Stimmen, die am musikalischen Diskurs beteiligt sind, Gehör zu verschaffen. Das bedeutet im Einzelnen, die eigenen stereotypen Entscheidungsgewohnheiten zu hinterfragen; sich umzuhören, den Horizont zu erweitern. Je mehr Veranstalter*innen und Musiker*innen sich an diesem Diskurs beteiligen, desto diverser wird das Bild der Musik. Das hat natürlich einen Rückkoppelungseffekt auf die Gesellschaft.

Können Veranstalter von ihrer Seite her Hilfen erhalten?

Ja, wir sind dabei, Netzwerke aufzubauen. Wichtig ist vor allem, dass Frauen auf der Bühne stehen. Dass sie sichtbar sind. Außerdem: Warum werden wir Frauen eigentlich immer zu diesem Thema befragt und nicht bzw. kaum die Männer? Ich will darüber reden, welche Art von Musik ich hier mit meinem Trio spielen werde. Welche Einflüsse sie widerspiegelt, wie Diversität sich in ihr ausdrückt und entwickelt. Nicht darüber, welches Geschlecht, welche Hautfarbe und dergleichen eine Rolle spielt.

Interview: Klaus Gohlke

Kritik zu Angelika Niescier Trio „NOW“

Absolute Hingabe an die Sache, höchste Professionalität

Das Angelika Niescier Trio „NOW“ demonstriert überzeugend, was es heißt, gegenwärtigen Jazz zu spielen

Ohne Umschweife: Das war ein herausragendes Konzert, das das Angelika Niescier Trio „NOW“ am Freitagabend im Roten Saal ablieferte. Allein die Besetzung machte neugierig. Wie geht das zusammen – zwei Melodieinstrumente? Insbesondere das Akkordeon als Jazzinstrument – das ist nicht gänzlich neu, aber es hat doch eine Art Geschmäckle. Zumindest das Odium des Weltmusikalischen (was immer das auch sein soll) haftet ihm an, wenn nicht gar des Heimatabends. Wie geht das mit einer Angelika Niescier zusammen, die doch überhaupt gar nicht für ein musikalisches Walla-la-weia steht?

Nun, das ging ganz hervorragend, und zwar ganz einfach deshalb, weil das Trio Gegenwarts-Jazz spielt. Was hier meint: Jazz, der offen für alle Einflüsse ist, ohne beliebig zu werden. Der sich seiner Traditionen bewusst ist und die Grenzen zur Musik der Moderne selbstbewusst überschreitet.

Niescier, gewissermaßen von Natur aus eher heftig sprudelnder Quell denn breiter dahin fließender Fluss, zeigte dabei ein schier unerschöpfliches Repertoire musikalischer Ausdrucksmittel gepaart mit stupender instrumenteller Fertigkeit. Greifen manche Musiker beim improvisatorischen Suchen gern auf repetitive Muster zurück, bei ihr findet man das nicht. Wer mit ihrer Ideenproduktion mithalten will, muss schon sehr früh aufstehen.

Für Simone Zanchini am Akkordeon aber kein Problem. Gut, er spielt ein elektrifiziertes Instrument, aber warum soll diese technische Möglichkeit der Gitarre etwa vorbehalten sein? Und weil es gewissermaßen semi-akustisch ist, kann es auf Volkstümliches evozieren und es sofort auch transzendieren. Zanchini verfügt ebenfalls über ein komplexes musikalisches Repertoire. Er musiziert mit Niescier auf Augenhöhe. Und so vermögen sie zu monologisieren, zu dialogisieren, dass dem Publikum beinah schwindelig wird.

Darunter, dahinter, wie auch immer, liegt der alles erdende Bass. Es ist harte Arbeit, die rhythmisch komplexen und sich dauernd verändernden Kompositionen zu grundieren, zumal, wenn da der Anspruch besteht, nicht zu simplifizieren. Es geht mitnichten darum, irgendwelche ostinate Ausdauer zu demonstrieren. Stefano Senni, schafft den Raum, den seine Mitspieler benötigen, sich zu entfalten. Seine Soli zeigen, dass er dem Powerplay seiner Mitspieler durchaus Paroli bieten kann.

Insgesamt ist das Interplay beeindruckend. Natürlich – das Trio hat große Spielerfahrung, Man kennt sich schon lange. Aber es geht ja um mehr: nämlich ums Aufeinander-Hören, um Ideen-, um Impulsverarbeitung, um Einfühlung. Zwischenmenschlich und thematisch. Auch wenn man die Musik nicht immer zugänglich finden mag: Allein wegen der oben beschriebenen Aspekte gebührt den drei Musiker*innen großer Respekt.

NOWs Musik ist gegenwärtig. Sie erstickt nicht mit Abstraktionen, biedert sich nicht an. Vielmehr erlaubt sie beim Zuhören eigenes Assoziieren. Die mitunter metrische Vertracktheit, der Wechsel der Rhythmen, des Tempos lässt an Musik des Balkans denken. Die schnellen Harmoniewechsel, deren Erweiterungen und Brechungen erinnern fast an Bebop-Zeiten. Die feinen Melodielinien dazwischen wirken wie das Aufscheinen allerdings kaum zuordbarer Musik. Tonalitäten werden verwischt, es gibt abstrakte Klangcollagen und Effekte. Sakrale Orgelmusik erklingt. Es ist Musik, die ein Nachdenken über Existenzielles widerspiegelt bzw. dazu motiviert. Und schließlich und wahrlich: Nicht zuletzt ist die Musik politisch, wenn man an das „Tribute to Guiseppe Pinelli“ denkt oder aber an die Bezüge zur syrischen Kampfzone um Latakia und die Demokratieprobleme hier im türkischen Kontext. Kunst als Kind oder Mutter der Freiheit?! Vieles konnte einem da durch den Kopf gehen, wenn man wollte.

Und dann nach dem Konzert noch ein Ohr für die Begeisterten zu haben, vor allem wenn man bedenkt, unter welch völlig inakzeptablem zeitlichem Anreisestress die drei standen: das ist mehr, als man erwarten kann. Anders ausgedrückt: absolute Hingabe an die Sache, höchste Professionalität. Begeisterung allüberall.

Klaus Gohlke

Angelika Niescier Trio “NOW”

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Angelika Niescier – Saxophon
Simone Zanchini – Akkordeon
Stefano Senni – Kontrabass

BeitragsbildAngelika Niescier ist seit langem eine der aufregendsten Stimmen im deutsche Jazz. 2010 mit dem deutschen Musikpreis ECHO ausgezeichnet, ist sie eine der wenigen, die auch im Mutterland des Jazz, den USA, auf Interesse stoßen. 2017 bekam sie den renommierten Albert-Mangelsdorff-Preis. Die Saxophonistin ist eine Virtuosin mit einem wandlungsfähigen, beweglichen Ton, quicklebendig, überschäumend und einfallsreich. Stilsicher wechselt sie zwischen freier Improvisation und zeitgenössischer Komposition. Als Komponistin entwirft sie detailversessen, farbenfroh und konsequent hochgradig komplexe musikalische Räderwerke.

Das Trio mit den beiden italienischen Kollegen, mit dem sie nun NOW vorstellt, ist einem glücklichen Zufall geschuldet: Ein Kompositionsauftrag für das „Südtirol Jazzfestival Alto Adige“ brachte Angelika Niescier im Juli 2012 mit Stefano Senni und Simone Zanchini zusammen, die sie sich für diesen Anlass erwählt hatte: „Das war von Anfang an aufregend“, erinnert sie sich an die erste Begegnung bei Bozen. Simone und Stefano seien „sehr entspannt und doch hochkonzentriert“ gewesen. Entsprechend war das Konzert. Und entsprechend war auch der Drang, sich „noch weiter in den in das Projekt hinein zu begeben und dem Konzert eine CD-Produktion folgen zu lassen: NOW.

Stefano Senni legt am Bass die unerschütterliche Basis, während Akkordeonist Zanchini mal tangoartig melancholisch, mal rasend schnell zusammen mit Angelika Niescier das Spektrum zwischen folkloristischen Elementen, swingendem Jazz und Avantgarde auslotet – überaus unterhaltsam, spannend, originell, modern und traditionsbewusst.

» Weitere Informationen

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Angelika Niescier Trio: Arne Reimer

Interview mit Lucia Cadotsch

Songs meines Lebens
Lucia Cadotsch im Gespräch mit Klaus Gohlke

Wäre sie Teil der Popwelt, dann hieße man sie vielleicht „Star“. Glänzende Kritiken, Echo-Trägerin, Top-Ranking in den Fach-Charts, internationale Auftritte. Und dann im kommenden Januar in der Elbphilharmonie, aber vorher, am kommenden Freitag, im Braunschweiger Schloss!
Lucia Cadotsch, in Berlin lebende Schweizerin, aber singt Jazz, nicht Pop. Es verbieten sich also Fragen danach, wie es sich denn so lebt als internationaler Star. Da fragt man besser Anderes.

Irgendjemand nannte dich „die neue Hoffnung des Jazz“. Wie beurteilst du so eine Äußerung?

Wie soll ich das beurteilen, das liest man doch jede Woche über einen Künstler!

Auf deinem Album „Speak Low“ stammen 6 von 10 Songs von der legendären Billie Holiday. Kann man da von einem Billie-Holiday-Tribute sprechen ?

Billie Holiday war eine große Inspiration für mich als Sängerin. Deshalb tauchen ihre Songs natürlich in meinem Song-Book auf. Aber auch die Interpretationen von Nina Simone waren für unsere Arrangements eine wichtige Quelle. Sowie Ahmad Jamal, Kurt Weill, Henry Mancini, …

Große Namen, große Songs. Hattest du nicht Angst zu scheitern?

Ehrlich gesagt, ist mir erst bewusst geworden, dass das Album eine Track-Liste mit fast ausschließlich berühmten Songs trägt, als ich das Albumcover gestaltet habe. Bei der Auswahl des Repertoires ging es mir nicht darum berühmte Songs zu interpretieren, sondern Songs, die mich über Jahre begleitet haben und in verschiedenen Phasen meines Lebens zu mir sprachen, Songs die nach 50 – 100 Jahren immer noch aktuell sind. Aus irgendeinem Grund sind sie ja berühmt geworden…

Du wirst von einem Saxofonisten und einem Bassisten begleitet. Kein Harmonieinstrument, kein Schlagzeug. Warum gerade diese Besetzung?

Ich habe lange nach einem Weg gesucht, diese Songs, die mir sehr am Herzen liegen in einer Form zu interpretieren, die die Tradition zitiert und zeitgemäß ist. Auf dieser Suche bin ich auf Petter Eldh und Otis Sandsjö gestoßen. Wir haben uns vom ersten gemeinsamen Ton an verstanden. „Don’t Explain“ war der erste Song, den wir gespielt haben und alles war klar, es ging sofort eine gemeinsame Reise los, ohne Worte haben wir verstanden, wohin es gemeinsam gehen soll. Vielmehr als um die besondere und selten gehörte Instrumentierung geht es auch um unsere drei Charaktere, die zusammengetroffen sind und eine Energie freigesetzt haben.

Was ist das Spezifische an Otis Begleitung, was an Petter’s Spiel?

Sie klingen wie niemand anderes, kreative Spieler, die stets nach neuen Wegen suchen.

Wie bist du auf die Arrangements gekommen?

Wir haben sie zu dritt gemeinsam im Proberaum und direkt an unseren jeweiligen Instrumenten entwickelt. Das macht diese Arbeit für mich einzigartig, die Musik würde komplett anders klingen würde, wäre es eine andere Formation, bzw. andere Musiker. Wir haben uns die Arrangements quasi auf den Leib geschnitten. Außerdem sind die Arrangements voller versteckter Zitate aus unterschiedlichen Aufnahmen, die wir zu einem neuen Mosaik zusammengebaut haben.

Wie geht es weiter mit dem Trio? Reizt der Erfolg mit „Speak Low“ zur Fortsetzung des Konzepts?

Wir haben in den letzten drei Jahren sehr viele Konzerte im Trio und mit Gastmusikern wie Kit Downes, Julian Sartorius, Lucy Railton spielen können. Auf diesen Reisen konnten wir unsere Arbeit verfeinern und unser Repertoire laufend erweitert. Im Februar 2019 werden wir ins Studio gehen, um ein neues Album aufzunehmen.

Bist du jetzt etabliert als Sängerin, stehen dir Tür und Tor offen?

Die Reise geht kontinuierlich weiter, wer weiß wohin. Manche Türen gehen auf, andere zu. Es gibt keine Sicherheit in diesem Beruf.

Lucia Cadotsch “Speak Low” Trio

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Lucia Cadotsch – Gesang
Petter Eldh – Bass
Otis Sandsjö – Tenorsaxophon

BeitragsbildSPEAK LOW: Sängerin Lucia Cadotsch hat sich mit diesem Album einen langjährigen Wunsch erfüllt. Gemeinsam mit Petter Eldh am Kontrabass und Otis Sandsjö am Tenorsaxophon singt sie eine berückend schöne Sammlung von modernen Traditionals, wie Gloomy Sunday, Strange Fruit und Moon River. Die Musik dieses Albums stellt das Trio um die Sängerin aus der Schweiz live in Braunschweig vor.

„Speak Low“ bedeutete 2016 für Lucia Cadotsch den internationalen Durchbruch. Die Reaktionen der Presse sind euphorisch: maximale Punktzahl im englischen Guardian, maximale Punktzahl im renommierten Downbeat Magazine und 2017 der ECHO Jazz als Sängerin des Jahres. Die Kritiken überschlagen sich, die ZEIT attestiert ihr die „Wiederbelebung des Jazz-Gesangs“, der Guardian lobt eine Stimme mit der „Klarheit einer klassischen Sängerin und der Einfachheit einer Folk-Sängerin“. Es folgten Festivalauftritte beim Jazzfest Berlin, Vortex London, Moods Zürich und vielen anderen. 2018 ist gefüllt mit Konzerten an den ersten Adressen des Jazz.

Wenn Lucia Cadotsch erzählt, fällt ein Wort besonders häufig: Suchen. Lange Jahre hat sie nach den richtigen Musikern und noch länger nach dem richtigen Sound gespürt. „Nina Simone und Billie Holiday, ihre Art Songs zu interpretieren und zeitlos zu halten, haben mich dazu gebracht, diese Platte zu machen”, sagt Lucia. Dass ihre Wahl auf den Kontrabassisten Petter Eldh und den Tenorsaxophonisten Otis Sandsjö fiel, war großes Glück, aber kein Zufall. Mit Petter Eldh hatte sie bereits bei „Schneeweiss + Rosenrot“ zusammengespielt. Der schwedische Bassist und sein Landsmann Otis sind beide keine Unbekannten im Jazz. Petter spielt etwa beim Django Bates Trio, AMOK AMOR und zahlreichen anderen Formationen. Er veröffentlicht sehr rege, inzwischen auch auf seinem eigenen Label (Galatea Records) und spielt jährlich über 150 Konzerte auf internationalen Bühnen.

Otis Sandsjö, Mitglied der Bands Farvel und Gothenburg Gadjos ist dabei, sich durch sein außergewöhnliches Spiel einen großen Namen in der Szene zu machen. Er spielt außerordentlich ideenreich, beherrscht die Zirkularatmung und erzeugt überraschende Effekte.

Das ist moderner Jazz, der auf Tradition gründet und in unerwartete Richtungen geht – erdig, swingend, originell.

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Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (Schüler*innen & Studierende)

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Bildrechte Lucia Cadotsch “Speak Low” Trio: Michael Jungblut

Otto Wolters – eine Würdigung

Jazz als Lebensgefühl

Der Braunschweiger Jazz-Piano-Lehrer Otto Wolters begeht seinen 80.Geburtstag

Man nennt ihn eine Braunschweiger Institution, gerne auch Urgestein. Manche reden ihn mit „Herr Wolters“ an, andere sprechen von Piano Wolters. Meist aber Otto, Jazz-Otto. Otto Wolters hat Geburtstag, den 80. Da wird festlich gesprochen und geschrieben. Otto zieht die Augenbrauen hoch und meint: „Wenn man für sein Lebenswerk gewürdigt wird, dann ist man ja doch ziemlich alt. Das ist Abschluss, viel Blick nach vorn ist da nicht. Also eher Anlass zu Melancholie – oder?“

Wo er Recht hat, hat er Recht. Aber doch: Einspruch. Melancholie ja, aber nicht etwa Traurigkeit. Das wäre nun absolut nicht angesagt zu so einem Ehrentag. Eher ein Blick zurück voller Zufriedenheit, auch Stolz, wenn man das Wort noch mag. Darüber oder darunter freilich eine gewisse Patina, eine Eintrübung, da muss man nicht drum herum reden.

Otto Wolters hat den Jazz in Braunschweig heimisch gemacht. Einmal als Praktiker mit seinem Trio. Dann aber als Mitbegründer der Braunschweiger Musikerinitiative. Die Großen der improvisierten Musik lockte er mit seinem Team nach Braunschweig. Pat Metheny etwa, Shooting Star aus den USA. Die Avantgarde aus Deutschland: Albert Mangelsdorff, Joachim Kühn. „Jazz im Lindenhof“ wurde kreiert, kein Braunschweiger „Village Vanguard“, aber durchaus Kult. Und legendär das „Nachglühen“ bei den Sessions nach den Konzerten. Bei Bolle in der Bassgeige.

Ein Quantensprung dann 1985. An der Städtischen Musikschule Braunschweig konnte man wohl Klavierunterricht nehmen. Aber nur “klassisch“, wie man so sagt. Otto konnte klassisch, aber eben viel lieber jazzig. „Die damalige Musikschulleitung hat weitsichtig erkannt, dass es gut wäre, Otto Wolters Jazz-Klavier unterrichten zu lassen und eröffnete einen entsprechenden Studiengang. Die erste ganze Stelle dafür in Niedersachsen!“, wie Wolters‘ Kollege, Jürgen Niemann, zu berichten weiß. „Beinahe zwanzig Jahre war er Lehrer an unserer Musikschule. Ein ausgesprochen beliebter Lehrer sowohl im Kollegium als auch bei den Lernenden!“, urteilt Kulturamtsleiterin Frau Dr. Anja Hesse.

Man könnte nun Vieles aufzählen. Wo Otto Wolters wann mit wem spielte, regional, national, international. Natürlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass er für das Goethe-Institut unterwegs war. Mit Hans-Christian Wille zusammen das Crossover-Projekt „Jazz&Klassik“ veranstaltete, Schallplatten einspielte und vieles andere mehr für den Jazz und als Jazzer tat.

Seine ehemaligen Schülerinnen und Schüler, heute gestandene Musiker und Stadt-, in zwei Fällen sogar dem Jazz-Erdkreis bekannt, erwähnen das alles nicht. Anderes ist für sie erwähnenswert, wie ein Rundruf ergab.

Hans Christian Hasse, Piano-Dozent an der TU Braunschweig, hebt Wolters‘ Ansehen, seine Beliebtheit und vor allem seine pädagogische Erfahrung hervor. Was unser „Piano-Doc“ Jan Behrens mit dem Satz „Er hat mich durch meine pubertäre Faulheit hin zu einem absolvierten Jazzklavierstudium gebracht!“ veranschaulicht. Ulrike Moormann, praktizierende Jazzerin, die erst spät bei Wolters den musikalischen Feinschliff erarbeite, empfand zunächst „Bewunderung und Respekt vor dieser großen Persönlichkeit“, vermutete eine gewisse Unnahbarkeit. Um dann festzustellen: „Nach der ersten Stunde war mir allerdings klar: ein ganz normaler Mensch im wahren positiven Sinn!“ Auch Jazz-Ini-Kollege Thomas Geese hebt diesen Zug hervor und unterstreicht: „Otto holte sachlich und besonnen die idealistischen Enthusiasten immer wieder auf der Boden der Realität zurück.“

Wesentlich an Otto Wolters‘ Pianounterricht muss dabei wohl gewesen sein, dass er eben nicht nur Jazz staubtrocken und schematisch lehrte, sondern undogmatisch vorging. Sven Waida, Braunschweiger Jazzer und Liederbuch-Autor betont: “Er ging auf mich in meiner Art ein und gab meiner Kreativität Entfaltungsmöglichkeiten!“ Was unser Allround-Talent Jan-Heie Erchinger mit einem anderen Detail würzt: „Er hat mich gleichzeitig mit abgefahrenen Geschichten aus der real existierenden Jazzmusiker-Welt inspiriert.“

Aber es müssen nicht immer Pianisten aus Wolters‘ Jazzlehre hervorgegangen sein. Der Groß-Schwülperaner Nils Wogram ist mittlerweile einer der bekanntesten Jazzposaunisten weltweit. Ihm hat Wolters die wichtigsten Akkorde, die Voicings, vermittelt. Wogram resumiert: „Musiker wie Otto Wolters sind Gold wert für die Szene. Er konnte wirklich vermitteln, wie Jazz gespielt werden muss und was es bedeutet, Jazzmusiker zu sein, für den Jazz zu leben. Dieses Gefühl hat mich beflügelt und mir geholfen, meinen Weg einzuschlagen!“

Kann man Besseres von Schülerinnen und Schülern hören? Wohl kaum. Man möchte zurufen: „Otto, weg mit den dunklen Seiten der Melancholie. Auch wenn eine schwere Erkrankung dich plötzlich aus der Bahn warf: Lass dich feiern, du hast allen Grund dazu!“

Klaus Gohlke

Am 24.November 2018 20 Uhr werden Braunschweiger Jazzmusikerinnen und -musiker ein Otto-Wolters-Jubilee-Concert im Roten Saal des Schlosses spielen.

Otto Wolters zum 80. Geburtstag – ein Jubiläumskonzert

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Es spielen:

– So What (Jazzcombo der Städtischen Musikschule Braunschweig; Ltg. Bernd Dallmann-Darley)
– Jürgen Niemann & Antje Siefert
– Malte Winter Trio
– Juan Peñalver (Madrid) (Legende von I. Albéniz)
Pause
– Elmar Vibrans & Dietmar Osterburg
– Sven Waida & Tobias Lampe
– Britta Rex & Friends (H. Baldt, H. Römisch) feat. Uli Beckerhoff (trp)

Durch das Konzert führt Matthias Kröninger

Beitragsbild„Otto ist eine Lichtgestalt des Jazz für uns alle, die sich in der Jazzszene bewegen!“, bringt Thomas Geese es auf den Punkt. In der Tat: Jazz ist in Braunschweig ohne den Namen Otto Wolters nicht zu denken. Da ist der Musikpädagoge und Inspirator, der lange Zeit Jazzpiano lehrte. An der Städtischen Musikschule, der Musikhochschule Hannover und später privat. Da ist der Musiker, der national und international in Erscheinung trat. Da ist der Gestalter, der die Musikerinitiative Braunschweig mitbegründete und die Braunschweiger Jazzszene nachhaltig beeinflusste.
Freunde und Bekannte kommen in unterschiedlichen Formationen zusammen, um zu gratulieren und sich zu bedanken.

Eintritt: Abendkasse 10 €

Für dieses Konzert gibt es keinen Vorverkauf. Karten können nur an der Abendkasse erworben werden. Sie können aber Karten per E-Mail an vorstand[at]jazz-braunschweig.de reservieren.

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
 

Jochen Rückert Quartett
feat. Mark Turner (sax.)

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Jochen Rückert – Schlagzeug
Mark Turner – Saxophone
Lage Lund – Gitarre
Joe Martin – Bass

BeitragsbildJochen Rückert ist einer der wenigen europäischen Jazzmusiker, die sich dauerhaft in der New Yorker Szene durchsetzen konnten. Nun kommt der Schlagzeuger mit seinem amerikanischen Quartett im Rahmen einer Tournee nach Braunschweig. International am bekanntesten ist darin zweifellos der Tenorsaxophonist Mark Turner. Die Initiative Jazz Braunschweig hat Mark Turner mit seiner eigenen Band 2001 vorgestellt.

Jochen Rückert, in Köln geboren, lebt seit 1998 in Brooklyn und blickt auf die Mitwirkung an über 80 Alben zurück. Er ist ein kompletter Musiker, anerkannt als vielseitiger Drummer, als Komponist und als Leiter diverser Formationen. Seit geraumer Zeit besteht sein Quartett mit dem filigranen Gitarristen Lage Lund, dem Bassisten Joe Martin und natürlich Mark Turner, in dem viele einen der besten Tenorsaxofonisten der Gegenwart sehen. Turner ist einer der wenigen bekannten Saxophonisten, die sich in der Spielweise von den großen Vorbildern wie John Coltrane oder Sonny Rollins absetzen. Seine Stilistik ist eher an dem durchdacht strukturierten Zugriff eines Warne Marsh aus der kühlen Schule von Lennie Tristano orientiert.

Die Band ist der Komplexität des Bebop ebenso verpflichtet wie dem Gebot „Es soll swingen!“. Jochen Rückert packt das Publikum nicht nur durch stupende Schlagzeugtechnik, sondern vor allem mit viel Emotionalität. Er besticht als Leader, der klare Linien vorgibt, ohne die Kreativität der Mitspieler zu beschränken. Ein Konzert von souveräner Leichtigkeit, großem Temperament und außerordentlicher Virtuosität ist zu erwarten. Amerikanischer Jazz!

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte Jochen Rückert Quartett: Thomas Krueselmann

Ankündigung zu “Jochen Rückert Quartett”

New York: Jazz-Mekka mit Rostflecken

Der deutsch-amerikanische Schlagzeuger Jochen Rückert spricht vor seinem Konzert in Braunschweig über die Bedeutung New Yorks für Jazzmusiker

New York – wer’s hier schafft, schafft es überall, singt Frank Sinatra. Der Platz zum Durchstarten. Jazzmusiker glauben immer noch daran. Wer etwas auf sich hält, geht mindestens einmal für ein Weilchen in die „Welthauptstadt des Jazz“ (Jazzpages). Und wer den Ritterschlag dort erhalten hat, d.h. mit möglichst mehreren der Großjazzer der Stadt gespielt hat, der lässt das werbewirksam durchblicken in seinen Selbstdarstellungen. Manche gehen allerdings noch einen Schritt weiter. Sie verlassen ihr Heimatland und bleiben dort.

So zum Beispiel der Kölner Jazz-Schlagzeuger Jochen Rückert (43), einer der Herausragenden seiner Zunft. Rückert spielt mit seinem Quartett demnächst in Braunschweig. Er ist amerikanischer Staatsbürger mittlerweile. Befragt nach den Gründen, Deutschland zu verlassen und dort zu bleiben, nimmt er kein Blatt vor den Mund.

„Als ich um die 19 Jahre alt war, brachte mir Deutschland musikalisch gesehen nichts mehr. Ich wollte richtigen Jazz spielen und internationaler unterwegs sein. Ich wollte Anregungen von vielen Leuten erhalten, nicht nur von wenigen. Du triffst – und das gilt immer noch – in New York viel mehr sehr unterschiedliche Musiker aus aller Herren Länder. Der Treffpunkt schlechthin!“

Nun, das war vor vielen Jahren. Mittlerweile hat die Globalisierung auch den Jazz erfasst. Hat New York jetzt nicht sein Alleinstellungsmerkmal verloren? Rückert sieht zwar keinen grundsätzlichen Wandel, räumt aber durchaus Veränderungen ein.

“Es hat sich was getan. Klar. Das traditionelle Jazzspiel ist in Deutschland besser geworden. Auch wird der europäische Jazz immer interessanter. Aber du triffst in N.Y. nicht doppelt so viele, sondern 50mal so viele gleichgesinnte Musiker. Und du kannst in den kleinen Clubs und bei Sessions unheimlich viel lernen und Anregungen bekommen. Und zwar täglich. Niveau und Dichte machen N.Y. aus.“

Das klingt gut. Durchaus. Aber eine derartige Dichte guter Musiker bedeutet ja doch auch, dass man sehen muss, wie man da an Jobs kommt. Der Club-Betrieb lahmt auch in N.Y. Und kommen die Musiker aus den Staaten nicht deshalb so gern nach Europa und eben Deutschland, ja, ziehen von dort hierher, weil hier die Auftrittsbedingungen sehr attraktiv sind? Gute Gagen, gute Rahmenbedingungen, ein aufmerksames Publikum.

Rückert räumt ein, dass es schwierig ist, als Berufs-Musiker auszukommen. Auch in N.Y. “Ich kann mich aber nicht beschweren. Ich verdiene genug Geld, ich arbeite allerdings auch wie bescheuert. Nicht nur als Musiker, auch als Lehrer, Booking Agent, Reisebüro für Musiker, Gitarristen-Kindermädchen. Ich publiziere Schlagzeug-Unterrichtsmaterial. Es ist leider auch so, dass das Wohnen schwierig geworden ist. Brooklyn ist so teuer mittlerweile, dass alle entweder weiter raus oder nach Queens, Washington Heights oder in die Bronx ziehen müssen.“

Also, doch vielleicht mal wieder mit Deutschland als Lebenszentrum liebäugeln? „Fuck no!“, kommt es spontan. Und dann erläuternd: „Ich bin verheiratet, hab einen Sohn, eine Wohnung, fühle mich zuhause. Meine Frau spricht nicht deutsch. Außerdem: Ich mache Touren durch Europa, wie jetzt gerade, auch arbeite ich fürs Goethe-Institut. Also guter Draht nach Europa. Ansonsten gibt es hier in N.Y. eine starke „musical immigree community“, d.h. viele musikalische Immigranten mit einem starken Gemeinschaftsgefühl.“

Ein Zurück nach Deutschland ist also kein Thema. Es gibt für Jochen Rückert Wichtigeres, nämlich die Musik. „Ich brauche Musik wie die Luft zum Atmen. In ihr finde ich eine spirituelle Befriedigung. Ist aber kompliziert. Jazz war mal gleichbedeutend mit Grenzüberschreitung. Aber es gibt immer weniger Grenzen. Alle sind schon überquert. Mir fallen jedenfalls im Moment keine unüberschrittenen Grenzen ein. Das ist aber kein Drama. Das, was Jazz ist oder sein kann, ist derart umfangreich, so dass viel zu tun ist. Und wenn du dann ein Publikum mit offenen Ohren hast, entsteht ein wunderbarer Energiefluss. Darum geht es!“

So ein Publikum wird der Meister sicherlich erleben.

Klaus Gohlke

Sound on Screen – Festival Edition

Internationales Filmfest Braunschweig e.V.

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BLUE NOTE RECORDS: BEYOND THE NOTES
Regie: Sophie Huber

Schweiz / USA / Vereinigtes Königreich 2018, 85 Min., OmU

BeitragsbildDas Label „Blue Note Records“ kann auf eine fast 80-jährige Geschichte zurückblicken, in der es die afroamerikanische Musik von Bebop über Soul Jazz bis hin zu Hip Hop geprägt hat. Wie kein anderer steht der Name „Blue Note“ für die Verbindung von künstlerischer Freiheit und Improvisationskunst. Sophie Hubers Doku lädt zu einem abwechslungsreichen Streifzug durch die ereignisreiche Labelhistorie ein und rückt neben dem legendären „Blue Note“ Look & Sound vor allem persönliche Erfahrungen der Künstler in den Vordergrund. Musikalisches Highlight: Das Filmteam darf eine aktuelle Aufnahmesession begleiten und damit einen exklusiven Blick hinter die Kulissen des Labelbetriebs werfen.

Internationales Filmfest Braunschweig e.V. in Kooperation mit Initiative Jazz Braunschweig

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Bildrechte: ©MIRA FILMS
 

Kritik zu “Możdżer Danielsson Fresco Trio”

Jazz zum Wohlfühlen

Das Możdżer-Danielsson-Fresco-Trio zeigt die Farbigkeit der Welt der improvisierten Musik

Eden. Sie denken woran? Natürlich. An den Garten. Friedliche Bilder stellen sich ein, stimmt’s? Zephyr, der mild-segensreiche Windhauch, blühende Landschaft, Friede, Freude, naja – und Adam und Eva – vorm veganen Apfelmahl allerdings.

„Eden“, das war der Opener beim Jazzkonzert des Możdżer-Danielsson-Fresco-Trios am Samstagabend im LOT Braunschweig. Und er schien alle Klischees zu diesem polnischen Ausnahme-Jazzpianisten zu bestätigen. Sehr atmosphärische Musik, Wohlklang und Harmonie, klassisch geschult. Es perlte nur so vor sich hin. Eben zephyrisch. Und der Schwede Lars Danielsson am Bass, später auch Cello, sowie sein israelischer Perkussion-Kollege Zohar Fresco taten nicht das Geringste, diesen seelenfriedlichen Eindruck zu stören. Die Grundtöne der Akkorde wurden fein akzentuiert, später die Melodie tieftönend zärtlich umspielt. Besenreiser streichelten die kleinen und größeren Rahmentrommeln. Für Hardcore-Jazzer musste das wohl der Untergang des Jazz-Abendlandes sein.

Jedoch – es musste genauso klar sein, dass das so nicht weitergehen konnte. Możdżer ist ja nicht der Claydermann des Jazz! Der Abend machte vielmehr deutlich, dass es ihm mit diesem Trio (und überhaupt) eher darum geht, die Farbigkeit der Welt improvisierter Musik aufscheinen zu lassen. Ein Angebot, keine Vorschrift, Gefühle zu erleben.

Und so gab es die Akkordbrechungen, Dissonanzen, Verschiebung der Metren, Tempovariationen, rhythmische Finessen, die klangliche Selbstgefälligkeit nie aufkommen ließ. Ja, bei „Polska“ konnte man das ganze Stück hindurch den Eindruck gewinnen, als spielten die Musiker alle etwas anderes. Am ehesten noch von einem rhythmischen Muster verbunden, ansonsten aber auf seltsame Weise wie um einen Ton daneben.

In der Regel aber gab es diese Ausbrüche ins unvermeidlich Schräge nur phasenweise in den Kompositionen. Das Zuhören hätte man zu einem Ratespiel über die Dramaturgie der Stücke machen können. Wann kommt der Ausflug ins Abstraktere, wann die Rückkehr ins ruhige Fahrwasser? Hätte. Wäre man dann nicht doch immer wieder, wie bei „Incogitor“ oder dem Depeche Mode -Cover „Enjoy the silence“ in eine Stimmung versetzt worden, die Ratespiele ad absurdum führten. Wenige Akkorde nur, starke lyrische Momente bei Bass und Piano, dazu Frescos lautmalende Stimme – ein wiegendes Ein- und Ausatmen, mehr nicht. Und doch absolut kitschfrei.

Das Trio spielt schon lange zusammen. Die fein gesponnene Dynamik und differenzierte Interaktion macht alles Auftrumpfen und Prahlerische unnötig. Begeisternd-ansteckend die immer noch ungemeine Spielfreude der Drei. Improvisierte Musik auf höchstem Niveau.

„Das Highlight des Jahres!“, kommentierten viele Gäste diesen Auftritt, den die Initiative Jazz-BS auch als Gruß an den deutsch-polnischen Kulturverein Braunschweig verstanden wissen wollte, der nunmehr seit 20 Jahren besteht. Fein, dass Leszek Możdżer dann noch geduldig den Signier-und Fotowünschen vor allem der Zuhörer mit polnischen Wurzeln entsprach.

Klaus Gohlke

Możdżer Danielsson Fresco Trio

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Leszek Możdżer – Klavier
Lars Danielsson – Bass, Cello
Zohar Fresco – Perkussion

BeitragsbildDie Initiative Jazz Braunschweig präsentiert mit Leszek Możdżer, Lars Danielsson und Zohar Fresco ein internationales Star-Trio, das seit Jahren Furore macht. Das Konzert könnte unter der Überschrift „Drei Künstler, drei Kulturen, eine Zeit“ stehen.

Polen hat eine große Jazztradition und brachte immer wieder Musiker hervor, die Weltgeltung bekamen. Darunter sind solche Namen wie Michal Urbaniak, Zbigniew Seifert, Krzysztof Komeda oder . Tomasz Stańko. In diese Reihe gehört zweifelsohne auch der Pianist Leszek Możdżer.

Ihn könnte man als musikalischen Impressionisten bezeichnen, als einen Meister im Kreieren von Klangfarben feinster Abstufungen. Die Stärke des schwedischen Bassisten und Cellisten Lars Danielsson besteht darin, diese Klang-und Stimmungsstrukturen je nach Situation transparenter oder komplexer zu konturieren. Zohar Fresco, der israelische Meister der Rahmentrommel, ist derjenige, der mit seinem vielfältigen Schlagwerk gewissermaßen musikalisches Feuer in die polnisch-schwedische Sensitivität bringt. Feuer verstanden als Impulsivität und Strukturbrechung, als unvorhersehbarer, aber absolut notwendiger „Störfaktor“.

Es ist die elegante und subtile Raffinesse, mit der das Trio seit Jahren schon zu begeistern vermag.

Mit diesem Konzert gratuliert die Initiative Jazz Braunschweig. e.V. dem Deutsch-Polnischen Kulturverein Braunschweig e.V. zum 20jährigen Bestehen.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

David Helbock’s Random/Control

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

David Helbock – Piano, Inside Piano, Electronics, Toypiano, Melodika, Percussion
Johannes Bär – Trompete, Piccolotrompete, Flügelhorn, Sousaphone, Tuba, Alphorn, Beatbox, Didgeridoo, Electronics, Perkussion
Andreas Broger – Sopransaxophon, Tenorsaxophon, Klarinette, Bassklarinette, Flöten, Flügelhorn, Perkussion

BeitragsbildMehr als zwei Dutzend Instrumente auf der Bühne, aber nur drei Musiker: David Helbock beschränkt sich weitgehend auf solche mit Tasten. Dazu die beiden unter anderem am Salzburger Mozarteum ausgebildeten Bläser. Johannes Bär ist fürs Blech zuständig, von Trompete über Bassflügelhorn bis zu hin zu Alphorn und Tuba. Andreas Broger spielt die Holzblasinstrumente: Saxophone, Klarinetten, Flöten.

Für die aktuelle CD, im Mai 2018 beim renommierten Label ACT erschienen, und seine Konzerttournee hat sich David Helbock bei seinen Lieblingsjazzpianisten bedient und deren jeweils bekanntestes Stück originell arrangiert. So erklingen lebendige, groovige neue Versionen von Watermelon Man (Herbie Hancock) oder Bolivia (Cedar Walton), aber auch ruhige, die Seele ansprechende Stücke wie My Song (Keith Jarrett).

Über die Jahre hat sich ein eigenständiger Bandsound entwickelt. Egal, was David Helbock als Ausgangsmaterial wählt, die Band klingt immer wie Random/Control – eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Musik fürs Ohr und Spannendes fürs Auge. Oder wie Roland Spiegel vom Bayerischen Rundfunk formulierte:
“Ich halte diesen Musiker mit dem Strickkäppi für einen der besonders aufregenden des jungen Jazz aus Europa. Wenn David Helbock spielt, erlebt man Neues. Und es ist nie verkopfte Musik – sondern eine, die den Kopf und den Körper mitreißt.“

David Helbock begann im Alter von sechs Jahren Klavier zu spielen. 2005 schloss er ein klassisches Konzertfach-Diplom mit Auszeichnung ab. Seit 2000 nahm Helbock zusätzlich Unterricht beim New Yorker Jazzpianisten Peter Madsen.
Helbock ist seit Beginn seiner Laufbahn außerdem als Komponist aktiv. Zu seinen Werken zählt ein großes „Jahreskompositionsprojekt“, bei dem er ein Jahr lang jeden Tag ein neues Stück schrieb. 2010 ist dieses Werk als „My Personal Realbook“ mit über 600 Seiten Musik erschienen.

2014 trat David Helbock als Solist auf Michael Mantlers CD „The Jazzcomposers Orchestra – Update“ in Erscheinung, die bei ECM Records veröffentlicht wurde.
Helbocks Alben als Leader wurden seit 2010 bis 2015 bei Traumton Records veröffentlicht. Seit Mitte 2016 ist Helbock Exklusivkünstler beim Münchner Plattenlabel ACT Music.

2007 und 2010 war Helbock zweiter Preisträger beim weltweit größten Jazzpiano-Solowettbewerb in Montreux und gewann zusätzlich den Publikumspreis.

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Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

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Öffentliche Versicherung Braunschweig
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Interview mit David Helbock

Keine Angst vor großen Klassikern

David Helbocks „Random/Control“ interpretiert Jazz-Piano-Hits neu

Das österreichische Jazztrio „Random/Control“ des Pianisten David Helbock kennt keine Berührungsängste. Volksmusik, Latin, Bebop – alles kann ins Jazz-Idiom überführt werden. Bei ihrem Auftritt am 22. September 2018 im Roten Saal in Braunschweig geht es diesmal multiinstrumental um Jazz-Piano-Klassiker. Klaus Gohlke mailte mit dem Bandleader über seine Bearbeitung von Standards.

Das Konzert ist „Tour d’Horizon „ überschrieben? Was ist damit gemeint?

Es geht um einen Überblick über meinen musikalischen Horizont. So habe ich Kompositionen von jenen Jazzpianisten und Jazzpianistinnen, die mich bis jetzt am meisten geprägt haben, genommen und für diese ganz spezielle Besetzung arrangiert.

Die Jazzfreunde könnten denken oder argwöhnen, dass ihr da einfach nur ein paar Greatest Hits covert. Warum soll man sich diese Klassiker von euch anhören, statt dem Original zu lauschen?

Diese Band „Random/Control“ gibt es mittlerweile seit über 10 Jahren und wir haben in den letzten Jahren einen ganz eigenständigen Bandsound entwickelt. Es ist zwar ein Trio, aber Andreas Broger spielt alle möglichen Holzblasinstrumente von diversen Saxophonen und Klarinetten bis hin zu Flöten und Johannes Bär ist ebenso ein Multiinstrumentalist auf Blechblasinstrumenten vom Alphorn bis hin zur Trompete oder zum Sousaphon. Dadurch sind aber auch für mich als Arrangeur fast unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten denkbar und es entsteht ein ganz eigener Bandsound. Meiner Meinung nach ist dieser Bandsound so was Einzigartiges, dass es fast egal ist, was wir als Ausgangsmaterial nehmen.
Aber schlussendlich klingt es immer nach dieser Band, nach Random/Control.

„Sentimental Mood“ von Ellington, „Watermelon Man“ von Hancock, „My Song“ von Jarrett – hattest du nicht Angst oder Bedenken, dich an solche Klassiker ran zu wagen?

Natürlich hatte ich Bedenken. Mit einem „normalen“ Klaviertrio hätte ich das nie gemacht. Aber mit dieser speziellen Band ist es meiner Meinung nach möglich, auch diese Klassiker, die schon viel zu oft gespielt wurden, von einer neuen Seite zu präsentieren. Ich denke sogar, dass es fürs Publikum sehr spannend ist, alte und bekannte Melodien in so einer neuen und spannenden Besetzung wieder zu entdecken. Auch habe ich als Arrangeur versucht, die Essenz der Stücke zu bewahren, aber doch einen sehr eigenen Weg zu finden, sie zu interpretieren und das fiel mir mit den vielen Kombinationsmöglichkeiten von unterschiedlichen Instrumenten sehr leicht.

Wenn ich eure Instrumentensammlung ansehe, die während des Konzertes zum Einsatz kommt, habe ich den Eindruck, dass das nicht immer sehr ernst zugeht. Täuscht das? Wenn nicht, warum ist dir das wichtig, dem Jazz Humor einzupflanzen?

Es ist sicher wichtig, dass ich bzw. wir auf der Bühne Spaß haben. Sonst könnte ich nicht über 100 Konzerte mit dieser Band spielen. Es ist aber keinesfalls reiner Witz oder Akrobatik, nur um viele Instrumente einzusetzen, sondern das sollte auch musikalisch natürlich Sinn machen. Mir gefällt das Wort „Spielfreude“ besser als Humor. Und ja, es ist mir wichtig, dass wir uns auch gegenseitig immer wieder überraschen, jemand auch mal ein anderes Instrument in die Hand nimmt, als an dieser Stelle ausgemacht und die anderen zwei dadurch wieder darauf reagieren müssen und so jeden Abend doch etwas Neues entsteht.

Jacky Terrasson – Trio

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Jacky Terrasson – Piano
Thomas Bramerie – Bass
Lukmil Perez – Schlagzeug

BeitragsbildJacky Terrasson, so die französische Wochenzeitschrift Telerama, sei ein „Pianist des Glücks“. Mit seiner Improvisationslust, Lebensfreude und Spontanität gelingt es diesem außerordentlichen Pianisten, sein Publikum Mal um Mal aufs Neue zu begeistern.

Jacques-Laurent Terrasson wurde 1965 als Sohn einer Afro-Amerikanerin und eines Franzosen in Berlin geboren. Er wuchs in Paris auf. 1993 gewann Jacky den renommierten Thelonious-Monk-Wettbewerb als talentiertester Jazz-Pianist des Jahres, anschließend ging er mit Betty Carter auf Tournee. Er entschloss sich, nach New York zu ziehen, wo er noch heute lebt. Genau ein Jahr nach seinem Triumph beim Thelonious-Monk-Wettbewerb wurde Jacky Terrasson vom New York Times – Magazin zu einem der „30 Künstler, die das Potenzial haben, die amerikanische Kultur in den nächsten 30 Jahren zu verändern“ gewählt.

Er erhielt einen Vertrag beim legendären US-Plattenlabel Blue Note. Seine drei ersten Aufnahmen für Blue Note in Trio-Formation waren „Jacky Terrasson“, „Reach“ und „Alive“. Es folgten diverse Platten mit Cassandra Wilson, Michael Brecker, Charles Aznavour oder Jimmy Scott, für den er die Musik des Albums „Heaven“ arrangierte. Witz, Raffinesse und Fantasie sind Begriffe, die im Zusammenhang mit Jacky Terrasson immer wieder auftauchen. Offen für die verschiedenen Strömungen des modernen Jazz geht Terrasson seither seinen Weg und erarbeitete sich einen individuellen Stil: subtil, basierend auf brillanter Technik, mit hoher Dynamik und einer scheinbar unerschöpflichen Kreativität.

Das Gespür für Nuancen und dramaturgische Entwicklungen zeichnet auch Jacky Terrassons aktuelles Trio mit dem profilierten Bassisten Thomas Bramerie aus Frankreich und dem kubanischen Schlagzeuger Lukmil Perez aus. Die drei Musiker beherrschen ein Gestaltungsmittel, das seinen Reiz aus dem Überraschungseffekt bezieht: plötzliche oder langsame Veränderungen des Tempos, das Spiel mit der Zeit.

Der „Rough Guide Jazz“ bemerkt über Terrasson: „Seine Auftritte können sehr lustig sein.“ Freuen wir uns auf einen Abend mit dem Trio eines großen internationalen Stars des aktuellen Jazz, auf viel Groove, Swing und Leidenschaft.

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Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Hoffmann Maschinen- und Apparatebau GmbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Jacky Terrasson – Trio”

Der Herr der Tasten

Jacky Terrasson Trio genießt die Jazzclub – Atmosphäre des Roten Saales im Braunschweiger Schloss

Er ist ein Mann des Sowohl-als auch. Entschieden setzt er sich ans Piano. Klare Gestik gegenüber seinen Mitspielern. Auch verbale Einwürfe, selbst dem Publikum gegenüber, fast herrisch. Andererseits Hip-Shake am Klaviersessel, Lachen, Mitsingen beim Spiel. Animation des Publikums, rhythmische Akzente abfordernd. Man versteht ziemlich gut, warum renommierte Jazz-Ladies wie Betty Carter oder Cassandra Wilson sich seiner Klavier-und Arrangementfähigkeiten bedienen wollten. Was für eine Anschlagskultur, von der derben rechten Pranke bis zum nahezu zärtlichen Tastenstreicheln. Jedes Gefühl, jeder Gedanke findet seinen Ausdruck.

Welch nahezu überbordende musikalische Ideenfülle. Rätselhaft. Gesprächsfetzen in der Pause, nach dem Konzert: „Klar, das war „Funny Valentine!“ Aber was war das dazwischen? Michael Jackson hat er auch eingebaut, „Beat it“! Aber dann? Weiß ich nicht!“ Gospeligen Kadenzen, könnte vielleicht „My Church“ gewesen sein. Melancholische Walzerpassagen, manche tippten auf Chopin. Terrasson war an Quizlösungen nicht interessiert, es gab keine Ansagen dazu, er kreierte einfach.

So ein Mann konnte einfach nicht Sideman bleiben. Er musste nach vorn, Bestimmer werden. Und er ist es in einem amerikanischen Sinne, wie wir es von Miles oder Trane und bis in die heutigen Tage kennen. Das nun braucht Mitspieler, die in ihrer Rolle eigenartig traditionell bleiben, dienend. Das heißt nicht, dass Thomas Bramerie am Kontrabass und Lucmil Perez am Schlagzeug nicht zu glänzen verstanden. Beide hatten sich extrem in die musikalischen Einfälle ihres Chefs hineinzuhören. Bramerie leistete teilweise Schwerstarbeit dabei, das rhythmische Fundament stabil zu halten. Und Perez hatte die höchst unterhaltsame Aufgabe, so ein Fundament luftig erscheinen zu lassen. Aber Freiheit von der Rolle der Timekeeper gab es kaum, beeindruckende Soli ausgenommen.

Andererseits geht auch nur so Terrassons Spielkonzept auf. Nämlich einerseits als ein pianistischer Suspense- und Understatement-Meister zu agieren, der einen Standard immer weiter bis auf ein einfachstes Riff reduziert. Am eindrücklichsten wohl die ostinate Bassfigur von „Maraba blue“. Dann aber wieder die Fülle unterschiedlichster Anspielungen! Abenteuerlichste, die Tonalität untergrabende Harmonieübergänge, lässig eingeworfene blaue Noten, die Standards wie „Take five“ zu so nie gehörten Erlebnissen werden lassen. Tongerippe neben Hymnik.

Zwischen Jazz-und Barpianist sich bewegend, angeregt wohl durch die Clubatmosphäre des Roten Saals und ein locker reagierendes Publikum, gab sich Terrasson zunehmend launig. Umstritten vielleicht die Publikums-Hitabfrage im zweiten Set – es wurde ein Blues und was für einer – und das eher uninspirierte Zugabefragment. Trotzdem: höchste Zustimmung zum Konzertende.

Klaus Gohlke

Kritik zu “NDR-Bigband feat. Alon Yavnai und Joca Perpignan”

Schweißtreibende Rhythmen bei Sauna-Temperaturen

„Was? NDR-Bigband? Diese Beamtenmusikertruppe!“, spricht es verächtlich aus dem Munde eines „Jazz-Experten“. „Ist doch eh tot, dieses großorchestrale Gedöns!“

Das zielt in Richtung Bigband als routiniert alt-eingespielter Klangkörper mit einem gewissen Traditionalismus. Also Dirigent, einheitliche Kleidung und andere hergebrachte Rituale. Jazz als Feuer und Leidenschaft, als Aus-und Aufbruch? Ausgeschlossen beim Spiel nach Partitur?

Tot? Soso! Wie dann aber wiederum ein ausverkauftes Konzert, das mindestens achte mit dieser Truppe, das die Braunschweiger Jazzinitiative im LOT-Theater veranstaltete. Trotz harter Konkurrenz wie Champions-League Endspiel und Saunatemperaturen im Theater.

Freilich, die NDR-Leute greifen auch in die Trickkiste, um attraktiv zu bleiben. Man lockt mit Zugpferden. Mit Big Names! Mit großen Namen wie dem des Trompeters Randy Brecker, des Pianisten Omar Sosa. Diesmal nicht ganz so groß. Man featured Alon und Joca. Alon und Joca? Klingt wie Stan und Olli. Reichlich flapsige Ankündigung für die beiden Musiker, den Israeli Alon Yavnai, Pianist und Sänger, und den Brasilianer Joca Perpignan, Percussionist und Sänger. Aber – wenn es der Sache dient.

Aber der Rückgriff auf die großen Namen ist kein reiner PR-Trick, wie sich zeigt. Der eventuell etwas ritualisierte Bigband-Auftritt erhält individuellere Züge, auch eine programmatische Ausrichtung. Perpignan ist der Komponist, Yavnai der Arrangeur – beide führen hinein in die Welt der brasilianischen Musik. Chefdirigent Geir Lysne tänzelt elegant Samba. Kompositionen im Stil Hermeto Pascoals verwandeln die Band in eine gar nicht norddeutsch-norwegisch kühle Truppe. Die Bläsersätze kommen aufgelockert daher, werden zu Klanggeweben. Die Tutti akzentuieren messerscharf und kurz, unterstreichen die Polyrhythmik der beiden Hauptakteure. Karibisch-fröhliche Klänge wechseln ab mit kapverdischen Impressionen von stark afrikanisch geprägter Melodik und Rhythmik. Nahtlos wechselt man von orientalischen Skalen zu Latinmelodik, alles mit mühelos federnder Präzision und Spannkraft.

Höhepunkt waren natürlich die Duo-Parts von Perpignan und Yavnai. Die Parallelführung von Scat-Gesang und Pianoarbeit im Hochgeschwindigkeitstempo, später dann von Perkussion und Klavier, waren verblüffend und begeisterten. Und ebenso circensisch im besten Sinne war Perpignans Bearbeitung von so etwas Simplem wie dem Schellenkranz. Nicht nur der erzeugte Tonumfang erstaunte, sondern auch die Tatsache, dass man die Schellen aufeinander folgend, geradezu einzeln erklingen lassen konnte. Sonderbeifall.

Was das Konzert, das mit einer musikalischen Würdigung des unlängst verstorbenen Saxofonisten der Band, Lutz Buchner, abgeschlossen wurde, auch so angenehm machte, war die humorvolle Moderation Alon Yavnais. Stürmischer Beifall für die 19 Männer und die eine Frau an der Posaune!

Klaus Gohlke

NDR-Bigband
feat. Alon Yavnai und Joca Perpignan

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

NDR Bigband
Alon Yavnai – Piano, Gesang, Arr.
Joca Perpignan – Percussion, Gesang
Mark Walker – Schlagzeug
Leitung – Geir Lysne

NDR BigbandDie NDR Bigband lässt sich immer wieder mit Leidenschaft auf neue musikalische Projekte ein, diesmal mit „Alon und Joca“. Die Geschichte dieses Duos begann vor zwanzig Jahren. Damals war der Perkussionist Joca Perpignan gerade in Boston eingetroffen, wo er am renommierten Berklee College Jazz studieren wollte. Und weil er aus Rio de Janeiro gekommen war, erzählte man ihm von “diesem guten Latin-Pianisten”, der im Wallace’s auftrete. Am Abend besuchte er den kleinen Club. “So habe ich Alon getroffen”, erzählt der gebürtige Brasilianer Joca heute. “Und die Chemie stimmte vom ersten Takt an.”

Alon Yavnai hatte als junger Mann in Costa Rica gelebt und spielte mit dem kubanischen Saxofonisten Paquito D’Rivera preisgekrönte Alben ein. “Er hat diesen starken südamerikanischen Akzent”, freut sich Joca. “Wenn wir zusammen spielen, dann klingt er wie ein Brasilianer.” Und so verloren sie sich auch nicht aus den Augen, als Alon nach dem Studium in New York mit Kollegen wie Freddie Hubbard und Ravi Coltrane in der Szene Fuß fasste.

Joca zog derweil in die Nähe seiner Eltern nach Tel Aviv und gründete dort eine eigene Gruppe. Wann immer sich eine Gelegenheit ergab, trafen sich die beiden zu Konzerten rund um den Globus, als Duo oder auch mit Gästen wie Dave Liebman.

Die NDR Bigband nimmt Klänge aus der ganzen Welt auf: aus Südamerika, Afrika und aus dem Nahen Osten. Musik kenne keine Grenzen, sagt Alon Yavnai. “Sie kennt verschiedene ästhetische Regeln, die wir Musiker lernen. Aber wir denken ja nicht: Heute spiele ich etwas Latin Jazz und dann was von Bach. Kreative Musik ist immer eine Mischung.”

Die NDR Bigband, mit der Alon und Joca jetzt diesen Mix erweitern, gibt ein gutes Beispiel für die kreative Vielseitigkeit, die Alon meint: “Diese Musiker sind offen für jede Art von Musik. Sie spielen jede Woche etwas völlig Neues. Und das spielen sie authentisch: mit all den Erfahrungen, die sie gemacht haben.“

Die NDR Bigband ist seit Jahren regelmäßiger Gast der Jazzinitiative.

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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen/StudentInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Bildrechte NDR Bigband: Sybille Zettler

Jazz und Film in der Reihe „Sound on Screen“

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, 38100 Braunschweig

SPACE IS THE PLACE
Regie: John Coney, USA 1974, 81 Min., OmU

BeitragsbildFrisch vom Verleih Rapid Eye Movies restaurierte Underground Perle: Der einzige Spielfilm von und mit Jazz-Legende Sun Ra ist eine wilde Mischung aus Afrofuturismus, Konzertfilm, Blaxploitation, Gangster und SF-Trash. Der intergalaktische Musiker Sun Ra möchte mit seiner Musik die Black Community erlösen und den Planeten Erde verlassen. Doch er hat einen mächtigen Gegenspieler… “We’re living in the space age…”

Anschließend im Café Riptide: ENSEMBLE AUF ZEIT mit José L. Gavira, Walter Kuhlgatz, Marcel Reginatto, Heinrich Römisch und Elmar Vibrans

Featured by Initiative Jazz Braunschweig!

Ankündigung zu “Karolina Strassmayer & Drori Mondlak KLARO!”

Tausche Big Apple gegen Big Pitter

Der amerikanische Schlagzeuger Drori Mondlak über Jazz heute in Europa und den USA

„New York, New York!”, singen Lisa Minelli und Frank Sinatra. Von der Stadt, die niemals schläft. Wer es hier schafft, schafft es überall. Dachte sich wohl auch die in Österreich geborene Saxofonistin Karolina Strassmayer. Auf ins Mekka der Jazzer, damals wie heute. Um dort zufällig Drori Mondlak zu treffen, erprobter Drummer in der Szene. Wo aus Zufälligem Absichtliches wurde. Nun, die Liebe ist eine Himmelsmacht. Was letztendlich bedeutete: Tausche Big Apple gegen den Big Pitter, New York gegen Köln am Rhein, die deutsche Jazz-Metropole. Hier wurde die gemeinsame musikalische Zukunft kreiert mit der Band KLARO! Entscheidend für die Wahl Kölns war sicherlich aber auch Karolina Strassmayers intensives Engagement bei der WDR-Bigband.

Was aber ist das Alleinstellungsmerkmal von New York? Im Interview mit Drori Mondlak stellt dieser klar:

„New Yorks Jazz Szene mit seinem absolut anspruchsvollen musikalischen Niveau und seinem hohen Energielevel ist einzigartig in der Welt. Du triffst dort alle Welt! Kannst spielen, lernen, Ideen austauschen, kooperieren. Die Szene dort ist absolut offen und dynamisch. Meine Liebe und Hingabe zum Jazz hat dort begonnen, das setze ich in Köln fort.“

Gibt es dann etwas, was einzigartig ist hier in Deutschland oder Europa?

„Durchaus!“, betont Mondlak. „Der Jazz erfährt allgemein mehr Unterstützung durch kulturelle Organisationen, Jazzinitiativen, Funk und Fernsehen, Festivals. Jazz wird hier als eine Kunstform betrachtet, die es wert ist, auf einer Konzertbühne aufgeführt zu werden. Und es gibt viele engagierte Leute hier, die ihre Zeit damit verbringen, den Jazz-Ball am Laufen zu halten.“

Das zu hören, ist zweifellos erfreulich. Dass das Interesse am Jazz aber nicht erlischt, dafür muss er interessant bleiben. Keine einfache Sache in der sich immer mehr zerfasernden Musikwelt. Jazz bewegt sich dabei zwischen den Polen des Softi-Pops und der Attacke auf alle Hörgewohnheiten. Wie also sieht Mondlak die Zukunft dieses Genres?

„Ich betrachte Jazz nicht unter dem Gesichtspunkt von Stilrichtungen. Jazz ist die Person, die ihn spielt, was diese mit dem Instrument auszusagen in der Lage ist. Was sie zu erzählen hat. Jazz hat seine Wurzeln im Blues, in den afro-amerikanischen Erfahrungen. Dazu kommt der einzigartige Swing der Musik. Wohin sich das alles entwickelt, weiß ich nicht. Ich hoffe nur, dass die Tradition nicht vergessen wird. Zentral ist der Wille, eine eigene improvisatorische Tonsprache zu entwickeln, und das auf einem hohen künstlerischen Level.“

Und wie stellt sich das für Mondlak in seiner Art Schlagzeug zu spielen dar? Lässt sich das in Worte fassen?

„Ich glaube, dass es mir in den letzten Jahren immer besser gelungen ist, mit meinem Schlagzeugspiel dichter an das heran zu kommen, was ich in der Musik höre und empfinde. Was ich mit Karolina, die überwiegend die Kompositionen von KLARO! schreibt, im Zusammenspiel mit den verschiedensten Musikern erfahre, entwickelt mein Drumming immer weiter fort. Ein Prozess, der völlig offen ist.“

Wie aber lässt sich die Musik der Band, deren spezieller Ansatz beschreiben? Mondlak bleibt keine Antwort schuldig und führt aus:

„KLARO! vereint die romantischen Elemente der europäischen Klassik und Volksmusik mit dem rhythmischen Feuer und Swing des amerikanischen Jazz auf der Basis der harmonischen Raffinesse der zeitgenössischen improvisierten Musik. Wir wollen Musik schöpfen, die uns bewegt. Die etwas Schönes ausdrückt, Bedeutung hat und auch so vom Publikum verstanden werden kann. Also keine Barrieren durch unnötige Komplexität der Arrangements!“

Klaus Gohlke

Karolina Strassmayer & Drori Mondlak KLARO!

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Karolina Strassmayer – Altsaxophon
Stefan Bauer – Vibraphon
Josh Ginsburg – Bass
Drori Mondlak – Schlagzeug

Beitragsbild„Of Mystery and Beauty“ ist der Titel des aktuellen Albums der Altsaxophonistin Karolina Strassmeyer und des Schlagzeugers Drori Mondlak, das sie mit ihrem Quartett KLARO! in Braunschweig vorstellen. Tatsächlich sind die Eigenkompositionen oft getragen von geheimnisvoller Stimmung und Schönheit des Klangs. Wer jetzt an seichten Jazz für Menschen denkt, die keinen Jazz mögen, liegt ganz falsch. Die lyrisch angelegten Stücke swingen mächtig und entwickeln eine mitreißende Dynamik. Karolina Strassmeyer ist eine zupackende, in der harten Szene von New York geschulte Musikerin, die über ein breites Ausdrucksspektrum verfügt. Mitunter erinnert ihr Ton an den großen Hardbopper Jackie McLean. Sie spielte unter anderem mit solchen Weltstars des Jazz wie McCoy Tyner, Joe Zawinul, Joe Lovano, Chris Potter oder John Scofield. Mehrmals wurde sie in den USA unter die fünf besten Altsaxophonisten des Jahres gewählt. Sie ist festes Mitglied der bedeutenden WDR Bigband.
Aus New York stammt Drori Mondlak, der seit den 80er Jahren mit zahllosen namhaften Jazzgrößen wie Frank Foster, Joe Williams, Chris Potter, Ernestine Anderson, Lee Konitz, Sonny Fortune, Barbara Dennerlein, David Friedman, Lynne Arriale und Nicolas Simion spielte. Seine Einflüsse am Drumset gehen unmittelbar zurück auf die großen Schlagzeuger Joe Morello, Shelly Manne und Roy Haynes, mit denen er von Kritikern immer wieder verglichen wird. Drori Mondlak ist ein virtuoser, traditionsbewusster, moderner Jazzmusiker.
Komplettiert wird die Band durch Stefan Bauer, der seit vielen Jahren sowohl in Europa als auch in den USA im modernen Jazz ein gefragter Vibraphonist ist, und den Bassisten Josh Ginsburg aus Booklyn, der unter anderem mit Kurt Rosenwinkel und Jeremy Pelt tourte.
Also: „Alles Klaro, Karo!“. Das Publikum darf sich auf ein abwechslungsreiches Konzert mit anregendem, swingendem Jazz freuen.

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Braunschweigische Sparkassenstiftung
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Interview mit Philipp Gropper

Über Lust und Last, avantgardistischen Jazz zu spielen

Das Jazztrio „Gropper/Graupe/Lillinger“ versucht, das Vokabular des Jazz zu erweitern. Dabei überschreitet es mancherlei Grenzen. Klaus Gohlke sprach mit dem Saxofonisten der Gruppe, Philipp Gropper, über die Absichten und Schwierigkeiten, zur Jazz-Avantgarde gezählt zu werden.

Herr Gropper, man zählt Ihr Trio zur Jazz-Avantgarde. Können Sie mit dieser Bezeichnung leben?

In Ermangelung eines besseren Ausdrucks: Ja. Das ist ja alles relativ. Wir sind Suchende, Forschende mit je eigenen musikalischen Wurzeln.

Könnte man Ihr Trio auch als eine Band bezeichnen, die sog. Neue Musik spielt. Z.B. bewusst auf so etwas wie Thema, Ausführung eines musikalischen Gedankens verzichtet?

Wir kommen vom Jazz. Aber es gibt da gewiss Überschneidungen. Die Grenzen verschwimmen. Unsere Musik ist teilweise präzise notiert, dann wieder frei. Was uns interessiert, das ist die Klangsprache. Sound im weitesten Sinne. Wir spielen nicht einfach Bebop-Linien nach. Oder formulieren ein Thema, über das dann jeder improvisiert. Natürlich gibt es auch Harmonieschemata, Akkorde als Grundlage für Improvisationen. Traditioneller Jazz ist für uns Ausgangspunkt, wie auch Neue Musik, elektronische Musik, Hip Hop usw. Überall findet man Inspiration; abstrahiert, überträgt ins „Jetzt“ und formuliert neu. Die Geschichte des Jazz ist die Geschichte einer ständigen Erneuerung.

Heißt das, dass das Zuhören schwieriger wird, insofern ihre Musik weder eingängig, noch gefällig, noch konventionell sein will?

Das hängt zum einen von den musikalischen Erfahrungen des Publikums ab. Andererseits wollen wir unsere Tonsprache klar rüberbringen. Es ist nicht unsere Absicht, alle zu schocken und vor den Kopf zu stoßen. Vielmehr sollen die Strukturen unserer Kompositionen erkennbar sein. Wir suchen nach   Klängen, Sounds, die uns selbst faszinieren. Wir haben durchaus den Wunsch, dass man das nachvollziehen kann und davon berührt wird. Wir wollen also mit den Zuhörern diese Faszination teilen. Mainstream allerdings liefern wir nicht.

Wie reagiert das Publikum auf ihre Grenzerweiterungen?

Oft heißt es: „So etwas haben wir noch gar nicht gehört. Das ist schwer einzuordnen. Aber trotzdem toll!“ Es gibt auch Leute, die einfach rausgehen, weil ihre Erwartungen, wie ein Jazzkonzert ablaufen soll, nicht erfüllt werden. Mal sind wir wie Aliens, mal völlig akzeptiert. Aber die Leute bemerken unsere Ernsthaftigkeit und Intensität in der Auseinandersetzung mit der musikalischen Materie. Es geht uns aber nicht darum, dem Publikum zu gefallen. Es geht uns um die Realisierung unserer musikalischen Überzeugungen.

Ihr Schlagzeuger Christian Lillinger sagte unlängst, dass der Gegenwartsjazz sich zwischen Langeweile und Terror bewege. Wie sehen Sie das?

Nun, ich kenne den Kontext nicht. Aus meiner Sicht ist Vieles eher an Eingängigkeit orientiert, will nicht fordern. Man setzt also auf Wiedererkennbarkeit. Oder eben auf plakativ Spektakuläres, dem oft wirklicher musikalischer Gehalt und tiefe fehlen. Und dann gibt es noch diese Hype-Schiene in den Medien. Es gibt urplötzlich irgendwo irgendjemanden, der den Jazz wiederbelebt, ihm den angeblichen Modergeruch nimmt. Man sieht so etwas auch bei den Festival-Acts. Es wird vorsichtig gebucht.

Denken Sie z.B. an die Aufregung um Kamasi Washington? Da weiß ich ja auch nicht, was das Revolutionäre sein soll.

Ja, sehe ich auch so. Aber mir gefällt die Energie, mit der sie spielen, das nahezu Hippiehafte des Auftretens. Das Problem, das ich sehe, ist, dass das Innovative ein anderes Hören verlangt.

Sie meinen statt des genussorientierten Hörens ein eher strukturiertes Nachvollziehen?

Das Innovative verlangt eine andere Offenheit, ein Loslassen von Erwartungen. Es findet den Weg in die Öffentlichkeit nicht so leicht,  lässt sich nicht so gut verkaufen und bleibt daher oft im Untergrund. Dennoch gilt für uns: Wir spielen, was für uns wichtig und spannend ist. Es heißt ja oft, man soll das Publikum abholen. Das kann aber nicht bedeuten, dass man sich anpasst. Wir holen es – wie gesagt – ab, um mit ihm zusammen neues Gelände zu betreten.

Sie sagten vorhin, sie wollten improvisierte Musik machen, nicht Bebop-Linien spielen. Eine Absage an Traditionen?

Nein, überhaupt nicht. Ich komme selbst von Charlie Parker her. Wir haben früher alle Standards gespielt. Aber: Bebop war revolutionär in den 40er/50er Jahren. Jetzt nicht mehr. Er ist Geschichte. Die Musik ist immer noch gut und lebt weiter. Aber die musikalische Entwicklung ist weiter gegangen. Ob das Drum ’n‘ Bass ist oder Hip-Hop oder Modern Creative, Electronica. Was sich in der Rhythmik, der Instrumentierung, der Tongestaltung, den musikalischen Strukturen alles getan hat, das kann man doch nicht ignorieren. Die Erneuerung ist die Essenz des Jazz, ist seine Tradition.

Sind Sie mit Ihrem Jazz „einsame“ Musiker?

Nein, absolut nicht. Außerdem spielen wir in verschiedenen Projekten. Wer da in unsere Konzerte kommt, das hängt viel von den Auftrittsorten ab. Der Jazz hat, anders als der Pop, ein Vermittlungsproblem. Dabei gibt es keine Musik, die derart gegenwärtig beim Spielen ist, derart in der Lage ist, auf Aktuelles zu reagieren, wie der Jazz! Das ist doch hochgradig spannend, wer da was macht und warum. Improvisation, das ist etwas Spontanes, aus dem Inneren Kommendes. Aber das hat gleichzeitig einen verinnerlichten intellektuellen Unterbau. Das ist ja nichts, was man da einfach so hinhaut. Wir spielen seit 15 Jahren zusammen. D.h. in unserer Musik, unserem Interplay steckt eine jahrzehntelange auch intellektuelle Auseinandersetzung. Wenn wir dann auftreten, dann denke ich natürlich nicht über alles nach. Da laufen oft lang eingeschliffene Automatismen ab zusammen mit plötzlichen Wendungen ins Unerwartete, wo du spontan reagieren musst.

Kein Thema für die Medien?

Wenig. Aber vielleicht müssen wir auch selbstkritisch unsere Aktivitäten überprüfen.

Sie sagten, Sie setzten sich auch mit den Möglichkeiten Ihres Instrumentes auseinander, dem Saxofon. Knüpfen Sie am späten Coltrane an, dem das Instrument nicht mehr ausreichte, das, was ihn bewegte, auszudrücken?

Das Saxofon hat das Problem, dass man es z.B. schnell mit dem Genre Blues zusammendenkt. Wenn du etwas tief in dir ausdrücken willst, dann kann das Instrument dir Grenzen setzen, dich fehl leiten. Diese Grenzen zu erkennen und nach Wegen der Überwindung zu suchen, ist eine große Aufgabe. Das gilt wohl für jeden Instrumentalisten in unserem Trio.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Gropper/Graupe/Lillinger”

In fremden Zungen
Das Trio Gropper-Graupe-Lillinger konfrontiert sein Publikum mit ungewöhnlicher Jazzmusik

Ernst sei das Leben und heiter die Kunst? Nein! Das, was die Berliner Jazz-Avantgardisten Philipp Gropper, Ronny Graupe und Christian Lillinger am Freitagabend im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses zu Gehör brachten – es war kein Garten Elysium, in dem die himmlischen Rosen wachsen.
Wer da kam, um mal eben ein nettes Jazzkonzert zu hören, der sah sich bös überrascht. Denn was es da auf die Ohren gab, das war befremdlich, das klang oft wie musikalische Fremdsprache.
Kein verspieltes Intro, das in ein Thema mit erkennbaren Harmonien überwechselte. Keine Melodien, die man jazzig nennt, weil da die eine oder andere Dissonanz auftaucht. Und auch nicht die abwechselnde Solo-Virtuosität, und was es da so mehr an wohlstrukturiertem Jazz gibt.
Was aber dann? Chaos, was manche dann Free Jazz nennen? Auch nicht. Na klar, es sträubt sich das Nackenhaar, wenn der Gitarrist Ronny Graupe einen schwer einzuordnenden Akkord schier endlos monoton anschlägt, während seine Kollegen komplexe Rhythmen fabrizieren und Skalen hoch- und runter spielen. Was soll das? Ganz einfach: Struktur einziehen. Denn die Band hat keinen Bass. Es bedarf aber musikalischer Leitplanken. An anderer Stelle übernimmt Saxophonist Philipp Gropper diese Absicherungsarbeit mit sich wiederholenden großen Intervallsprüngen. Christian Lillinger weigert sich, die alte Drummer-Rolle des Timekeepers einzunehmen. Worum es geht, ist vielmehr, dass musikalische Impulse kreiert werden, auf die man reagiert. Diese Impulse sind oftmals minimalistisch. Einzelne Töne nur, die elektronisch manipuliert werden. Kein echtes Thema, mehr ein Denkanstoß in Form eines Sounds, eines Geräusches, mit dem sich jeder dann auseinander setzt. Erweitert, verändert, unterläuft, zerstört wird die musikalische Idee. Das ist ein intensives Zuhören und Reagieren aufeinander. Takte werden gezählt, intensiver Blickkontakt gehalten. Die Klänge schwellen an bis zur Schmerzgrenze, ebben ab. Rhythmen überlagern sich bis zur Unkenntlichkeit. „Morphen“, nennt Lillinger diese Methode, ein Klanggebilde fließend so verändern, dass ein neues daraus entsteht. Eine sich nicht zur Schau stellende Virtuosität wird dabei erkennbar.
90 Minuten arbeiten die Musiker in einem Stück, nur einmal kurz unterbrochen, um außermusikalischen Kontakt zum Publikum aufzunehmen. Harte Arbeit für die Musiker, aber auch für die Zuhörer, die dahinter kommen wollen, was da abgeht. Freilich: jene, die Stimmungen, feine Nuancierungen suchten, hatten es schwer. Die anderen feierten die modernen Kreationen.

Klaus Gohlke

Gropper/Graupe/Lillinger

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Philipp Gropper – Saxofon
Ronny Graupe – Gitarre
Christian Lillinger – Schlagzeug

Gropper/Graupe/LillingerJunge Jazz-Wilde, die arglose Konzertbesucher verprellen wollen, das sind Gropper/Graupe/Lillinger (GGL) nicht. Keine „Hyperactive Kids“ mehr, wie sie sich eine zeitlang nannten. Aber eine satt-routinierte, altersweise Truppe auch nicht. Vielmehr ein vitaler Organismus dessen Eigenleben sich im nun schon 14. Jahr seines Existierens wie ein unverhoffter Glücksfall auf das Publikum überträgt. Das passiert unmittelbar, weil diese simultanen, kollaborativen, ebenso freien wie disziplinierten Klanggespinste einen Nerv treffen und aus vorbeschrifteten Schubladen springen. Immanente Voraussetzung ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem, was da ist: Spielarten von Jazz, Neuer Musik, Elektronik, Noise, progressivem Rock.

Saxofonist Philipp Gropper, Gitarrist Ronny Graupe und Schlagzeuger Christian Lillinger haben jedoch die Elemente nicht verinnerlicht, um sie zu reproduzieren, sondern um daraus ihres zu destillieren. All die Wurzeln werden daraufhin befragt, warum sie einmal solche Dringlichkeit entwickeln konnten, um dann in eine Gegenwart gezoomt zu werden, wo sie sich dem Spirit des Jetzt zuordnen. Sehr formbewusst, individuell statt als Reproduktion, fiebrig statt linear, frei, dynamisch und konspirativ spiegeln die drei musikalisch das Leben der Metropolen der Gegenwart, setzen sich ihnen aus und bewegen sich Haken schlagend durch ihre Labyrinthe, offensiv und druckvoll. Musik von unbedingter Relevanz entsteht so, die sich immer mehr ihrer über weite Strecken auskomponierten Mittel bewusst ist.

Gropper/Graupe/Lillinger zählen zu den derzeit angesagtesten, in zahllosen Projekten mitmischenden jungen Musikern, die die Grenzen des Jazz weit zu öffnen beabsichtigen. Absolut zeitgenössisch, garantiert überraschend.

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Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen/StudentInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
GOD Gesellschaft für Organisation und Datenverarbeitung mbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Ankündigung zu “Nicole Johänntgen – Lavendel”

Jazz wird weiblicher
Die Saxofonistin Nicole Johänntgen arbeitet mit ihrem Projekt SOFIA zumindest daran.

Sie kommt offensichtlich gern nach Braunschweig, die Jazzsaxofonistin Nicole Johänntgen. Das vierte Mal wird es sein. Diesmal mit ihrem Trio „Lavendel“ in einer verblüffenden Besetzung mit Izabella Effenberg am Vibrafon und Jörgen Welander an der Tuba. Aber es ist nicht nur das, was Johänntgen interessant macht. Es gibt da noch ein anderes Thema, das sie beackert. Wichtig gerade jetzt, wo kein Tag vergeht, an dem nicht auf ein offenbar in schwerer Schieflage befindliches Verhältnis von Männern und Frauen aufmerksam gemacht wird. Vor allem die hehre Kunstwelt erweist sich als Zentrum sexueller Übergriffigkeit.

Aber es geht doch dabei, machen wir uns nichts vor, „nur“ um eine besonders üble Variante dessen, was James Brown treffend und elend zugleich besingt: „It’s a man’s, man’s, man’s world“. Eine Männerwelt. Ach, und ohne die Frauen lebten die armen Herren in „wilderness and bitterness“, in der Wüstenei und Bitternis. Wie toll für die Frauen!

Auch die Jazzwelt, das gelobte Land der musikalischen Freiheiten, ist da nicht anders strukturiert. Nicole Johänntgen kennt diese Welt. Befragt, ob der Jazz männerdominiert sei, antwortet sie: „Ich höre im Moment zwar viel von jungen, aufstrebenden Jazzmusikerinnen, aber es sind immer noch sehr viel mehr männliche Kollegen in der Jazzszene.“

Ein kurzer Blick auf die Braunschweiger Jazzszene, wie sich beispielhaft anhand größerer Konzerte der letzten fünf Jahre in der Stadt verfolgen lässt, illustriert das. Es fanden 45 Konzerte statt. 39 davon wurden von Männern geleitet. Es traten dabei 130 Männer auf und 13 Frauen. Die regelmäßig in Braunschweig gastierende NDR-Bigband präsentiert auf ihrem Promotion-Foto ganze null Frauen.

Johänntgen stellt aber auch fest: „An den Musikschulen, an denen ich unterrichte, habe ich vorwiegend Schülerinnen und nur wenige Schüler. Ich bin gespannt, wie es sich in den nächsten 20 Jahren entwickelt!“ Nur, leben kann man von der Jazzmusik nicht so ohne weiteres. Was nun, wenn es um Familiengründungen geht? Johänntgen sieht die Sache realistisch. „Da es nicht viele Jazzmusikerinnen gibt, gibt es auch wenige Vorbilder, die Jazz und Familie vereinen. Ich denke, dass Frauen im Jazz sich die Frage stellen, ob Jazz vereinbar ist mit Familienplanung.“

Was also tun, um größere Geschlechtergerechtigkeit in der Jazzwelt zu erreichen? Lamentieren hilft nicht, wohl aber anpacken. Und so gründete Johänntgen SOFIA. Und sie führt aus: „Das ist die Abkürzung für „Support Of Female Improvising Artists“. Also Unterstützung weiblicher Improvisationskünstler. Alle zwei Jahre findet die SOFIA-Konferenz in Zürich statt, die jungen Jazzmusikerinnen die Möglichkeit gibt, sich im Musikbusiness weiterzubilden und mit anderen Musikerinnen zu jammen und Konzerte zu geben. Ich habe SOFIA gegründet, weil ich selbst einst starke Unterstützung fand. Ich habe erst nach dem Studium gelernt, wie ich Konzerte buche, Promotion mache, mich vernetze mit Musikerinnen in aller Welt. Das möchte ich nun weitergeben in der SOFIA-Konferenz. Dort herrscht ein entspanntes Klima untereinander. Ich konnte schon sehen, wie die Teilnehmerinnen nach den Workshops das Erlernte direkt umsetzten. Das freut mich sehr. Und das neue Programm steht schon!“. Derzeit tourt Nicole Johänntgen mit der polnischen Vibrafonistin Izabella Effenberg, die mit ihrem Baby und ihrem Partner in Braunschweig mit dabei sein werden. Jazz family on tour. Geht doch!

Das Trio „Lavendel“ gastiert am 16. Februar 2018 ab 20 Uhr im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses.
 

Nicole Johänntgen – Lavendel

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Nicole Johänntgen – Saxophone
Izabella Effenberg – Vibraphon, Array Mbira
Jörgen Welander – Tuba

BeitragsbildDas neue Bandprojekt um die deutsche Saxophonistin Nicole Johänntgen „Lavendel“ traumwandelt zwischen Modern Jazz, Filmmusik und Swing. Nicole Johänntgen musiziert seit zwei Jahren mit ihrer polnischen Freundin Izabella Effenberg, die sie beim Frauenförderprojekt SOFIA kennengelernt hat. Die Kompositionen wechseln sich ab zwischen zarten märchenhaften Melodien und wilden Improvisationen. Das Bass-Fundament legt der schwedische Tubist Jörgen Welander. Bei „Lavendel“ begegnen sich Saxophon, Vibraphon und Tuba, dazu gesellt sich die Array Mbira, ein selten gehörtes Instrument mit schwingenden Lamellen.

Nicole Johänntgen ist Saxophonistin und Komponistin. Sie wurde in Deutschland geboren und lebt seit elf Jahren in Zürich. 2013 gründete sie SOFIA – Support Of Female Improvising Artists, ein Pionierprojekt, das improvisierenden Musikerinnen aus Europa im komplexen Musikgeschäft der Gegenwart helfen soll. Sie hat sich als energetische Improvisatorin auf internationaler Ebene etabliert und wird in der internationalen Jazzszene geschätzt. Ihr Spiel auf dem Altsaxophon erinnert an den großen Arthur Blythe, der ebenfalls gern eine Tuba in der Band hatte. Wie dieser sucht Nicole Johänntgen immer neue Wege, ohne die Basis des Jazz, den Swing, aus dem Blick zu verlieren.

Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, wird als Solistin für internationale Festivals gebucht und tritt zunehmend als Referentin in Erscheinung. Ihr Beitrag zum Jazzforum Darmstadt 2016 wurde in Band 14 der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung „Gender and Identity in Jazz“ veröffentlicht.

Anfang 2016 verbrachte sie ein halbes Jahr in New York und produzierte in Brooklyn, New Jersey und in New Orleans drei neue Alben. Alle Kompositionen entstanden in der Orchard Street 72 in Lower East Manhatten in New York.

Izabella Effenberg ist eine der wenigen Jazz-Vibrafonistinnen in Europa und die erste aus Polen. Während ihres Studiums in Polen und Deutschland hat sie verschiedene Stipendien und Preise bei Wettbewerben gewonnen. Seit 2014 organisiert sie auch ein Festival „Vibraphonissimo“ in Nürnberg/Fürth.

Außerdem ist sie Solistin auf dem Array Mbira (ein 5-oktaviges, kalimbaartiges Instrument). Die erste CD “Cuentame” hat sie beim Bayerischen Rundfunk aufgenommen, ihre zweite „IZA“ wurde von dem polnischen Jazz Magazine Jazz Forum und Kulturreferat Stadt Nürnberg unterstützt.

Jörgen Welander, geboren in Schweden, lebt seit Jahren in Deutschland als freiberuflicher Tubist und E-Bassist. Nach seinem Studium an der Hochschule für Musik in Freiburg setzte er seine Laufbahn als erfolgreicher Jazzmusiker fort.
Zu den bisherigen Höhepunkten seiner Karriere gehören mehrere Europatourneen mit “Howard Johnson & Gravity“. Er spielt regelmäßig in verschiedenen Formationen, u.a in Jazz-, Rock-, Funk- und Folkbands sowie in Projekten für Neue Musik und Theater. Er gehört zu den wenigen Tubisten Deutschlands, die dieses Instrument professionell in den populären Stilrichtungen als Bassist und Solist einsetzen.

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Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen/StudentInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
POMPE OPTIC
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Nicole Johänntgen – Lavendel”

Nicole Johänntgens Trio „Lavendel“ begeistert mit unverstaubtem Blick in die Jazzgeschichte

Man fängt ein Jazzkonzert nicht einfach so irgendwie an. Das hängt zum einen von grundlegenden Dingen ab wie der persönlichen Befindlichkeit, aber auch von der Frage, wie man dem Publikum entgegentreten will. Es umgarnend gewinnen, es im Sturm erobern oder es in Verwirrung bringen? Man kann aber auch gleich mit dem Einstieg eine programmatische Visitenkarte vorlegen, was einem oftmals erst im Nachhinein so richtig klar wird.
Nicole Johänntgens Trio-Konzert am Freitagabend im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses startete verwunderlich, auf moderne Weise traditionsbewusst und aufs intensive Zusammenspiel ausgerichtet.
Verwunderlich, weil die polnische Vibraphonistin Izabella Effenberg auf einem Instrument spielte, das zwar angekündigt war, aber wohl kaum mit einer Vorstellung verbunden werden konnte. Array Mbira, ein junges Kind aus der Familie der Lamellophone. Man kann auch etwas salopp sagen: Ein Riesen-Daumen-Klavier beträchtlichen Tonumfangs (fünf Oktaven) und eines ganz eigenen Klanges. In den tieferen Lagen harfig, in den höheren bis ins Scharfe hinein glockig.
Ein beruhigender fast repetitiver Klangteppich wurde gewoben, auf dem sich Nicole Johänntgen mit ihrem Altsaxophon und Jörgen Welander an der Tuba zunächst eher unverbunden, spontaneistisch tummelten. Alsbald aber deuteten sich intensivere Dialoge an. Das Mbira wurde durchs Xylophon ersetzt. Man scherzte mit Zitaten, nicht nur marschmusikalischer Art (Einzug der Gladiatoren) und schuf einen sehr transparenten Gesamtsound mit hohem Melodiepotential. „Eine knackig-schlanke, auf den Kern reduzierte Besetzung!“, wie die Chefin knapp umriss.
Die Instrumentierung war natürlich auch Programm. Die Tuba, ein Gerät, das ja eher als Kuriosum betrachtet wird (um es klar zu sagen: die Tuba furzt wesentlich besser als die Posaune!), und das Spiel mit ihr als zirzensisch-sportliche Betätigung. Wer denkt da nicht an tapsig sich bewegende nur für das rhythmisch-harmonische Fundament zuständige Puster? Und es fiel ja auch das Wort vom „Tanzbären“. Historisch bewegt man sich sogleich in der Basin Street, tanzt in der Second Line beim Funeral March oder beim musikalischen Shootout im Storyville. Frühes Multikulti.

Das Vibraphone hingegen spaltet oft. Die Zuhörerschaft, aber auch die BearbeiterInnen. Man mag oder geringschätzt es. Man kann es wie Hampton als Schlagwerker behandeln oder aber eher als Sänger wie Milt Jackson. Man nennt es oft kalt-metallisch und beschränkt. Und historisch gesehen, befindet man sich nicht mehr auf der Straße, recht eigentlich eher in der Phase des Modern Jazz.
Nur, um es gleich klar zustellen: Jörgen Welander spielte zwar mitunter die Rolle des Tanzbär-Tubisten, jedoch eher als ironisches Zitat. Und natürlich lieferte er die Bass-Basics, kompliziert genug, wenngleich durch Izabella Effenberg am Vibraphon darin unterstützt oder auch abgelöst. Aber ansonsten ließ er die Tuba tanzen, mitunter fast mit Waldhornschmelz. Höchst melodiös, rhythmisch variabel und erstaunlich flink, so dass sich die Frage stellte, ob der Saitenbass wirklich schneller gespielt werden kann als der geblasene. Da wurde New Orleans modern überholt.
Izabella Effenberg bearbeitete das Vibraphon mit aller Finesse, sodass, wenn es nicht rhythmisch zu dienen hatte, eine feine rhapsodische Melodik aufschien. Intonation und Phrasierung profitierten von ihrer exzellenten Spieltechnik. Ja, es hatte oft den Anschein in den solistischen Passagen, als flösse alles zusammen.
Dazwischen nun Nicole Johänntgen mit ihrem gekonnten Saxofonspiel, quasi als Lotsin zwischen den Polen Reminiszenz an den New Orleans Jazz, weltmusikalische Ausflüge und europäisch geprägte Balladenkultur. So bewegte man sich zwischen Late-night-bar-Music („Oh yes, my friend“) und nahezu erotischem Tongeflirte mit Wilanders Tubaspiel und „Kicks from New Orleans“, die witzigerweise genauso gut „Kicks from an South-African Marketplace“ hätten heißen können. Und landete schließlich bei der Ellington-Anspielung in „Take the Steam-Train“, die auch auf eine „Reveille with Beverly“ – Filmszene referiert, im Berner Oberland. Es wurde Jazz gespielt, der seine historischen Wurzeln, insbesondere auch seine Tanzbarkeit, auf eine spielerisch-lockere Weise von der Gegenwart aus anpackte, also jede Patina oder Staubigkeit vermied. Große Begeisterung im Auditorium, völlig zu Recht.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Zoran Terzić: Movie Music”

Jazz mit Spaßfaktor
„Movie Music“ lockt mit frei interpretierter Filmmusik auch Skeptiker aus der Reserve

Da kann etwas nicht stimmen. Moderner Jazz und Spaß auf allen Seiten? Das ist verdächtig. Musik und Humor ist ja eh schon ein Problem! Schlag nach bei Brendel. Dass Musiker sich beim Jazzen freuen, nun ja, das mag an der Gage liegen oder an stimulierenden Drinks vorher und währenddessen. Kann auch Rollenspiel sein. Aber – dass das Publikum gleichermaßen Freude empfindet, das ist dann doch eigenartig oder?

Infizierte die Freude der Musiker? Jan Leipnitz behandelte sein Drumset mit einem seligen Lächeln, als habe er es seit Wochen nicht mehr spielen dürfen. Johannes Fink zupfte und strich sein extra tiefer gelegtes 5-Saiten-Cello mit staunendem Schmunzeln, als würde ihm von höherer Stelle die Hand geführt. Und Rudi Mahall, das heftige Gebläse an den Klarinetten, schien Mal um Mal amüsiert über das Klanggebräu. Nur Pianist Zoran Terzic zeigte Ernst und Würde bei der Arbeit, aber er war ja auch der Leiter der Kapelle.
Das mag ein Publikum wohl positiv affizieren, aber auf Dauer trägt so etwas nicht. Da muss schon etwas der Musik Innewohnendes hinzu kommen. Nun, vielleicht war es ja auch gar kein Jazz, der gespielt wurde, und deswegen erheiternd, erfreuend, mitreißend?

Sagen wir so: Das war eine Art Jazz-Hybridmusik. Nicht in dem Sinne, dass da verschiedene Stilrichtungen in John Zornscher Manier brutal zusammengeschnitten wurden. Auch kein prinzpienarm zusammengefügtes Tomaterial. Die Stücke hatten vielmehr etwas Kaleidoskopartiges. Jede Sequenz innerhalb der Kompositionen ließ, nachdem sie ausgespielt war, das Klanggebilde in neuem Licht erscheinen. Und so hatte man den Eindruck, mal einer Kaffeehausmusik zuzuhören, mal einem Gypsy-Swing. Mal Tanzmusik, dann Ballade, Blues, auch zügelloses Uptempo oder Brachial-Punkiges. Das ganze Konzert schien immer wieder zu verweisen auf musikalische Traditionen, jazzig oder auch nicht. Nicht als Zitat, nur als Anspielung. Vielleicht ein Irving Berlin’scher Unterton mit melancholischer Grundierung, die mitunter hätte feiner vernommen werden können, wenn die Klarinette nicht mit so viel Druck gespielt worden wäre.

Filmmusik-Bearbeitungen im engeren Sinne waren das eher nicht. Eher Widerspiegelungen eines inneren Films des Komponisten, entstanden aus Filmerlebnissen und eigener Befindlichkeit in ganz persönlichen sozialen Bezügen. Natürlich konnte man filmmusikalische Form-und Funktionselemente wiederfinden. Wenn man konnte bzw. wollte auch direkte Anspielungen auf Filme feststellen, aber darum ging es Terzic in seinen Kompositionen wohl weniger. Eher darum, beim Zuhörer den eigenen inneren Film, einen Assoziationsstrom zu stimulieren. Und das geht gut, wenn man eingängige Melodien, nachvollziehbare harmonische Abläufe und musikalischen Witz niveauvoll zusammenführt.
Das war wohl der Grund der allseits konstatierbaren Freude am Konzert der Band „Movie Music“.

Klaus Gohlke

Zoran Terzić: Movie Music

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Zoran Terzić – Piano, Melodion
Rudi Mahall – Klarinetten
Johannes Fink – Cello, Bass
Jan Leipnitz – Schlagzeug

Beitragsbild„Movie Music“, das neue Programm des Berliner Komponisten und Pianisten Zoran Terzić, ist inspiriert von der Melancholie der Filmmusiken der 1960er und 1970er Jahre.
Zoran Terzić studierte Bildende Kunst in New York, bevor er am Lehrstuhl für nicht-normative Ästhetik in Wuppertal bei Bazon Brock promoviert wurde. Er ist sowohl Autor als auch Jazzpianist. Jahrelang war er für das Berliner Balkan Black Box Festival aktiv. Seine Monographie “Kunst des Nationalismus” (Berlin 2007) beschäftigt sich mit der Kultursemiotik des Krieges.

Inspiriert von Komponisten wie Mancini, Morricone, Svoboda, Rota, Barry, Legrand, Lai, Sarde präsentiert Zoran Terzić das originelle Repertoire mit langjährigen Weggefährten, die zu den interessantesten Musikern der europäischen Szene gehören – allen voran Rudi Mahall, einer der international meistgefragten deutschen Musiker, der als Bassklarinettist die Fackel des großen Eric Dolphy weiter trägt. Dem Braunschweiger Publikum sind seine Auftritte mit Aki Takase oder den Kultbands „Der Rote Bereich“ und „Die Enttäuschung“ in warmer Erinnerung. Mit dem Quartett Alexander von Schlippenbachs führt Mahall sämtliche 70 Kompositionen von Thelonious Monk unter dem Namen „Monk`s Casino“ in einem (!) Konzertprogramm auf. Mahall studierte ursprünglich klassische Klarinette, die er nun auch in „Movie Music“ einbringt.

Zur Band gehören mit dem Cellisten Johannes Fink und dem Schlagzeuger Jan Leipnitz zwei weitere führende Musiker aus dem Umfeld der originellen Avantgarde um Aki Takase, der Band „Günter Adler“ oder Gebhard Ullmann.
Im Niemandsland zwischen Kitsch und Avantgarde angesiedelt, besticht Movie Music durch Eingängigkeit und melodische Präsenz. Tradition und Innovation, Freiheit und Schönheit sind hier keine Gegensätze, sondern heben sich in der Energie des musikalischen Ausdrucks auf. Movie Music bezieht sich vor allem auf den Film, der im Inneren abläuft oder erst noch geschaffen werden muss.

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Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen/StudentInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Hoffmann Maschinen- und Apparatebau GmbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Uli Beckerhoff Quartett
plus special guest: Otto Wolters

Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig

Uli Beckerhoff – Trompete und Flügelhorn
Richard Brenner – Piano
Moritz Götzen – Bass
Niklas Walter – Schlagzeug
Otto Wolters – Piano

Unmittelbar vor Weihnachten gastiert der Trompeter Uli Beckerhoff mit seinem neuen Quartett im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses. Beckerhoff, der seit Anfang der Siebziger Jahre zu den führenden Vertretern seines Instruments in Deutschland und Europa zählt, hat sich für sein neues akustisches Quartett drei junge und hochtalentierte Musiker ausgesucht, die alle Eigenschaften mitbringen, die für eine große künstlerische Karriere Voraussetzung sind: höchste instrumentale Fähigkeiten, große emotionale Ausdruckskraft, Einfallsreichtum und Risikobereitschaft. Generationsübergreifend entsteht so der Raum für kreatives Zusammenspiel als Grundlage für Beckerhoffs vielseitige, swingende Kompositionen und seinen mal lyrischen, mal zupackenden Trompetenton.
Die Jazzinitiative Braunschweig hat Uli Beckerhoff im Verlauf seiner Karriere immer wieder vorgestellt: so mit den Gruppen „Riot“, „Changes“, der „International Skoda Band“ oder mit Formationen, die mit dem Braunschweiger Pianisten Otto Wolters verbunden sind. Bei unserem Konzert wird es deshalb auch zu einem Treffen dieser zwei Urgesteine des modernen deutschen Jazz und seiner pädagogischen Vermittlung kommen. Wolters wird als Gast bei einigen Stücken mitwirken.

Uli Beckerhoff spielte in zahlreichen Bands mit der Elite der deutschen Jazz-Musiker zusammen. Unter dem Namen „Changes“ stellte er Anfang der Achtziger Jahre zusammen mit Wolfgang Engstfeld, Ed Kröger, Peter Bockius und Peter Weiss die bedeutendste deutsche Neo-Bop-Gruppe zusammen, mit der er auf vielen europäischen Festivals auftrat. Er spielte in der Manfred Schoof Big Band, mit Charlie Mariano und Jasper van`t Hof, ebenso mit internationalen Jazzstars wie Stan Getz, Norma Winstone, John Taylor und vielen anderen. Er schrieb Auftragskompositionen für Rundfunksender. Beckerhoff hat an verschiedenen Institutionen als Pädagoge gewirkt. Seit vielen Jahren ist er Professor für Jazztrompete und Ensembleleitung an der Folkwang Hochschule in Essen.

Sein Schaffen ist auf zahlreichen Tonträgern dokumentiert.

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Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen/StudentInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Die Braunschweigische Stiftung
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Uli Beckerhoff Quartett plus special guest: Otto Wolters”

Alte Hasen und junge Wilde
Das Uli Beckerhoff-Quartett und der Braunschweiger Jazz-Pianist Otto Wolters
als „Special Guest“ begeistern ihre Fans

Der Uli beschenkt den Otto und der Otto den Uli. Beide beschenken das Publikum und das beschenkt wiederum die beiden. Gelungene Weihnachten unter Jazzern, wobei der Uli das Ulrich Beckerhoff Quartett meint. Und der Otto ist der Braunschweiger Jazzpianist, den man gerne „Urgestein“ nennt, dabei ist er alles andere als Gestein, und ob er „Ur“ ist, soll beantworten, wer meint, es zu können. Ja, und das Publikum, das waren alle im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses am Freitagabend, die dem Modern- Jazz-Konzert des Quartetts, für zwei Songs um Special Guest Otto Wolters erweitert, mit Sympathie und Vergnügen lauschten.

Ausverkauft- warum eigentlich? Nun, Otto Wolters hat viele Freunde in der Region, die wissen, dass er seiner Berufung, dem Jazz, immer noch mit Anspruch nachgeht. Und auch der Trompeten-Professor Uli Beckerhoff hat viele Anhänger hier. Einmal seiner Musik, seines ausgezeichneten Trompetenklangs wegen, aber auch, weil er mit Otto Wolters durch etliche gemeinsame Konzerte hier in Braunschweig schon als eine Art mystische Jazz-Einheit gilt.
Buddies, die für Jazz auf höchstem Niveau stehen. Eine innige Melange also aus persönlichem und allgemeinem Interesse auf allen Seiten.

Dabei war die Musik nicht unbedingt von einschmeichelnder Qualität. Sie war vielmehr bewusst anspruchsvoll, von gewissermaßen quer liegendem Charme. Durchaus Wohlklingendes wurde jäh mittels furioser Trompetenstöße oder -läufe in dissonantes Gestrüpp verwandelt. Unvermittelt wurden durch krassen Rhythmuswechsel lang durchgehaltene ostinate Bass-Passagen aufgebrochen ( „Capo d’Orlando“) und später wieder fortgeführt. „Heroes“ ließ merkwürdigerweise Erinnerungen an Miles Davis‘ frühe Elektrik-Phase, den Druck der Rhythmus-Gruppe vor allem, aufkommen. Soundlandschaften ließen sich erahnen, die nach schöner Entfaltung zerstört wurden. In „Tango Tragico“ zeigte diese musikalische Konzeption – man könnte sie „Änderung der Fahrtrichtung durch absichtliche Entgleisung“ nennen – recht humorvolle Züge. Ironischer Umgang mit dem typischen Tango-Rhythmus, melodische Verschleifungen, Stimmungswechsel zwischen überbordender Dramatik und Understatement ließen das Bild eines nicht ganz elegant ablaufenden Tanzabends aufkommen.

Das Quartett sorgte aber auch schon deshalb für Interesse, weil sich Beckerhoff als 70jähriger „alter Hase“ mit drei ‘“jungen Wilden“ umgab, nämlich Richard Brenner (Piano), Moritz Götzen (Bass) und Niklas Walter (Schlagzeug). Der Meister ließ ihnen völlig uneitel viel Raum, ihre musikalische Kompetenz zu entfalten. Und die war angenehm fern irgendwelcher Sturm- und-Drang-Kraftmeierei.

Aber – Anspruch und Konzept hin oder her: manchmal hätte man einfach Lust gehabt, sich musikalisch fallen zu lassen, sich mal richtig einem Groove hinzugeben. Aber vielleicht war das ja nur ein schwächelndes Begehren, das sich angesichts des unabwendbaren Weihnachtsgedudels draußen einstellte. Lang anhaltender Beifall.

Klaus Gohlke

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Die Braunschweiger Szenekneipe „Bassgeige“ feiert 40. Geburtstag

Lebenswichtiges Jazzorgan
Die Braunschweiger Szenekneipe „Bassgeige“ feiert 40. Geburtstag

„Sie haben ein Kleinod hier! Wo gibt es das noch in Deutschland?“, sagt Robert Landfermann, einer der bekanntesten deutschen Jazz-Bassisten bei einem kurzen Zwischenstopp auf der Reise von Krakau nach Köln über die „Bassgeige“ am Braunschweiger Bäckerklint. Und er muss es ja wissen, er kommt in der Welt herum. Aber – eine Jazzkneipe als Kleinod zu bezeichnen? Also als eine Kostbarkeit, ein Schmuckstück? Was soll das Kostbare, das Schmucke daran sein? Dass sie am 23. November 40 Jahre alt wird?

Seien wir ehrlich, Schönheit ist etwas anderes. „Verqualmt und abgeranzt!“, nennt die passionierte Szenegängerin Carola Remus die Kneipe. „Aber – ich mag sie halt!“ Abgeranzt? Vielleicht etwas zu hart. Aber ein echter Ra(e)ucherschuppen. Eigentlich out so etwas. Wer da reingeht, ist entweder passionierter Raucher, oder aber er nimmt die Atembeschwerden und den anschließenden Klamottengestank bewusst in Kauf. Weil, ja, weil es da etwas Wichtigeres gibt, als diesen „Kleinkram“. Was da wäre? Die Braunschweiger Jazzsängerin Britta Rex formuliert es so: „Die ‚Bassgeige‘ ist urig, ehrlich, erfrischend unangepasst an aktuelle Modeerscheinungen!“

Dieser Schlauch von Lokal, die schlichten Lampenschirme aus Peddigrohr-Geflecht, das zweckdienliche Mobiliar. Die überall – wiederum mit Carola Remus zu sprechen: „…verstaubten, liebevoll angesammelten und originell arrangierten „Steh-Herum-chen“ wie die PEZ-Figuren, die Ü-Eier-Basteleien, die Wachsposaune!“ Dazu die Plakate und Bilder. Absolut kein durchkonfektioniertes, steriles Gaststätten-Interieur. Und völlig kompatibel dazu die Erscheinung des „Bassgeigen“-Chefs Norbert „Bolle“ Bolz. Gern im karierten Hemd, die Haare altersgemäß ausgedünnt langfädig. Aber seien wir ehrlich: Der sich dokumentierende urige Eigensinn des Lokals mag seinen Charme haben, aber ein „Kleinod“ wird es dadurch doch nicht unbedingt. Nein, es ist anderes! Mehr!

„Die ‚Bassgeige‘ ist mir über die vielen Jahre gleichsam ein musikalisches Zuhause geworden!“, so Hans-Christian Hasse, Jazz-Pianist und Dozent an der TU Braunschweig. „Eine anregende, seelenvolle Oase!“, meint der Braunschweiger Bassist Heinrich Römisch. Und Thomas Geese, ortsbekannter Schlagzeuger und Jazz-Autorität, verweist auf die größeren Zusammenhänge, die diese Spielstätte so besonders sein lassen: „Bolle hat die ‚Bassgeige‘ zu einer bundesdeutschen Topadresse des hart swingenden Jazz mit amerikanischen, europäischen und natürlich deutschen Musikern gemacht! Die Bassgeige groovt!“

In der Tat! Dieser „Laden“ war über vier Dekaden so etwas wie ein zentrales Organ des Jazz. Braunschweig wurde zu einem Begriff in der Szene. Wer hier alles auflief, spielte oder einfach die Aura genoss – mit wem soll man anfangen, mit wem aufhören? Blues-Legenden wie Eddie „Cleanhead“ Vinson, Jack Dupree, Robert Lockwood Jr. gaben sich die Klinke. Jazz-Größen wie Horace Parlan, Jim Pepper, Charlie Mariano, Gerd Dudek, Joachim Kühn gastierten. Einer der gegenwärtig weltbesten Posaunisten, der Braunschweiger Nils Wogram, nennt die „Bassgeige“ einen für ihn „ganz wichtigen Ort, und zwar als eigene frühe Auftrittsmöglichkeit, als Ort produktiven Zuhörens, aber auch als Inspirationsquelle durch Bolles profunde Plattensammlung!“, die mittlerweile über 7000 Exemplare umfasst.

Lange bevor man von „Networking“ sprach, schuf Bolle sein Jazz-Netzwerk. Das bedeutete, dass er nicht nur Musiker einlud, sondern auch zu den Jazz-Brennpunkten fuhr, um dort Kontakte zu knüpfen. Die internationale, regionale und lokale Szene wurden so in Verbindung gebracht und konnten sich präsentieren. Es war und ist für viele Musiker nicht nur der Region eine Ehre, in Bolles „Baßgeige“ aufzutreten.

Und das unter diesen räumlich arg eingeschränkten Bedingungen! Die Bühne am Ende des Lokal-Schlauchs ist, wenn ein Quartett mit Akustik-Bass, Piano, mittlerem Schlagzeug und Gebläse auftritt, eher ein „Stau“-Raum von 6 Quadratmetern. Man hockt nahezu aufeinander – und fast im Publikum. „Jazz direkt vor deiner Nase (bzw. Ohren). Atemberaubend, hautnah!“, charakterisiert Uli Papke, Braunschweiger Saxofonist und Session-Organisator das Ganze.

Das ist es gerade: Clubatmosphäre mit einem ganz besonderen Ambiente. So ein wenig New York der 40er und 50er Jahre: Birdland, Village Vanguard, Onyx, gewürzt mit etwas Jazzromantik. Deswegen Raucherlokal, Kneipenbetrieb während der Konzerte, der Zwang zur Improvisation auf und vor der Bühne. „Eng, heiß und inspirierend!“, bringt es Britta Rex auf den Punkt.

Das alles lässt die Musiker auftreten, auch wenn die Bezahlung nicht Gold ist. Weit mehr als 2000 Veranstaltungen gab es bislang. Man spielt auf Eintritt, spielt auch mal für einen Appel und ein Ei, weil man andernorts eine ordentliche Gage erzielen konnte. Aber – es kann auch sein, dass Bolle zulegen muss. Die Zuhörerkapazität ist im Lokal nun mal begrenzt. Gewinnstreben war allerdings nie Bolles Sache. Man muss sich da eben durch lavieren. Und das ginge weder physisch, noch psychisch, noch betriebswirtschaftlich, hätte Bolle nicht seine Lebensgefährtin, Karin Schlesiger, als Ruhepol an seiner Seite. Und gerade jetzt, wo es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten bestellt ist, braucht er sie mehr denn je.

Die „Bassgeige“ ist Bolle und Bolle ist die „Bassgeige“. Diese Szenekneipe und der Mann dahinter hätten den deutschen Spielstättenpreis verdient. Durch sie ist Braunschweig weit, sehr weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Er sollte sich noch bewerben! Ja, und er sollte auch noch ein Buch über diese Geschichte Braunschweiger Kultur schreiben. Material hat er zuhauf und ein phänomenales Erinnerungsvermögen dazu.

Wie wird es weiter gehen? Bolle weiß es auch nicht so recht. Es kommt auf seinen Körper an. Läuft der weiter, läuft auch der Betrieb weiter. „Bis ich hinterm Tresen liege!“, sagt er schwarz-humorig. Mannomann. Gar nicht auszudenken, wenn dieses Kleinod plötzlich dicht machte!

Klaus Gohlke

Jamsession im Quartier

Quartier, Bültenweg 89, 38106 Braunschweig

Jazzsession38 SPEZIAL: Session goes homegrown!

Opener: r2w

Sven Waida – keys
Kai Brandhorst – bass
Jürgen Schröder – git
Heiko Schwarting – drums
Hank Bogus – ts
Lucian Lohse – tr
Luki Rastlos – rap

Eintritt: frei

Christof Lauer Trio

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Christof Lauer – Saxofone
Thomas Alkier – Schlagzeug
Lisa Wulff – Bass

Mit Christof Lauer stellt die Initiative Jazz Braunschweig einen der führenden Tenorsaxophonisten Europas vor. Lauer spielte seit Mitte der Siebziger Jahre u.a. im Albert-Mangelsdorff-Quintett, im United Jazz und Rock Ensemble oder dem Jazzensemble des Hessischen Rundfunks. Gleichzeitig verfolgte er eigene, vielbeachtete Projekte. Seit 1993 gehört er fest zur NDR BigBand. Lauer, ursprünglich stark vom übermächtigen John Coltrane beeinflusst, hat eine eigene kraftvolle Sprache auf seinem Instrument entwickelt, mit dem er immer wieder neue Herausforderungen sucht. Eine davon ist das Spiel im Trio mit Bass und Schlagzeug, in dem er auf ein Harmonien lieferndes Instrument wie Piano oder Gitarre verzichtet. Dieses Spiel ohne Netz und doppelten Boden ist Virtuosen vorbehalten. Das berühmteste Beispiel dafür ist Sonny Rollins, der immer wieder auf diese Formation zurückgriff.

Solch ein Vorhaben kann nur gelingen, wenn Bass und Schlagzeug ebenfalls virtuos besetzt sind. Mit Lisa Wulff, der jungen Top-Bassistin aus Deutschland, und dem versierten Schlagzeuger Thomas Alkier gehören zwei zum Trio, die sich kreativ gegenseitig befeuern und gleichberechtigt mit dem Saxophon kooperieren.

Lisa Wulff, 1990 geboren, studierte Bass bei Detlef Beier in Bremen. Sie war für den Echo Jazz 2017 in der Kategorie Instrumentalist/in National Bass/Bassgitarre nominiert. Sie spielt in mehreren Bands (u. a. „Kalis“, „takodoon“) und leitet ein Quartett unter eigenem Namen. Ihre Vielseitigkeit an Kontrabass und E-Bass macht sie zu einer stark nachgefragten Künstlerin für die verschiedensten Projekte, so z. B. regelmäßig für die NDR BigBand. Tourneen unternahm sie mit Randy Brecker, Curtis Stigers oder Nils Landgren.

Thomas Alkier, Jahrgang 1965, gehört seit Jahren zu den renommierten Schlagzeugern Europas. Seine Kreativität und positive Ausstrahlung verhalfen ihm zu Engagements u.a. mit Gary Burton, Betty Carter, Michel Godard, Joachim und Rolf Kühn, Wolfgang Puschnig. Herausragend seine Zusammenarbeit mit Carla Bley und Steve Swallow u.a. im Mai 2006 bei der Aufführung von “Escalator over the Hill“ und im November 2008 bei “3/4“ mit dem Pianisten Uri Caine.

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Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
- und weitere ...

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Sound on Screen Festival Edition

Internationales Filmfest Braunschweig e.V.

Logo

GREGORY PORTER: DON’T FORGET YOUR MUSIC
Regie: Alfred George Bailey

DEUTSCHE PREMIERE
USA, GB, F, D 2016
85 Min., OV

Beitragsbild“You have to experience life before you sing it”. Der weltweit gefeierte Jazz- und Soulsänger Gregory Porter hat wahrlich die Höhen und Tiefen des Lebens durchgemacht. Das intime Portrait des sanften Riesen mit der markanten Baritonstimme zeigt die vielen Stationen seiner turbulenten Karriere, von den ersten Schritten in der Gospelkirche bis zu seinem Welterfolg mit dem Album “Liquid Spirit”, für das er einen Grammy erhielt. Daneben hat das Filmteam die Aufnahmen zu seinem letzten Album “Take Me To The Alley” sowie zahlreiche Liveauftritte begleitet. Von seiner mitreißenden Bühnenpräsenz schwärmen auch die Interviewpartner Jamie Cullum, Van Morrison und Jools Holland.

Internationales Filmfest Braunschweig e.V. in Kooperation mit Initiative Jazz Braunschweig

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Kritik zu “Arild Andersen Trio”

Die stille Show
Jazzkonzerte bieten dem Auge des geneigten Hörers besondere Erlebnisse

Musik ist zuallererst ein physikalisches Ereignis. Es geht um Schwingungen der Luftsäule, um physikalisch-akustische Gesetzmäßigkeiten. So weit, so einfach. Was diese Schwingungen dann hervorrufen, kann man knochentrocken und sehr zutreffend mit dem Musikhistoriker Alex Ross „eigenartige Empfindungen“ nennen. Jeder Konzertbesuch illustriert das. Gleichzeitig aber wird auch das Auge bei Konzerten angesprochen. Es soll hier nicht um die Shows populärer Musik gehen, etwa die Akrobatik-Einlagen von Helene Fischer oder die Multimedia-Shows eines Udo Lindenberg. Es geht hier nicht um zielgerichtete Handlungen, vielmehr um etwas Beiläufiges und Stilles: um Mimik und Gesten vor allem. Etwas, das besonders bei Jazzkonzerten eine zusätzliche Ebene der Beobachtung, eine zusätzliche Intimität bietet, die es anderswo in der Musik in dieser unmittelbaren Form nicht gibt.

Was erlebte man nun beim Konzert des Arild-Andersen-Trios am Samstagabend im Braunschweiger LOT-Theater so ganz beiläufig? Um es ganz klar zu sagen: nichts Sensationelles. Etwas, was sich in jedem Jazzkonzert ereignet, allerdings kaum Beachtung findet, obwohl es doch individuell immer wieder anders ausgeprägt ist.
Also: Andersen spricht seine Musik, zumindest bewegen sich seine Lippen während des Spielens permanent. Es könnte auch ein inneres Singen sein. Jedenfalls eher still. Nicht wie bei Keith Jarrett dieses hochtönige Untermalen.
Der schottische Saxofonist Tommy Smith fällt auf andere Weise auf. Nicht beim Musizieren, wohl aber beim Zuhören. Er geht in die Hocke, fixiert seinen Bandleader aufmerksam und zeigt sich bei einigen Bassläufen höchst interessiert. Gleichzeitig verfolgt seine rechte Hand oft den rhythmischen Verlauf des Spiels seiner Kollegen. Er kann nicht loslassen, wenn man so will. Thomas Strønen, der Schlagzeuger, wird auf seltsame Weise von der Rhythmusarbeit angepackt. Je nach dynamischem Einsatz streckt sich der ganze Körper nach oben, dreht sich nach links bzw. rechts, begleitet mitunter von einem milden Lächeln. Nach Phasen höchster Konzentration, im Spannungsabfall, wirkt er wie im Trance-Zustand mit glasig-verschleiertem Blick.
Interessant sind die Momente, und derer gibt es an diesem Abend recht viele, in denen die Musiker lächeln: einzeln, zu zweit oder auch kollektiv. Was mag das Belustigende, Erfreuliche sein? Man kann oft nur rätseln. Eine unerwartete Variante im Spiel? Ein kleiner Fehler, nur dem Insider bemerkbar? Ein besonderer musikalischer Coup? Oder ziehen die Burschen nur die Shownummer „cooler Jazzer“ ab? Mitunter aber ist der Grund erkennbar. Wenn Andersen etwa mitten im Stück den Rhythmus über drei, vier Takte jäh verändert. Einfach so ein kleiner musikalischer Scherz. Variatio delectat. Das lässt schon mal grinsen.
Dass das Spiel an die psycho-physische Substanz geht, ist nicht zu verbergen. Es muss nicht unbedingt so ein speediger Fetzer sein wie „Outhouse“, der nach Luft schnappen lässt. Auch langsame Balladen, Uni-Sono- und Soloparts fordern Etliches ab, was zu einem Aufrichten, Lockern, Zurücktreten zwingt. Vor allem zu einem ständigen Blickkontakt während des Spiels. Man nennt das „das Interplay“, das Zusammenwirken der Musiker, hier auf der visuellen Ebene. Man mag noch so lange miteinander gespielt und Automatismen eingeschliffen haben. Der Zeitpunkt der Changes, die Dauer der Soli, die emotionale Verfassung der Einzelnen kann nur über den Blick erfasst werden. Interplay als Spiel der Blicke zwischen den Protagonisten.

Die drei Herren sind allesamt gestandene Musiker, aber – und das sollte das Publikum in seinem Selbstwertgefühl doch erheblich stärken – wenn es den Zwischenbeifall für gelungene Solo-Arbeit gibt, dann freuen sie sich aufrichtig. Tommy schottisch knapp, Thomas noch etwas erschöpft, am gelöstesten aber Arild, trotz seiner fast 50jährigen Karriere. Und diese Freude über ein gelungenes Konzert und die Ovationen des Publikums erscheint wieder völlig ungekünstelt am Konzertende und wird mit Zugaben belohnt.
Und was sieht der Musiker, wenn er ins Publikum blickt? Das sei ein anderes Thema.

(Ein Beitrag zu Peter Rüedis „Ästhetik des Beiläufigen“)

Klaus Gohlke

Arild Andersen Trio

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Arild Andersen – Kontrabass
Tommy Smith – Saxofon
Thomas Strønen – Schlagzeug

Im letzten Jahr war der in den USA lebende britische Jazz-Bassist Dave Holland mit seinem Trio bei uns zu Gast und spielte ein eindrucksvolles Konzert. Im Herbst dieses Jahres nun präsentieren wir wiederum einen großartigen Bassisten, keinen geringeren als „One of Europe’s leading bassplayer“ (all about Jazz), den Norweger Arild Andersen. Auch er im Trio-Format, auch wieder im Braunschweiger LOT-Theater.
Andersen ist ein Meister des vollendeten Tons. Technisch perfekt, unangestrengt und makellos elegant fließen seine Basstöne, gerne elektronisch angereichert mit einem Electro Harmonix Delay. „It’s about sound – and that is in your mind, as well as in your fingers!“, wie er im Gespräch bekannte.

Seine eigene Stimme fand Andersen früh in den 70er Jahren im Zusammenspiel mit den Größen der improvisierten Musik wie Stan Getz, Sonny Rollins, Dexter Gordon, Chick Corea, Paul Bley, um nur einige zu nennen. Aber anders gewichtend als Dave Holland – erweiterte Andersen die damals dominierende US-amerikanische Tonsprache um spezifische europäische musikhistorische Traditionen und ethnomusikalische Vielfalt.
„Jazz muss nicht mehr nach dem amerikanischen Reinheitsgebot gespielt werden. Die Ursprünge des Jazz in Amerika sind immer noch spannend, die amerikanischen Meister grandios, aber Jazz steht für Freiheit, sich musikalisch neue Wege, neue Ausdrucksformen zu suchen!“, so Andersens Credo.

Ergebnis war das umwerfende Arild Andersen Quartet mit Jon Christensen, Nils Petter Molvær, Jon Balke und Tore Brunborg, das die europäische Jazzmusik viele Jahre beeinflusste. Gleichzeitg erschloss Andersen aber auch Querverbindungen zwischen traditioneller norwegischer Folkmusik und modalem Jazz, die er orchestral ausbaute. Immer wieder aber – darin Dave Holland sehr ähnlich – zieht es ihn zu Jazz-Kleinformaten, besonders dem Trio. Ob mit Ralph Towner und Nana Vasconcelos; mit Markus Stockhausen und Patrice Heral oder jetzt wieder und hier in Braunschweig mit Tommy Smith (sax) und Thomas Strønen (dr).

Was ihn an diesem Trio reizt, umreißt Andersen so: „Die gemeinsame Klangsprache, eine treibende Energie, die sich immer wieder eigene künstlerisch zutiefst befriedigende Wege bahnt.“

Andersen nennt Tommy Smith einen der besten Saxofonisten der Welt, der wohl nur deshalb nicht im Rampenlicht der Jazzwelt steht, weil er ein absoluter Teamplayer ist (u.a. mit Gary Burton, Chick Corea und John Scofield).

Thomas Strønen (1972) ist ein norwegischer Jazz-Schlagzeuger und Komponist, der an über 60 Alben mitgewirkt hat. Er hat mit international bekannten Künstlern weltweit zusammengearbeitet wie Iain Ballamy, Arve Henriksen, Mats Eilertsen,Eivind Aarset, Nils Petter Molvaer, Bob Stenson, John Taylor,Sidsel Endresen, Bugge Wesseltoft, Tomasz Stanko und Ernst Reijsegger.

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Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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- Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
eck*cellent IT GmbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Interview mit Arild Andersen

Feine Klangsprache, famose Energie
Ein Interview mit dem norwegischen Bassisten Arild Andersen

Gute Nachrichten für die Braunschweiger Jazzfreunde! Nach Dave Holland im letzten Jahr kommt wiederum ein herausragender Jazzbassist ins Braunschweiger LOT-Theater: der Norweger Arild Andersen mit seinem Trio. Klaus Gohlke telefonierte mit dem in Oslo lebenden Bassisten.

Arild, du bist jetzt einundsiebzig Jahre alt. Immer noch die große Lust auf Tour zu gehen?

Ja, durchaus. Konzerte spielen ist etwas Unersetzbares im Leben. Nur die Flughafen-Checkerei nervt immer mehr, zumal mit dem dicken Instrument.

Warum spielst du nicht den handlicheren E-Bass?

Ich hab das ja auch eine Zeitlang gemacht. Aber dann hörte ich Jaco Pastorius (einer der einflussreichsten E-Bassisten, der das Bass-Spiel musikalisch revolutionierte. K.G.). Seine Technik auf dem Instrument war überwältigend, unerreichbar. Also konzentrierte ich mich auf den Kontrabass. Jacos musikalisches Verständnis aber, was die Rolle des Basses im Zusammenspiel betrifft, sein melodisches Verständnis, das teile ich voll und ganz.

Du hast mit den ganz Großen des US-amerikanischen Jazz zusammengespielt. Du wolltest aber nicht wie etwa Dave Holland in New York bleiben.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Jazzmusizieren. In Amerika ist die Band in der Regel um einen Star, der der Boss ist, geschart. Top-Down. Ich habe ja gelernt bei den Großen des amerikanischen Jazz: Sonny Rollins, Dexter Gordon, Chick Corea. Wenn du mit Dexter auf der Bühne standest, rief er plötzlich mitten im Song: „Next „Cherokee“ und dann musstest du das drauf haben, keine Absprache vorher, er war der Boss. Der europäische Jazz zeichnet sich durch ein demokratischeres, gleichberechtigteres Zusammenspiel aus. Es ist ein gemeinsames Herausarbeiten musikalischer Ideen, die eine klangliche Identität einer Band entstehen lässt. Die Basis des amerikanischen Jazz ist der Blues. Hier in Europa spielen darüber hinaus immer mehr eigene musikalische Traditionen eine Rolle, aber auch die zeitgenössische Kunstmusik.

Bei norwegischem Jazz denken viele Jazzfreunde an einen speziellen skandinavischen Sound: Klare, kühle Töne, die Landschaftsbilder evozieren, sehr melodiös.

Du meinst diesen spacigen Sound mit viel Reverb, also den Jan Garbarek-Klang der 70er Jahre? Das war eine Zeitlang sehr angesagt. Damit habe ich es nicht so sehr. Ich knüpfe an am traditionellen Jazz. Aber ich bin beeinflusst sowohl von der schönen Schlichtheit der norwegischen Folklore, wie ich auch zurückgreife auf die Abstraktionen zeitgenössischer Neuer Musik. Ich habe ja auch spirituelle Musik geschrieben und Film-und Theatermusiken.

Wenn du auf deine Jazzgeschichte blickst: gibt es da einschneidende Veränderungen?

Durchaus. Zwei zentrale Einschnitte sehe ich. Miles Davis‘ Album „Bitches Brew“ war der Bruch schlechthin. Weg von aller Swing-Ästhetik. Dafür elektrischer Jazz-Rock. Rhythmisch völlig anders gedacht, eine eigenartige Offenheit. Die andere zentrale Veränderung ist die jetzt gängige Verwendung ungerader Rhythmen. Das gab es auch schon früher, etwa bei Brubeck. Aber jetzt sind die komplexen Rhythmen nahezu üblich. Mich interessiert das nicht so sehr.

Wo warst du eigentlich musikalisch als junger Mann, damals als es z.B. die Stones- und Beatles-Debatten bei den Fans gab?

Beatles? Wunderbare Melodien. Und die Rolling Stones habe ich auch im Konzert kennengelernt. Aber erst viel später. Was Gitarrenmusik angeht, so fand ich Charlie Christian stark. Ansonsten Miles Davis, Herbie Hancock. Den Bassisten Gary Peacock oder Stan Getz am Saxofon. Ich war also etwas anders orientiert als die meisten Jugendlichen damals.

Was können wir dann bei deinem Konzert in Braunschweig erwarten?

Eine sehr abwechslungsreiche, durchaus auch melodische Musik. Eine feine Klangsprache, famose Energie und ab und an Herzschmerz.

Klaus Gohlke

Julian & Roman Wasserfuhr Quartett

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Julian Wasserfuhr – Trompete
Roman Wasserfuhr – Piano
Oliver Rehmann – Schlagzeug
Markus Schieferdecker – Bass

Schon als Teenager galt Julian Wasserfuhr als größtes deutsches Ausnahmetalent an der Trompete seit Till Brönner. Zusammen mit seinem Bruder Roman am Klavier bildet er ein unzertrennliches Paar. Ihre (Seelen-)Verwandtschaft kommt dem gemeinsamen Spiel zugute. Die Vertrautheit der Brüder verleiht der Musik einen entspannten und unangestrengten Charakter. Ob mit Trompete oder Flügelhorn, Julian ist kein Vertreter der Höher-Schneller-Weiter-Fraktion. Mit seinem warmen Ton schafft er atmosphärische Klangräume. Sein Bruder Roman ist mit seinem akzentuiert-strahlenden Klavierspiel an dem frischen, aber dennoch ausgereiften und luftigen Sound der Band nicht minder beteiligt.

Nach ihrem hochbeachteten Debüt „Remember Chet“, das die beiden als Teenager aufgenommen haben, starteten sie in der deutschen Jazzlandschaft durch. Bald schon spielten sie mit Größen wie Nils Landgren, Lars Danielsson oder Wolfgang Haffner zusammen und fanden zugleich immer mehr zu einem eigenen, charakteristischen, melodisch-atmosphärischen „Wasserfuhr-Sound“:

„Ich mag den Mut zur Einfachheit, den die beiden besitzen. Das muss man sich trauen. Zu bewundern ist dann das Gegenteil von “Angeber–Jazz“, bringt es der Schauspieler Matthias Brandt es auf den Punkt.

Der Titel des neuen Albums, das das Wasserfuhr-Quartett in Braunschweig vorstellen wird, „Landed In Brooklyn““ (ACT/edel), ist augenzwinkernd gemeint: Zwei Jazz-Youngsters aus der deutschen Provinz haben sich auf den Weg über den Atlantik gemacht, um in der Metropole New York ein Album mit US-Jazzgrößen aufzunehmen. „Für uns als Musiker ist es immer das Wichtigste, nicht stehen zu bleiben. Ständig sucht man nach Inspiration, um sich weiterzuentwickeln.“

Ergebnis ist eine Musik, die Ohren verwöhnt und Herzen anspricht. Die sensibel gespielten Songs wirken wie Balsam für die Seele, umschmeicheln, ohne dabei in irgendeiner Form seicht zu klingen.

“Landed in Brooklyn“ erzählt von der Stadt und seinen Musikern. Ein atmosphärisch dichter Mainstream-Jazz ist entstanden, der Bilder im Kopf hervorruft. Emotionen werden transportiert. Das Album ist zupackender und, im besten Sinne des Wortes, verspielter geworden, swingender, schlussendlich amerikanischer als seine Vorgänger, aber ohne den typischen Wasserfuhr-Sound zu verlieren.

Unterstützt werden die Wasserfuhr-Brüder durch Oliver Rehmann am Schlagzeug und Markus Schieferdecker am Bass. Absolut nachgefragte Rhythmiker, die aber nicht nur Sidemen sind, sondern produktiv-herausfordernd dazu beitragen, dass der Quartett-Klang eine abgerundete Tiefe erhält.

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Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Philipp Brämswig Trio”

Entspannte Raffinesse
Das Trio des Kölner Gitarristen Philipp-Brämswig beeindruckt mit zeitgenössischem Jazz

„Ich bin Fingerstyler und keineswegs jazz-affin, aber das war gut! Danke für den tollen Abend!“ Kritische Distanz, Respekt, Begeisterungsfähigkeit und Offenheit für Unbekanntes spricht aus diesem Kommentar eines Gitarrenpraktikers. Der nahezu ideale Konzertbesucher, fern von Fan-Gehabe.

Und was er hörte, das war ein Konzert des Kölner Gitarristen Philipp Brämswig, der mit seinem Trio am Freitagabend im Braunschweiger Lindenhof auftrat. Gespielt wurde Jazzmusik mit rockigem Einschlag. Ungebunden, was die Stilistik betraf. Vom Kontext her eher us-amerikanisch geprägt. Das betrifft zum einen Brämswigs Gitarrenvorbilder, vor allem Wayne Krantz, John Scofield, Pat Metheny. Aber auch die Präsentation des Trios, bei der der Gitarrist deutlich im Zentrum des Geschehens steht.

Vor allem Fabian Arends am Schlagzeug, aber auch Florian Rynkowski am E-Bass übernahmen eher die grundierenden Aufgaben, was nicht gering zu schätzen ist. Das Zusammenspiel zu strukturieren, Akzente zu setzen, auch Widerpart zu sein, bedarf tiefen Verständnisses der kompositorischen Absichten und geistesgegenwärtiges Reagieren im Miteinander. Arends und Rynkowski waren da die denkbare beste Wahl.

Denn Brämswig forderte sie gehörig mit seinem variantenreichen Saitenspiel. Mal im freieren Duktus zwischen mäandernden spacig-disparaten Klängen und rasanten rockigen Ausbrüchen („Anger Management“). Dann wieder eher durchkomponiertes, an einen Altmeister der Jazzgitarre wie Jim Hall erinnerndes Fingerpicking, das plötzlich in ein dichtes fusionartiges Geflecht überführt wurde („Prisma“). Die Übergänge zwischen rasantem Einzelsaitenspiel und differenzierter Akkordarbeit sind elegant, Griff- und Anschlagstechnik virtuos. Alles ist frei von Effekthascherei. Das gilt im Übrigen auch für den Einsatz elektronischer Mittel, der völlig funktional erfolgt und auch bei affekt-geladenen Ausbrüchen nicht ins Lärmende abdriftet.

Es ist verblüffend, mit welcher Raffinesse, Sicherheit und Entspanntheit die drei der jungen Kölner Jazzszene zuzuordnenden Musiker miteinander kommunizieren. Kein Wunder, dass das Trio unlängst den zweiten Preis im Finale des Neuen Deutschen Jazzpreises gewonnen hat. Und eben auch kein Wunder ob des lang anhaltendenden Beifalls eines sehr sachkundigen Publikums.

Klaus Gohlke

Philipp Brämswig Trio

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Philipp Brämswig – Gitarre
Fabian Arends – Schlagzeug
Florian Rynkowski – Bass

Moers 2016. Das Kölner „Subway Jazz Orchestra“ spielt. Eine Bigband mit den üblichen Solo-Parts. Ein junger Gitarrist steht auf und legt los. Phänomenal. Alle Gitarren-Idiome sind ihm geläufig. Noch beeindruckender sein Interplay bei den morgendlichen Sessions: einfühlsam, vorantreibend, melodieorientiert, abstrakt. Er tanzte beeindruckend „auf allen Hochzeiten“.

Es geht um den Kölner Gitarristen Philipp Brämswig. Ein junger Mann mit „Top Talent Stipendium“, Studien in New York bei Wayne Krantz und Dave Liebman. Begleiter u.a. von Charlie Mariano, Richie Beirach, Bob Mintzer.

Die Gründung einer eigenen Band war die logische Konsequenz. Ein Trio, zusammen mit Fabian Arends am Schlagzeug und Florian Rynkowski am Bass. Alles junge gefragte Musiker der Kölner Szene.

Beeindruckend ist Brämswigs zupackendes und zugleich durchdachtes Gitarrenspiel. Im Trio mit Florian Rynkowski am elektrischen Bass und Drummer Fabian Arends, dessen Spiel erkennen lässt, dass er bei Jonas Burgwinkel in die Schule gegangen ist, hat Brämswig einen traumhaft eingespielten Klangkörper geformt, der vertrackte Rhythmen so furios wie mühelos durchforstet. Balladeske Figuren, für deren Gestaltung Brämswig das Plektrum aus der Hand legt, spielen die drei Musiker ebenso perfekt aufeinander bezogen wie die rockigen Gebilde, die sie mit Fusionsounds überziehen. Kein Wunder, dass dem Liner-Notes-Verfasser Bill Milkowski zu Brämswigs Trio an einer Stelle Methenys berühmtes Trio mit Jaco Pastorius und Bob Moses einfällt.

Das Trio präsentiert seine aktuelle, vom Deutschlandfunk geförderte und von der Fachpresse sehr lobend aufgenommene CD „Molecular Soul“. Auf dieser schaffen sie Klangwelten jenseits von Stilgrenzen und erfreuen sich und ihre Zuhörer an ihrem berauschenden Zusammenspiel. Neben einer natürlichen Virtuosität ist vor allem die mal einfühlsame, mal zupackende Interaktion zum Markenzeichen der Band geworden.Die Kompostionen des Bandleaders sind Schmelztiegel verschiedenster musikalischer Einflüsse und vereinen Intellekt und Groove.

Neuester Höhepunkt der Wertschätzung ihrer Musik: Nominierung für das Finale des Neuen Deutschen Jazzpreises in Mannheim 2017.

Willkommen in Braunschweig.

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Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jazz und Film in der Reihe “Sound on Screen” – MILES AHEAD

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, 38100 Braunschweig

MILES AHEAD
Regie: Don Cheadle, USA 2015, 100 Min., OmU


„Ich denke, ich habe die Musik fünf oder sechs Mal neu erfunden“, so Miles Davis selbstbewusst und das war nicht mal gelogen. Marvel-Star Don Cheadle als Haupdarsteller und Regisseur nähert sich dem legendären Jazz-Trompeter und konzentriert sich auf die dunkle Zeit zwischen 1975-80. „Cheadle ist saucool!“ so der Rolling Stone. Mit Don Cheadle, Ewan McGregor, Michael Stuhlbarg, ua.

Featured by Initiative Jazz Braunschweig!

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Ausstellungseröffnung im Riptide mit Jazz-Impressionen von Heinrich Römisch sowie Jazz-Konzert mit LAOKOON TRIO (Ireneusz Kułakowski, Flöte), Elmar Vibrans, Piano, Heinrich Römisch, Kontrabass).

NDR Bigband feat. Omar Sosa und Ernesto Simpson

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

NDR-Bigband
feat. Omar Sosa (p) und Ernesto Simpson (dr)
Leitung: Geir Lysne

Seit über 40 Jahren ist die NDR-Bigband als Jazz-Orchester eine Instanz. Entstanden aus den Wurzeln eines reinen Rundfunk-Ensembles, hat sie sich seit den 70er Jahren zu einer Band entwickelt, die nicht nur ein umfassendes Jazz-Repertoire bedient, sondern auch eigene Impulse setzt, Genregrenzen erweitert, mit Weltstars auftritt und diese zu Konzerten in alle Ecken Norddeutschlands holt.

In diesem Jahr präsentiert die Bigband unter der neuen Leitung des norwegischen Saxofonisten und Komponisten Geir Lysne den in Barcelona lebenden kubanischen Pianisten Omar Sosa sowie Ernesto Simpson als Unterstützer am Schlagzeug.

Omar Sosas Musik weist eine große stilistische Bandbreite auf und ist von vielfältigen Einflüssen geprägt. Auf einem Fundament des Latin Jazz und afrokubanischer Rhythmen verarbeitet er nordafrikanische traditionelle Musik. Seine Musik betrachtet er als Ausdruck seines politischen und spirituellen Bewusstseins. In seinem Projekt „es:sensual“ mit der NDR-Bigband will er die verschiedenen Seiten seiner Persönlichkeit zusammenführen, getrieben von der unstillbaren Lust, immer wieder Neues zu versuchen.

Zur Aufführung gelangen Kompositionen, die von dem brasilianischen Cellisten Jaques Morelenbaum arrangiert wurden. Sosa erklärt: “Ich will meine afro-kubanische Seite zeigen, aber auch meine elektronische. Ich bin kein Jazzpianist, ich spiele keinen Bebop oder Swing. Jazz ist meine Philosophie: Es ist die einzige Musik, in der auch andere Musiken ihren Platz haben. Es soll eine aufregende Reise mit der NDR-Bigband werden. Die Band selbst und ihr Farbenreichtum sollen in den Vordergrund rücken. Farben, die man im Gedächtnis behält! Blumen, Vögel, Sonne. Kraftvolle Musik, aber ohne dabei Muskeln spielen zu lassen.“ Der kubanische für den Grammy nominierte Schlagzeuger Ernesto Simpson wird ihn dabei tatkräftig unterstützen.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “NDR Bigband feat. Omar Sosa und Ernesto Simpson”

Herrliches afrikanisch-karibisches Gebräu
Die NDR-Bigband spielte unwiderstehlich im Braunschweiger LOT-Theater

Jazzkonzert im LOT Braunschweig genau zur Wochenmitte und dann ausverkauft? Schwer vorstellbar, aber Tatsache. Doch recht eigentlich überhaupt kein Wunder. Denn der musikalische Lockstoff war die NDR-Bigband unter der Leitung des Norwegers Geir Lysne. An sich schon ein Zugpferd. Aber insofern sie mit drei Special Guests ein respektables kubanisches Upgrade bot, stieg die Anziehungskraft um ein Vielfaches. Omar Sosa am Piano und Keyboard, Ernesto Simpson an den Drums und der Bassist Omar Rodriguez Calvo spielten die Lockvögel.

Nun ist Omar Sosa schon als Erscheinung wundersam eindrucksvoll. Groß, schlaksig, in weiße mit ornamentaler Bestickung verzierte Tücher gehüllt. Weiß behütet, schrille Brille, Fußbänder, eine extrovertierter Showman. Oft die Beine weit gespreizt: ein Fuß auf dem Klavierpedal, der andere auf dem Volumenregler des Keyboards. Die Rhythmen mitsprechend, Soli mimisch-gestisch lebhaft begleitend: ein echter Hingucker.

Was er aber mitsamt der Band an musikalischer Substanz ablieferte, ließ das Optische nahezu vergessen. Man müsste schon ein hochqualifizierter Genre-Spezialist sein, um genau sagen zu können, was da jeweils in welchem Moment afrikanisch, kubanisch, brasilianisch, was Cha-Cha-Cha, Merengue, Mambo oder Samba war. Aber nicht nur das: auch europäische Klassik, Folkrückgriffe und Modern Jazz-Elemente wurden mühelos integriert und zu einem mal wilden, mal melancholisch balladesken Gebräu zusammengeführt.

Mitunter regelrecht aufschreckend, wenn die Posaunengruppe rhythmisch auf einem völlig anderen Gleis zu fahren schien! Oder aber die Trompeter plötzlich so dissonant spielten, dass man aufs erste Hören auf vertauschte Notenblätter schloss.

Wunderbar die Idee, nach der Pause zunächst Sosa und Simpson mit „Muovente“ stimmungsvoll allein auftreten zu lassen. Um dann – ergänzt um Calvo und den Perkussionisten Marcio Doctor – nahezu herzschmelzend „Alma“ zu zelebrieren, das die bei uns als „Guantanamera“ bekannte Melodie entfaltete. Zunächst sanft, dann verfremdeter mit sehr gewagten Übergängen bei den Akkordverbindungen.

Schön war, dass Sosa seinerseits den Solisten der Bigband Raum für ihre musikalischen Ideen ließ und so nie das Gefühl eines künstlerischen Gefälles entstehen ließ. Allerdings: Dafür sind die (ausschließlich) Männer aber auch zu gut!

Schließlich: Dass das Konzert so mitreißend war, lag nicht zuletzt an den wunderbaren Arrangements, die der brasilianische Cellist Jaques Morelenbaum für die Sosa-Kompositionen ersann.

Zum Schluss, völlig klar, stehende Ovationen!

Klaus Gohlke

Interview mit Jakob Bro

Eine Jazz-Super-Group gastiert am 23. April im Braunschweiger LOT. Der dänische Ausnahme-Gitarrist Jakob Bro hat eine der heißesten Rhythmusgruppen um sich geschart: Thomas Morgan am Bass und Joey Baron am Schlagzeug spielen alles und überall auf der Welt. Was die Braunschweiger Jazzfans erwartet, erkundete unser Mitarbeiter Klaus Gohlke im Telefon – Interview mit dem Kopenhagener Musiker.

Jakob, ihr habt beim Edel-Label ECM zwei CDs eingespielt. Ihr tourt erfolgreich durch die Welt. Was fasziniert die Leute an eurer Musik?

Das sind zwei Dinge, die miteinander zusammen hängen. Zum einen schreibe ich gern kleine, einfache Melodien. Einfach heißt nicht oberflächlich und banal. Mir liegt daran, dass die Zuhörer sich in den Melodien zurecht- und wiederfinden können. Andererseits meint einfach, dass meine beiden Mitspieler Raum genug finden, auf vielfältigste Weise kreativ mit diesen Melodien umzugehen. Es geht also um Offenheit.

Mir scheint, dass deine Musik aber auch große Zeithorizonte eröffnet. Entschleunigst du die Musik absichtlich?

Das ist kein Programm. Aber es stimmt schon. Klänge und Stimmungen brauchen Zeit, sich entfalten zu können. Sowohl wir als Musiker, aber genauso die Zuhörer müssen Zeit haben, den entstehenden Eindrücken nachgehen zu können. Das widerspricht durchaus dem Zeitgeist, der von Hektik geprägt ist.

Könnte man dich als Ton-Maler bezeichnen, als musikalischen Impressionisten?

Ja, das ist ein schönes Bild. Aber ich bin das nicht im strengen Sinne des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ich liebe schon tonale und rhythmische Offenheit. Es geht mir um Klangfarben, die wir erzeugen und variieren können. Um vielfältige musikalische Einflüsse. Aber immer orientiert an Melodien.

Die Jazzliebhaber sagen oftmals über deine Musik: „Ja, sehr schön. Aber ist das Jazz?“

Ich denke über so etwas nicht nach. Mein Vater brachte mir die Bigband-Musik nahe. Ich selbst war beeindruckt vor allem von Trompetern und Saxofonisten. Armstrong, später Tomasz Stanko, Jan Garbarek. Die Rhythmiker inspirierten mich. Ich höre Klassik, Rock. Eben gute Musik. Ich liebe Kreativität, Spannung und Aufregendes. Es gibt keine Vorgaben, stattdessen einen freien Ansatz. Das ist für mich Jazz. Die Schublade interessiert mich nicht.

Ihr habt im April/ Mai 18 Konzerte in 18 Tagen. die finden in England, Deutschland, Ungarn, Dänemark, Österreich und der Schweiz statt. Einer Woche später fliegt ihr nach Japan. Wie stehst du das durch?

Das geht nur mit so wunderbaren Musikern, wie es Joey und Thomas sind. Und mit einem einfühlsamen Publikum, wie wir es immer wieder erleben. Ich denke, das wird auch in Braunschweig so sein.

Das Jakob-Bro-Trio spielt am 23. April 2017 im LOT-Theater Braunschweig, Kaffeetwete 4a um 20 Uhr. Vorkauf an den üblichen Vorverkaufsstellen und über Eventim im Internet. Abendkasse: 25/22/10 Euro.

Jakob Bro Trio

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Jakob Bro – Gitarren
Joey Baron – Schlagzeug
Thomas Morgan – Bass

Jakob Bro TrioWäre der Begriff nicht so belastet, könnte man das Jakob Bro Trio eine kleine Supergroup nennen. Jakob Bro, Top-Gitarrist aus Dänemark (Composer of the Year und Album of the Year 2016), Joey Baron, US-Multi-Stilist an den Drums, bekannt vor allem durch seine Zusammenarbeit mit John Zorn und Bill Frisell, und dann noch Thomas Morgan, Bassist, als Modern Creative unterwegs mit allem, was Rang und Namen hat.
Bro wird gern als “Aquarellist mit der Gitarre” bezeichnet. Das bezieht sich auf die von ihm entworfenen nahezu schwebend wirkenden Klanglandschaften. Die klaren, lang anhaltenden, vor allem mit Delay-Effekten angereicherten Gitarrenlinien, die sich auf das Melodische rückbesinnen. Es ist in gewisser Weise skandinavischer Jazz: Die Musik kennt überwiegend keine Eile, wirkt sphärisch, ist aber überhaupt nicht kühl, eher melancholisch-reflektierend. Sie verschafft der Zuhörerin, dem Zuhörer ungemein viel Reflexions- und Gefühlsräume. Dass es mitunter aber auch ganz anders zugehen kann, sei nicht verschwiegen.
“Ich sehe Musik als ein Ganzes”, sagt Bro über seinen musikalischen Ansatz. “Nicht als Bühne für solistische Akrobatik. Jeder in der Gruppe muss die gleiche Verantwortlichkeit beim Spielen erhalten. Ich genieße es, wenn ich Stimmungen und gewisse Strukturen entwerfe und wir dann zusammen auf Entdeckungsreise gehen. Also keine festen Vorgaben von mir. Vielmehr möchte ich, dass Joey und Thomas auf ihre Ideen und Intuition vertrauen und die Musik in nicht vorher zu erwartende Richtungen lenken. So passiert immer wieder Neues, die Musik geht ihren Weg. Sie strömt. Deshalb ist der Titel unserer letzten ECM-Einspielung 2016 folgerichtig: “Streams”.”
Folgen wir also den Strömen.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Sparkassenstiftung
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Jakob Bro Trio”

Nahezu unverschämt wohlklingende Musik
Das Jakob Bro Trio beeindruckt mit Horizont erweiterndem, zeitgenössischen Jazz

„Was für ein außergewöhnliches Konzert!“, äußerte sich eine Besucherin höchst zufrieden. Was den allgemeinen Eindruck treffend wiedergab. Allerdings fiel auch die eher entrüstete Aussage, dass das doch wohl kein Jazz gewesen sei.
Als wüsste irgendjemand zu sagen, was Jazz ist! Man kann höchstens in Anlehnung an Ludwig Wittgenstein sagen: „Jazz ist alles, was der Fall ist!“ Aber, nichts für ungut. Es lohnt
schon, gerade für den Skeptiker, darüber nachzusinnen, was denn das Außergewöhnliche des gut besuchten Konzerts des Jakob Bro Trios am Sonntagabend im Braunschweiger LOT-Theater gewesen sein könnte.
Mit „Gefion“ eröffnet Bro das Konzert. Gefion, die Asenjungfrau, Beschützerin der Jungfrauen, rein wie der Morgentau. So auch das Gitarrenintro: ein durchgehender Schwebeton im Hintergrund. Darauf Tontupfer, Flageoletts, später perlende Tonfolgen in den höheren Lagen. Hier und da etwas Beckenblech, ein Trommelschlag.
Dann klinkt sich der Bass ein. Grundtöne betonend, erst später sich lösend, um die Tonfolge, die sich verdichtet, zu umspielen, zu grundieren, zu akzentuieren.
Das alles in größter Ruhe ausgebreitet, nur minimal variiert, Geduld einfordernd. Welch ein Wohlklang, den Bro erst spät und ganz sparsam zu brechen beginnt. Auch die folgende Komposition „Copenhagen“ verharrt im Gestus ruhigen Dahinfließens. Die Musik taucht wie aus einer Tiefe heraus auf, wird immer erkennbarer und versinkt wieder. Man hat Zeit, sich Bilder zur Musik vorzustellen.

Natürlich gibt es auch mal eine Uptempo-Nummer mit rasantem Bass-Intro, angezerrten Gitarrenriffs und Solopassagen, sowie explosive Schlagzeugausbrüche. Das sind notwendige Ingredienzien, um die melodisch gesinnte, harmonisch fundierte und beharrliche von langbogigen Steigerungsdramaturgien geprägte strenge Variationsästhetik umso deutlicher hervor heben zu können. Meisterlich dargeboten mit „Heroines“.

Und damit sind wir schon bei der Antwort auf die Frage nach dem Besonderen dieses Konzertes. Melodische und rhythmische Muster werden von Bro, ohne den klanglichen Grundeindruck, den Sound insgesamt zu durchbrechen, immer wieder minimal verändert. Und dafür bedient er sich notwendigerweise der Tonschichtungen mittels der Looptechnik und der extensiven Delays. Das ist kein modischer Schnickschnack. Um der Gefahr eines gewissen Schematismus zu entgehen, werden Thomas Morgan am Kontrabass und Joey Baron am Schlagzeug zu eigenwilligen handlungstragenden, gestaltenden Subjekten.
Baron schien lange Zeit demonstrieren zu wollen, dass die Bezeichnung Schlag-Zeuger absurd ist. Er schlug nicht. Er streichelte Becken und Felle, arbeitete mit Besen, Fellschlägeln, Light Rods; erst im vierten Stück des ersten Sets verwendete er die üblichen Sticks. Es gab nicht das durchlaufende Hi-Hat-Spiel, nicht den Bassdrum-Dauerpuls. Er akzentuierte transparent und mitunter koboldhaft dazwischenfahrend.
Und Thomas Morgans Bassspiel war von einer ganz erstaunlichen Varianz. Auf nahezu unverschämte Weise vermochte er dem Schönklang noch mehr Tiefe zu verleihen, um dann aber immer wieder ganz eigenwillig zu interpunktieren. Wie er in diesen Soundlandschaften unverdrossen Strukturen einzog und den Kontext nicht aus den Augen verlor, war stupend.

War das nun dänisch-nordischer oder europäischer Jazz? Mitnichten oder Jein, wie man will. Die scheinbare Folksongbasierung und die Melodieverliebtheit einiger Kompositionen – hat sie nicht ihre Vorläufer z.B. in Pat Methenys Album „80/81“ oder beim Album „Folksongs“ des Charlie Haden Trios? Kann man in „Gefion“ nicht Country & Western-Klänge heraushören, was einen feinen Humor erkennen ließe?

Bro ist Kind dieser Zeit. Er kennt die Traditionen und weiß um zukünftige Entwicklungen im Bereich der Electronica. Wobei allerdings der Einstieg ins tonal nicht recht zu verortende „Sisimuit“ eher verwirrte. Was zunächst nach einer Störung des Effektgerätes sich anhörte, geriet dann doch von einem zunächst auf disparaten Wegen verlaufenden, aber dann zu einem von vielschichtigen Überlagerungen gekennzeichneten komplexen Stück.

Das Trio spielte eine Variante zeitgenössischer Jazzmusik. Wie und was auch immer: Improvisation, das Offene, das Unerwartbare macht den Reiz des Jazz aus. Und fordert vom Zuhörer das Gleiche. Große Begeisterung zum Schluss des Konzertes.

Klaus Gohlke

Duncan Eagles “Partikel” Quartett

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Duncan Eagles – sax, effects
Eric Ford – dr
Max Luthert – b, electronics
David Preston – g

Duncan Eagles Partikel QuartettEs ist fast 25 Jahre her, dass eine Band aus England bei Jazz-BS auftrat. Dabei herrschen auf der Insel – wenn man den Berichterstattern Glauben schenken darf – beneidenswerte Zustände. Zwar ist Jazz kein Massenphänomen, erfährt aber doch breiteren Zuspruch, und zwar gerade bei jüngeren Menschen. Ursache? Sicherlich der sehr ungezwungene Umgang mit Traditionen, Genres, musikalischen und subkulturellen Einflüssen aller Art dort.

Eine Band, die das lebt, ist PARTIKEL aus London. Eigentlich ein Trio des Saxofonisten Duncan Eagles, das diesmal um den Gitarristen David Preston erweitert auftritt.

PARTIKEL gilt als eine der besten Jazzgruppen der Insel, die eine hervorragende Mixtur aus Jazz, klassischen Bezügen und elektronischen Elementen zu einem organischen, homogenen Ganzen verschmelzen. Wie variabel der Ansatz der Band ist, zeigt sich allein schon in der Verschiedenartigkeit der Besetzung. Mal klassisches Sax-Trio, dann als streichergestütztes Oktett, nunmehr als Quartett, das einen Gitarristen als Melodiker und Harmoniker dazu holt. Je nach musikalischem Erkundungsinteresse wechselt die Formation und damit das Terrain, auf dem man sich bewegt.

Gleich bleibt aber der kraftvolle, dichte Sound der Band und das an der Melodie interessierte Abtauchen in so unterschiedliche musikalische Welten wie Bop, Weltmusik, Rock und Neue Musik.

“England swings like a pendulum do! “, sang Roger Miller 1965. Immer noch? “Ja, durchaus!”, sagt Duncan Eagles auf Nachfrage. “Ein bisschen anders als damals natürlich. Für mich entsteht ein Swing-Gefühl, wenn die Musik ehrlich, leidenschaftlich und mit klarer Intention gespielt wird.“ Wir dürfen gespannt sein.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Sparkassenstiftung
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Duncan Eagles „Partikel“ Quartett”

Völlig angstfreier Jazz
Duncan Eagles „Partikel“ beeindrucken mit zeitgenössischer britischer Musik

England? Nun, was fällt Ihnen dazu spontan ein? Genau: Brexit, Terror, Finanzplatz. Na klar, auch Fußball! Also Klopp, Özil, Mourinho, Guardiola. Ziemlich englisch, was? Aber „Swinging London“, also Aufbruch, Jugendkultur, weltweiter Impulsgeber, das doch wohl kaum?

Duncan Eagles, Londoner Jazzmusiker, der Freitagabend auf Einladung der Braunschweiger Jazzinitiative im Lindenhof konzertierte, gibt sich diplomatisch zurückhaltend auf entsprechende Nachfrage. „Doch, ich denke schon, dass England immer noch swingt. Jedenfalls, was den Jazz betrifft. Nur, ein klein wenig anders!“

Und sie ließen es swingen, aber in einem sehr, sehr übertragenen, mit traditioneller Swingmusik nicht zu verwechselnden Sinn. Es war Gegenwartsjazz, der Angst vor gar nichts hat. Genre-Rück- und Übergriffe durchziehen die Kompositionen. Stilelemente des Blues, des Prog-Rocks werden ebenso verwendet, wie man Anspielungen auf klassische Musik angedeutet findet. Man bewegt sich mal in der Second-Line einer New-Orleans-Marching Band, dann wieder – unterstützt von Laptop-generierten impressionistischen Radiogeräuschen – im quirligen Gewusel einer chinesischen Großstadt. Mal Modern-Jazz, mal Electronica-Einsätze, die durch Hall-, Echo-, Harmonizer- und Sampling-Einsatz nahezu orchestrale Atmosphäre entstehen ließen.

Man könnte das nun als prinzipienloses Musizieren bewerten, aber das griffe zu kurz. Freilich: Der Jazzliebhaber, für den die Abfolge Thema – Improvisation – Thema mit erkennbarem Rückbezug auf harmonisch-melodische Strukturen das Maß aller Dinge ist, kann sich mit dieser Musik kaum anfreunden. Die Kompositionen aber haben es in sich. Der permanente Wechsel zwischen Gruppenzusammenspiel, Monologen und Dialogen, der mal soundorientiert ist, dann wieder völlig transparente Klänge herstellt, ist spannend.

Die Stücke haben absolut nachvollziehbare Strukturen. Oftmals werden Harmonien reduziert. Duncan Eagles am Tenorsaxofon konzentriert sich dabei auf zwei, drei Töne nur. Immer wieder leicht verändert, um dann im weiteren Verlauf diese komplex ins Offene auszuweiten. Seine Loop-Ausflüge waren allerdings nicht unbedingt vertiefend. Eric Ford, das Schlagzeug-Power-Pack, vermochte diese Spannungen präzise zu akzentuieren, Zurückhaltung war nicht unbedingt sein Ding. Wunderbar kontrastiv Max Luthert am Bass: Beinahe traditionell oft seine haltgebenden ostinaten Figuren und einfühlsamen Tiefton-Exkurse. Und David Preston an der Gitarre – er brauchte eine Weile des Sich-Aufwärmens und hätte mitunter schneller auf den Punkt kommen sollen – schuf hintergründige Klanglandschaften oder provozierte Eagles mit seinen Soli.

Das hatte alles Hand und Fuß und war sehr spannend. Folglich: man kann zu England nach diesem Konzert durchaus sehr Angenehmes assoziieren: spannende, scheuklappenfreie Jazzmusik. Deshalb zu Recht viel Beifall.

Klaus Gohlke

Kritik zu “Stephan-Max Wirth „Experience“ Quartett”

Jazz mit politischen Hintergedanken

Stephan-Max Wirths „Experience“ spielt im ausverkauften Braunschweiger Lindenhof Jazz mit politischen Hintergedanken

„Calling Europe!“ Ein Ruf nach dem und ein Aufruf für den europäischen Gedanken. Darum geht es dem Berliner Jazzer Stephan-Max Wirth und seinen drei niederländischen Mitstreitern mit ihrem neuen Album, das sie am Freitagabend in Braunschweig erstmals vorstellten. Ein Konzeptalbum also, dessen Stücke in einem thematischen Zusammenhang stehen? „Jein!“, sagt Wirth auf Nachfrage. „Es geht schon um ein Statement gegen Brexit, Geert Wilders, Marine Le Pen und diesen Spuk. Aber unsere Musik, die ja rein instrumental ist, liefert da keine unmittelbar politischen Botschaften!“

Womit er völlig Recht hat. Es gibt ja keine Texte, die sagen, was zu denken ist. Wie es beispielsweise bei Max Roachs „We insist! Freedom Now Suite!“ der Fall war. Dieser furiosen Attacke gegen den Rassismus in den USA. Nein! Der politische Bezug wird bei „Calling Europe!“ nur über Wirths Song-Erläuterungen während des Konzertes hergestellt.

Nehmen wir als Beispiel „Solitude“. Eine schöne melancholische Melodie durchzieht das Stück. Wirth spricht einleitend vom Gefühl des Ausgeschlossen-Seins als Pro-Europäer in der gegenwärtigen Situation. Was er nicht sagt (aber sicherlich genau weiß) und was ganz andere Interpretationsräume schafft, das sind die Jazzkontexte. Nämlich Billie Holidays gleichnamiges Album und die gleichnamige Komposition Duke Ellingtons.

Eine zutiefst melancholische Stimmung prägt das Stück. Jaap Berends kreiert mit seinem Gitarrenspiel unter Verwendung von Hall-, Echo- und Delay-Effekten weite Räume. Stephan-Max Wirth durchbricht das dann mit rasanten Sopran-Saxofon-Läufen. So unterschiedliche Gefühlswelten andeutend. Aber – es könnte, völlig losgelöst von Europa, einfach nur das Gefühl der Einsamkeit in seinen Nuancen ausdrücken.

Das ist wohl gerade die Stärke dieser Musik: offen zu sein für verschiedenste Interpretationen, nicht zu indoktrinieren, kein Agit-Prop. Dafür herzerwärmend-melodische und zugleich witzige Kompositionen wie „Canon“. Ein echter Kanon, der in seiner durchaus vertrackten Abfolge schön zu verfolgen war. Aber eben auch als Abbild der verschiedenen, letztlich doch zusammen gehörenden Stimmen Europas verstanden werden konnte.

Highlight des Abends war zweifellos „Zoom“, das die Band in Topform zeigte. Hochgeschwindigkeits-Unisono-Passagen von Gitarre und Saxofon gingen über in wahrlich
rasante Dialoge zwischen verzerrter Wah-Wah-Gitarre und einem unglaublich speedigen Bub Boelens am Bass. Und das ging auch so zwischen Gitarre und Florian Hoefnagels am Schlagzeug, der ohnehin mit der stark rhythmisch orientierten Musik oft im Zentrum des Geschehens stand.

Ein ausverkauftes Haus mit einem begeisterten Publikum, auch wenn es des Öfteren kräftig zur Sache ging.

Klaus Gohlke

Stephan-Max Wirth “Experience” Quartett

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Stephan-Max Wirth – Tenorsax, Sopranosax
Jaap Berends – Gitarre
Bub Boelens – Bass
Florian Hoefnagels – Schlagzeug

Stephan-Max Wirth„Calling Europe!“ heißt das neue Album des Berliner Saxophonisten Stephan-Max Wirth, das die Band bei ihrem Konzert im Februar vorstellen wird. Entstanden ist ein explosives musikalisches Gemisch, das ein Europa der Hindernisse, der Werte und des Wollens abbildet – eine optimistische und leidenschaftliche Hommage an Europa.

Die Stephan-Max Wirth Experience ist pure Spontaneität, verbunden mit langjähriger gemeinsamer Erfahrung. Dieses Quartett lässt trotz ausgeprägter Soli der Musiker nie das Gefühl des Zusammenseins vermissen. In intuitiv gefühlten, direkt umgesetzten demokratischen Entscheidungen entwickelt diese Band dadurch eine außerordentlich schlagkräftige Musik, die den Hörer auf einen Trip durch Europa mitnimmt. Die Reise überwindet Grenzen, erzählt von den großen, übergreifenden Problemen unserer Zeit, spricht aber auch jeden Einzelnen von uns an und fügt letztendlich alles wieder zu einem großen Ganzen zusammen.

Musikalisch gelingt das durch einfühlsame und einprägsame Melodien wie in den Balladen „Winter in Paris“ oder „Little Wonder“. Hart abgerechnet wird in „Zoom“, einer Fokussierung auf immer gleiche Verhaltensmuster und Strategien, die letztendlich nichts anderes als eine Sackgasse anstatt Lösungen anzubieten hat. Es hilft nichts, man muss an der Substanz kratzen, sonst gibt es keine Veränderungen. Also alles auf Anfang und dann: „Calling Europe!“

Mit seiner legendären holländischen Rhythmusgruppe, bestehend aus Jaap Berends (git), Bub Boelens (b) und Florian Hoefnagels (dr) ist Stephan-Max Wirth seit Jahren kontinuierlich auf Tour. Mit zahlreichen Konzerten und Einspielungen unter eigenem Namen hat sich diese Formation weit über die Grenzen Deutschlands hinweg durchgesetzt: Stationen waren dabei u.a. „Illumination”. Für dieses Album erhielt Stephan-Max Wirth den Berliner Förderpreis „Studioprojekt Jazz”. Das umfangreiche Bühnenprojekt „DADA Republic!” wurde auf dem Berliner Jazzfest uraufgeführt. Mit der CD „multiple pulse” wurde das SMWE für den „JAZZ-ECHO deutscher Musikpreis” in der Kategorie „Ensemble des Jahres international“ nominiert. Die CD „PASSION“ war u.a. CD der Woche beim NDR. Die letzte CD „The Inner Draft“ wurde von der Presse zur „audiophilen CD des Monats“ gekürt; ein zweistündiger Berliner Live-Mitschnitt wurde vom RBB ausgestrahlt.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
- Online über eventim
- Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Öffentliche Versicherung Braunschweig
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Eric Schaefer & The Shredz”

Irgendwo zwischen Lindenhof und Berghain

Eric Schaefer+The Shredz begeistern mit grenzüberschreitendem Jazz

Eine sehr ferne Musik wird eingespielt, eine Art meditativer Chorgesang. Nebengeräusche begleiten das Auf und Ab der Stimmen. Knacken, Rauschen, Drones. Mitunter ist es, als durcheilte man am Radio ein Kurzwellenband. Dann setzen die Musiker ein. Jeder für sich, eine zugespitzte Form des Free Jazz, sehr dissonant. Doch dann, zart zunächst, eine Art Tanzmelodie, die der Keyboarder immer deutlicher herausarbeitet. Bass, Schlagzeug und Trompete stimmen nach und nach widerstrebend ein. Um schließlich das Ganze in einem Bacchanal, einem wildesten Tanzfest, fortississimo versteht sich, abrupt enden zu lassen.

„Bliss“ heißt das Werk, der Zustand der Glückseligkeit.Ob sich dieser Zustand bei allen einstellte, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall war diesemusikalische Utopie zutiefst beeindruckend und mitreißend. Wie man überhaupt mit diesem Konzert von Eric Schaefers Shredz einem höchst interessanten Versuch beiwohnen konnte, Jazz zeitgenössisch zu spielen. Das betrifft einmal die musikalischen Verbindungslinien. Da wurde Samuel Barbers „Adagio für Streicher“ eingeblendet, das von Volker Meitz mit Synthie-Modulationen verfremdet wurde, um dann von urplötzlich durch Eric Schaefer am Schlagzeug und Oliver Potratz am E-Bass in einen Dub-Reggae überführt zu werden.

Dahinein dann elegische, an Miles Davis erinnernde Trompetenklänge, die John-Dennis Renken mit geschickt eingesetztem Delay in weite Klangräume überführte.Des Weiteren Rückgriffe auf Franz Liszt „Proto-Atonalität“, Richard Wagners Lohengrin-Ouvertüre, David Oistrachs Konzerteinspielungen.

Das alles war – und das ist die andere starke Seite dieser zeitgenössischen Jazzmusik – nicht einfach wahllos zusammengesetzter Mischmasch. Die elektronischen Klangexperimente um die Jahrtausendwende, die 60er Jazz-Fusionphase, die Hip-Hop- und Trip-Hop- Entwicklung , der Krautrock und die Club-Kultur bilden den Interpretationsrahmen für den Umgang mit der Musikgeschichte. Ein packender Wechsel zwischen intimer Lindenhof – Jazzclubatmosphäre und Anklängen an den Berghain-Sound in Berlin.

Um das zu können, das wurde bei diesem Konzert überdeutlich, sind alle vier Musiker nicht nur absolute Könner an ihren jeweiligen Instrumenten, sondern gleichzeitig hochspezialisierte Elektroniker. Der Widerspruch von ehrlicher, handgemachter Musik und seelenloser Elektronik löst sich völlig auf. Die Elektronik schafft ungeahnte neue Ton-, Klang- und Soundwelten, die horizonterweiternd sind.

Jazz sei tot? Nun, solche Leichen wünscht man sich. Das Konzert war ausverkauft und es begeisterte.

Klaus Gohlke

Eric Schaefer & The Shredz

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Eric Schaefer – dr
John-Dennis Renken – tr
Volker Meitz – keyb
John Eckhardt – b

Der Name ist Programm, denn das neue Album “Bliss”, das Eric Schaefer mit seinen drei Mannen vorstellen wird, verrät von Anfang an: The Shredz fetzen. Der texturreiche Sound mit seinen Delay-Schleifen, seinen Synthesizermodulationen und dem druckvollen Schlagzeug-Sound – überhöht durch tranceartige Anmutungen, Repetitionen, elegische Trompetenmelodien, quäkende Orgelsounds und druckvolle Bässe – verdichtet sich zu einem mitreißenden Klangkonstrukt.

Neben seinem Shredz-Projekt spielt der vielfach ausgezeichnete Komponist und Schlagzeuger Eric Schaefer seit Jahren u. a. mit dem Pianisten Michael Wollny, in verschiedenen Bands um Kalle Kalima, Arne Jansen und Joachim Kühn. Als neuer Schlagzeuger in Kühns New Trio hat Schaefer mit dem Album “Beauty and Truth” ein neues Ausrufezeichen gesetzt.

“Bliss” nimmt jedoch in ihrem Schaffen einen ganz besonderen Platz ein: Man wollte auf eine gemeinsame Reise gehen, eine Art Trance-Zustand anstreben. Diese Reise war dann voll von Überraschungen; ungeplante Ausflüge entpuppten sich als Höhepunkte, die Hingabe wurde mit formidablen Resultaten belohnt.

John-Dennis Renken ist Mitglied von Zodiak Trio, Ruhrecho, UFO, The Bliss, The Dorf, Beam, Stefan Schulze’s Large Ensemble. Außerdem hat er ein Trompeten-Solo-Projekt und arbeitet mit der WDR-Bigband u. a.

Volker Meitz ist Mitglied des Projekts Rhinow und des Sonar Kollektiv Orchesters und arbeitet mit Kalle Kalima, Lisa Bassenge, Clara Hill, Jazz Indeed und 4Hero zusammen. In der Vergangenheit spielte er auch mit Jazzanova, Astrid North, Chuck Loeb, Ed Motta, Groove Galaxi, Pat Appleton u. a. Weltweit publiziert wurde sein eigenes Projekt “Meitz”.

John Eckhardt ist Mitglied von Ensembles wie l’art pour l’art und Resonanz des Dresdner Ensembles für zeitgenössische Musik. Daneben hat er mehrere Soloprojekte als Kontra- und E-Bassist. Er arbeitete auch mit Pierre Boulez, Matthew Herbert, dem Ensemble Modern, Evan Parker, Sasha Waltz und Nils Wogram zusammen.

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- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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GOD Gesellschaft für Organisation und Datenverarbeitung mbH
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Pablo Held Trio

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Pablo Held, p
Jonas Burgwinkel, dr
Robert Landfermann, b

Anfang 2010 war das Pablo Held Trio schon einmal zu Gast bei Jazz BS im Lindenhof. Es gab viel Hype um jene Senkrechtstarter damals, ihr Konzept der Überwindung vorstrukturierter Arrangements. Weg vom Thema-Solo-Schematismus, dafür das Wagnis, aus der Situation heraus plausible Wege des Zusammenspiels zu entwickeln. In der Konzert-Rezension hieß es damals: „Von ihnen wird man sicherlich noch einiges hören!“

In der Tat. Zehn Jahre spielen Pablo Held, Jonas Burgwinkel und Robert Landfermann nun schon zusammen. Im Trio, im Tentett, im Quartett mit John Scofield. „One of the great groups in music today! “, ein Ritterschlag durch die Gitarrenlegende Scofield.
Burgwinkel und Landfermann ihrerseits gehören längst zu den gefragtesten Rhythmus-Sidemen, weit über Deutschlands Grenzen hinaus

Das Pablo Held Trio tritt weltweit auf, in diesem Jahr in den USA, Schweiz, Österreich, Süd-Korea, Niederlande, Kanada und – ja – in Braunschweig.

Sie präsentieren diesmal ihr jüngstes Album “Lineage”, wiederum akustische, experimentelle Musik, in der unterschiedlichste Stilistiken und Genres zu einer eigenen Mixtur verschmolzen werden. Filigraner, kammermusikalischer Jazz, der die Grenzen von Improvisation und Komposition überschreitet.

Dass das auch nach so langem Zusammenspiel zu produktiven Ergebnissen führt, liegt zweifelsfrei am großen Repertoire in Bezug auf Stilarten, Techniken, Genres, die die drei Ausnahmemusiker auf erstaunliche Weise situativ abzurufen verstehen. Es ist ein vorzügliches Interplay, bei dem Ideenentwicklung und Ideenverarbeitung reibungslos vonstattengehen. Dabei bewegen sich die Stimmen selbstständig, jeder Musiker kann sich individuell entfalten, ohne dass der Ensemble-Charakter verloren geht. All das ginge nicht, gäbe es zwischen Pablo Held, Jonas Burgwinkel und Robert Landfermann nicht eine tiefe menschliche Übereinstimmung, die die Basis für experimentelle, freisinnige und ungewisse Ausflüge in musikalische Terra Incognita bilden.

Braunschweig ist für das Pablo Held Trio eine Top-Adresse, weil es vor sechs Jahren hier ein ungemein aufgeschlossenes Publikum erlebte, das sich bereitwillig auf Wanderungen durch Bebop, Cool- und Freejazz, neue Musik und Melodiefreudigkeiten einließ und damit auch wesentlich zur Spielfreude des Trios beitrug.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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- Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
MAB – Hoffmann Maschinen- und Apparatebau GmbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Pablo-Held-Trio”

Ohne Netz und doppelten Boden

Das Pablo-Held-Trio brilliert mit zeitgenössischem Jazz

Ist es wie Schwimmen im offenen Meer oder Wandern im Gebirg? Wie soll man es umschreiben: das Hören der Musik eines der angesagtesten deutschen Piano-Trios? War es Jazz oder nicht stellenweise Neue Musik, was das Pablo-Held-Trio am Freitagabend im Theatersaal des Lindenhofes in Braunschweig zu Gehör brachte?

Dabei fing es so locker an mit Pablos Helds Begrüßung des sehr zahlreich erschienen Publikums. Man verzichte seit geraumer Zeit schon auf jegliche Absprache vor und während des Konzertes. Irgendwie finge es an, ginge es weiter – oder auch nicht. „Wir haben alle, Sie als Zuhörer, wir als Musiker den gleichen Ausgangspunkt!“ Das mochte beruhigen oder aber überhaupt nicht. Je nach Abenteuerlust.

Und so entwarf Robert Landfermann am Kontrabass eine lockere Tonfolge, die Jonas Burgwinkel am Schlagzeug kommentierte. Zögerlich, rhythmisch erst nach und nach übereinstimmend. Der Pianist sitzt da; die Augen geschlossen, so den Klängen und Akzenten eine Struktur ablauschend. Der Bass nimmt an Fahrt auf, das Schlagzeug folgt dem, verdoppelt das Tempo, fällt zurück, verteilt die Akzente variabel und überrascht mit stetiger Soundveränderung.

Plötzlich Pianotupfer, die den Bass verstummen lassen. Ein Wohlklangteppich wird skizziert. Der Bassist nimmt die Harmonien auf, Unisono-Partien entstehen sogar. Und indem Burgwinkel plötzlich ordentlich Dampf an den Drums macht, fängt das Ganze an zu grooven. Phänomenal! Das geht nur, wenn man schon sehr lange miteinander spielt. Zehn Jahre hat das Trio schon auf dem Buckel, eine erstaunlich feste musikalische Beziehung.

Aber – warum haben die Musiker Noten vor sich liegen? So frei ist das wohl doch nicht? Und wenn Held plötzlich sehr kraftvoll mehrfach einen Akkord anschlägt und die Musik eine ganz andere Fahrrichtung aufnimmt, dann wird doch gesteuert – oder? Es gibt eine Art Tiefenstruktur. Muss ja auch, wird hier doch nicht Hardcore-Freejazz zelebriert.

So wechseln Passagen, die tonal sehr abstrakt sind, mit jenen, die Rückgriffe auf Traditionen offenbaren. Klassischer Walking Bass, brutaler Punkbeat an den Drums. Akkorde, die erweitert und reduziert werden. Ein beständiger Entwurf von Erwartungen, die nahezu gesetzmäßig über den Haufen geworfen werden.

Faszinierend, wie die Musiker zwei Sets von mehr als einer halben Stunde Dauer ohne Pause entwickelten. Andererseits für den Zuhörer, der statt dieser Art der offenen Improvisation lieber Haltepunkte im Melodischen sich gewünscht hätte, durchaus eine Anstrengung. Jedoch: war Jazz nicht schon stets provozierend, Hörgewohnheiten in Frage stellend?

Lang anhaltender Beifall, die obligate Zugabe, aber auch einige Knitterfalten in der Stirn. Genau so soll es sein.

Klaus Gohlke

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Kommentar zu “Christoph Irniger Pilgrim Quintett”

Christoph Irniger: Pilgrim

Das war Jazz, wie er sein sollte. Herausfordernd bis zum Widerspruch. Keine museale Veranstaltung, aber der Traditionsbezüge bewusst. Musik, die interpretatorischen Freiraum schuf. Emotionen erweckte: zwischen Nachsinnen, Meditation, Zorn, purer Freude,
Zweifel. Virtuosität, immer mannschaftsdienstlich, keine Ego-Trips. Als Fundament neben der musikalischen Kompetenz das tiefe Verständnis füreinander und das Vertrauen, dass man angesichts der Offenheit des Interplays kreative Ideen schon entwickeln wird. Das es etwas werde. „Der Jazz,“ sagte sinngemäß Peter Rüedi, „hatte nie Berührungsängste, er legte sich zu jeder/jedem ins Bett!“ So bewegte man sich zwischen konventioneller Themenvorgabe und deren Entfaltung, noise-artiger Destruktivität (man kann durchaus punkig-rockig sagen), kammermusikalischem Intimgespräch zwischen variierenden Bands in der Band, solistischen Höhenflügen und anspannenden Suchphasen, die an die Überleitungen bei Keith Jarretts Solo-Piano-Konzerte erinnerten.
Und dann noch – nicht zuletzt: Jazz live ist einzig, Konserve kann das nicht wiedergeben. Wunderbar zu sehen, wie sich das Musizieren in der Körperhaltung, der Mimik, der Interaktionen insgesamt niederschlägt.

Klaus Gohlke

Christoph Irniger “Pilgrim” Quintett

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Christoph Irniger – ts
Stefan Aeby – p
Dave Gisler – g
Raffaele Bossard – b
Michi Stulz – dr

Das Quintett Pilgrim um den Züricher Tenor-Saxofonisten Christoph Irniger spielt Musik, die sich nur schwer kategorisieren lässt. Ausgerüstet mit einer gesunden Portion Selbstbewusst-sein und jeder Menge Abenteuergeist, begeben sich die fünf Musiker auf eine musikalische Reise. Anders als Touristen, die ihre Erwartungen bestätigt haben wollen, gehen die Musiker das Wagnis ein, etwas zu erfahren. Sie sind auf Entdeckungsreise, unterwegs in einem Abenteuer ohne Reiseführer, Risikoversicherung und Rückflugticket. Der dazugehörige Soundtrack oszilliert zwischen rätselhafter Selbstreflexion und wilden Eruptionen, wobei die Musiker einen vollen, dichten Rundum-Sound schaffen. Letztens stellte die Band mit „Italian Circus Story“ ihr zweites Album vor, das auf dem renommierten Schweizer Label Intakt Records erschienen ist.

Die Songs des Albums sind von einem lässigen, mediterranen Flair durchweht. Die Kompositionen lassen viel Platz für Spontaneität und Improvisation, wobei der Klangkörper mit seinen vielseitigen Untergruppierungen voll zum Tragen kommt. Mal sind die Stücke durchkomponiert, mal nur skizzenhaft angerissen. „Fertige Noten sind für Christoph Irniger nichts anderes als eine Überschrift, ein Thema einer möglichen Geschichte oder eine Tür, die in einen weiteren musikalischen Freiraum führt,“ schreibt der Jazz-Kritiker Franz X. Zipperer. Egal, welcher Musiker ein Thema aufgreift, er wird die Geschichte jeweils anders erzählen. So sind die Stücke auf der CD quasi in ihrer Reinform zu hören, als Moment-aufnahme, mit der Unmittelbarkeit eines Konzertes. Ihre Musik ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass manchmal das Gesamte weit mehr ist als die Summe seiner Einzelteile.

Die Band, die seit 2010 besteht, hat sich über die Jahre neu gruppiert und zu einer der aufregendsten Ensembles des jungen europäischen Jazz entwickelt. Die fünf Musiker stammen aus unterschiedlichen Teilen der Schweiz. Sie treten in verschiedenen Gruppen auf der ganzen Welt auf und haben in ihren noch jungen Karrieren Gelegenheit gehabt, mit Jazz-Größen wie Dave Douglas, Nasheet Waits, Dave Liebman oder Joey Baron zu lernen und zu spielen.

Musiker

Christoph Irniger – Saxophon, geboren 1979 in Zürich, studierte von 2000-2006 an der Jazzschule Zürich Musikpädagogik und der Musikhochschule Luzern Performance bei Christoph Grab und Nat Su. In den folgenden Jahren hielt er sich regelmäßig in Berlin und New York auf. Er war Gewinner des Förderpreises 04 der Friedel Wald Stiftung, erhielt die „borsa di studio“ für Sienajazz 06 und ist Gründer der Bands Christoph Irniger Trio, Pilgrim, NoReduce und den Cowboys from Hell, mit denen er 2010 den 3. Platz beim ZKB Jazzpreis belegte. Ferner wirkte er bei Aufnahmen und Auftritten zahlreicher Künstler mit, u.a. Ohad Talmor, Nasheet Waits, Dan Weiss, Dave Douglas, Claudio Puntin, Nils Wogram, Ziv Ravitz, Nat Su, Max Frankl, Stefan Rusconi, Christian Weber, Vera Kappeler sowie dem Lucerne Jazz Orchestra.  Er spielt Konzerte im In- und Ausland und sein Werk ist bis dato auf über 15 Tonträgern dokumentiert. Irniger unterrichtet am Konservatorium Zürich.

Stefan Aeby – Piano, geboren 1979 in Fribourg, lernte bei verschiedenen Musikern wie Jean Christophe Cholet, Art Lande und Marc Copland. Gleichzeitig erlangte er einen Master in Musikwissenschaft an der Universität Freiburg. Er leitet seit 2008 sein eigenes Trio und spielt regelmäßig mit dem Tobias Preisig 4, dem Lisette Spinnler 5 und Sarah Büchi‘s Flying Letters. Er ist zudem als Komponist für verschiedene Theaterprojekte und Stummfilme tätig. Er spielt oder spielte mit: Frank Tortiller, Gabriele Mirabassi, Bob Mintzer, Chris Potter, Claudio Puntin, Clarence Penn, Yves Torchinsky, Bänz Oester, Samuel Rohrer, Lisette Spinnler, Claudio Pontiggia, Marcel Papaux, Samuel Blaser, Gustav, Julien Charlet, Rick Margitza, Patrice Moret, Stéphane Belmondo, Julian Sartorius, Oscar D’Leon, Tom Harrell… Verschiedene Tourneen führten ihn nach Asien, Südamerika, Afrika und durch große Teile Europas. Von 2004 bis 2010 unterrichtete er an der Jazzschule Montreux. Seit Herbst 2010 unterrichtet er am Konservatorium Freiburg. Zudem ist er auf über 18 Tonträgern zu hören.

Dave Gisler – Gitarre, geboren 1983, wurde von seinen Eltern privat unterrichtet und nahm bei seinem Vater ab dem 8. Lebensjahr klassischen Gitarrenunterricht. Mit 23 Jahren absolvierte er die Musikhochschule Luzern, wo er u.a. von Kurt Rosenwinkel unterrichtet wurde. Er ist Mitbegründer der Band NoReduce. Ferner spielte er u.a. in Japan, den USA und Europa als Sideman in den Bands von Weird Beard, Mat Down, Noflores, Asmin, Mumur, und dem Lucerne Jazz Orchestra. Er spielte mit Nasheet Waits, Dave Douglas, Peter Frei, Nat Su, Jeff Davis, Heiri Känzig, Lukas Niggli, Jonas Burgwinkel, Claudio Puntin, Jean-Paul Brodbeck, Samuel Rohrer, Chris Wiesendanger, Lisette Spinnler, Domenic Landolf, Ahmed Fofana u.v.a. 2009 spielte er mit “Yvonne Meier’s Scores“ beim Visions-Festival in Manhattan und ist Preisträger der Heinrich Danioth-Stiftung für einen viermonatigen Atelieraufenthalt in New York. Als Stellvertretender Dozent hat er an der Musikhochschule in Luzern sowie Zürich Lehraufträge wahrgenommen.

Raffaele Bossard – Kontrabass, geboren 1982, kam mit 17 Jahren über den Elektrobass auf den Kontrabass. Im Sommer 2008 schloss er mit einem Master in Pädagogik und Performance (mit Auszeichnung) die Hochschule Luzern für Musik ab. Zu seinen Lehrern zählten u.a. Heiri Känzig, Hämi Hämmerli, Patrice Moret und Peter Frei. Raffaele Bossard spielt bei Matthias Spillmanns’ Mats-Up, Dominik Egli’s Plurism, Christoph Irniger Trio und dem Joe Haider Quartett. Seine noch junge Karriere ließ ihn mit Jazz-Größen spielen wie: Joey Baron, Nasheet Waits, Nils Wogram, Hayden Chisholm, Claudio Puntin, Ohad Talmor, Ziv Ravitz und Nat Su. Er spielt regelmäßig im In- und Ausland und seine musikalische Tätigkeit ist auf zwei Dutzend Tonträgern dokumentiert. Raffaele Bossard ist Preisträger des ZKB Jazzpreises, Moods Jazz & Blues Award, der Friedel-Wald Stiftung 2008 und der Korporation Zug und war Teilnehmer des 18. internationalen IASJ Meeting in Riga, Lettland.

Michael Stulz – Drums, geboren 1977 in Basel. 1998: 4-monatiger Aufenthalt in New York. Studium an der Drummers Collective. 1999-2004: Jazz-Studium an der Musikhochschule Luzern mit Unterricht bei Norbert Pfammatter, Fabian Kuratli und Pierre Favre. 2004: International Jazz Meeting in Freiburg unter der Leitung von George Gruntz. 2005: 6-mona-tiger Aufenthalt in Westafrika mit Konzerttätigkeit und Unterricht in Afrikani-scher Perkussion. Festivals und Konzerte in der Schweiz, in Deutschland, Frankreich, Portugal, Italien, Japan, Holland, China, Korea, Peru, Bolivien, Syrien, Burkina Faso, Ghana, Kosovo, Albanien. Aktuelle Formationen: Stefan Aeby Trio, Tobias Preisig Quartett, Christoph Irniger Pilgrim, Lisette Spinnler Band, Luca Sisera Roofer, Jochen Baldes Subnoder.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
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- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

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Interview mit Christoph Irniger

Freiheit an langer Leine

Ein Interview mit dem Züricher Saxofonisten Christoph Irniger

Jazz ist improvisierte Musik. Am Freitag, dem 4. 11. 2016 wird eine der renommiertesten Schweizer Jazz-Bands, Christoph Irnigers „Pilgrim“, im Theatersaal des Lindenhofs Braunschweig ein Konzert geben. Und diese Band hat ein ganz eigenes Verständnis vom Improvisieren. Was es damit auf sich hat, erkundete unser Mitarbeiter Klaus Gohlke im Telefonat mit dem Züricher Saxofonisten und Bandleader.

Eure Band nennt sich „Pilgrim“. Das klingt nach Wallfahrt.

Neinnein. Es gibt da keinen religiösen Hintergrund. Das Wort „Pilgrim“ klingt erst einmal schön. Andererseits hat es etwas Mystisches und passt zu unserer Musik. Es steht für das musikalische Reisen, Erkunden. Das Vorstoßen in eine Welt, in der Konstanten sich auflösen. So etwas wie geordnete Freiheit.

Ihr werdet auf dieser Tour unterstützt durch „Pro Helvetia“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Pro Helvetia ist so etwas wie das Goethe-Institut, ist also für die kulturelle Präsentation der Schweiz im Ausland zuständig. Sie zahlen die Reisespesen und die PR-Unterstützung.

Kommen wir zu eurer Musik. Du sprachst von „geordneter Freiheit“ beim Musizieren.

Ja, wir spielen nicht Free Jazz. Unsere Jazz-Wurzeln liegen woanders. Etwa bei Wayne Shorter, Keith Jarretts American Quartett und – was die Energie und Dramaturgie des Zusammenspiels betrifft – das 1969er Miles Davis Quintett. Wir spielen also Kompositionen. Aber die muss man ja nicht linear, gradlinig abspielen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten innerhalb des Spiels. Du kannst sehr konkret sein, d.h. vom Blatt spielen. Du kannst das, was an Material vorliegt, aber auch emotional unterschiedlich behandeln. Sehr expressiv oder sehr verhalten-innerlich. Du kannst einzelne Aspekte der Komposition detailliert herausheben, aber auch zeitlich dehnen oder stauchen.

Du hast andernorts davon gesprochen, dass euer Zusammenspiel nach einem Baukastenprinzip abläuft. Das klingt sehr technisch-konstruiert.

Nein, das nicht. Unsere Kompositionen haben eine innere Gliederung, verschiedene Abschnitte, mehrere in sich verbundene „Sätze“. Und die kann man variabel kombinieren. Z.B. Teile in verschiedener Reihenfolge spielen, etwas weglassen. Die Herausforderung ist, etwas Gemeinsames zu entwickeln. Man muss sehr gut aufeinander hören. Das geht nur mit Musikern, die sehr gut spielen können, vor allem aber ein tiefes Verständnis untereinander haben. Es gibt einfach bei dieser Improvisationsweise viele Momente, die nicht planbar sind, aber es gibt Zielpunkte beim Spiel, die man erspürt. Das werdet ihr in Braunschweig erleben.

Christoph Irniger Quintett „Pilgrim“. Freitag, 4. 11. 2016 20 Uhr im Theatersaal des Lindenhofs Braunschweig. Karten an der Abendkasse und en üblichen Vorverkaufsstellen.

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Lisbeth Quartett

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Charlotte Greve – sax
Manuel Schmiedel – p
Marc Muellbauer – b
Moritz Baumgärtner – dr

Klingt irgendwie anders, dieser Bandname: „Lisbeth Quartett“. Sympathisch und ein wenig lustig. Ja, fast schon wie eine Persiflage auf die im Jazz übliche Nomenklatur aus Bandleader-Name plus Bandmitglieder-Zahl. Dabei ist Lisbeth bzw. Elisabeth einfach nur der zweite Name der Bandleaderin Charlotte Greve. Warum denn nicht „Charlotte Greve Quartett“? Nein, das klänge einfach zu „naja“, so die Begründung der jungen Quartett-Chefin in einem Interview.
Das ist jedenfalls sicher: Das „Lisbeth Quartett“ klingt alles andere als „naja“, vielmehr nach etwas, das man gut kennt… und mag. Den Jazz neu erfinden, nein, das wollen die drei jungen und der eine etwas reifere Musiker definitiv nicht. Stattdessen wollen sie mit einer „leidenschaftlichen Selbstverständlichkeit“ erfrischend leicht anmutenden Jazztiefgang bieten und sich dabei stetig entwickeln.
2009 in Berlin gegründet, mauserte sich das „Lisbeth Quartett“ mit dem Pianisten Manuel Schmiedel, mit Marc Muellbauer am Bass und Moritz Baumgärtner am Schlagzeug schnell vom Geheimtipp zur Qualitätsmarke. 2012 erhielten die vier Musiker den Jazz-Echo als „Newcomer des Jahres“. Da hatten sie bereits zwei Alben veröffentlicht. Das dritte, „Framed Frequencies“, ist 2014 erschienen. Im Vorfeld hatte sich die Band auf ein Konzept geeinigt, das im Jazz nicht unbedingt das übliche ist. Dazu heißt es auf Charlotte Greves Website: „Die Komposition wird nicht auf den Trigger für die Improvisation limitiert, sondern die improvisatorischen Möglichkeiten der einzelnen Protagonisten werden in die Komposition integriert.“
Charlotte Greve und Manuel Schmiedel hat es aus der deutschen Hauptstadt nach New York verschlagen, Moritz Baumgärtner und Marc Muellbauer leben weiterhin in Berlin. Das neue Album bildet somit einen ozeanübergreifenden Austausch ab. Es sei, so die Band, „eine urbane, Kontinente und Generationen übergreifende Schatzinsel der Perspektiven, die sich aus über hundert Jahren Jazzgeschichte für die Zukunft auftun.“ Wir nennen das einfach mal eine ganz besondere „Inselbegabung“.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
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Kritik zu “Lisbeth Quartett”

Verblüffende Klangwelten

Improvisation mit angezogener Handbremse
Das Lisbeth-Quartett verändert das übliche Jazz-Improvisations-Schema

Das war absolut ungewohnt. Ein Jazzkonzert, in dem es – bis auf eine Ausnahme – keinen Zwischenbeifall für Soloparts gab! Ist ja sonst so üblich bei den Jazzern. Es wird ein Thema eingeführt, eine Akkordfolge entfaltet und alsbald geht es über in das Thema-Solo- Schema. Die Band tritt dann in den Hintergrund, der Solist brilliert – Beifall! Und dann die nächste Runde, same procedure…

Damit hat Altsaxofonistin und Komponistin Charlotte Greve mit ihrem Lisbeth-Quartett offenbar nicht viel am Hut. Ihre Kompositionen beginnen in der Regel mit kurzen Tonfolgen, die immer wieder leicht abgewandelt werden, zögerlich-suchend fast. Bass, Piano und Schlagwerk reagieren darauf höchst unterschiedlich. Mal Frage-Antwort-Spiel, mal Unisono, dann vom Takt her verzögert. Es gibt andere Akzentuierungen und Erweiterungen, die sich zu einem immer dichteren Zusammenspiel aufschwingen.

Aus diesem Klanggewebe heben sich – inselartig – Einzelstimmen heraus, ohne dass der Rest der Band pure Begleitung wird. So hebt Charlotte Greve mit ihrem Altsaxofon oft für eine Weile ab mit ungemein beweglichem, variantenreichem, schön artikuliertem Spiel. Währenddessen tun sich Pianist Manuel Schmiedel und Marc Muellbauer am Bass zusammen und verdichten das Ganze mit mal abstrakten, mal sehr harmonischen Dialogen. So hat man dann einen vom Tempo, Rhythmus, der Dynamik, dem solistischen Anteil her ständig wechselnden musikalischen Bewusstseinsstrom. Das alles läuft ohne Effekthascherei mit erstaunlicher Präzision, höchst kontrolliert. Aber – vielleicht etwas unterkühlt?

Ganz verblüffend ist, wie Schlagwerker Moritz Baumgärtner das Arbeitsprinzip der Band auf sein Instrument überträgt. Das klappert, raschelt, knallt, quietscht, klingelt, kratzt, schabt, dämpft, wirbelt. Und dazu braucht es Sticks, Schlägel, Ruten, Besen, Dämpfer, Stäbe, Drähte, Stifte, Geigenbögen. Er ist ein permanenter Unruheherd, ohne das Gesamtkonzept der Aufführungspraxis zu torpedieren.

Medizinisch gesprochen, könnte man sagen, dass insgesamt betrachtet die Wirkung der Musik nicht intravenös (volle Dröhnung), sondern eher subkutan, also unter die Haut platziert, erzielt wird.

Mit einer Ausnahme: Der Zugabe. Da passierte das, was ausgeschlossen schien: Pianist Manuel Schmiedel übernahm explizit die Solistenrolle und spielte wie losgelöst, den Rest der Band mit sich reißend. Und da gab es den bekannten Zwischenbeifall des zahlreich erschienenen kundigen Publikums im Theatersaal des Braunschweiger Lindenhofes.

Klaus Gohlke

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free music full blast einmaliges sonderkonzert mit PETER BRÖTZMANN und WOLFGANG SCHMIDTKE

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

free music full blast einmaliges sonderkonzert mit PETER BRÖTZMANN und
WOLFGANG SCHMIDTKE

Beitragsbildobwohl vor kurzem 75 jahre alt geworden hat er bei seinem atemberaubenden
spiel nichts von seiner stupenden intensität eingebüsst. Peter Brötzmann
gilt seit der mitte der 60er jahre als eine der exemplarischen grössen der
europäischen free jazz szene. als mit begründer der free music production
und des globe unity orchestra schuf er mit an fundamentalen bedingungen für
eine besondere spielart des jazz. seine lp von 1968 ” machine gun” erwies
sich als eines der provovierendsten werke der modernen jazzgeschichte
europas. Brötzmann spielte und spielt mit allen wichtigen akteuren (
europäisch und weltweit) des freien jazz. sein aktuelles quartett besteht
aus musikern unterschiedlichen alters aus den usa und gb, das in seinem
zusammenspiel ganz ungewöhnliche aspekte erfahren lässt.

in braunschweig wird er im duo mit WOLFGANG SCHMIDTKE zu hören sein,
wuppertaler , der seit den 1980er jahren in verschiedenen bereichen der
zeitgenössischen musik aktiv ist. das jazz duett mit zwei frei
improvisierenden holzbläsern wird am 11. juni 2016 in braunschweig zu
erleben sein.

LINDENHOF, Kasernenstrasse 20, BS
Beginn 20 uhr Eintritt 15 euro
kontakt und vorbestellung: email[at]galerieaufzeit.de – 0531 270 26 57

Interview mit Peter Brötzmann

„Was heißt Krawall?!“

Die Free Jazz – Legende Peter Brötzmann kommt nach Braunschweig

Einen dicken Fisch hat der Braunschweiger Galerist Hans Gerd Hahn da für seine Veranstaltungsreihe „Freies Improvisieren“ an Land gezogen. Dicker geht es gar nicht! Der Saxofonist Peter Brötzmann, der Übervater des Free Jazz, wird zusammen mit Wolfgang Schmidtke, auch ein Holzbläser, am Samstag, dem 11. Juni im Braunschweiger Lindenhof ein Gastspiel geben. Er ist das Enfant terrible des Jazz. Für die einen ein Jazz-Punk, für die anderen die Verkörperung der Avantgarde. An ihm scheiden sich die Geister. Ein kantiger Typ mit klarer Ansprache. Unser Mitarbeiter Klaus Gohlke befragte ihn zu den Hintergründen und der Einordnung seiner Musik.

Sie gelten als der Regelverletzer in der Musik schlechthin, als der Vater des Free-Jazz. Einverstanden?

Solche Zuschreibungen gefallen mir überhaupt nicht. Ich war das ja nicht allein. Da waren noch Gunter Hampel, Peter Kowald, Alex Schlippenbach usw. Allein geht das gar nicht. Man nennt das Free-Jazz, man braucht eben eine Bezeichnung.

Warum waren Sie so auf Krawall gebürstet?

Was heißt Krawall? In den früher 60er Jahren hatte ich mein Kunststudium fertig. Ich assistierte bei dem wunderbaren koreanischen Künstler Nam Jun Paik, später bekannt für seine Videoinstallationen. Der sagte zu mir: „Du kannst alle Materialien für deine Kunst benutzen. Du musst eine Idee haben, das umsetzen wollen!“ Ich hatte keinen Nerv mehr für formale Regeln in der Musik. Akkordfortschreibungen, Skalen, Melodien und dieses ganze Zeugs. Ich wollte mich nicht länger unterwerfen, ich wollte mich in und mit der Musik ausdrücken, Fragen provozieren.

Aber die Reaktionen? Sie spalten doch das Publikum?

Die einen sagten, wir wären Scharlatane. Für andere war es ein Aus-, ein Aufbruch. Aber Deutschland war schon immer etwas schwierig. In Polen, Holland, Schweden, England, den USA, Japan, auch Afrika war man interessiert. 90 Prozent meiner Auftritte finden im Ausland statt. Die sind toleranter. Die wollen nicht immer dasselbe hören, vor allem: die hören zu und kommen nicht mit Hörschablonen.

Sie gelten immer noch als Jazz-Avantgardist.

Ja, das ist doch paradox. Ich bin 75 und Avantgardist. Das müssten doch die 25-Jährigen von heute sein! Es gibt eine Reihe guter Virtuosen, viele gut ausgebildete Musiker, aber eigentlich zu wenig gute Musik. Die fragen sich, wie sie groß rauskommen können. Ich muss doch aber erst einmal wissen, wer ich bin, was mir die Musik bedeutet.

Sie wirken im Konzert oftmals wie ein Kessel unter Hochdruck. Die Musik bricht aus Ihnen hochenergetisch heraus. Denken Sie beim Spielen noch?

Nein. Denken stört nur. Es muss fließen. Ich mag die körperliche Seite meines Spielens, die intensive Kommunikation mit meinen Mitspielern. Nach dem Spielen bist du fix und fertig, der Kopf ist leer. Aber – wenn es zum intensiven Austausch kommt – dann hat sich das alles gelohnt.

Was wünschen Sie sich für das Braunschweiger Konzert?

Dass die Leute sich herausreißen, verstören, begeistern lassen wollen. Kurz. Ein schönes Konzert.

Peter Brötzmann/ Wolfgang Schmidtke spielen am 11.6. 2016 ab 20 Uhr im Theatersaal des Lindenhofs in Braunschweig. Eintritt Abendkasse 15 Euro.

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Kritik zu “Peter Brötzmann und Wolfgang Schmidtke”

Zwischen Zähneknirschen und Freude

Die Free-Jazzer Peter Brötzmann und Wolfgang Schmidtke überzeugten ihre Fans

Ziemlich viel Blech und etwas Holz, gebogen und gerade, lag da vor und auf der Bühne für zwei Herren herum, die von Haus aus Holzbläser sind. Saxofone und Klarinetten. Es gab ja den berühmten Rasan Roland Kirk, der gelegentlich zwei Instrumente auf einmal spielte. Aber dafür sind die beiden Akteure des Abends, Peter Brötzmann und Wolfgang Schmidtke, nicht bekannt. Der Braunschweiger Galerist Hans Gerd Hahn hat ein Faible für frei improvisierte Musik und lud ein zum Konzert im Braunschweiger Lindenhof. Wer dort hin kam, wusste, was er tat. Es waren knapp siebzig Gäste, besser Überzeugungstäter. Denn Brötzmanns Musik gilt als frei. Was bedeutete, die ganzen Gesetzmäßigkeiten der Jazzmusik kaputtzuhauen, wie er es im Gespräch drastisch formulierte.Nur wenigen gefiel das damals.

Und vom französischen Kritiker Alain Gerber ist, was Free Jazz betrifft, das Zitat überliefert: „Ich war zerrissen, ausgelaugt, es ging mir schlecht, ich hatte Lust mit den Zähnen zu knirschen. Aber zu gleicher Zeit überkam mich eine ungeheure Freude!“ Freude und Spaß wünschte Galerist Hahn den Zuhörern.

Mit einer Art Urschrei eröffnete Brötzmann auf dem Altsax das Konzert. Es folgten sich immer wiederholende Tonfolgen, ungeheuer kraftvoll, minimal variiert. Durchdringend in den Höhen. Schmidtke am Tenorsax stimmte ein, hatte dann aber anderes vor. Er spielte große Intervallsprünge, wobei ein intensiver Tiefton einen scharfen Kontrast zu Brötzmanns Höhenschreien bildete. Hin und wieder tonale und rhythmische Übereinstimmungen. Aber dann wieder expressive Ausbrüche, die einem externen Hörer wie das Aufschreien von gepeinigten Tieren vorkommen konnte. Schmidtke reagiert musikaisch eher gleichmütig. Intensive Kommunikation sei die Essenz der Zusammenspiels im Jazz, sagte Bötzmann. Was für eine Form von Kommunikation ist das?
Die Improvisationen sind zwischen zehn und zwanzig Minuten lang. Physisch, aber auch von der musikalischen Konzentration her eine beachtliche Leistung, immerhin istl Brötzmann schon 75 Jahre alt ist. Aber er ließ nicht locker. Das Zwiegetön der Tenorsaxofone an anderer Stelle schien dem Gesetz „Immer mehr Töne – immer schneller – immer lauter“ zu folgen. Ist es nicht so etwas wie Thrash-Jazz, was vor allem Brötzmann zelebriert? Er nannte sich ja auch schon mal Prä-Punk.

Wenn man das Ganze auf den Punkt bringen will, kann man sagen, dass das Konzert in Sachen Dynamik keine Abstufungen zeigte, es war nur Ausbruch. Dabei übernahm Schmidtke eine eher traditionelle Rolle. Mitunter meinte man bei ihm Bebop-Phrasen zu hören, Tonleiter-Repetitionen, Melodie-Elemente, also Rückgriffe auf musikalische Modelle, die Brötzmann dann in Schutt und Asche legte. Er setzte Sounds, Klangflächen dagegen, spielte eher modal.
Das Ohr, das in der Regel nach Haltepunkten sucht, nach musikalischen Mustern, hatte da schwer zu tun, war mitunter hilflos. Und: Ein Free-Konzept ist auf die Dauer auch gleichförmig.
Trotzdem: Begeisterung und die erforderliche Zugabe.

Klaus Gohlke

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»Veras Kabinett« live im Großen Musiksaal

Independent Kunstliedgut von und mit Veras Kabinett – das Quartett um die Berliner Komponistin und Sängerin Vera Mohrs, spielt im Rahmen des Braunschweiger Ästhetik-Kolloquiums »Sinn – Sinnlichkeit – Widersinn II« an der Technischen Universität Braunschweig am Donnerstag den 9. Juni um 20:15 Uhr im Großen Musiksaal, Raum 58.133 A, Rebenring 58, 38106 Braunschweig.Foto: Veras Kabinett

BeitragsbildSchaurig-schön, melancholisch, wild und versponnen: Das Quartett um Vera Mohrs präsentiert deutschsprachige Songs aus eigener Feder! Sängerin und Pianistin Vera Mohrs hat ein feines Gespür dafür, nachdenkliche Texte mit Ohrwurm-Refrains und variablen Arrangements zu verbinden. Mal wirkt sie als Chronistin gesellschaftlicher Phänomene, mal sinniert sie über die Zerrissenheit zwischen Aufbruchsstimmung und Klammern am Bekannten. Vera Mohrs schaut hinter Fassaden und beleuchtet Details. Sie entführt uns an nächtliche Tresen oder in die harte Realität der Legehennen-Industrie, bricht aus symbolischen Glashäusern aus oder fährt lustvoll Karussell. Unverhohlen demaskiert sie Illusionen, beschreibt hintergründig den eigenen künstlerischen Antrieb oder zartbittere Einsichten in die Vergänglichkeit. Für musikalische Stimmungskontraste sorgen die Mitmusiker Dominik Lamby (Bass), Hartmut Ritgen (Schlagzeug) und Nils Brederlow (Saxofon). Vera Mohrs studierte Komposition und Klavier bei Julia Hülsmann an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Seit 2011 lebt sie in Berlin und konzertiert deutschlandweit.

Giovanni Guidi Trio

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Giovanni Guidi – Piano
Thomas Morgan – Doppelbass
João Lobo – Schlagzeug


Als Förderer junger italienischer Jazztalente hat Enrico Rava nicht nur Stefano Bollani und Gianluca Petrella ins Rampenlicht gerückt, sondern auch Giovanni Guidi, mit dem er das Album “Tribe” aufnahm. Insbesondere hebt Rava Guidis “grenzenlose Neugier” und seine “unnachgiebige Raffinesse” hervor. Guidis Alben sind gekonnte Sammlungen von Eigenkompositionen voller kreativen Wagemuts, bei denen die beiden Mitspieler reichlich Raum zur Entfaltung haben.

Alle drei Musiker haben ein ausgeprägtes Gespür für den Zusammenhall von Klang und Stille. So entstehen besondere lyrische Momente tiefer Reflexion, die große Originalität verraten.

Der Bassist Thomas Morgan ist Amerikaner. Er hat in vielen Bands mitgespielt, darunter in denen von Samuel Blaser, Paul Motian, John Abercrombie und Yoon Sun Choi. Und auch der Schlagzeuger João Lobo hat – trotz seiner relativ jungen Rampenpräsenz – bereits mit einigen großen Namen gespielt, darunter Gianluca Petrella, Roswell Rudd, John Hebert und Michael Attias.

Der Jazz, den diese drei spielen, ist sofort auf nachhaltige Zustimmung gestoßen. So lobt der britische Guardian die Musik des Trios als “ein dynamisches, aber auch eingängiges Programm mit Nummern, die an Paul Bleys frühe Interpretationen von Carla-Bley-Stücken erinnern, mit walzerartigen Balladen, …, mit eisig delikaten Melodien, die nahtlos in sinistre Märsche übergehen. Es mag zwar nur ein weiteres akustisches Jazz-Piano-Trio sein, aber eines, das sich schwungvoll gleich in die erste Reihe spielt.”

Karten:
Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
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Öffentliche Versicherung Braunschweig
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Giovanni Guidi Trio”

Zurück ist keine Zukunft

Jazz auf der Höhe der Zeit – eindrucksvoll gespielt vom Giovanni-Guidi-Trio

Nee, ne!? Sanfteste Dreiklänge, gefälligste und erwartbare Akkordwechsel. Romantisierend-volksliedhafte Melodien. Erstaunte Blicke im Saal, ungläubiges Hören! Sitzt man in der richtigen Veranstaltung? Das soll zeitgenössischer Jazz sein? Gespielt von einem Trio von größtem Renommee!

Bassist Nicolai Munch-Hansen tupft unbeirrt sanft tieftönige Bestätigungen. Schlagzeuger, nein, diese Bezeichnung ist zu brachial: Fell-und Blechstreichler Joao Lobo schabt und zischelt einen gefälligen Hintergrund. Ja, schön, zugegeben! Das klingt ja alles wunderlieblich.

Wo aber ist der Jazz? Jetzt schabt der Understatement-Trommler unangenehm an seinen Blechen. Der Bassist wird harmonisch diffuser. Und Pianist und Trio-Chef Giovanni Guidi scheint plötzlich abzudrehen. Harmonisch-Einleuchtendes wird zerstört. Dissonantes bricht sich Bahn. Die rechte Hand kreiselt in hohen Lagen, schwere Schläge mit der linken Hand. Was ein Klavier so alles aushält! Das Schlagzeug wird seinem Namen gerecht. Der Bass fügt sich ein. Zusammenhänge sind zerstört, eine völlige Free-Phase. Chaos statt Ordnung, Verstörendes statt Gefälligkeit.

Wie zur Beruhigung danach eine Bearbeitung der Farres-Komposition „Quizas“. Rhythmisch zunächst verschleppt – Guidi ist ein Meister im Umgang mit Tempoveränderungen – blüht das Stück dann auf zu elegant-synkopierter kubanischer Musik. Ein absolut ausgereiftes Zusammenspiel.

Später dann – wie Inseln im Klangkosmos auftauchend – auch Bekanntes. „My funny Valentine“, der alte Jazz-Klassiker. Und: ist das jetzt nicht „Can’t help falling in love“.?
Aber da ist kein Schwelgen in Erinnerungen Die Melodie-Zitate werden entfaltet, dann zunehmend verfremdet und in neue Kontexte gestellt. Gospel, Volksliedhaftes, Bluesphrasen, Mambo, Limbo, Hard-Bop, Filmmusikalisches, Atonales. Doch nicht als pures John Zornsches Fetzenwerk. Die Kompositionen sind strukturiert, die Teilthemen werden entfaltet.

Was das Guidi-Trio betreibt, kann man durchaus als systematische Irreführung der Zuhörer begreifen. Man wird beständig auf musikalische Fährten gelockt, die sich dann als abgründig erweisen.

Die dahinter stehende Idee ist klar. Die Musik – wie die Welt überhaupt – ist unübersichtlich geworden, es helfen keine einfachen Änderungen der Laufrichtung. Zurück ist keine Zukunft. Indem der Jazz diese Unübersichtlichkeit musikalisch aufgreift und anverwandelt, wird er zeitgenössisch. Was – wie die Begeisterung des Publikums zeigte – durchaus als anregend, lustvoll und provokant genossen wurde.

Klaus Gohlke

Jazz und Film in der Reihe “Sound on Screen”

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, 38100 Braunschweig

JACOJACO
Regie: Paul Marchand, USA 2015, 111 Min., OmU

Metallica-Bassist Robert Trujillo produzierte diese packende Doku über Ausnahme-Musiker Jaco Pastorius, den „Jimi Hendrix des Bass“, der den E-Bass wie niemand zuvor oder danach revolutionierte und leider viel zu früh tragisch verstarb. Mit Joni Mitchell, Herbie Hancock, Wayne Shorter, Flea, Sting, Geddy Lee, Carlos Santana u.a.
“Before Jaco, bass didn’t know what it was yet.” – Bootsy Collins

Featured by Initiative Jazz Braunschweig!

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Anschließend spielt das Jazzrock-Trio CENTRIFUSION im Riptide auf. Mit Carsten Koloc (Drums), Artur Trzmielewski (Bass) und Bernt Küpper (Gitarre) wird es dynamissch, funky und jazzig…

DAVE HOLLAND TRIO
feat. Kevin Eubanks and Obed Calvaire

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Dave Holland – Bass
Kevin Eubanks – Guitar
Obed Calvaire – Drums

Das Konzert ist ausverkauft

17. Oktober 1993. Staatstheater Braunschweig. Die „Betty Carter All Stars“ waren angesagt. Ein Bassist eröffnete das Konzert. Was für ein Bass: Singend, swingend, elegant-fließend!
Welch Tonbett wurde da bereitet für “BeBop-Betty“, Geri Allen am Piano und Jack DeJohnette am Schlagzeug.
Der Mann am Bass war Dave Holland, ein Brite. Geboren in Wolverhampton, einer englischen Stadt so groß wie Braunschweig, gelegen in den West Midlands. Dort ging er in die musikalische Lehre, die bereits einen Wesenszug des Mannes widerspiegelt: Er spielte alles. Aber auf so besondere Art, dass Miles Davis ihn 1968 direkt aus einem Gig in Londons “Ronnie Scott’s“ nach New York holte. Er befand sich urplötzlich in der Jazz-Superliga als Nachfolger von niemand Geringerem als Ron Carter. Seite an Seite u.a. mit Chick Corea, Wayne Shorter, Tony Williams für Davis‘ fundamentale Alben “Filles de Kilimanjaro“, “In a Silent Way“ und “Bitches Brew“. Fusion-Jazz mit dem Double-Bass und dann mit dem um Effekte angereicherten E-Bass. Grandios. Aber: So sehr er Miles schätzte und die Inspiration genoss – Holland suchte seinen eigenen Weg.
Und wurde zur wandelnden Provokation für alle Jazzzfundis hüben und drüben, die Free-Fanatiker und die Traditionalisten. Er spielte mit Anthony Braxton Avant-Garde-Jazz, mit Stan Getz huldigte er der Tradition. In einem aber blieb und bleibt er sich treu: er spielt den “schweren“, den großen Bass. Dessen Gravitationszentrum sind für ihn das Klangpotential der tiefsten Saiten, die Materialität dieses Riesencorpus und daraus resultierend dann die Bevorzugung der schweren Begleitkontrapunktik, ohne schwer daherzukommen. So ist er einer der inspiriertesten Kollektiv- und Klangimprovisatoren geworden wie neben ihm wohl nur noch Charlie Haden.
Er gründete Trios, Quartette, Quintette, Sextette, spielte zu zweit oder allein, um transparent, offen, gleichwohl formbewusst und ungebunden von harmonischen Festschreibungen Jazz zu spielen.
“Ich spielte mit Bebop-Bands, mit Swing-Bands, Dixieland. Das ist alles Teil der Musikgeschichte. Und ich liebe es noch immer, diese Geschichte wieder zum Leben zu erwecken, indem ich sie unter meiner Perspektive betrachte. Das ist wie Bach wieder spielen, traditionelle Aspekte der Geschichte. Hauptsache sind Ehrlichkeit und Qualität!“, wie er in einem DownBeat-Interview sagte. Und so entwickelte er sich als Sideman und als Leader zu einem der komplettesten Virtuosen seines Instruments. Bester Instrumentalist, bester Jazzkünstler, bester Bandleader, beste CD – welche Ehrung hat er nicht erhalten?
Dafür braucht er gestandene, selbstbewusste Mitspieler. In Braunschweig tritt Dave Holland mit einem Trio auf, in dem
Kevin Eubanks (*1957), ein vertrauter Mitspieler, die Gitarre als Harmonie- und Melodieinstrument spielen wird. Er zeichnet sich durch dichtes, intensives, eher an impressionistischen Einwürfen und linearen Entwicklungen orientiertes Spiel aus statt an verpflichtenden Akkordprogressionen. Er spielte u.a. mit Art Blakey, Roy Haynes, Slide Hampton und Sam Rivers.
Der 33jährige Obed Calvaire (*1982) aus Miami gilt als exzellenter Drummer, der alle sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen weiß, ein kreatives Zusammenspiel voranzubringen. Wegen seiner inspirierenden Ausdrucksfähigkeit hat er mit zahlreichen Größen der Jazzmusik auf allen internationalen Festivals gespielt, u.a. mit Wynton Marsalis, Joshua Redman, David Liebman und Richard Bona.

Karten:
- Musikalien Bartels, Braunschweig, Wilhelmstraße 89, Tel.: 0531 / 125712
- Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
- Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 28 € / 25 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

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Kritik zu “Dave Holland Trio”

Musikalischer Bewusstseinsstrom
Das Dave Holland Trio beeindruckt im Braunschweiger LOT-Theater

Er hat immer noch britischen Stil! Dave Holland, 69jähriger britischer Jazz-Ausnahme-Bassist. Trotz der über 40 Jahre, die er in New York lebt. Dezent gekleidet, humorvolles Overstatement zu Beginn des Konzertes. Dass Braunschweig nämlich am Sonntagmorgen so wunderbar friedlich sei. Und die Glocken des Domes erst! Aus dem Schlaf heraus der Beginn einer musikalischen Reise! Wie wundervoll!
So friedlich eröffnete auch das seit langem ausverkaufte Konzert. Man wolle übrigens ein Konzert in einem Stück spielen, kündigte Dave Holland noch an, ein Set ohne Ansageunterbrechungen und Pause. Es gebe auch nicht direkt Stücke, eher Ideen, die man entwickle. Man sei selbst gespannt, was dabei herauskomme.
Nun – zunächst eine Basslinie im tiefen Register, gefolgt von einem Ausflug in die Welt der Flageolettöne. Gitarrist Kevin Eubanks folgt den Basstönen, spielt erst parallel, geht dann dazu über, elektronisch verfremdete Klangflächen zu entwerfen. Und Obed Calvaire am Schlagzeug scheint noch zu sinnieren, wohin die Reise gehen soll, bis er plötzlich einen scharfen Beat unterlegt – und aus ist es mit Besinnlichkeit. Das Trio entwickelt sich in einem langen Crescendo zu einem regelrechten Tonkraftwerk, eine Studie in Sachen Dynamik.
Eubanks übernahm oft die Rolle des Einheizers. Angezerrte, repetitive Akkordfolgen, dazwischen unglaublich rasante, scharf akzentuierte Läufe. Mühelose Rückgriffe auf Fusion, Rock, Blues, rhythmisch vertrackt. Allein technisch umwerfend.
Das gilt nicht minder für Obed Calvaire am Schlagzeug. Rhythmische Kontrapunktik, wenn man so will. Da wird mit, gegen, über den Beat gearbeitet, mit der Bass-Drum die Akzente scheinbar beliebig verteilt, dass eine Freude ist.
Und plötzlich ein rasantes Zurückfahren in der Lautstärke und gleichsam entschuldigend mit Augenzwinkern zarte folkloreartige Melodien auf dem Bass und der Gitarre.
Nun, es war Echtzeit-Improvisation, eine Art musikalischer Bewusstseinsstrom. Und das Strukturprinzip blieb gleich: ein musikalischer Kern, der langsam ausgearbeitet wurde, dann die wuchtige Entfaltung mit vielen Schattierungen und – oftmals über Dave Hollands weitgespannte Soli – die Rückkehr in ruhiges Fahrwasser. Besonders schön anzusehen: Die Musiker hatten ihren Spaß dabei, musikalische Ideen zu kreieren, aber auch daran, die der anderen zu erkennen und zu beantworten. Ein wunderbares Aufeinander-Eingehen. Fliegende Stilwechsel vom Swing, über Latin, zu Funk, Post-Bop, sogar Walzer.

Zugegeben, es war nicht der Abend für die, die den Dave Holland mit den wunderbar singenden Basslinien hören wollten – die Zugabe vielleicht ausgenommen. Nichts für die Freunde der Melodie. Hier waren Harmonie-Tüftler am Werke, die Akkorde zergliederten, erweiterten und reduzierten. Klangkontraste entwarfen. Und eben absolute Rhythmiker, die eine große Spielfreude dabei zeigten, immer wieder auszubrechen und dem Erwartbaren nicht zu entsprechen. Ovationen zum Schluss.

Klaus Gohlke

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Kritik zu “NDR Big Band Plays the Music of Randy Brecker”

Einundzwanzig Männer – kein bisschen leise
Die NDR-Bigband brilliert im ausverkauften LOT-Theater gemeinsam mit dem Startrompeter Randy Brecker

Es geht ab, ohne Umschweife mittenhinein in „The first Melody of the Tune“, so der unwiderlegbare Titel des Openers. Kristallklare Funkriffs, satte Bläsereinwürfe, fanfarenartige Trompetentöne, unterirdische Korg-E-Sounds dazwischen. Zwanzig Musiker, die NDR-Bigband, bereiten den Boden für ihn: den amerikanischen Startrompeter und Gastsolisten Randy Brecker. Unübersehbar stattlich steht er mit der für ihn typischen Flatcap auf dem Kopf im Mittelpunkt der Bühne. Und wer vielleicht vermutete, dass da ein 70jähriges Star-Auslaufmodell noch mal eine Deutschlandrunde dreht und einer starken Band als Krücke bedurfte, der lag absolut daneben.
Sein Spiel war kraftvoll, präzise und wirkte selbst bei höchstem Tempo entspannt. Die elektronische Bearbeitung, insbesondere der Hall, ließ die Töne wie poliert strahlend klingen. Und er hielt die Spannung das gesamte Konzert durch.
Das allein ist schon beachtenswert genug, die Besonderheiten liegen aber woanders. Brecker vermochte die Musiker zu inspirieren, zu Höchstleistungen zu befeuern, ohne das abzufordern. Ganz allein durch seine Autorität, sein Können und durch das kluge Konzept, die Soli des Altmeisters unmittelbar zu kontrastieren mit jenen verschiedener Bandmitglieder. Sie hängten sich rein oder – wie Brecker es drastischer formulierte: „They‘re playing their asses off!“ Und weil die Bigbandmusiker allesamt nicht nur Teamplayer sind, sondern über hervorragende solistische Fähigkeiten verfügen, entwickelten sich oft heiße Dialoge zwischen den Protagonisten. Widerspruch, Überbietung, Umschreibung, Zerstörung und Anlehnung wechselten sich ab.
Live Musik hat immer auch eine visuelle Komponente. Es war spannend zu sehen, wie sich das Musizieren im Musiker selbst ausdrückt. Hier Randy Brecker, schwergewichtig in sich ruhend mit minimaler Gestik und Mimik. Dort z.B. der Tenorsaxofonist Sebastian Gille, dessen Körper wie unter elektrischen Schlägen im Tempo seiner Läufe hin und her zuckt, sich dreht und windet, noch oben gezogen wird und gestaucht, je nach Spielverlauf. Aber nicht als Showeinlage, sondern völlig unbewusst.
Die andere Besonderheit des Konzerts, war die Raffinesse der Arrangements. Die Band spielte ausschließlich Brecker-Kompositionen. Aber die Art, wie die einzelnen Instrumentengruppen einbezogen oder ausgeblendet wurden, wie die Sätze miteinander oder gegeneinander spielten, das zeigte das große Können des Arrangeurs und Dirigenten Jörg Achim Keller. Die Kompositionen zeigten dadurch eine erstaunlich neue Vielschichtigkeit.
Aber: Randy Brecker wurzelt tief im Jazz-Rock, kreiert so eigenartige Genres wie Heavy Metal BeBop. Es geht also um Rhythmen, um Beats. Und weil die NDR-Bigband keinen eigenen Schlagzeuger in den Reihen hat, engagierte man kurzerhand als Special Guest den in Deutschland dafür prädestinierten Wolfgang Haffner. Ganz Primus inter Pares ließ er es präzise grooven.
Und so wanderte man durch Blues-, Funk-, Latin Music-, Balladen-, Gospel – Anverwandlungen – und begeisterte das Publikum. Unklar blieb aber zweierlei: Warum spielen keine Frauen in der NDR-Bigband? Warum blieb man bei diesen Rhythmen sitzen, statt zu tanzen?

Klaus Gohlke

NDR Bigband
Plays the Music of Randy Brecker

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Randy Brecker, Trompete
Wolfgang Haffner, Schlagzeug
Jörg Achim Keller, Leitung
NDR Bigband

Das Konzert ist ausverkauft

Die NDR Bigband trifft Randy Brecker! Auf dem Programm ihres gemeinsamen Projektes im Braunschweiger LOT Theater steht eine Werkschau des Trompeters. “Die wird durch seine gesamte Karriere führen; die klassischen Brecker-Brothers-Sachen sind dabei, aber auch alles davor und bis heute”, sagt der Leiter und Arrangeur der NDR Bigband, Jörg Achim Keller.

Alles davor und heute
Damit ist der Rahmen für ein vielseitiges Programm gesteckt, schließlich wirkte Randy Brecker nicht nur entscheidend bei der Entwicklung des jungen Genres JazzRock mit: Er war Gründungsmitglied bei “Blood, Sweat & Tears”, rief mit seinem Bruder Michael sowohl die “Combo Dreams” (mit John Abercrombie und Billie Cobham) als auch die Supergroup “Brecker Brothers” ins Leben. Auch im akustischen Jazz hat er sich einen Namen gemacht: anfänglich im Horace Silver Quintett, später auch bei Art Blakeys Jazz Messengers, Charles Mingus, Carla Bley und nicht zuletzt mit seinen eigenen Quintetten, mit denen er einen persönlichen Stil entwickelte.

Aufs Wesentliche reduziert
“Seine Grundharmonik ist eigentlich sehr sparsam”, erläutert Arrangeur Keller, der Breckers Kompositionen für die NDR Bigband umsetzte. “Im Jazz sind ja oft fünf, sechs oder mehr Töne pro Akkord üblich, bei ihm ist es fast wie ein vierstimmiger Choralsatz. Aber welche Töne da sind, das macht halt diesen speziellen Sound aus.” Und Brecker räumt ein: “Ich hab gern eine Menge Spannung in meiner Musik.”

Von transparenten Orchestrierungen bis zum Wall of Sound
Und das gilt für seine Fusion/Funk-Kompositionen für die “Brecker Brothers” (die bekannteste darunter “Some Skunk Funk”) genauso wie für seine Auseinandersetzung mit dem funky hardbop von Clifford Brown, Lee Morgan und Freddie Hubbard über seine intensiven Flirts mit der Musik Brasiliens bis hin zum “Jazz Ballad Songbook”.
“All diese verschiedenen Stücke eröffnen jeweils andere Möglichkeiten”, sagt Jörg Achim Keller. “Die möchte ich mit der Bigband ausloten, von ganz transparenten Orchestrierungen bis hin zur soliden Wall of Sound.”

Karten:
Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage 1, Tel.: 0531 / 125712
Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Porträt über Jürgen Niemann

Ein Mann mit höchsten Ansprüchen oder
Mehr geht nicht!

Hans-Jürgen Niemann, die graue Eminenz des Braunschweiger Jazz, tritt ab

Er ist ein Strippenzieher. Einer, der im Hintergrund die Fäden spinnt. Der seit 25 Jahren dafür sorgt, dass in Braunschweig hochkarätige Jazzmusik zu Gehör gebracht wird. Und für Jazzmusiker im In- und Ausland Braunschweig eine Top-Adresse ist. Die Rede ist von Hans-Jürgen Niemann.
Wir treffen uns im Gebäude der Städtischen Musikschule Braunschweig. Dort ist er seit langem schon Klavierlehrer. Etwas retro schaut er aus mit seiner John-Lennon-Brille und dem schulterlangen, gelockten Haupthaar. Der Weg führt in seinen Unterrichtsraum, zwei Wände sind behängt mit Plakaten von Musikereignissen, für deren Zustandekommen er verantwortlich war.
„Naja, ich nicht alleine, das waren alle in der damaligen Musikerinitiative Braunschweig.“ Eine typische Äußerung des jetzt 62-jährigen. Er ist nicht der Mann, der in der ersten Reihe stehen will.
Sein Job ist das „Booking“, die Verpflichtung von Musikern. Das klingt einfach, ist aber reichlich komplex. „Man muss ja gute Musiker finden, die auch zum Publikumsgeschmack passen. Die Kostenfrage stellt sich sofort. Findet man Sponsoren, weil der Eintritt die Kosten nicht abdeckt? Du musst die Verträge mit den Leuten oder ihren Agenturen abschließen. Wie kommen die Künstler nach Braunschweig, wo übernachten sie? Wie sieht es mit dem Auftrittsort aus? Wer betreut sie vor Ort? Welche Anforderungen stellen sie bezüglich der Instrumente, der Technik? Also, da hat man schon sein Tun!“
Der Blick auf die Plakatwand macht Staunen. Eine Art Who’s who? des Jazz. John McLaughlin, Betty Carter, Archie Shepp, Charles Lloyd, Joachim Kühn, Carla Bley, Elvin Jones , um wirklich nur ein paar Namen zu nennen. Jürgen Niemann hat einen stattlichen Ordner hervorgeholt und schwelgt in Erinnerungen.
„Angefangen habe ich eigentlich mit dem Jazzspektrum 1990 nach der deutsch-deutschen Vereinigung. Fünf Formationen aus der DDR haben wir im Städtischen Museum und vor der Magnikirche aufspielen lassen. Es war eine heiße Sache. War ja nicht wie heute mit Internet, Handy, E-Mail, Facebook. Briefe per Einschreiben mit Rückschein und andere längst vergessene Verkehrsformen waren angesagt.“
Gibt es rückblickend so etwas wie Highlights? „Lebenslang begleiten wird mich Diana Kralls Auftritt auf dem Burgplatz und die ganzen Umstände. Sie war schon ein Star, aber keine Allüren. Drei Tage blieb sie in Braunschweig, war hier schwer am Shoppen. Dass hier kein Gedöhns gemacht wurde, hat ihr ungemein gefallen.“
Und Tiefpunkte? „Nein, eigentlich nicht. Nur Aufreger. Wenn ein Bass nicht aufzutreiben ist. Oder die Hotelbuchung aufgekündigt wird. Ein großer Büfett-Bahnhof ins Leere läuft, weil der Künstler zu erschöpft ist und nur schlafen will.“
Niemann blättert weiter in seinen Dokumenten. Er war auch sonst recht rege. Mitbegründer von „Radio Okerwelle“, der „Braunschweiger Kulturnacht“ – ein Tanz auf einigen Hochzeiten. Immer mit sehr hohem Anspruch, was freilich zu Frustrationen führte. „Ich wollte immer ein möglichst breites musikalisches Spektrum abdecken. Das war nicht leicht durchzusetzen.“
Alles wäre nicht so gelaufen, wie es gelaufen ist, wäre da nicht die Unterstützung seitens des Kulturamtes der Stadt Braunschweig gewesen, der zahlreichen Sponsoren, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, der Helfer und Ermutiger. „Das war ungemein wichtig. Aber – ob eigentlich klar geworden ist, welchen Stellenwert Braunschweig in der internationalen Jazzszene spielt, dass wir eine Topadresse sind in Deutschland, da bin ich mir nicht so sicher.“ Schade eigentlich.

Jürgen Niemann hat das kulturelle Leben dieser Stadt entscheidend mitgeprägt. So ein Job schlaucht. Es muss mal Schluss sein. Wie es nun weiter geht? Die Initiative Jazz-Braunschweig ist am Improvisieren. Wer will so eine Aufgabe ehrenamtlich fortführen? Das hängt auch davon ab, wie die Stadt, die Sponsoren, die Jazz-Interessierten mitziehen. Braunschweig hat hier einen Ruf zu verlieren, was man ja nicht wollen kann.

Klaus Gohlke

Marco Ambrosini & Jean-Louis Matinier
– Inventio –

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Marco Ambrosini, Nyckelharpa
Jean Louis Matinier, Akkordeon

Ambrosini & MatinierInventio ist in jeder Beziehung ein schöpferisches Projekt, was sich schon bei den Instrumenten zeigt: Matinier hat das Akkordeon aus dem von ihm gewohnten folkloristischen Rahmen gelöst, und Ambrosini ist einer der wenigen Musiker außerhalb der Folkmusik Skandinaviens, die Nyckelharpa spielen.

Das Programm, das Ambrosini und Matinier hier bringen, ist von den barocken Sonaten von Bach und Biber inspiriert, nimmt aber auch z. B. lyrische Kadenzen Pergolesis auf. Deren Meisterwerke haben die beiden umempfunden und neu arrangiert und durch eigene Kompositionen ergänzt.

Auf dem Weg von den alten Werken zur modernen Musik improvisieren sie gemeinsam und finden dank des ungeahnten Zusammenspiels ihrer Instrumente neue Klangfarbenkombinationen. So ist die Musik wieder einmal das Medium, das die Trennung von Vergangenheit und Gegenwart auflöst und Brücken zwischen den Genres baut.
Insofern ist die Musik von Ambrosini und Matinier grenzenlos.

Bis zum Barock war die Nyckelharpa ein verbreitetes Instrument, bis es von der Geige und anderen Streichinstrumenten verdrängt wurde. Ein Instrument, das Geschichte atmet. Es klingt anders, fremd, überkommen aus einer längst vergangenen Zeit. Ambrosinis Spiel geht zwar auf diese historische Befangenheit ein, aber er bleibt dabei modern und verhilft der Nyckelharpa doch zu neuem Glanz.

Marco Ambrosini (*1964 in Forlì/Italien) studierte zunächst Violine und Viola und Komposition in Ancona und Pesaro. Seit 1983 spielt er Nyckelharpa, die er gemeinsam mit den Geigen- und heutigen Nyckelharpabauern Condi und Osann weiterentwickelte. Er arbeitet als Komponist und als Solist sowie als Mitglied verschiedener Ensembles für Alte Musik, Barockmusik und zeitgenössische Musik (u. a. Studio Katharco, Oni Wytars (Deutschland), Els Trobadors (Spanien), Unicorn, Accentus, Clemencic Consort, Armonico Tributo Austria (Österreich), Kapsberger (Rolf Lislevand, Norwegen), L’Arpeggiata (Christina Pluhar, Frankreich). Daneben spielt er auch mit Michael Riessler und Jean-Louis Matinier. 1994 spielte er Barock-Konzerte für die Moskauer Philharmonie als Nyckelharpa-Solist mit dem Ensemble LAD. Konzerte und Tourneen führten ihn in mehr als 25 Staaten. Seine Diskografie umfasst über 110 CDs.
Marco Ambrosini lebt heute in Deutschland.

Jean-Louis Matinier (*1963 in Nevers/Frankreich) ist einer der führenden zeitgenössischen Akkordeonspieler im Bereich des Jazz und der Weltmusik.
Er hat klassische Musik studiert, sich dann dem Jazz und anderen Formen improvisierter Musik zugewandt. Von 1989 bis 1991 spielte er im Nationalen Französischen Jazz-Orchester unter Claude Barthélémy. Seine Spielweise ist zwar stark durch den europäischen, kammermusikalischen Jazz geprägt; durch seine spezifische Aufnahme der Akkordeontradition wirkt diese Befangenheit allerdings aufgelöst. Seine Kompositionen sind einfallsreich und er wendet sein Instrument vielseitig an. Matinier tritt meist mit anderen Instrumentalisten auf, so z. B. Renaud Garcia-Fons, der ihn in einem sehr interaktiven Duo auf seinem Kontrabass begleitet. In Deutschland wurde er zunächst durch Auftritte mit Michael Riessler bekannt. Matinier hat auch mit Louis Sclavis, Gianluigi Trovesi, Michel Godard, François Couturier, Philippe Caillat und Anouar Brahem gespielt und arbeitet auch zur Zeit mit einigen dieser Musiker zusammen.

In Braunschweig haben wir ihn mit einigen der genannten Musiker schon zu Gast gehabt, so mit Anouar Brahem (Le pas du chat noir), Renaud Garcia-Fons (Alboréa) und Miichael Riessler (Silver and Black).

Karten:
Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage 1, Tel.: 0531 / 125712
Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
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Kritik zu “Marco Ambrosini & Jean-Louis Matinier – Inventio –”

Keine Kisten, keine Kästen
Marco Ambrosini und Jean-Louis Matinier spielen ein hinreißendes Crossover-Konzert im Braunschweiger Lindenhof

Ja- was ist das denn? Einige Konzertbesucher erheben sich von ihren Sitzen. Was spielt denn der Mann da vorn für ein Instrument? Der eine spielt ein Akkordeon, das ist klar, aber der andere? Es ist zweifelsfrei ein Streichinstrument. Aber die Greifhand ist hier eine „Drückhand“. Die Tonhöhe wird offenbar durch eine mechanische Tastatur bestimmt. Welch eigentümlicher Klang auch!

Und was ist das für eine Musik, die die beiden da zelebrieren? Die Initiative Jazz Braunschweig hat eingeladen, also müsste es sich doch um Jazz handeln. Ist es aber irgendwie nicht. Es klingt nach alter Musik, gleichzeitig aber hat es auch einen Folk-Touch. Es kommt elegisch daher, dann wieder gibt es rasante Läufe. Die Taktart wechselt von gerade auf ungerade. Auch die Tonart wechselt mehrfach. Verwirrend und interessant zugleich.

Der Italiener Marco Ambrosini mit seiner skandinavisch sich herleitenden Nyckelharpa, zu deutsch: Tastenfidel, und der Franzose Jean-Louis Matinier am Akkordeon, spielen ihr Eröffnungsstück unbeirrt zu Ende. „Inventio 4“ von Johann Sebastian Bach. Eigentlich eine zweistimmige Etüde von knapp einer Minute Dauer. Hier improvisatorisch ausgedehnt auf mehr als fünf Minuten.

Dann eine Konzertunterbrechung. Ambrosini erläutert das Instrument und erklärt den spezifischen Hallklang, der durch Resonanzsaiten entsteht. Bei der begrifflichen Bestimmung ihrer Musik aber bleibt er offen. Schon vorher im Gespräch fragt Matinier: „Wozu braucht ihr immer Kisten und Kästen zum Einordnen? Es ist Barockmusik dabei, durchaus. Bach, Biber, Pergolesi. Aber es ist auch neue Musik. Unsere Kultur wird widergespiegelt. Beschreibungen lehne ich ab. Hör einfach zu, spüre deinen Empfindungen nach!“

Gesagt, getan. Was aber nicht so einfach ist. Der Eindrücke sind viele. War da nicht ein Vivaldi-Rückgriff? Dann wieder ein Ausflug in tonal-offene Räume, sehr schräg. Es klingt orientalisch oder aber eher ostasiatisch? Düsteres durchbrochen von tanzbaren Rhythmen. Bestimmt einer der beiden? Wie gelingt nur dieses Zusammenspiel? Virtuose Dreiklangbrechungen, dann wieder kontrastiv chromatische Auf- und Abstiege. Ein tiefes Wissen um die Metren.

In der Tat, es ist einfach Musik auf höchstem Niveau, völlig entspannt, absolut präzise vorgetragen. Eine Aufhebung von alter, neuer, von genre-spezifischer Musik. Eine Wanderung durch Klangräume, -zeiten und –formen. Lang anhaltender Beifall für diesen Ausflug in musikalische Freigeisterei.

Klaus Gohlke

Interview mit Dave Holland

Englishman in New York: Starbassist Dave Holland im Interview

Außergewöhnliches erwartet die Braunschweiger Jazzfreunde: Der 69jährige Ex-Miles-Davis-Bassist Dave Holland, zweifelsfrei einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Bassisten der Welt, wird am Sonntag, dem 13. März 2016 im Braunschweiger LOT-Theater mit seinem aktuellen Trio gastieren. Aus diesem Anlass sprach Klaus Gohlke vorab telefonisch mit dem in New York lebenden Jazzmusiker.

Hi, Dave, im Frühling gehst du auf Europa-Tour. Was treibt dich?

Ich hatte in der letzten Zeit verschiedene Projekte hier laufen. Darunter das Trio mit Kevin Eubanks an der Gitarre und mit Obed Calvaire am Schlagzeug. Wir spielten in Russland, und das war so eine gute Zusammenarbeit, dass ich gern wieder mit ihnen arbeiten wollte. Die Reiseumstände sind natürlich eine Herausforderung. Das Fahren, Gepäckprobleme, die Hotels – aber wenn man dann ein Publikum begeistern kann, dann ist das alles nachrangig.

Was ist das Besondere an diesem Gitarren-Trio? Ist es eine Erinnerung an “Gateway”, dein erstes berühmtes-Trio mit Jack DeJohnette und John Abercrombie Mitte der 70er Jahre?

Nein, es ist kein Blick zurück, kein Revival. Die Musiker und die Musik damals, das war alles einzigartig. Aber wir haben andere Zeiten, und Kevin und Calvaire sind wiederum ganz eigenständige Musiker mit ihren sehr spezifischen musikalischen Vorstellungen und Fähigkeiten. Das Interessante am Trio ist ja die besondere Intensität des musikalischen Gesprächs. Und dann gefällt mir der Sound von Gitarre und Bass im Zusammenspiel. Dazu muss ich noch sagen, dass Kevin Eubanks einen ganz eigenen Klang auf seinem Instrument gefunden hat, was ja nicht einfach ist. Und Calvaire ist ein außergewöhnlich feinfühliger Rhythmiker.

Dave, du spieltest 1968 im Alter von gerade mal 20 Jahren im berühmten Londoner Jazzclub, dem Ronnie Scott’s. Da saß Miles Davis und engagierte dich vom Fleck weg. Mit einem Male warst du Teil seiner Supergroup u.a. mit Herbie Hancock, Tony Williams, Keith Jarrett, Chick Corea. War das das Größte in deinem Leben?

Es war eine riesige Sache, und die Zusammenarbeit war außerordentlich bedeutsam für mich. Aber – man kann das Leben nicht auf eine Sache reduzieren. Es waren zwei Jahre. Viele wunderbare Musiker und Konzerterlebnisse erlebte ich seitdem. Man entwickelt sich ja weiter.

Du spielst den großen akustischen Bass. Warum nicht den leichter zu handhabenden E-Bass?

Oh, ich spiele auch Bass-Gitarre. Ich hab den Bass nicht wegen seiner Größe und seines Gewichts ausgewählt (lacht). Nein. Ich habe, als ich 15 Jahre alt war, den Oscar Peterson-Bassisten Ray Brown gehört. Der Klang, den er auf diesem Instrument erzeugte, hat mich umgeworfen. Es war unglaublich. Liebe auf den ersten Blick oder aufs erste Hören. Auch Leroi Vinnegar war so ein Klangzauberer. Es ist der Klang dieses Instruments, der mich begeistert. Also Platz 1: Akustik-Bass, Platz 2: Bass-Gitarre, Platz 3: Cello.

Du spielst nun schon lange Jazz. Siehst du eine Entwicklung des Jazz, eine bestimmte Richtung?

Es gibt eine Menge Richtungen, nicht die eine. Es herrscht eine Art Individualisierung vor. Traditionen werden neu interpretiert. Man expandiert in andere Musik-Kulturen und –in andere Traditionen hinein. Eine Art Inklusion. Die Sprache der Musik hat sich ungemein erweitert. Wenn ich bei meiner Lehrtätigkeit sehe, welche Möglichkeiten die StudentInnen über die neuen Medien haben, sich Stile, Material, Techniken anzueignen, kann ich nur staunen. Es ist enorm, was sie alles in kurzer Zeit aufnehmen können. Es gab Zeiten, da waren bestimmte Stile dominant. Heutzutage aber nicht. Man hat dadurch viel Raum für Experimente und Annäherungen, für Erweiterungen der Ausdrucksmöglichkeiten Ich selbst habe mich mit Flamenco-Musik befasst, mit nordafrikanischen Oud-Spielern gearbeitet, mit Zakir Hussain, dem indischen Tabla-Virtuosen, gespielt. Dieses Cross-Over ist eine sehr schöne Sache.

Dave, du bist Jahrgang 1946, in England, Wolverhampton aufgewachsen. Hat dich damals nicht auch die populäre Musik mittschiffs getroffen?

Ja, klar. Ich hörte amerikanische und englische Pop-Musik. Bill Haley, Little Richard, diese ganzen Rock’n’Roller. Auch Ray Charles, Motown. Da hab ich auch in Bands vor Ort mit gespielt. Aber dann kamen – wie gesagt – Ray Brown, Leroi Vinnegar, Charles Mingus und der Jazz.

Du bist seit langen ein “Englishman in New York”. Du kennst den Sting-Song. Aber als „legal alien“ (legaler Einwanderer, Fremdling) fühlst du dich nicht?

(Lacht) Nein, absolut nicht. Ich wollte schon immer nach New York wegen der Musikszene hier. Hier sind auch meine Familie, meine Enkel. Ich wohne außerhalb der Stadt, dem Mid Hudson Valley. Eine wunderbare Gegend. Aber – ich freue mich auf Braunschweig, wir sehen uns hoffentlich.
Das Dave Holland Trio gastiert am Sonntag, dem 13. März 20 Uhr im LOT-Theater in Braunschweig. Karten im üblichen Vorverkauf und Online bzw. an der Abendkasse: www.lot-theater.de

Madras Special & Karnataka College of Percussion
We remember Charlie Mariano
50 Years Jubilee Tour of Karnataka College of Percussion

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

R.A. Ramamani – voc
T.A.S. Mani – perc
Ramesh Shotham – perc
Zoltan Lantos – violin
Sebastian Müller – guitar
Reza Askari – bass
Johannes Lemke – sax

Madras Special & Karnataka College of PercussionUm sein 50-jähriges Bestehen gebührend zu begehen, hat sich das Karnataka College of Percussion unter seinen Leitern R.A. Ramamani und T.A.S. Mani mit Madras Special von Ramesh Shotham zusammengetan, um mit einem gemeinsamen Programm “We remember Charlie Mariano” auf Tournee zu gehen.
Das Karnataka College of Percussion wurde 1964 von T.A.S. Mani gegründet, um Musiker an den klassischen indischen Perkussionsinstrumenten auszubilden. Dank ihrer Leistungen und des reichen Erfahrungsfundus, den sie in über 30 Jahren zusammengetragen hat, hat sich diese Einrichtung stetig weiterentwickeln können und bei den jüngeren Generationen das Bewusstsein für die klassische südindische Musik wachgehalten und gefördert.
T.A.S. Mani hatte seine eigenen Vorstellungen, wie er seine Arbeit erfolgreich gestalten könnte, und auch dank der breiten Unterstützung, die er in seiner musikalischen Heimat Karnataka fand, gelang es ihm, die Grundlage für seine erfolgreiche Lehrtätigkeit zu schaffen. Die öffentliche Anerkennung seines College und seiner Arbeit kommt nicht zuletzt dadurch zum Ausdruck, dass er sein Land im Auftrag der indischen Kulturbehörde auf verschiedenen Musikfestivals vertreten hat und dass das College häufig von ausländischen Musikern und Kulturdelegierten besucht wird.

Seit 50 Jahren setzt T.A.S. Mani mit dem von ihm in Bangalore gegründeten Karnataka College of Percussion nicht nur mit der Vermittlung der klassischen südindischen Musik Maßstäbe, sondern auch mit genreübergreifenden Projekten. Zu seinen Schülern gehören viele Musiker von internationaler Bedeutung wie z.B. Trilok Gurtu und Ramesh Shotham, der hier und heute mit seinem Projekt “Madras Special” auftritt. Mani machte sich aber nicht allein durch seine pädagogischen Tätigkeiten und die Leitung verschiedener Ensembles einen Namen, sondern auch als Komponist. Darüber hinaus leitet er das zehn­köpfige Elite-Ensemble “Tala Tarangini”, mit dem er im Rahmen verschiedener Projekte die klassische südindische Musik und deren rhythmische Spezialitäten, wie z. B. Konnakol, die südindische Trommelsprache, vorstellt.
Mit vornehmer Zurückhaltung, stets im Dienst seiner Musik, für die er lebt, entwickelt Mani sein virtuoses Spiel auf dem “mridangam”. Elegant spielt er beidseitig auf der klassischen Trommel und bringt so die “Königin der Perkussioninstrumente”, wie das Instrument bezeichnet wird, immer wie­der anders in das klangliche Erscheinungsbild ein.
R.A. Ramamani ist Sängerin, Komponistin und Lehrerin und genießt in der indischen Musik seit langem eine Ausnahmestellung; in indischen Musiker­kreisen heißt es, sie sei von indischen Gottheiten und Spiritualität umgeben. Seit ihrem fünften Lebensjahr hat sie eine fundierte Aus­bildung in der traditionellen südindischen Musik erhalten. Der Aufstieg zu einer der führenden Stimmen in der karnatischen Musik führte die Ausnahmesängerin auf die großen Festivalbühnen in Indien und Euro­pa, wo sie das Publikum durch die enorme Ausdrucksbreite ihres Gesangsstils von der vibratoreichen, instrumental geprägten Stimmführung bis zu improvisatorischen Kunstfertigkeiten begeisterte. Außerdem ist sie eine Spezialistin im Vertonen traditioneller Texte aus den alten südindischen Überlieferungen. Ihre Kompositionen sind seit langem ein stilprä­gender Faktor im Repertoire des Karnataka College of Percussion.
1980 war sie mit dem Karnataka College of Percussion auf Europatournee und trat 1983 beim Berliner Jazzfestival gemeinsam mit Charlie Mariano auf. Dem folgten zahlreiche weitere Projekte und Konzerte in Europa und immer wieder auch in Deutschland, wo sie zuletzt 2007 bei der Ruhr-Triennale zu erleben war.

Madras Special
Auch Ramesh Shotham stammt aus Südindien, lebt aber heute in Köln. Mit seinen subtilen, unaufdringlichen Rhythmen hat er eine Vielzahl musikalischer Begegnungen nachhaltig beeinflusst und ist ein prägender Brückenbauer zwischen verschiedenen musikalischen Kulturen geworden. Er hat mit Charlie Mariano, Rabih Abou Khalil, Carla Bley, Steve Coleman, Siggi Schwab und Embryo gespielt, und noch jedes Mal hat er der Musik mit seinen unverwechselbaren Grooves eine besondere Qualität verliehen. Madras Special ist ein Projekt, das er schon seit vielen Jahren betreibt und zu dessen aktueller Besetzung der ungarische Violinist Zoltan Lantos, der Gitarrist Sebastian Müller, der Bassist Reza Askari sowie der Saxofonist Johannes Lemke gehören.

Die Musik von “Madras Special” ist inspiriert von klassischen südindischen Ragas und Talas sowie von der modernen Weltmusik. Auf der Grundlage komplexer Grooves, die nicht selten an rätselhafte mathematische Formeln erinnern, entwickelt die Band ein packendes Ganzes aus Jazz, Funk, Rock und Ethnomusik. Die musikalische Fusion verschiedener Kulturen wird hier Wirklichkeit.
Shotham wird heute als einer der erfolgreichsten Perkussionisten gefeiert. Er stand nicht nur mit führenden europäischen und amerikanischen Jazz- und Rockmusikern auf der Bühne, sondern spielte auch mit Künstlern aus Afrika, Australien, China, Korea, Taiwan und mehreren arabischen Ländern.
Das Projekt “Madras Special” ist ein besonderes Kunstwerk zwischen Abend- und Morgenland, eine musikalische Reise durch die Kontinente mit vielen spannenden Umwegen zu unterhaltsamen, manchmal auch abenteuerlichen Ausflugszielen entlang der Route Köln-Madras.

Karten:
Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage 1, Tel.: 0531 / 125712
Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

» Weitere Informationen

Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jamsession im Quartier

Quartier, Bültenweg 89, 38106 Braunschweig

Opener: Return to Whatever

Sven Waida – keys
Tobi Lampe – git
Heiko Schwarting – dr
Kai Brandhorst – b
Christoph Plock – tb
Matthias Brucksch – ts
Uli Papke – ts

Eintritt: frei

Enrico Rava New Quartet

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Enrico Rava – Trompete
Francesco Diodati – Gitarre
Gabriele Evangelista – Kontrabaß
Enrico Morello – Schlagzeug

Sein einzigartiger Ton, seine Eleganz, sein lyrisches Spiel sind die Attribute, die für Enrico Rava typisch sind. Sie verschafften dem italienischen Jazz internationale Anerkennung – lange bevor andere italienische Jazzer diesen Ruf untermauerten.

Nach ersten Auftritten als Posaunist in traditionellen Jazzcombos wechselte er unter dem Einfluss von Miles Davis und Chet Baker zur Trompete, und bereits 1960 leitete er ein eigenes Quartett. 1964 gehörte er zum Quintett von Gato Barbieri.

Neben Steve Lacy spielte er mit südafrikanischen Musikern wie Louis Moholo und Joahn Dyani, bevor er 1967 nach New York ging, wo er mit Roswell Rudd, Marion Brown, Rashied Ali, Cecil Taylor, and Charlie Haden Musik machte. Zu einem kurzen Besuch nach Europa zurückgekehrt nahm er Platten mit Lee Konitz und Manfred Schoof auf.

Von 1969 bis 1972 arbeitete er in New York, wo er mit Carla Bley und ihrem Jazz Composers’ Orchestra zusammentraf und mit der Truppe von Roswell Rudd spielte. Große Beachtung fanden auch seine Einspielungen mit Dollar Brand, Archie Shepp und Dino Saluzzi. In seinen eigenen Bands spielten u. a. John Abercrombie, Jeanne Lee, Roswell Rudd, Jean-François Jenny-Clark und Aldo Romano, aber auch argentinische Musiker, als er zeitweilig in Buenos Aires lebte. Während dieser Jahre komponierte er auch Filmmusiken, z.B. für Bernardo Bertolucci, und leitete seine eigenen Quartette und Quintette ohne Piano.

In den 1980er Jahren spielte er mit Gil Evans und Cecil Taylor, hatte aber auch immer eigene Gruppen, die zunächst noch im Jazzrock-Idiom spielten. Mehr und mehr galt sein Interesse jedoch der Komposition und der italienischen Tradition. In seinen Plattenprojekten Rava, L’Opera Va und Carmen beschäftigte er sich intensiv mit der Umsetzung von Opernarien in den Jazz. Mit dem Trompeter Paolo Fresu nahm Rava mehrere Platten auf, auf denen er sich mit den Trompetern in der Geschichte des Jazz beschäftigte (z.B. Bix, Shades of Chet, Play Miles Davis). Der Pianist Stefano Bollani ist zuerst in seinen Gruppen bekannt geworden. Seit 1997 ist der Posaunist Gianluca Petrella Mitglied seines Quintetts. Mit Gianluca Petrella, Eberhard Weber und Reto Weber war er auch im Trio bzw. Quartett The Europeans unterwegs.
ECM hat einige seiner wichtigsten Aufnahmen aus den 70er Jahren wiederaufgelegt, darunter The Pilgrim and the Stars, The Plot, und Enrico Rava Quartet, während Soul Note und Label Bleu CDs seiner innovativen Electric Five mit zwei elektrischen Gitarren veröffentlichte (tatsächlich war es ein Sextett, denn Rava hat die Angewohnheit, sich selbst nicht mitzuzählen.) Mit dem Keyboardmeister Franco D’Andrea und dem Trompeter Paolo Fresu nahm Rava  Bix and Pop und Shades of Chet, Tribute an Bix Beiderbecke und Armstrong sowie an Chet Baker auf. Erwähnunswert sind auch Rava l’Opera Va und Carmen, hinreißende Interpretationen von Opernarien.
2001 gründete er ein neues Quintett mit jungen Talenten wie Gianluca Petrella,Stefano Bollani, Rosario Bonaccorso und Roberto Gatto und tourte mit alten Freunden wie Roswell Rudd und Gato Barbieri, mit denen er 2004 Easy Living aufnahm. Drei Jahre später, nachdem Bollani, der sich inzwischen als Solist einen Namen gemacht hatte, durch Andrea Pozza ersetzt worden war, kam The Words and the Days heraus. 2007 veröffentlichten Rava und der Pianist Stefano Bollani das Album The Third Man und 2009 folgte New York Days, eine Sammlung stimmungsvoller Stücke mit Anklängen an den Film noir unter der Mitwirkung von Bollani (Piano), Mark Turner (Tenorsaxofon), Larry Grenadier (Bass) und Paul Motian (Schlagzeug). Für Tribe, das im Herbst 2011 erschien, überraschte Rava mit einem durch und durch italienischen Sextett: Gianluca Petrella (Posaune), Giovanni Guidi (Piano), Gabriele Evangelista (Bass) und Fabrizio Sferra (Schlagzeug), bei dem auch der Gitarrist Giacomo Ancillotto als Gast dabei war. 2012 erschienen das Album On the Dance Floor.
Erstaunlicherweise wurde sich Rava der Musik von Michael Jackson erst nach dessen Tod bewusst, und sie wurde zur Obsession. Das Album, sein Tribut an das, was er als Beitrag des verstorbenen Sängers zur Musik des 20. Jahrhunderts betrachtet, wurde mit dem Parco della Musica Jazz Lab in Rom aufgenommen und besteht nur aus Musik von Jackson.
Für 2015 ist eine neue CD mit Rava und seinem neuen Quartett mit Francesco Ponticelli, Gabriele Evangelista and Enrico Morello geplant.
2011 erschien Enrico Ravas Autobiografie, in der er auch seine vielen Begegnungen mit internationalen Größen des Jazz wie Gato Barbieri, Carla Bley, Don Cherry, Steve Lacy, Cecil Taylor und vielen anderen schildert

Wir freuen uns, Enrico Rava nach 1992, 1995 und 2008 (mit Stefano Bollani) wieder einmal in Braunschweig begrüßen zu dürfen.

Karten:
Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage 1, Tel.: 0531 / 125712
Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Enrico Rava New Quartet”

Der Altmeister und die „jungen Wilden“
Das „Enrico Rava New Quartet“ verblüfft im Braunschweiger LOT-Theater

Das Haupthaar trägt er immer noch offen und lang, ungezähmt, nunmehr aber angegraut. So auch sein Schnurrbart. Leicht gebeugt geht er zur Bühne, der Leitwolf Enrico Rava, 76jähriger Startrompeter aus Italien. Und hinter ihm seine drei Jungwölfe. Ein Generationenprojekt, so scheint es. Alter Mann, erfahrungssatt, wehmütig-altersweise trifft auf ungebändigten Lebenswillen. Folglich: ein Abend mit kontrollierter Musik und einigen Eskapaden, letztlich von Melancholie umflort. Wirklich?
Falsch, völlig falsch. Der Opener ist schon Programm. Eine ostinate Bassfigur, cleane Gitarre im frisellschen Schwebesound, dezentes Schlagwerk. Heraus schält sich in bestechendem Unisono eine wundervoll leichte Melodie, die, kaum entfaltet, nach allen Regeln der Jazzkunst verwandelt, verfremdet, zerstört wird und in einen beinahe freien sehr druckvollen Improvisationsteil mündet. „Cornette“, eine hintergründige Hommage an Ornette Coleman, endet wieder mit der strahlenden Melodie, die anfangs zu hören war.
Kontraste, das Zusammenführen ganz unterschiedlicher Traditions- und Gestaltungselemente war die Devise für dieses Konzert. „Wild dance“: Eine theatralische Eröffnung mit Trommelwirbel, Crescendo und Tusch wird fortgeführt mit einem orchestralen Gitarrenpart, der sich zu einem fetten Metal-Klang mausert. Dann ein nahezu bruchloser Übergang in swingenden Jazz, Zitate aus dessen Frühphase. Oder „Space Girl“: Ein vager, martialischer Rhythmus zunächst, dann Anklänge an Melodien des „Great American Songbook“ mit schönen lyrischen Flügelhorn-Passagen.
Gewissermaßen war das Konzert eine gelungene Irreführung. Es lag ja nahe, zu meinen, dass Ravas „New Quartet“ eine Live-Version der jüngsten Studioproduktion „Wild Dance“ abliefert. Feiner ECM-Sound, ausbalanciert, eher dezent, wehmütig, hier und da Ausbrüche, aber voller Affektkontrolle.
Eben das geschah nicht, und das lag an der losen Leine für die „jungen Wilden“, allen voran Gitarrist Francesco Diodati. Packend seine Arbeit am Griffbrett, absolut überzeugend der Einsatz der elektronischen Effekte. Was Gabriele Evangelista am Kontrabass leistete, war schon rein physisch unglaublich. Die rasend schnelle Begleitung nicht nur bei „Happy Shade“, insgesamt seine Art des Zusammenspiels auf der rhythmischen Ebene war beeindruckend. Und schließlich Enrico Morello am Schlagzeug: elegante Leichtigkeit, ein Dynamikexperte und Kenner aller möglichen Spielvarianten in der Geschichte seines Instruments,: bewundernswert. Und Rava selbst? Sein Spiel ist intensiv, elegant: von Leichtigkeit geprägt, aber auch von Eruptionen reiner Expressivität. Woher Rava in dem Alter noch die Kraft, vor allem die Luft für das intensive Trompetenspiel nimmt, wissen die Götter.
Insgesamt eine tolle Mixtur aus Kraft, Eleganz, einem Blick in sehr unbestimmte ferne Gefühlswelten und auch Grandezza. Das Publikum im ausverkauften Haus war beeindruckt.

Klaus Gohlke

Shoot the Moon

Theatersaal im Lindenhof, Kasernenstraße 20, 38106 Braunschweig

Almut Schlichting – Saxofon, Komposition
Winnie Brückner – Gesang
Tobias Dettbarn – Bassklarinette
Sven Hinse – Kontrabass
Philipp Bernhardt – Schlagzeug

Musik für fantasievolle Seelen und unruhige Geister – so etwa lauten die Kritiken, mit denen die junge Band um Almut Schlichting belegt wird. Die Kompositionen für das Ensemble, das inzwischen bereits drei CDs veröffentlicht hat, schreibt die Bandleaderin selbst, wobei sie Elemente aus ganz unterschiedlichen zeitgenössischen Musikstilen spielerisch miteinander verbindet: Anklänge an amerikanischen Folk und europäische Volksmusiken, Swing und klassische Moderne, Pop und Rock verknüpft sie zu einem frischen, frechen Jazz mit Songcharakter, der gekonnt auf die Vokalistin Winnie Brückner zugeschnitten ist. Ansonsten kommt die Band mit zwei Bläsern, Bass und Schlagzeug aus, also ohne Akkordinstrument, wodurch sich den Solisten einige Freiheiten bieten.

Mit dieser Band können wir zum dritten Mal in diesem Jahr einen aus Braunschweig stammenden Musiker vorstellen: Seit einem Jahr gehört der Schlagzeuger Philipp Bernhardt dazu, den wir natürlich besonders herzlich begrüßen.

Das Berliner Quintett Shoot the Moon entwickelt aus den farbenfrohen Songs der Bandleaderin Almut Schlichting ein dichtes Netz an Erzählebenen, in das sich der Zuhörer mit seiner eigenen Fantasie fallen lassen kann.

Lebendig werden die Songs durch die traumwandlerisch eingespielte Band; durch den virtuosen Charme der Gesangsparts, die warmen Sounds der Bassklarinette und des Altsaxofons, die durchlässig groovende Rhythmusgruppe und die fantasievollen Improvisationspassagen.

Shoot the Moon waren 2005 Preisträger des Studiowettbewerbs des Berliner Senats und haben inzwischen drei von der Presse hochgelobte CDs veröffentlicht. Seitdem haben sie sich in zahlreichen Club- und Festivalkonzerten in die Herzen des Publikums gespielt.

Pressestimmen

„Eingängige Melodien, vertrackte Grooves und witzige Texte“
Kulturradio vom rbb / Ulf Drechsel

„Frischer, frecher Jazz mit Songcharakter“
BR-KLASSIK / Beate Sampson

„Großartige Szenen in dichten Interaktionen… Unbedingt hören!“
Jazzzeitung / Hans-Dieter Grünefeld

„Eine subtil groovende harmonische Achterbahnfahrt,die mit rasanten
Loopings den Puls beschleunigt“
Nürnberger Nachrichten / Peter Gruner

„Musik für fantasievolle Seelen und unruhige Geister“
melodiva / Tina Karolina Stauner

„Luftig und sommerlich“
Jazz Thing / Rolf Thomas

Karten:
Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage 1, Tel.: 0531 / 125712
Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Shoot the Moon”

Kein Schuss in den Ofen

Die Initiative Jazz Braunschweig eröffnete die Konzertsaison 2015/16 mit der Berliner Band „Shoot the moon“ unkonventionell

Wie bekomme ich es hin, einzigartig zu erscheinen? Eine schwierige Kiste. Zum einen, weil jeder Mensch von vornherein einzigartig ist, siehe Fingerabdruck. Der aber ist – und da beginnt eben das Problem – nicht für jedermann sofort erkennbar.
Auch Jazzmusiker müssen Alleinstellungsmerkmale finden. Verkaufspsychologisch gesprochen, erhöht man so die Nachfrage und damit den Marktwert. Vorausgesetzt, das Besondere kommt nicht zu grob daher. Etwa der lauteste Drummer oder der speedigste Gitarrist zu sein.
Etwas Interessantes hat sich da die Berliner Kapelle „Shoot the Moon“, insbesondere die Bandleaderin und Saxofonistin Almut Schlichting ersonnen. Sie suchte Inspiration für ihre Jazztruppe in eher weltlichen Musiken des Mittelalters. In irischen Liedern, deftigen Volksfest-, Spott- und Tanzmusiken, aber auch im nordamerikanischem Country Blues. Und schrieb – weil die Band mit Winnie Brückner eine ausdrucksstarke Sängerin hat – ausgesprochen witzige bis skurrile Texte für ihre Kompositionen.
So fand sich das Braunschweiger Jazzpublikum am Freitagabend im Lindenhof plötzlich in der eigenartigen Welt der „Saints and fools“, der „Heiligen und Narren“ wieder. Piratenkönigin, Elisabeth I., St. Blaise, Sankt Barbara, Maria, Lucia, Wolf, Esel, Kaninchen und der große schwarze Hund gaben sich die Ehre. Und das auf eine Art und Weise, die im Jazz nicht oft anzutreffen ist, nämlich humorvoll.
Da wurden die heiligen Schutzpatrone kurzerhand in die Weltstadt New York versetzt, textlich und musikalisch. Sie wurden angefleht, den Kaffeestrom nie abreißen zu lassen und was es sonst noch so an Großstadtproblemen gibt. Aber nicht in Form frommer Choräle, das höchstens mal als ein fernes Zitat. Es war in diesem Falle eher programmartige „Fetzenmusik“, die in oft kurzen und dissonanten Phrasen das „Big Apple“-Gebrodel widerspiegelte. Der alle Ausdrucksspektren durcheilende Gesang – Rock, Pop, Soul, Blues, Lied und Rap durchmischend, wurde instrumental durch- und unterbrochen, kommentiert, kontrastiert hervorgehoben. Bassist Sven Hinse und Schlagzeuger Philipp Bernhardt hatten dabei eher die Aufgabe, für die beiden absolut überzeugenden Bläsern, neben Schlichting der Bassklarinettist Tobias Dettbarn, das rhythmische Korsett zu bilden. Sie taten es absolut zuverlässig und funktional.
Freilich – diese Art Musik voller Brechungen, die mit den Genres spielte, ist sehr durchkomponiert. Die üblichen lockeren Solo-Passagen gab es weniger. Dafür aber ein hoch komplexes, anregendes Konzert, das den Zuhörern erkennbar Spaß machte. Ein viel versprechender Auftakt.

Klaus Gohlke

Konglomerat

Roter Saal im Schloss, Schlossstraße 1, 38100 Braunschweig

Gustav Geißler (Altsaxophon)
Luise Volkmann (Altsaxophon)
Athina Kontou (Bass)
Philip Theurer (Schlagzeug)

KonglomeratDas Leipziger Quartett Konglomerat gibt dem Jazz einen neuen aufregenden Charakter, indem es das Genre für sich neu definiert und um Attitüden erweitert, die abseits des klassischen Jazz liegen. Zahlreiche Auftritte in renommierten Häusern und bei namhaften Festivals in Deutschland (Oetkerhalle, Diagonale [Bielefeld], LOFT [Köln], Theater [Gütersloh], Straßenfestival [Ludwigsburg]) oder die Deutschland-Tour mit der New Yorker Band VAX im Jahr 2014, die Konglomerat auch erstmals in den Roten Saal führte und das Publikum begeisterte, sind Belege für eine hervorzuhebende musikalische Qualität des Quartetts.

Im September 2015 wird es sein erstes Studioalbum beim Leipziger Label Resistant Mindz veröffentlichen. Konglomerat ist die Ansammlung von Kreativität und Energie. Ist ein Potpourri aus experimentellen Tönen. Ein Sammelsurium von Ideen.

Veranstalter: Abteilung Literatur und Musik: Louis Spohr Musikzentrum und Kulturinstitut

Karten in allen bekannten Vorverkaufsstellen, online hier oder telefonische Reservierung unter 0531 470-4848.

» Weitere Informationen

Eintritt: Abendkasse 10 € / 5 € (ermäßigt), Vorverkauf 8 € / 4 € (ermäßigt, inkl. Gebühren)

Interview mit Jürgen Friedrich

Neustart mit Elementarteilchen
Der Jazz-Pianist Jürgen Friedrich über die Hintergründe seines Braunschweiger Auftritts in Doppelbesetzung

Jürgen Friedrich, Pianist, Komponist, Dirigent und Hochschullehrer in Köln und Mannheim für Jazz, Improvisation und zeitgenössische Musik, sowie bekennender Gr. Schwülperaner, wird am kommenden Freitag im Lindenhof Braunschweig mit seiner aktuellen Band ein Konzert geben. Klaus Gohlke sprach mit dem 45-jährigen.

Jürgen, nach längerer Zeit mal wieder ein Konzert in Braunschweig. Vorfreude?

Na klar. Ich hoffe der Saal im Lindenhof wird voll.

Du gibst gewissermaßen ein Doppelkonzert. Du trittst mit dem Trio „Reboot“ und als Duo „Nano Brothers“ auf. Sehr ungewöhnlich!

Das ist auch einmalig, nur für Braunschweig. Die Initiative Jazz Braunschweig wusste, dass beide Projekte derzeit laufen und fragte an, ob man nicht beides verbinden könne. Deshalb also.

„Reboot“ – das ist ja Computersprache und meint „Neustart“ oder „Wieder hochfahren“. Inwiefern startest du neu?

Ich habe vorher an einem sehr komplexen Projekt gearbeitet. „Monosuite“, eine Komposition für ein 22köpfiges Streichorchester und ein Jazzquintett. Danach brauchte ich Urlaub. Der Beginn dann wieder in kleiner überschaubarer Besetzung, das fühlte sich an wie ein Neustart, wiedergewonnene Freiheit.

Und wieso Nano Brothers?

Das ist ja ein Piano-/ Saxofon-Duo. Wir spielen ausschließlich improvisierte Musik, teilweise ganz frei. Und die Ideen, die wir beim Spielen entwickeln, setzen sich aus kleinsten Elementen zusammen, Nano-Teilchen.

In der Konzertankündigung wird eure Musik charakterisiert als „alter Blues, zeitgenössische Musik, fast Pop, freie Harmoniewelt“. Das klingt nach Sammelsurium. Für jeden etwas.

Absolut nicht, keine Mixtur und keine Anbiederung. Es ist nur so, dass alle im Trio eine bestimmte musikalische Geschichte haben. Und wenn du improvisierst, kommen ja die Ideen nicht aus dem luftleeren Raum, sondern aus deinen musikalischen Erfahrungen. Das wollen wir auch nicht leugnen, sondern ehrliche Musik machen. Wir wollen in unserer Musik authentisch sein und nicht etwas vorspiegeln.

Deshalb auch ein Rückgriff auf Arnold Schönberg und Witold Lutoslawski auf eurer CD?

Genau. Ich habe einen starken klassischen Background. Und der ist für einen Jazzmusiker die wahre Freude. Das ist wie ein Reich gefüllter Obstkorb: heiße Taktarten, tolle Intervallsprache. Eine Inspirationsquelle. Ich trenne nicht zwischen Jazz und E-Musik. Mir geht es um Musik, die Menschen interessieren und gefallen kann.

Jürgen Friedrich: Reboot/Nano Brothers. Jazzkonzert. Freitag, 26. 06.2015 20 Uhr. Lindenhof Braunschweig, Kasernenstraße.

Kritik zu “Jürgen Friedrich: REBOOT & NANO BROTHERS”

Jenseits ausgetretener Wege

Jürgen Friedrich und seine Mitspieler zeigen einen völligen freien Umgang mit musikalischen Trends

Jürgen FriedrichDer Mann hat eine klare Botschaft, man könnte auch sagen: Er ist Testamentsvollstrecker. Ganz im Geiste der Jazz-Überväter Charlie Parker und Miles Davis hat er keine Lust auf Denkverbote in der Musik. „Ich spiele nicht Jazz, ich mache Musik!“, sprach Miles. Das führt der in Braunschweig geborene und in Köln lebende und lehrende Jazzpianist Jürgen Friedrich am Freitagabend im Braunschweiger Lindenhof bei einem gut besuchten Konzert anschaulich vor. Und zwar höchst spannend, unterhaltsam und hintersinnig. Ein Wechselbad zwischen abstrakter Tontüftelei und Vollbad im Wohlklang. Zwischen traditioneller Komposition und freiestem Spiel. Zwischen neu interpretierter Klassik und rasantem Bebop.

Freie Improvisation  bzw. Echtzeit-Komposition – für viele eher eine Schreckensvorstellung hektisch-strukturlosen Vor-sich-Hinspielens. Ganz anders aber das Ruf-Antwort-Spiel von Jürgen Friedrich an den Tasten und Johannes Ludwig am Altsaxophon.

Eine Tonvorgabe, vielleicht zwei. Wie nun reagieren? Kopieren? Verschieben? Veränderung des Intervalls oder aber der Dynamik? Oder aber eine Tonfolge dagegen  setzen, einen Akkord? Rhythmische Abänderungen? Eine große Bandbreite von musikalischen Reaktionsmöglichkeiten breiten die beiden Musiker aus. Wunderbar verfolgbar, weil das Arbeitstempo bei dieser Spielweise zwangsläufig herunter gefahren ist. Ja, mitunter hört man mit Schadenfreude: Wie wohl wird der Pianist auf mikrotonale Verschiebungen des Saxophonisten reagieren? Kriegt er das überhaupt hin? Heiße Tüftelei, bei der allein das Zusehen schon großen Spaß macht, insofern sich das Zusammenspiel auch mimisch und gestisch ausdrückt.

Aber auch die Trio- und Quartettarbeit  folgte der Devise: Keine bloße Unterhaltung, keine pure Hirnakrobatik. Devise: „Ihr sollt euch wohlfühlen, aber lasst es uns nicht zu leicht sein!“ Z.B. bei der Bearbeitung der Witold Lutoslawski-Komposition „Invention“. Im Original eine knapp einminütige Entfaltung  eines musikalischen Einfalls. Wie auch beim später gespielten Schönberg-Klavierstück 11/1 ein sehr interessanter Testfall für das Verhältnis von Jazz und klassischer Musik. Schlagzeuger Fabian Arends deutete die „Invention“ auf ganz andere Weise als der Bassit David Helm. Drei Musiker, drei rhythmisch- harmonisch sehr unterschiedliche Lesarten. Und zur Abwechslung dann ein Entspannungsbad in schönen Melodien und Harmoniefolgen („Reboot“). Ist das nun Jazz oder „Neue Musik“ oder was sonst? Auf jeden Fall Musik, an- und aufregend.

Klaus Gohlke

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Jürgen Friedrich: REBOOT & NANO BROTHERS

Lindenhof, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Johannes Ludwig – Saxofon
Jürgen Friedrich – Klavier
David Helm – Bass
Fabian Arends – Schlagzeug

Jürgen Friedrich stammt ja ursprünglich aus Braunschweig. Zum Studieren ging er nach Köln und begann eine bemerkenswerte Karriere als Pianist, Komponist und Pädagoge. Heute bringt er zwei ganz aktuelle Bands nach Braunschweig, das Klaviertrio REBOOT und das Improvisationsduo NANO BROTHERS.

REBOOT ist sein magisches neues Trio, für das er mit David Helm und Fabian Arends kongeniale Partner gefunden hat. Die drei spielen archaische Musik von komplexer Schönheit. Sie wurzeln tief im Jazz, kombinieren alten Blues mit zeitgenössischer Musik, sind mal fast popmusikalisch unterwegs und wandeln dann wieder frei durch harmonische Fantasy-Welten. Die CD Reboot ist 2015 auf Nils Wograms Plattenlabel NWOG Records erschienen.

Die NANO BROTHERS sind die beiden klassisch ausgebildeten modernen Jazzmusiker Johannes Ludwig und Jürgen Friedrich. Sie spielen in diesem Duo ausschliesslich nicht notierte Musik, frei improvisiert oder nach Miniaturkonzepten aus ihrem selbst entwickelten Improvisations-Songbook. Dieses Prinzip ist für das Publikum besonders spannend und wird begeistert aufgenommen. Die CD Echtzeit erscheint im Frühjahr 2015 bei FLOATmusic.

Johannes Ludwig
… studierte Jazz-Saxofon in Nürnberg und Jazz-Komposition/-Arrangement in Köln bei u.a. Hubert Winter, Steffen Schorn, Klaus Graf, Sebastian Sternal, Joachim Ullrich und Frank Gratkowski. Als Musiker und Komponist bewegt er sich in einem breiten musikalischen Spektrum, von zeitgenössischem Jazz über Pop bis zu improvisierter Musik. Er ist in diversen Projekten deutschlandweit aktiv, vor allem mit dem Johannes Ludwig Quartett, in Duos mit den Pianisten Andreas Feith und Jürgen Friedrich und der Band Jilman Zilman.
… betreibt im traditionsreichen Kölner Club Subway mit Jens Böckamp und Janning Trumann das Subway Jazz Orchestra, eine Bigband, die einmal im Monat auftritt und fast ausschließlich selbst arrangierte Programme spielt.
… war Mitglied im Landesjugendjazzorchester Baden-Württemberg und im Bundesjazzorchester, mit dem er in Südafrika und Indien auf Tour war.
… betreibt gemeinsam mit Jens Böckamp sein eigenes Label FLOATmusic, wo auch sein aktuelles Quartett-Album “Airborne” und das Duo-Album “Echtzeit” mit Jürgen Friedrich erscheint.
www.johannesludwig.com

Jürgen Friedrich
… hat Klavier und Komposition an der Musikhochschule Köln studiert und reiste oft in die Jazzmetropole New York. Er ging mit Kenny Wheeler auf Tour (CD Summerflood), spielte mit John Hébert und Tony Moreno beidseits des Atlantiks (CD Pollock) und realisierte Musik für Streichorchester und Improvisatoren (CD Monosuite). Als Pianist des Cologne Contemporary Jazz Orchestra CCJO ist er an zahlreichen Uraufführungen im Kölner Stadtgarten und im WDR beteiligt.
Neue Projekte sind u.a. das frei improvisierende Duo Nano Brothers mit Johannes Ludwig und das moderne Klaviertrio Reboot mit David Helm und Fabian Arends.
… unterrichtet Klavier an der Musikhochschule Köln und betreut den Masterstudiengang für Komposition und Arrangement an der Musikhochschule Mannheim.
… spielte mit Julian Arguelles, Matthias Bergmann, Hayden Chisholm, Tobias Christl, John Hollenbeck, der HR-Bigband, Peter Kahlenborn, Achim Kaufmann, David Liebman, Robert Lucaciu, dem Maria Schneider Jazz Orchestra, Ben Monder, der NDR-Bigband, Gabriel Pérez, Céline Rudolph, Norbert Scholly, Philipp Scholz, Loren Stillman, Sunday Night Orchestra, Christian Thomé, Nils Wogram.
… gewann den Gil Evans Award for Jazz Composition, den Jazzpreis Niedersachsen und den Förderpreis der Stadt Köln für Jazz und Improvisierte Musik.
www.juergenfriedrich.net

David Helm
… hat an der Musikhochschule Frankfurt und der Musikhochschule Köln studiert.
… spielte mit Jonas Burgwinkel, Mark Dresser, Anette von Eichel, Kurt Elling, Sebastian Gille, Niels Klein, Matthias Nadolny, Barre Phillips, Florian Ross, Sebastian Sternal und ist festes Mitglied des Subway Jazz Orchestra.
… war Mitglied des Bundesjugendjazzorchesters.
… gewann Preise beim Sparda-Jazz Award Düsseldorf und bei Jugend Jazzt auf Landes- und Bundesebene.

Fabian Arends
… hat an der Musikhochschule Köln studiert.
… spielte mit Hubert Nuss, John Goldsby, Uli Beckerhoff, Ingmar Heller, Nicolas Thys, Jason Seizer, Thomas Rückert, Robert Landfermann, Pablo Held, Gerd Dudek, Dieter Manderscheid, Henning Berg, der NDR-Radiophilharmonie, dem EOS-Kammerorchester Köln, der Jungen Deutschen Philharmonie, dem WDR-Rundfunkchor.
… war Mitglied des Bundesjugenjazzorchesters.
… gewann den Praetorius Musikpreis Niedersachsen, den Sparda-Jazz-Award Düsseldorf, den Junge Münchener Jazzpreis.
www.fabianarends.com

Karten:
Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage 1, Tel.: 0531 / 125712
Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

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Heinz Sauer & Daniel Erdmann Quartett

Lindenhof, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Heinz Sauer – Tenorsaxofon
Daniel Erdmann – Tenorsaxofon
Johannes Fink – Bass
Christophe Marguet – Schlagzeug

Sie sind – jeder für sich – zwei profilierte Individualisten, die nun zusammengefunden haben. Heinz Sauer nennt der Jazzpublizist Hans-Jürgen Schaal “die unbeugsame Instanz des deutschen Jazz“, die sich aus dem Schatten der amerikanischen Idole freispielte und seitdem ihren eigenen Weg geht – bis heute “mit vollem Risiko“, wie im improvisierenden Duo mit Michael Wollny. Über Daniel Erdmann sagt der Jazzkritiker Wolf Kampmann, er besitze das “Mangelsdorff-Gen“, und meint damit: „Es ist ihm ein Bedürfnis, in jeden einzelnen Ton Tiefe, Bedeutung und Brisanz zu legen.“

Das hört man u. a., wenn sich Erdmann und das Trio “Das Kapital“ mit der Musik Hanns Eislers auseinandersetzen. Jetzt tritt Erdmann mit Heinz Sauer in einen lebendigen Dialog: “Mit Heinz zu spielen ist tatsächlich eine Chance, denn er ist ein wirklich einzigartiger Musiker. In seinem Spiel ist eine Dringlichkeit, Ehrlichkeit, Poesie. Er hat eine unverkennbare Stimme, einen sehr inspirierten Sound. Und das verbindet uns auch: die Wichtigkeit des Klanges unserer Instrumente.“

Den verehrten Kollegen hatte Erdmann noch in Konzerten mit Albert Mangelsdorff gehört. “Ihre frühen Platten habe ich erst später wahrgenommen, und das war wirklich eine Offenbarung, denn die ähneln in Ansatz und Struktur meinem Ideal von zeitgenössischer Jazzmusik. Mit anderen Worten: ich kann mich mit diesen Musikern und dieser zeitlosen Musik identifizieren, auch wenn meine Geschichte und Einflüsse andere sind.“

Den Bezugspunkt Mangelsdorff hat das Quartett “Special Relativities“ inzwischen hinter sich gelassen. Sauer, “der Mann, der sich nicht ausruht“ (Berliner Zeitung), fände den Blick zurück vermutlich “unproduktiv“. Stattdessen haben die beiden Instrumentalkollegen mit Bassist Johannes Fink (Joachim Kühn Trio, Aki + the Good Boys) und Schlagzeuger Christophe Marguet (Joachim Kühn, Sébastien Texier) ein eigenes Koordinatensystem entworfen. Die Grundlinien: expressive Melodiösität, ein narratives Klang-Vokabular und die Lust am freien Spiel der Fantasie.

(Text : Tobias Richtsteig)

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Interview mit Heinz Sauer & Daniel Erdmann

Vierer mit zwei Steuermännern
Das Heinz Sauer/Daniel Erdmann Quartett spielt am kommenden Freitag im Braunschweiger Lindenhof modernen Jazz

Eine seltsame Konstellation: 82 Jahre alt ist Heinz Sauer, eine Tenorsaxofon-Legende; Daniel Erdmann, ein Braunschweiger Gewächs, das sich in die erste Liga des Jazz gespielt hat, mit seinen 41 Jahren genau halb so alt. Wie geht das zusammen und warum? Das, aber auch Fragen nach der gegenwärtigen Situation der Jazzmusik, erkundete unser Mitarbeiter Klaus Gohlke im Gespräch mit den beiden Musikern.

Herr Sauer, Sie sind 82 Jahre alt. Warum dann noch Tour-Stress?

Das ist ja keine Tour, sondern mal hier und da ein Konzert. Soll ich mich in den Sessel setzen und auf den Tod warten? Das ist nicht mein Ding.

Sie spielen gern mit sehr viel jüngeren Musikern zusammen.

Ja, das ist einfach interessanter. Jazz, das ist Improvisation. Bei älteren Musikern besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr improvisieren, sondern eher schematisch Gewohntes runterspielen. Immer die gleichen Phrasen. Bei Daniel Erdmann jetzt oder auch beim Pianisten Michael Wollny, da weiß man nie, was im nächsten Moment kommt. Das ist aufregend spontan.

Herr Erdmann, Sie sind in Wolfsburg geboren…

Ja, schon, meine jazzmusikalischen Wurzeln befinden sich aber in Braunschweig. Bei George Bishop habe ich Saxofonspielen gelernt. Es gab im Städtischen Museum tolle Jazzkonzerte, auch bei Otto Wolters habe ich mitgespielt. Braunschweig war ja eine kleine Jazz-Hochburg. Nils Wogram, Jürgen Friedrich, die Groß-Schwülperer, waren kurz vor mir am Wirken.

Sie spielen mit Heinz Sauer zusammen? Was ist das Besondere? So etwas wie ein Showdown? Oder eher Unterstützung eines älteren Kollegen?

Um Himmels willen, weder noch. Heinz – das ist die absolute Klarheit beim Spielen, aber zugleich auch Poesie. Er sucht den perfekten Klang. Es gibt bei ihm keine Beliebigkeit, jeder Ton ist wichtig. Er ist ehrlich im Spiel, nie geschwätzig. Das macht unheimlich Spaß.

Aber zwei Tenorsaxofonisten in der Band, kein Harmonieinstrument – ist das nicht etwas eigenartig?

Ja, schon, wenngleich nicht völlig neu. Der Bassist übernimmt teilweise den Harmoniepart. Er spielt oft gestrichen oder mit Doppelgriffen. Aber nicht nur. Auch die Saxofone können die Harmoniker sein.

Herr Sauer, wie sehen Sie das Tenorsax-Doppel?

Naja, ich liebe ja das Zusammenspiel mit einem Klavier, das dann die Harmonien legt. Aber so etwas wie jetzt, das ist sehr inspirierend, das hab ich ja auch mit Albert Mangelsdorff gemacht. Posaune und Sax. Der Reiz zweier Saxofone besteht ja auch darin, zwei unterschiedliche Spielkulturen zu erleben. Zwischen Daniel Erdmann und mir gibt es Übereinstimmungen, aber vom Spiel her auch große Differenzen. Das liefert Spannung.

Unlängst sagte ein Kritiker polemisch, es gebe ein Überangebot an Jazzmusikern, ähnlich wie bei Nagelstudios.

Da ist was dran. Was oft fehlt, ist eine Aussage. Jazz ist eine Musik des Protestes, eine Musik der Freiheit. Darin ist sie auch politisch. Die Nazis hassten Jazz. Es geht darum, die Seele rauszuspielen. Das fehlt im Kommerz der Gegenwart zu oft.

Herr Erdmann, viele junge Jazzmusiker verlassen die Hochschulen. Zu viele?

Na ja. Das Problem ist: sie spielen richtig. Mehr aber auch nicht. Ein Instrument lernen, ist ja nichts Außergewöhnliches. Es muss dann aber etwas hinzukommen. Eine außergewöhnliche Kreativität; die Fähigkeit, magische Momente im Spielen zu evozieren. Technik allein ist steril.

Was wünschen sie beide sich für das Konzert am Freitagabend?

Dass es viele dieser tollen Momente gibt im Zusammenspiel zwischen uns Musikern und dem Empfinden des Publikums. Einen gelungenen Austausch ohne Worte.

BZ-Text vom 16.5.2015

Hendrika Entzian Quartett feat. Sandra Hempel

Lindenhof, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Maxi Jagow – Saxofon
Simon Seidl – Piano
Hendrika Entzian – Bass
Fabian Arends – Schlagzeug
Sandra Hempel – Gitarre

Die Musik des Kölner Quartetts um die Kontrabassistin Hendrika Entzian lockt mit akustischen Klängen, songartigen Strukturen und melodischen Bögen. Detailscharf und geschmackssicher changiert die Band zwischen lyrischen Momenten und kräftigen Improvisationen. Im April erscheint “Turnus”, das neue Album des 2012 gegründeten Quartetts. Im Repertoire finden sich einige wenige Standards, hauptsächlich aber Kompositionen von Hendrika Entzian und dem Tenoristen Maxi Jagow.

Sandra Hempel kennen wir bereits von einigen früheren Auftritten. Sie spielt eine halbakustische E-Gitarre und bedient sich elektrischer oder elektronischer Effektgeräte nur sparsam. Wie bei allen guten Gitarristen fällt auf, dass die Musik “zunächst aus den Fingern kommt”, wie ein Kritiker anmerkte. Sie spielt ein bisschen mit dem Volumen, verändert ein bisschen den Hall – das genügt ihr. Ihre Gitarre ist für sie gleichzeitig Harmonie- und Melodieinstrument.

“Seit Jahren zählt die Gitarristin Sandra Hempel zu den vielseitig geschliffenen Juwelen der Hamburger Jazzszene. So kennt man sie, …, sicher und prägnant den großen Klangkorpus der NDR-Bigband belebend, groovy die Flamme unter den Rhythmus von diversen Latin- und Funkbands haltend oder konzentriert die Tiefen der harmonischen Möglichkeiten auslotend, …”
(Die Welt, 04.10.2012)

Inzwischen ist Sandra Hempel mit einer eigenen Band aus der zweiten Reihe hervorgetreten und hat auch gerade mit ihren eigenen Kompositionen ein weites Terrain abgesteckt, in dem Interaktion und Wechselrede die wichtigsten Triebkräfte sind.

Karten:
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Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

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Kritik zu “SOUL JAZZ FACTOR”

Fetz-Jazz
„Soul Jazz Factor“ spielt im Braunschweiger LOT-Theater zeitlosen Hard Bop

Gemütlicher Seelen-Jazz schien nicht angesagt. Die Musik der fünf Jazzer – drei US-Amerikaner, ein Österreicher, ein Schweizer – sprang einen förmlich an. Satte rhythmische Grundierung durch Joris Dudli am Schlagzeug, Jared Gold am „Hammond-B3“-Keyboard und John Arman an der E-Gitarre. Im Zentrum aber die beiden Bläser Jeremy Pelt (Trompete) und Vincent Herring (Alt-Sax). Ihre spitzigen, rasanten und absolut präzisen Unisono-Riffs, stellten das Thema vor und dann ging es ab in die Improvisation. Dieser Konzertbeginn war gewissermaßen programmatisch, ein wenig durchbrochen durch zwei Balladen und einen Gospelrückgriff.

Eigentlich war es eine Jazz-Zeitreise. Nicht irrsinnig lang zurück, nur fünfzig Jahre, in die Zeit des Hard-Bop. Zum Jazz, der nicht länger abgehoben harmonisch herumfrickeln oder obercool sein wollte, stattdessen einen reflektierten Blick auf die schwarzen musikalischen Traditionen und eine Versöhnung von Kopf und Seele anstrebte.
„Soul Jazz Factor“ machte aber nicht einen auf Retro oder Nostalgie. Etwas überraschend Zeitloses wurde stattdessen am Sonntagabend im sehr gut besetzten LOT-Theater hörbar. Das lag zum einen sicherlich daran, dass man die Hits jener Jahre ignorierte und stattdessen Eigenkompositionen spielte.
Vor allem aber bestachen das Können und die Präsenz der Musiker. Allen voran Vincent Herring, dicht gefolgt von Jeremy Pelt. Meisterhaft der Umgang mit Spannungsauf- und -abbau, mit Veränderungen der Tempogestaltung, der Akzentuierungen innerhalb der Soloparts. Souverän verfügten sie über die Stilmittel unterschiedlicher Jazzgenres. Mit ihnen präsentierten sich zwei sehr angenehm selbstbewusste Musiker. Freilich hätte Herring statt doch sehr weitschweifiger Erläuterungen zu Songtiteln lieber ein Stück mehr spielen können.
Daneben wirkte John Arman fast ein wenig verschüchtert mit seinen tadellosen Akkord- und Einzelsaiten-Soli auf der clean gespielten Jazzgitarre. Jared Gold agierte sowohl hintergründig melodisch, als auch solitisch. Sein Gospel-Intro in „You got soul“ schuf wunderbar die Atmosphäre dieses Hammond-Orgel-Sounds einer amerikanischen Baptistenkirche, um es dann mit wenigen Akkordauflösungen ironisch zu unterlaufen. Ein Meister seines Fachs. Für das alles lieferte Joris Dudli uneigennützig und absolut funktional die Beats. Insgesamt ein tolles Zusammenwirken der Band, was der Publikum hoch erfreute.

Klaus Gohlke

Interview mit Joris Dudli (Soul Jazz Factor)

Musik für Bauch und Seele
„Soul Jazz Factor“ spielt am kommenden Sonntag modernen Jazz im Braunschweiger LOT-Theater

Mit der Gruppe „Soul Jazz Factor“ kommt wieder einmal eine hochkarätige internationale Jazzformation nach Braunschweig. Sie tritt am Sonntag, dem 22.März um 20 Uhr im LOT-Theater auf. Unser Mitarbeiter Klaus Gohlke telefonierte vorab mit ihrem Chef-Komponisten, dem schweizerisch-österreichischen Schlagzeuger Joris Dudli, in seinem Wohnort Wien.

Herr Dudli, was haben wir zu erwarten? Soul oder Jazz oder ein undurchsichtiges Gebräu?

Um das gleich klar zu machen: Wir sind allesamt Jazzer. Unser gemeinsamer Hintergrund ist der Hard-Bop. Wir kopieren doch nicht Wilson Pickett oder James Brown. Soul Jazz meint: die Musik soll Bauch und Seele ansprechen, keine Hirnakrobatik. Alles eigene Kompositionen und ein interessanter Sound schon von der Instrumentierung her: Hammond-B3-Orgel, Sax, Trompete, Gitarre, Schlagzeug. Das gibt Klangfarben, Groove und Flow.

Drei Bandmitglieder kommen aus den USA, einer aus Österreich, Sie sind schweizerischer Österreicher. Eine seltsame Melange, oder?

Ich hab lange in New York gelebt und mit den Amerikanern in verschiedenen Formationen, auch mit vielen internationalen Stars gespielt. Wir kennen uns hervorragend. Neu ist John Arman aus Wien, ein fantastischer junger Gitarrist.

Man sucht „Soul Jazz Factor“ vergeblich in den sozialen Netzen. Nur ein kurzer Mitschnitt aus dem Londener „Ronnie Scotts“ von 1:01 min. Dauer auf YouTube. Ist das nicht riskant heutzutage?

Wissen Sie, der Job als Musiker ist beinhart. Wir müssen alle in verschiedenen Gruppen spielen. Eine feste Band geht aus Kostengründen nicht. Da bleibt keine Zeit mehr für Social Media und Homepage. Aber ein Info-Problem besteht da schon.

Ihr Tourplan ist ja grausam: z.B. Thalwil( Schweiz), Braunschweig, Saarbrücken, Monza (Italien) Jeden Tag woanders. Wie hält man das durch?

Tja, den Plan machen wir nicht. Man muss sehen, wann wo die Clubs bespielbar sind. Das ist schon anstrengend, man wird ja auch nicht jünger. Das geht nur, weil wir uns so gut kennen. Stress ist weg, wenn man spielt und merkt, dass das Publikum anbeißt. Und von Braunschweig wissen wir, dass es ein gutes Publikum hat. Wir freuen uns schon auf das Konzert im LOT-Theater.

SOUL JAZZ FACTOR

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Jeremy Pelt – Trompete
Vincent Herring – Altsaxofon
John Arman – Gitarre
Jared Gold – Hammondorgel
Joris Dudli – Schlagzeug

Die jahrelange Zusammenarbeit von Vincent Herring und Joris Dudli hat mit diesem Quintett einen neuerlichen Höhepunkt erreicht. Dass ihre jüngste CD “True Paradise“ für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2014 nominiert wurde, dürfte an der Kombination eines extrem virtuosen Hammond B 3-Trios mit dem perfekt eingespielten Bläserteam Herring/ Pelt liegen, das die teils funkigen, teils ohrwurmartigen Arrangements höchst soulig interpretiert.

Jeremy Pelt – tp
Jeremy Pelt hatte schon im Grundschulalter klassischen Trompeten-Unterricht, konzentrierte sich aber später auf den Jazz. Er studierte Jazzimprovisation und Filmmusik an der Berklee School of Music in Boston, wo er den Bachelor of Arts erwarb. Seit seiner Ankunft in New York spielte er mit vielen großen Persönlichkeiten des Jazz: Jimmy Heath, Frank Wess, Charli Persip, Frank Foster, Ravi Coltrane, Ralph Peterson, Nancy Wilson und vielen anderen. Er arbeitete mit namhaften Bands wie dem Village Vanguard Orchestra, der Roy Hargrove und der Duke Ellington Big Band. Zur Zeit ist er Mitglied des Lewis Nash Septetts, der Mingus Big Band und der Cannonball Adderley Legacy Band. Von dem weltbekannten Magazin Downbeat wurde Pelt zwei Jahre nacheinander zum Rising Star auf der Trompete gewählt.

Vincent Herring – as
Herring wuchs in Vallejo in Kalifornien auf, wo er ab 1980 an der California State University studierte, bevor er 1983 nach New York zog. Dort studierte er an der Long Island University und wurde außerdem privat von Phil Woods unterrichtet. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich nebenbei als Straßenmusiker. 1985 bis 1988 war er in der Band von Lionel Hampton, 1987 im Quintett von Horace Silver und 1989 bei Art Blakeys Jazz Messengers. Bekannt wurde er als Mitglied der Nat Adderley-Band, der er von 1987 bis 1993 angehörte. Von dessen Bruder Cannonball wurde er musikalisch wesentlich beeinflusst. Mit 14 Alben als Leader und weit über 100 als Sideman schreibt Vincent Herring schon lange Jazzgeschichte. Bis heute ist er im Louis Hayes und im Kenny Barron Quintett zu hören und spielt auf internationalen Festivals immer wieder in verschiedenen All Star-Formationen wie z. B. “Kind Of Blue“.

John Arman – g
John Howard Arman wurde 1986 in Innsbruck geboren. Dank seiner Eltern kam er früh mit Musik in Berührung und machte seine ersten Bühnenerfahrungen als Sängerknabe im zarten Alter von 4 Jahren. Mit 8 bekam er den ersten Gitarrenunterricht und mit 14 Unterricht am Konservatorium Innsbruck. Nach einigen Jahren im Klassischem Konzertfach wechselte er zum Jazz-Studium, zunächst in Innsbruck und später in Linz in der Gitarren-Klasse von Peter O’Mara.
Es folgten erste Radio- und Fernsehauftritte sowie einige internationale Preise, Engagements u.a. bei Charlie Haynes und Richie Beirach sowie als Vorgruppe von Jim Hall. 2011 beendet er sein Studium mit Auszeichnung und siedelte nach London zum Masterstudium an der renommierten Royal Academy Of Music über, wo er Unterricht bei Phil Robson, John Paricelli, Mike Walker und Pat Martino hatte. Heute hat John Arman seinen Lebensmittelpunkt in Wien.

Jared Gold – org
Seinen Aufstieg zu einem der gefragtesten neuen Organisten in der New Yorker Szene verdankt Gold seiner jahrelangen Hingabe an die Hammond B-3 und deren Ikonen wie Larry Young, Jack McDuff und Don Patterson. Seiner Vielseitigkeit verdankt er die Zusammenarbeit mit vielen etablierten Jazzgrößen wie u. a. Dave Stryker, John Abercrombie, Ed Cherry, Jon Gordon, Oliver Lake, Bill Goodwin, Adam Nussbaum, Jimmy Ponder, Ralph Bowen, Bruce Williams, Cecil Brooks III, Don Braden, Ralph Peterson, William Ash, John Swana, and Tony Reedus. Außerdem hat ihm die langjährige Zusammenarbeit mit dem Posi-Tone-Label schon fünf Alben als Leader beschert.

Joris Dudli – dm
Joris Dudli konnte sich besonders während seines fast zehnjährigen Aufenthalts in
New York vielschichtig musikalisch profilieren. In dieser Zeit legte er auch den Grundstein für seine langjährige Zusammenarbeit mit Vincent Herring. In Österreich hatte er sich schon lange zuvor zunächst im Austropop und später mit dem Vienna Art Orchestra und dem Art Farmer Quintet etabliert. Es folgten unzählige Konzerte mit internationalen Musikern wie Benny Golson, Chico Freeman, Johnny Griffin, Joe Henderson u.v.a. und 2002 auch mit dem Joe Zawinul Syndicate. Über die Jahre hat sich Dudli auch als Komponist einen Namen gemacht. Viele seiner Stücke wurden insbesondere durch die Formation “Earth Jazz“ bekannt.

Karten:
Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage 1, Tel.: 0531 / 125712
Touristinfo Braunschweig, Kleine Burg 14, Tel.: 0531 / 470-2040
Konzertkasse Braunschweig, Schloss-Arkaden & Schild 1a, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

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Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
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Kritik zu “Otto Wolters Quartett”

Ein Blick in Ottos Jazzwerkstatt
Der Theatersaal des Braunschweiger Lindenhofes wird mit dem Otto-Wolters-Quartett erfolgreich wieder eröffnet

Paolo weg, der Lindenhof geschlossen – für die Freunde der italienischen Küche und des stilvoll eingerichteten Gastraumes ein schwerer Schlag. Genauso wie für die hiesigen Jazzfreunde, war der angeschlossene Theatersaal doch fester Spielort geworden für die Veranstaltungen der Initiative Jazz-BS. Wo einen Ort finden für gut 150 ZuhörerInnen, der auch über Räume für die Musiker verfügt und über belastbare gastronomische „Unterfütterung“? Dunkle Zeiten zeichneten sich ab, zumindest ein Wanderleben, das für das zarte Pflänzchen „Aufführungskultur“ nicht gerade förderlich ist.
Doch siehe! Ein neuer Eigner und ein neuer Bewirtschafter trauten sich sowohl eine Restaurant-Neueröffnung und dann auch den Erhalt des Saales und seine Nutzung z.B. für Jazzkonzerte zu. Der Raum wurde behutsam renoviert und erstrahlt in zurückhaltendem Glanz. Freilich ist noch Etliches zu tun! Weil z.B. ZuhörerInnen und Band auf einer Ebene sitzen, ist es schwer die Musiker zu sehen, was ja zu einem Live-Konzert dazu gehört. Die Bühne selbst ist für eine Band wohl zu klein, wenn ein Flügel gebraucht wird. Gute Ideen sind also noch erforderlich.
Eine gebührende Neueröffnung sollte es nun am letzten Samstag geben, und – da kann man dem Jazz-BS-Chef Rainer Müller in seiner Anmoderation nur zustimmen – für Braunschweig und diesen Spielort „gebührend“ konnte nur heißen, mit der Jazz-Piano-Institution Otto Wolters und seinem Quartett zu starten. Schon Wochen vorher war das Konzert ausverkauft. Es wurde ein tiefer Blick in Otto Wolters‘ Jazzwerkstatt.
Dass das nicht ein rührend-wehmütiges Konzert von Jazzveteranen werden sollte, wurde von Beginn an deutlich. Wer mit Wayne Shorters „Black Nile“ startet, signalisiert Anspruch und Risikobereitschaft. Denn das ist keine moderate Einstimmungsnummer. Es geht vom Tempo und der kompositorischen Komplexität her zur Sache. Uli Beckerhof an der Trompete hatte sofort Schwerstarbeit zu leisten, und so routiniert alle vier Musiker auch sind, es knirschte hier und da doch ein Körnchen Sand im musikalischen Getriebe. Freilich, das ist bei einer Band, die sich eher punktuell trifft, nicht anders zu erwarten. Beckerhof nahm es gelassen. „Haben Sie gemerkt? Wir haben geübt!“, sagte er schelmisch-doppeldeutig.
Aber – vielleicht wäre ein Einstieg mit der Eigenkomposition „Dreampipe“ einfacher gewesen. Die balladeske Grundstimmung dieses Stückes mit seinem verhaltenden Tempo erlaubten Wolters schöne improvisatorische Ausflüge mit feinen Tempoveränderungen.
Auch als Trio ohne Trompete wusste man zu überzeugen. Feines Interplay, schöner Rollenwechsel dank des überaus klar konturierten melodiösen Bassspiels von Gunnar Plümer. Wolters ließ ihm und dem Schlagzeuger Michael Küttner viel Raum und Zeit, „ihr Ding zu machen“.
Intim wurde es, als Otto Wolters nach Quartett und Trio dann im Duo zusammen mit dem Sänger Matthias Köninger seiner Neigung nachging, so etwas wie deutsche Gegenstücke zum „Great American Songbook“ zu präsentieren. Alte deutsche Schlager, Filmmusiken der 1930iger bis 1950iger Jahre erhalten dabei ein Jazzgewand und sind dann keine alten Schmonzetten mehr. Theo Mackebens „Bei dir war es immer so schön“ als Bossa präsentiert, und später dann die Heymann-Komposition „Irgendwo auf der Welt gibt es ein kleines bisschen Glück“ – mit feinen Jazzharmonien entsentimentalisiert – zeigten Köninger als Sänger, der nicht nur den Mut aufbringt, sich derart zu exponieren. Vielmehr überzeugte er mit guter Phrasierung und klarer Orientierung im Ablauf der Kompositionen.
Wer die Arrangements vielleicht mitunter zu schematisch im Aufbau empfand (Thema-Solo1-Solo2 usw.- Reprise), manche Ablaufplanung unvollendet oder das Schlagzeugspiel zu Old-School-artig trommellastig empfand, der konnte sich mit der Interpretation von Herbie Hancocks „Cantaloupe Island“ getröstet sehen. Wunderbar groovend mit mutiger Scateinlage und einem großartig Tongebirge auftürmenden Uli Beckerhof ließen keinen Wunsch offen. In der Tat ein einnehmender Neustart der Lindenhof-Jazzkonzert-Serie.

Klaus Gohlke

Otto Wolters Quartett

Lindenhof, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Otto Wolters – Piano
Ulli Beckerhoff – Trompete
Gunnar Plümer – Bass
Michael Küttner – Schlagzeug

Für die Initiative Jazz Braunschweig ist es eine große Freude, dass wir wieder an einen für unser Publikum gewohnten Spielort – den Lindenhof – zurückkehren können. Der Lindenhof präsentiert sich in neuem Gewand – dazu möchten wir mit einem Konzert unseres Gründungsmitglieds und guten Freundes Otto Wolters einen Kontrapunkt setzen.

Das Otto Wolters Quartett, das wir begrüßen, ist eine Erweiterung seines Trios, das er in den 1960er Jahren mit Gunnar Plümer und Michael Küttner gründete und mit dem er zunächst für das Goethe-Institut auf Tournee ging. Es folgten viele anderweitige Engagements. Das Otto Wolters Trio knüpfte bewusst an Konzepte berühmter Trios wie die von Bill Evans and Keith Jarrett an und brachte es zu internationaler Bekanntheit. Wolters hat mit vielen bedeutenden deutschen Künstlern gespielt, darunter Gunter Hampel, Carmel Jones, Attila Zoller, Toto Blanke, Leszek Zadlo, Michael Küttner und Albert Mangelsdorff. 1980 war er zusammen mit dem amerikanischen Tenorsaxofonisten Sonny Stitt auf Tournee, 1985 mit dem Pianisten Hans Christian Wille.

Otto Wolters  kam nach zehn Jahren Ausbildung in klassischer Musik zum Jazz: beim Hören einer Platte von Erroll Garner erwischte ihn der coup de foudre. Und diese Leidenschaft hat ihn nicht wieder losgelassen. Ausbildungen in Jazzpiano gab es damals noch nicht, also brachte er es sich selbst bei. Ab 1974 füllte er diese Lücke dann und wurde Dozent für Jazzpiano an der Musikhochschule Hannover und in Braunschweig. Unterricht hat er außerdem an Jazz Clinics und Jazzseminaren in Burghausen, Osnabrück und Weikersheim gegeben, und auch die Nachwuchsförderung liegt ihm damals wie heute am Herzen.

Neben seiner engagierten beruflichen Arbeit ist er seinem alten Trio immer treu geblieben, und auch noch heute treten sie gemeinsam auf, sobald ihre eigenen Projekte ihnen dazu Zeit lassen.

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Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jazz und Film in der Reihe “Sound on Screen”

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, Braunschweig

WHIPLASH
Regie: Damian Chazelle, USA 2014, 106 Min, OmU

Der 19jährige Andrew hat ein ehrgeiziges Ziel und möchte Jazz Drummer der Spitzenklasse werden. Dabei wird ihm von seinem gnadenlosen Lehrer buchstäblich alles abverlangt… Der gefeierte Gewinner beim Sundance Festival 2014 begeistert durch explosive Performances voller roher Energie und ansteckenden Bebop-Swing nicht nur Jazzfans. “Ein elektrisierendes Erlebnis” Rolling Stone. “Whiplash ist der Film des Jahres” Entertainment Weekly
Deutsche Vorpremiere!

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Kritik zu “Matthias Tschopp Quartet Plays Miró”

Zwischen Skikurs und Insektenmord
Das Matthias Tschopp Quartet verjazzt Bilder von Joan Mirò

„Ski-Kurs“ oder „Vogel, Insekt, Konstellation“ oder „Blau 1“ oder „Frau“, gar: „Stille“ – alles Titel von Gemälden des katalanischen Malers Joan Miró (1893-1983). So – suchen Sie sich einen Titel heraus und setzen Sie ihn in Töne um. Wie – geht nicht so einfach? „Stille“ –das ist ja wohl ganz leicht! Ich sage nur John Cage und 4:33! Eine leere Menge von Tönen.

Aber zugegeben: „Skikurs“, das ist schon von anderem Kaliber. Höchst komplex. Mirós Bild hilft allerdings, insofern es ja die Komplexität reduziert. Man sieht Linien, farbige Flächen verschiedener Form, einen grauweiß melierten Hintergrund, schwer zu beschreibende Muster und eine Schwerpunktbildung im Raum Mitte-Rechts. Freilich – dass diese Reduktion nun „Skiing Lesson“ heißt, erschließt sich nicht zwingend.

Aber vielleicht könnte man, wenn man am Vertonungsgebot festhalten will, diese Flächen, Farben, Formen, Symbole, Relationen und Proportionen in eine Komposition transformieren. Es braucht nur etwas Mut und Phantasie, und schon sind die gebogenen Linien Skispuren im Schnee. Hier steckt Dynamik. Die große kreisförmige, aus verschieden großen Teilen unterschiedlicher Farbe zusammengesetzte Fläche, das ist der Skilehrer, Ruhe und Stärke ausdrückend. Gegenpol zum Gewusel. Absperrgitter vor drohenden Abhängen könnte man hinein- oder heraussehen, da hätten wir Gefahr und Begrenzung, vielleicht auch Sicherheit.

Und nun bedarf es nur der musikalischen Sprache: Skalen, Metren, Instrumentierung, um dieses Konglomerat aus Dynamik, Statik, Begrenzung, Aufbruch, Ende, Gefahr, Dominanz, Lenkung und Chaos umzusetzen.

Matthias Tschopp, Schweizer Baritonsaxofonist Jahrgang 1986, ist Miró-begeistert und als er einst Ladehemmung beim Komponieren hatte, waren dessen Bilder seine „Rettung“. Sie lieferten Impulse, waren Inspirationsquelle für die Tschoppsche Tonsprache. Alles sehr intuitiv, subjektiv, doch nicht die reine Willkür. Tschopp präzisiert: „Die Bilder gaben mir Basisimpulse. Die Musik verselbständigt sich dann sowieso, zumal bei den Improvisationen. Es kann sich jeder auch eigene Bilder zur Musik dazu denken.“

Methodisch durchdacht und erhellend – so scheint es – wird zur Musik das jeweilige Miró-Bild als Hintergrund projiziert. Aber genau das ist die Crux. Was als Erläuterung gedacht war, dieser Sinnes-Doppelreiz, wird zur Belastung. Soll ich sehen, soll ich hören? Zwangsläufig versucht man Zusammenhänge zwischen Musik und Bild herzustellen, gerät ins Nachdenken. Verpasst darüber aber – weil so flüchtig – musikalisches Voranschreiten. Gut gemeint, aber doch eher ablenkend. Es wäre besser gewesen, vor jeder Komposition das Bild für einen Moment zu zeigen, es dann auszublenden, damit volle Konzentration auf die musikalische Transformation gelingt.

Ungeteilte Aufmerksamkeit hätte die Band bei ihrer Qualität sowieso verdient. Anders noch als Dave Brubecks Miró-Hommage von 1961 auf „Time further out“, der die Kompositionen im Blues-Kontext verortete und dort nach allen Regeln der Kunst umgestaltete, gibt es bei Tschopp kaum explizite Genre-Rückgriffe, nicht die Thema-Solo-Rituale. Vielmehr wird den Kontrasten, die Mirós Bilder bieten, nachgegangen und unterschiedlich auf die Instrumente verteilt. Es sind Stimmungsbilder oder aber – bei etwas Phantasie – Erzählminiaturen, die die Musiker entwerfen. Mal jeder für sich, mal korrespondierend, in scharfem Gegensatz zueinander oder harmonisierend.

Und so wird „Bird, Insect, Constellation“ etwa zur düsteren Mordgeschichte, sehr schön von Yves Theiler am Piano inszeniert. „Woman“ hat nichts vom „netten Weibchen“. Hier geht es harthackig zu, wie Stan Neufeld am Schlagzeug eindrucksvoll akzentuiert. Bassist Luca Sisera lässt in seinem langen Solo in „Portrait of a young girl“ das Mädchen kreiselnd tanzen, gleichzeitig aber untergründig Düsteres mitschwingen. Feine Arbeit. Und last but not least zeigt Matthias Tschopp virtuos, was für ein interessantes Instrument das große Baritonsaxofon ist. Viel zu selten – und dann auch so gekonnt – kann man es als Soloinstrument mit seinem großen Tonumfang, wenn man die Obertöne mit einbezieht, hören.

Ketzerische Frage zum Abschluss: Hätte auch Hans Holbeins „Passion“ als Inspirationsquelle dienen können? Dürers „Hase“, C.D. Friedrichs „Mondaufgang am Meer“, Turners „Figthing Temeraire“? Wohl eher nicht! Durchaus aber Paul Klee, Max Ernst – oder: allgemeiner und salopp gesprochen: die Maler der „weichen Abstraktion“, die noch Figürliches, fassbar Symbolisches, Dechiffrierbares in ihren Bildern zeigen.

Fazit: ein interessantes, anregendes Konzert, das am richtigen Ort, der HbK Braunschweig, mit knapp einhundert Zuhörerinnen und Zuhörern, doch zu wenig Resonanz fand.

Klaus Gohlke

Matthias Tschopp Quartet Plays Miró

Aula der HBK, Johannes-Selenka-Platz 1, 38116 Braunschweig

Matthias Tschopp, Baritonsaxofon
Yves Theiler, Piano
Luca Sisera, Kontrabass
Stan Neufeld, Schlagzeug

Eine schwarze Melodie zu gelben Akkorden, rote Klänge zu den Rhythmen von Pinselstrichen. Der Baritonsaxofonist Matthias Tschopp vertont mit seinem neuesten Projekt Bilder des katalanischen Malers Joan Miró (1893-1983). Moderne Kunst gespielt als Jazz: kreativ, originell, farbig.

Die Idee, Jazz und Malerei programmatisch zu verknüpfen, kam Matthias Tschopp während eines Studienaufenthaltes in Barcelona bei einem Besuch der berühmten Fundació Joan Miró. Mit seinem Quartett ist es ihm eindrucksvoll gelungen, die Bilder des katalanischen Meisters in zeitgenössische Jazzmusik umzusetzen und daraus ein sehr eigenes, faszinierendes Klangbild entstehen zu lassen. Mirós Werke werden als Projektionen während des Konzertes gezeigt. Das Matthias Tschopp Quartett überzeugt mit eleganten Kompositionen und Arrangements, einem subtilen Zusammenspiel und einem technisch brillanten wie dynamischen Auftritt. Hier finden Farben, Figuren, Klänge und Imagination perfekt zusammen.

Das Matthias Tschopp Quartett ist diesjähriger Gewinner des renommierten Preises der Zürcher Kantonalbank und zum ersten Mal in Deutschland zu hören.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Tomasz Stanko Quartett

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Tomasz Stanko – trumpet
David Virelles – piano
Thomas Morgan – bass
Gerald Cleaver – drums

Der Klang seines Instruments sei eng mit seinem Leben verbunden, sagt Tomasz Stanko. Von Kindheit an war er, Sohn eines Geigers, vom Klang der Trompete fasziniert. Rau, kernig und doch sehnsuchtsvoll – melancholisch. So wie man es der polnischen Seele gerne attestiert.

Stanko gehört zur ersten Generation europäischer Musiker, die als Reaktion auf den amerikanischen Free Jazz neue Wege suchten und einen ihnen eigenen musikalischen Ausdruck fanden. Sein Vorbild war Krzysztof Komeda, von dem er 1963 auf dem Warschauer Jazz Jamboree eingeladen wurde, in dessen Band zu spielen. Der gehörte er mehrere Jahre an und spielte mit ihr auch im Westen.

Über Krzysztof Komeda sagt Stanko: “Er war so etwas wie ein Guru für mich, besonders als Komponist. Er zeigte mir, wie einfach Lebendigkeit sein kann, wie man das Entscheidende spielt, ohne die unterschiedlichsten Harmonien, Asymmetrien und vielen kleinen Details auszublenden. Ich kann wirklich glücklich sein, dass ich meine Karriere mit so einem Lehrer beginnen durfte.”
Mit Komeda spielte Stanko 1966 die Platte “Astigmatic” ein, die zu den Standards der polnischen Jazz-Geschichte gehört. Danach folgten Tourneen durch Jugoslawien, Tschechoslowakei und Skandinavien, arbeitete er mit dem Pianisten Andrzej Trzaskwoski zusammen, bis er 1968 sein Quintett mit dem Tenor-Saxophonisten Janusz Muniak aufbaute. Bis 1973 gastierte das Ensemble auf allen großen Festivals, wobei Stanko immer wieder die Zeit blieb, bei anderen Projekten mitzuwirken

Einengungen hat Tomasz Stanko in seiner Heimat Polen nie erleben müssen. Die Jazz-Landschaft war zwar klein und übersichtlich, aber dank der Kontakte, die die polnische Jazzföderation zur amerikanischen Botschaft unterhielt, waren Konzerte amerikanischer Bands möglich, und dank Joachim-Ernst Berendt kamen auch deutsche Gruppen zu dem Warschauer Jazzfestival.

Bis in die 1980er Jahre schloss sich Stańko keiner Formation mehr dauerhaft an, sondern trat mit unterschiedlichen Musikern auf (u. a. Dave Holland, Tomasz Szukalski, Edward Vesala, Cecil Taylor, Heinz Sauer). In Indien entstand 1980 das Soloalbum Music from Taj Mahal and Karla Caves. Dann arbeitete er mit dem Trio von Sławomir Kulpowicz. Mit C.O.C.X. und mit seiner Freelectronic (zu der unter anderem Vitold Rek gehörte) spielte er Fusion und trat auch auf dem Jazz Festival Montreux auf. Sein Komeda-Tribut Litania erhielt 2000 den Deutschen Schallplattenpreis. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends spielte er zunächst mit den Musikern des Simple Acoustic Trio (Marcin Wasilewski – Piano, Sławomir Kurkiewicz – Kontrabass, Michał Miśkiewicz – Schlagzeug) zusammen. 2013
arbeitete er mit einem amerikanischen Quartett zusammen.

Seit den 1970er Jahren hat seine Musik alle Bereiche des Jazz verinnerlicht; durch die Integration, Assimilation und Auflösung konventioneller Rhythmen, Harmonien und Strukturen entstehen scheinbar atonale und schwebende Klänge, die auf eine spezifische Weise musikalisch geordnet sind. Das Besondere am Spiel Tomasz Stańkos sind sein eigener, unverwechselbarer Sound, die slawische Melancholie und der kraftvolle, “schmutzige“ Klang seiner Trompete, der bereits beim ersten Ton seinen Schöpfer erkennen lässt.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jazz und Film in der Reihe “Sound on Screen”

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, Braunschweig

TRANSMITTING

Regie: Christoph Hübner, Deutschland 2013, 87 Min, OmU

Drei Jazzmusiker erfüllen sich einen Traum und verbringen einen Monat gemeinsame Zeit in Marokko: der deutsche Pianist und Saxophonist Joachim Kühn, der Sänger und Guembrispieler Majid Bekkas aus Marokko und der der spanische Perkussionist Ramon Lopez. Zeit für Musik, für Begegnungen und für eine neue CD. Sie mieten ein kleines Studio in Rabat und laden Gastmusiker dorthin ein. Sie fahren in die Wüste, um eine Trommlergruppe zu treffen und mit ihnen Aufnahmen zu machen. Dazwischen Abstecher in den Alltag, Abstürze und kleine Krisen. Jeder der Musiker hat ein Solo. Ein Film über improvisierte Musik und die Arbeit an ihr, ein Film über die Begegnung verschiedener Kulturen, ein Film über das Fremde und das Eigene. Wo kommt man her und wo will man hin? Und einfach jede Menge gute Musik. (RealFiction)

Transmitting” ist Dokumentation, Reisereportage und Musikfilm zugleich. Dabei bricht er mit den gängigen ‘Klischees von Weltmusik und erzählt, worum es bei dieser Musik eigentlich geht.

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Kritik zu “Joachim Kühn / Majid Bekkas / Ramon Lopez: Chalaba”

Chalaba
Das Joachim Kühn-Trio interpretiert die Tradition neu

„Es freut mich wirklich sehr, hier in Braunschweig zu sein! Braunschweig forever!“ Wer kennt sie nicht, diese Redewendungen von Künstlern. Captatio benevolentiae, ein altes Stilmittel der klassischen Rhetorik. Die Leute für sich gewinnen, bevor es zur Sache geht.
In unserem Falle aber steckt mehr dahinter. Joachim Kühn, unbestritten der große deutsche Jazzpianist, geizte nicht mit Komplimenten in Bezug auf Braunschweig am Sonntagabend anlässlich seines Auftritts im LOT-Theater. Nicht nur viermal gastierte er in Braunschweig, wie offiziell verkündet, nein, mindestens fünfmal, und ich wage zu behaupten, dass es sechsmal war. Schon 1972 spielte er im Lindenhof, jammte zusammen mit dem Braunschweiger Piano-Urgestein Otto Wolters. Aber er hat vorher, oder zeitgleich, auch im Audimax der TU BS Solopiano gespielt. Sehr, sehr frei, was viele als willkürlich und dilettantisch empfanden. Egal, er spielte seitdem regelmäßig in Braunschweig, dank der guten Betreuung durch die Musikerinitiative BS und wegen des aufmerksamen Publikums. Großartig das Trio mit J.F. Jenny- Clarke und Daniel Humair. Nur in Paris sei er noch häufiger aufgetreten.
Nun ist er 70 Jahre alt geworden und wieder in Braunschweig und praktizierte, was von der Idee her nicht ganz neu ist, aber eine typisch Kühn’sche Lösung erfuhr: die Aneignung, Konfrontation von amerikanisch-europäischer Jazztradition mit den Skalen und Rhythmen der Musik seines marokkanischen Freundes Majid Bekkas, am Schlagzeug und Perkussion hervorragend und unnachahmlich unterstützt durch den Spanier Ramon Lopez.
Kühn nennt diese Musik „Weltmusik“, andere Ethno-Jazz, was vielleicht besser ist, damit er nicht plötzlich als Peter Gabriel des Jazz eingeordnet wird. Und dass es sich bei seiner Musik nicht um schmusige Folklorisierung des Jazz handelt, das machte das Trio von Beginn an klar.
Kühn wirbelte Hörerwartungen beim Intro „Live Experience“ durcheinander. Unheimliches Tempo, das die nächsten Stücke nicht abflauen sollte, und die Verweigerung eines geordneten Zusammenspiels. Freies Warming up? Nein. Wie aus dem Nichts heraus, ein Riff, das von allen aufgegriffen und variiert wird. Klar strukturierte Dialoge zwischen Kühn und Bekkas Guembi, einer dreisaitigen bassähnlichen Laute, kraftvoll durchbrochen vom Schlagzeug. Eine Wanderung zwischen Ordnung und Chaos, dominiert von rhythmischen Akzenten. Es ist die Gnawa-Musik, die Majid Bekkas in das Trio einbringt. Die Musik einer ethnischen Minderheit in Marokko, aus der Süd-Sahara, aus Mali, der Wiege des Blues. Bekkas Gesang zitiert die Roots der Fieldhollers der Sklaven im Süden der USA. Das Spiel mit der Guembi ist archaisch-rhythmisch, auf den Punkt gebracht im Stück „Chalaba“. Magisch repetitiv ist das Riff, ist der Gesang. Man versteht nicht die Worte, man hört nur den Klang der Stimme und erahnt Anruf, Response, Klage, Ekstase. Afrikanische Kosmogonie, die in der Repetition den Weg in die emotionale Tiefe und in eine höhere Ordnung eröffnet. Anders als später im afroamerikanischen Blues, der sich eine strikte Ordnung verschrieb. Diesen Hintergrund eröffnet Bekkas.
Kühn unterstützt das expressiv am Altsaxofon, am Klavier aber setzt er seine musikalische Welt dagegen bzw. er schafft Lücken für andere Sichtweisen auf die Tradition. Das geschieht wiederum nicht als Kollision, indem etwa europäisches Harmonieverständnis dagegen gesetzt wird. Kühn spielt eine gewissermaßen offene Stimmung. Die Akkorde bleiben uneindeutig, sie sind vermindert oder erweitert, sie orientieren sich nicht an der harmonischen Systematik, sondern am Klangcharakter, der gerade besteht.
Kühn ist ein Altmeister, das Tempo, das er im ersten Set anschlug, sollte wohl demonstrieren, dass er nicht zu den Altersmilden gerechnet werden will, die auf den musikalischen Anspruch verzichten. Im zweiten Set war das Zusammenspiel ruhiger ohne an Dynamik zu verlieren. Nur, wenn Kühn in seine Tonwirbel hineingerät, dann gibt es einfach kein Halten für ihn. Es spielt ihn, könnte man meinen.
Das Konzert war nahezu ausverkauft, trotz Eugen Cicero, trotz Tatort und trotz Sonntagabend überhaupt. Und die Begeisterung war groß. Eine Bemerkung aber zum Abschluss. Die „Hardcore-Jazzer“ hatten Vorbehalte, was den nordafrikanischen Gesang betraf. Ja, es sind andere als die europäisch geprägten Skalen, teilweise ein ganz anderes musikalisches Verständnis. Aber – warum ist man verzückt vom Gilberto-Gesang beim „Girl in Ipanema“? Soll das jazz-affiner sein als der Gnawa-Gesang? Auch Geschmacksurteile sind zu überprüfen.

Klaus Gohlke

Erschienen in kulturblog38.net am 2. 10. 2014

Joachim Kühn / Majid Bekkas / Ramon Lopez: Chalaba

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Joachim Kühn, piano, alto sax
Majid Bekkas, voc, guembri, oud
Ramon Lopez, drums, tabla, perc

Eine Musik von magischer Intensität hat die deutsche Kritik Joachim Kühn und seinem Trio mit Majid Bekkas und Ramon Lopez bescheinigt. Wie bereits zuvor mit Rabih Abou Khalil und Jarrod Cagwin hat er sich mit den beiden auf die Spuren der arabischen und afrikanischen Musik begeben, deren Reichtum er als ausreichenden Fundus für eine Lebensaufgabe bezeichnet hat.

Sein Leben war auch so schon reich an Musikerfahrungen. Er kommt wie einige andere der ganz großen Jazzmusiker aus der klassischen Ecke. Mit 17 entschied er sich für den Jazz und gründete 1964 sein erstes Trio. Mit 22 kehrte er Leipzig den Rücken, traf seinen Bruder Rolf, der diesen Schritt schon vorher gegangen war, in Hamburg wieder und entwickelte sich zu einem allenorts anerkannten und gefeierten musikalischen Weltbürger.

Sein Leben war nicht gerade von Stetigkeit geprägt. Und auch seine musikalischen Vorlieben wechselten mit den Plätzen, an denen er lebte. Immer war er den stilistischen Neuorientierungen im Jazz um einen entscheidenden Schritt voraus, so beim Free Jazz und dann auch beim elektrischen Jazz. Trotzdem ist es immer seine eigene Musik gewesen. So wie er sich durch seine Musikerkollegen in seiner Entwicklung beeinflussen und bereichern lässt, hat er auch immer wieder auf das bereits von ihm Er- und Gelebte zurückgegriffen, es integriert. Ende der neunziger Jahre erlebten wir dann eine fundamentale Veränderung seiner Musik, als er sein eigenes Improvisationsschema entwarf, das Diminished Augmented System. In diesem System gibt es keine Dur- und Mollakkorde mehr, sondern für jede Tonart jeweils vier übermäßige und drei verminderte Akkorde, die er als Klänge bezeichnet. Die rechte Hand spielt die eigentliche Melodie-Improvisation; die Ideen, die ihm kommen, teilen sich dieser Hand – wie er es bezeichnet – “organisch” mit. Der Kopf sei dabei ausgeschaltet. Was heißen dürfte, dass seine Musik von seinem Empfinden gesteuert ist. Lange Jahre habe er gebraucht, um den für diese Spielweise unerlässlichen Zustand überhaupt zu erreichen; er könne anschließend kaum je sagen, was er gerade gespielt habe.

Nach seiner Übersiedlung in den Westen wurde er innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Vertreter der Jazz-Avantgarde in den so unterschiedlichen Jazzmetropolen Paris, Los Angeles, New York und Hamburg. Und mit genau so unterschiedlichen Musikern spielte er dort: Michel Portal, Ornette Coleman, Archie Shepp, Jean François Jenny-Clark, Daniel Humair, Joe Henderson, Rabih Abou-Khalil, Michael Brecker und Michael Wollny. Die längste Strecke ging er mit dem französischen Bassisten Jenny-Clark und dem Schweizer Schlagzeuger Daniel Humair. Das Trio gehörte zu den frappantesten und gefragtesten Formationen des Free Jazz in Europa und spielte – wie sich einige sicher noch erinnern werden – im September 1995 für uns. Die Zusammenarbeit endete mit dem Tod Jenny-Clarks 1998.

In den letzten Jahren hat er sich mit dem marokkanischen Sänger und Guembri- und Oud-Spieler Majid Bekkas und dem spanischen Schlagzeuger Ramon Lopez zusammengetan und auch viel mit Michael Wollny gespielt, der eine Generation jünger ist und seine Diplomarbeit über ihn geschrieben hat. Und unvergessen für die gesamte Welt des Jazz: sein legendärer Auftritt mit Archie Shepp, der Inkarnation der afroamerikanischen Musik.

Joachim Kühn war insgesamt bereits viermal bei uns zu Gast: 1991 mit seiner Jubiläumsband, 1995 mit Daniel Humair und Jean François Jenny-Clark, 1998 mit Detlev Beier und Wolfgang Reisinger und 2005 mit Rabih Abou Khalil und Jarrod Cagwin. Wir freuen uns auf dieses fünfte Mal mit Majid Bekkas und Ramon Lopez.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Interview mit Joachim Kühn

„Grenzüberschreitung – das ist es!“

Joachim Kühn ist so etwas wie der Doyen des deutschen Jazzpianospiels. Am Sonntagabend tritt er mit seinem Trio „Chalaba“ im Braunschweiger LOT-Theater auf. Aus diesem Anlass befragte ihn unser Mitarbeiter Klaus Gohlke telefonisch in seinem Wohnort Ibiza.

KG. Herr Kühn, seit den frühen 70er Jahren treten Sie immer wieder in Braunschweig auf. Was ist das Besondere an dieser Stadt?

JK. Ja, stimmt. Interessant. Das hab ich sonst nur mit Paris oder mit New York. Das Braunschweiger Publikum ist sehr interessiert. Und dann ist die Zusammenarbeit mit dem Team der „Initiative Jazz Braunschweig“ hervorragend.

KG. Sie haben mit allen Größen des Jazz zusammengespielt. Hatten Sie irgendwann so etwas wie die ideale Band?

JK. Eine schwierige Frage. Da waren immer Highlights. Ornette Coleman z.B. Aber – doch: das Trio mit Daniel Humair und J.F. Jenny Clark. Wir waren auch in Braunschweig im Städtischen Museum. Schwierige Akustik, aber toll. Wir drei verstanden uns blind, hatten großartige musikalische Ideen, tolles Zusammenspiel auf höchstem Niveau.

KG. Sie sind gerade 70 Jahre alt geworden. Gibt es noch so etwas wie musikalische Wunschträume?

JK. Nein, Träume nicht. Was ich noch will, muss ich jetzt machen. Was mich umtreibt, ist, den Jazz zu öffnen für andere musikalische Kulturen. Deshalb das Trio „Chalaba“, das am Sonntagabend in Braunschweig spielt. Die Verschmelzung marokkanischer Melodien und afrikanischer komplexer Rhythmen mit dem, was wir modernen Jazz nennen. Also Grenzüberschreitung. Das interessiert mich, da lerne ich immer noch dazu.

KG. Ist unsere Art Jazzkonzerte zu hören, als säßen wir im Kammermusiksaal, nicht eigenartig körperlos?

JK. Da ist was dran. Ich hätte nichts dagegen, wenn die Leute aufsprängen und lostanzten. Sie könnten auch schreien, wenn ihnen danach wäre. Sollte man vielleicht mal ansagen. Nein, Jazz ist nicht nur Kopf, sondern auch Körper.

KG. Wie bekommen wir junge Menschen in die Jazzkonzerte?

JK. Das weiß ich auch nicht. Bei den Festivals, da sind alle Altersgruppen dabei. Aber in den Einzelkonzerten: Fehlanzeige. Es fehlt vielleicht an Lockerheit. Oder so ein Unterhaltungselement. Aber auf Unterhaltungsmusik – Niveau begebe ich mich nicht. Vielleicht kommt das mal wieder anders. Vielleicht schon am Sonntag in Braunschweig.

Braunschweiger Zeitung, 25. 09. 2014

Jazz und Film in der Reihe “Sound on Screen”

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, Braunschweig

Charlie Mariano – Last Visits (2014), DE Laufzeit 99 Minuten, FSK 0, von Axel Engstfeld, mit Mike Herting

Die Musikdokumentation Charlie Mariano – Last Visits begleitet den Jazz-Saxophonisten Charlie Mariano bei seinem letzten Konzert.

Handlung von Charlie Mariano – Last Visits
Der in Boston geborene Saxophonspieler Charlie Mariano hat mit Jazz-Größen wie Charlie Parker und Dizzy Gillespie gespielt. In den 1970er Jahren ging der Amerikaner nach Europa und blieb dort – um sein Geld mit der Musik zu verdienen und andere junge Talente zu inspirieren. Sein Beruf war harte Arbeit, doch er liebte das Musizieren zu sehr, um etwas anderes zu machen. 2008 lebte Charlie Mariano 20 Jahre lang in Köln. Doch eine schwere Krankheit erschwerte es ihm zunehmend, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dennoch blieb der Saxophonist ein Optimist und gab weiterhin Konzerte.

Die Doku Charlie Mariano – Last Visits begleitet den passionierten Musiker nach Stuttgart, wo er an seinem 85. Geburtstag sein letztes großes Konzert gab. Drei Monate später, im Juni 2009, verschied er. Filmemacher Axel Engstfeld zeigt Aufnahmen der Jazz-Legende und lässt Musiker-Kollegen zu Wort kommen. (ES)

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Gerardo Nuñez

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Gerardo Nuñez, git
Pablo Martin, bass
Angel “Cepillo” Sanchez, perc

Gerardo Nuñez wurde in Jerez de la Frontera, der Wiege des Flamenco, geboren, und der Flamenco hat ihn von früh auf gefesselt. Schon als Junge spielte er für alle großen Sänger seiner Stadt, und dem Flamenco ist er treu geblieben, auch wenn der Drang nach Neuem ihn nach Madrid führte, wo er heute mit seiner Frau Carmen Cortés, eine der ganz großen Flamenco-Tänzerinnen, wohnt und arbeitet. Mit seinen vielen Platten stieß er sich und dem Flamenco stets neue Türen auf, und die Kooperation mit Jazzmusikern brachte ihm ein ganz neues, viel größeres Publikum. Verbiegen lassen hat er sich dabei nicht: ein Geheimnis seines Erfolgs ist zweifellos seine authentische Art – schon nach wenigen Takten weiß der Fan, dass es sich nur um Gerardo Nuñez handeln kann.

Die großen Meilensteine seines Erfolgs waren das Ende der 80er Jahre in Amerika entstandene Album Flamencos En Nueva York, mit dem er seinen internationalen Durchbruch besiegelte, sowie nach einer Reihe weiterer erfolgreicher Alben die CD’s Andando el tiempo (2004) und Travesía (2012). Während Andando el tiempo unendliche Weiten zwischen Flamenco und Jazz ahnen lässt, hat Nuñez seiner Musik in Travesía Pop, Funk, Jazz und Latin einverleibt. In Travesía erzählt er Geschichten, die Afrikaner auf ihrer Flucht über das Mittelmeer nach Europa erleben – eine symbolische Begrüßung über alle musikalischen Schlagbäume hinweg: Bei der Anlandung eines Bootes mit Flüchtlingen an einem spanischen Strand war Nuñez zufällig anwesend; mit zwei der Ankömmlinge ist er heute noch befreundet und arbeitet mit ihnen.

Mit dem Jazz in Berührung kam Gerardo Nuñez über die Musik, die eine US-Airbase bei Jerez in den Äther schickte: Charlie Parker, Thelonious Monk, John Coltrane. Die Flamenco-Puristen mögen Nuñez’ Hinwendung zum Jazz ablehnen: trotzdem gilt er heute neben Paco de Lucía zu den wichtigsten Flamenco-Gitarristen.

Als Gerardo Nuñez 2005 bei uns war, war er mit denselben Musikern gekommen: dem Bassisten Pablo Martin und dem sagenhaften Perkussionisten Cepillo, damals unter seinem vollständigen Namen Ángel Sánchez “Cepillo”. Dieses Mal wird Nuñez außerdem von dem Vokalisten Jesús Méndez begleitet.

Cepillo (auf Deutsch: Bürste) ist sicher allen damaligen Besuchern in besonders lebhafter Erinnerung geblieben: Was er seinem Cajón, einer Perkussionskiste, die ihm auch zum Sitzen diente, an Musik entlockte, war schier unvorstellbar, und so mancher Zuhörer musste diese “Kiste” in der Pause einfach näher begucken.

Die BZ schrieb damals in ihrer Kritik u.a.:
“… Das Gitarrenspiel von Nuñez ist völlig attitüdenfrei. Die virtuose, von der klassischen Gitarre … nachhaltig beeinflusste Technik ist beachtlich – sie zu Schauwerten zu münzen, ist Nuñez indes fremd. Von der Spielhaltung und vom Erscheinen her wirkt er fast wie ein prototypischer Gegenentwurf zum mediterranen Macho der alten Schule. In sich ruhend, sich seines Wertes bewusst, aber nicht auftrumpfend. Die Emotion, deren expressive Zurschaustellung wesentlicher Teil des Flamenco ist, scheint hier zwar nicht gemindert, doch eher in eine gelöste Innerlichkeit gewandelt.
Einer wie Gerardo Nuñez gibt natürlich auch im Zusammenhang seiner Mitmusiker nicht den zampanohaften Instrumentalvirtuosen. Die Musiker sind Partner, man begegnet sich auf Augenhöhe, sucht den Dialog, und der ist höchst angeregt. Die Bälle fliegen nur so hin und her zwischen Nuñez, Pablo Martin, einem Meister der schwebenden Bassläufe, und Cepillo, dem gewitzten Spieler der hölzernen Perkussionskiste Cajón. …”

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
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Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Adam Bałdych / Luciano Biondini Quartet”

Coole Könner
Das Adam Baldych/ Luciano Biondini Quartet spielt europäischen Jazz im Braunschweiger Lindenhof

Geige und Jazz – geht das zusammen? Und dann auch noch Akkordeon dazu? Wird das nicht zur Appenzeller Ländlermusik? Und wenn schon nicht das, dann aber doch zu gefällig vielleicht?
Ach, du liebe Güte! Mit wem hat sich der Jazz nicht schon ins Bett gelegt und wundersame Kinder gezeugt. Alles gibt es: Wohlklang bis zum Kitsch, Akkordgegniedel, Minimalismus, abstrakte Formlosigkeit, von Hotjazz zur Meditation, Tanz-bzw. Konzertsaalatmosphäre, alles drin. Das soll nicht heißen, dass alle Musik Jazz sei, es keine Qualitätsunterschiede gäbe, wohl aber, dass es die geschlossene Form nicht gibt, die Ränder fransen sehr aus, gottlob.
So ausgefranst allerdings war die Musik des Adam Baldych/Luciano Biondini Quartets nicht, die am Freitagabend im Braunschweiger Lindenhof zu Gehör gebracht wurde. Und das Braunschweiger Publikum zeigte sich so berührungsängstlich auch nicht. Immerhin war das Konzert so gut wie ausverkauft und es gab, um es vorweg zu nehmen reichlich Zwischenapplaus und am Ende stehende Ovationen sowie bedenkliches Fußgetrampel.
Dann kann also die Musik nicht schlecht und vor allem nicht jazzfern gewesen sein. Gefallen musste selbst dem Skeptiker, dass die Band sich beim Konzertaufbau Gedanken gemacht hat. Moderate Stücke wechselten mit Up-tempo-Nummern und meditativem Flow. Die Arrangements waren variabel, man vermied die klassische Thema-Soli-Thema-Abfolge. Das Interessanteste aber: Die beiden „Front-Männer“, der polnische Geiger Adam Baldych und der italienische Akkordeonist Luciano Biondini schufen zusammen mit der Rhythmusgruppe zwei Arten von Hörerlebnissen.
Zum einen konnte man bei den ruhig meditativen Stücken in aller Ruhe abtauchen in die Musik. Man schuf Raum fürs Hinein-und Hinterherhören, Platz für Bilder zu den Tönen. Michel Bonita, der gern einen dunklen Bass spielt, hatte zusammen mit seinem Rhythmuskollegen, Philippe Garcia, nur mit den Händen akzentuierend, hohen Anteil an diesem Transparenzzuwachs. Aber auch Baldych verlor die Ruhe nicht bei seinem durchgängigen Pizzicatospiel, und Biondini tat das seine mit schönem Legato. In der Tat: Es öffnete sich „The Room of Imagination“.
Völlig konträr dazu dann die Hochgeschwindigkeits- Balkan-Jazz-Nummern. Wunderbare 5/4-Variationen, die einen sicherlich noch des Nachts im Traume heimsuchten, so intensiv wurden sie formuliert. Und erinnerlich auch deshalb, weil sie auf den Wettkampf Biondini-Baldych hinausliefen. Wer ist schneller? Wer spielt vertracktere Läufe? Wer hat rhythmisch komplexere Ideen? Ein Spiel gegeneinander und dann miteinander. Man kann das Zirkusnummer nennen – aber ist Virtuosität nicht auch etwas Bewundernswertes? Vor allem, wenn sie nicht leer läuft und den Musikern selbst Spaß macht!
Ein anderer Grund dafür, dass dieser Auftritt von vielen aus herausragend bewertet wurde, liegt sicherlich aber auch am Beziehungsreichtum der Musik dieses Quartetts. Mal leuchtet so etwas wie irische Fiddlemusik auf, dann erklingt die Melancholie des französischen Akkordeons. Wilde Tänze Südost-Europas werden zitiert, und – war da nicht etwas Fernöstliches? Wurden nicht Töne bluesig gebendet? Es gab Identifizierbares, das dann Abstraktionsprozessen unterzogen wurde. Auch das macht Spaß beim Zuhören.
Eine Einschränkung muss aber abschließend gemacht werden, wobei unklar ist, wer der Adressat der Kritik ist. Die hohen Töne auf der Geige und dem Knopfakkordeon waren streckenweise nicht auseinander zu halten, so dass verwaschene Sounds entstanden. Entweder gehen sich die Solisten da aus dem Weg oder aber der Soundmeister muss differenzierter mischen. Das trübte aber die Freude des Publikums an diesem Quartet nicht nennenswert.

Klaus Gohlke

Adam Bałdych / Luciano Biondini Quartet

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Adam Bałdych, violin
Luciano Biondini, accordion
Michel Benita, bass
Philippe Garcia, drums

Es gibt Geschichten in der Musik, die nur der Jazz schreiben kann: Ein polnischer Teufelsgeiger trifft einen italienischen Akkordeon-Weltmeister. Sie nehmen einen algerischen Bassisten und einen französischen Schlagzeuger hinzu. Und fertig ist ihr neues Quartett. Und die Pointe ist, dass die vier Musiker sich erst am Tag vor ihrem ersten Konzert zum ersten Mal sehen, um miteinander zu proben.

Möglich macht das der Jazz als universale Sprache. Und möglich macht das auch die Neugier der Musiker, mit ihnen noch unbekannten Kollegen zusammenzukommen und gemeinsam kreativ Neuland zu betreten. Spannend wird dies bei diesem Quartett insbesondere deshalb, weil die vier Mitglieder aus unterschiedlichen Kulturkreisen mit einer großen musikalischen Geschichte und Tradition stammen, die ihnen eine – ihnen eigene – Prägung verliehen haben. So ist bei Luciano Biondini nicht nur die gesamte italienische Klassik herauszuhören, sondern auch die lebendige mediterrane Folklore. Und bei Bałdych als jüngstem Mitglied der Band scheint sowohl die polnische Klassik durch als auch die moderne Popkultur. Fast alle haben zudem eine klassische Ausbildung, die sich nicht nur in der virtuosen Beherrschung des Instruments niederschlägt, sondern auch in ihrer Musik.

So sorgt der Jazz immer wieder für spannende Momente und neue musikalische Offenbarungen. Auch bei diesem Quartett darf das Publikum die Erwartungen hoch ansiedeln. Und mit größter Sicherheit werden sie auch erfüllt werden.

Adam Bałdych: Bałdych ist zweifellos der größte lebende Geigentechniker des Jazz. Er entdeckte den Jazz als seine Musik mit 13, weil sie ihm “die Freiheit gab, die ich suchte”. Mit 16 begann er seine internationale Karriere. Nach Abschluss seines Jazzstudiums an der Musikhochschule Kattowitz bekam er ein Stipendium für das Berklee College in Boston. Seitdem ist New York der Ausgangspunkt für seine musikalischen Reisen durch alle Welt. Binnen kurzer Zeit erschienen mehrere Alben, darunter Magical Theatre, zu dem er sich von Hermann Hesses Steppenwolf inspirieren ließ.

Luciano Biondini: Biondini war jahrelang in der klassischen Welt zu Hause, bevor er für eine Weile verstummte und dann im Jazz seine Stimme wiederfand. Zu dem Instrument seiner Wahl hat er in einem Interview kürzlich gesagt: “Auf dem Akkordeon kannst du Orgel- oder auch Cembalomusik spielen. Das Akkordeon bietet dir viele Möglichkeiten. Künstlerisch mag es nicht korrekt sein, Cembalomusik auf dem Akkordeon zu spielen, aber es ist das Beste, was du tun kannst, um das Instrument technisch zu meistern. Es ist wichtig, ein großes Repertoire zu erlernen, denn so kannst du dich vom gewohnten Sound des Akkordeons lösen und etwas anderes entwickeln. Das Akkordeon kann wie ein ganzes Orchester sein. Du kannst es auf vielfache Art verwenden, sogar perkussiv. Es ist für mich enorm stimulierend, immer neue Möglichkeiten auf dem Instrument zu entwickeln. Das tue ich ganz natürlich, nämlich auf der Bühne.”

Michel Benita: Der in Algerien geborene Benita kam im Alter von fünf Jahren nach Frankreich und studierte in Montpellier Gitarre und Bass. Er wurde bald in die erste Riege des Orchestre national de Jazz berufen. Sein warmer, kraftvoller und flexibler Ton auf dem Kontrabass machte ihn für viele Musiker zum interessanten Partner. Inzwischen hat er sich in der europäischen Szene als einer gefragtesten Bassisten etabliert.

Philippe Pipon Garcia: Der französische Schlagzeuger und Perkussionist hat ebenfalls eine klassische Ausbildung hinter sich. Er lebte sieben Jahre in der Türkei als Professor für Perkussion am Musikkonservatorium in Ankara und Istanbul und arbeitete mit dem Sinfonieorchester Ankara und vielen türkischen Musikern zusammen. Gleichzeitig etablierte er sich als Maler und Fotograf.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
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Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Yuri Honing Acoustic Quartet”

Durchkreuzte Hörgewohnheiten
Das Yuri Honing Acoustic Quartet zu Gast im Lindenhof

Was denn Jazz sei, das hat Yuri Honing noch nie so recht interessiert. Konventionen? Wofür? Für wen? Interessant ist für ihn, was das musikalische Material an Spielräumen bietet. Ob Blondie, Bowie, Goldfrapp, Franz Schubert, Traditional oder sonst was. Das interessiert nicht. Spannend ist für ihn, was man daraus machen kann.
Dieser tabulose, entspannte Umgang mit allen musikalischen Quellen – ist das etwas, was Niederländer uns voraushaben? Lichtenberg fragte einst, in welch anderem Land als Deutschland ein Kind lernte, vor dem Naseputzen zuerst die Nase zu rümpfen?! Kann man ja mal drüber nachdenken.
Yuri Honing also am Freitagabend zu Gast in Braunschweigs Lindenhof (Wie lange noch diese Spielstätte?). Hochkarätige Mitspieler: Wie immer Joost Lijbaart an den Rhythmus-Geräusch-Geräten, der ECM-geadelte Pianist Wolfert Brederode und der isländische Bassist Gulli Gudmundsson.
Nun, Honings letzte Acoustic-CD „True“ enthielt eher sehr melancholisches, vom Tempo moderates Material. So, als seien „Yuri’s wild years“ over. Aber so einfach ist der Mann nicht gestrickt. Auf eindrucksvolle Weise zeigte er mit seinen Mitspielern, wie man Jazz-Konventionen aufnimmt und bricht. Nicht revolutionär, ohne erhobenen Zeigefinger.
Schon im ersten Stück „Paperbag“ wurde das Konzept deutlich. Einfache, klar strukturierte Einstiege, in die Honings Tenor-Sax sich zunächst mit langen, abfallenden Tonfolgen einpasst. Der melancholische Grundgestus wird dann aber innerhalb kürzester Zeit aufgehoben und geht in ein Crescendo über, das auf eine eigenartige Weise Gesamtwerk, aber auch Individualstimme ist. So jäh, wie der Ausbruch erfolgt, findet man wieder zurück zur Anfangsstimmung. Das übliche Thema-Solo-Thema-Muster wird ignoriert.
Das ist nicht neu, so wenig, wie es neu ist, dass die Rollenzuweisung an die Instrumente verändert ist. Aufregend ist aber, wie die Rollen ausgefüllt werden. Und da ist Joost Lijbaart ein wahres Phänomen. Was er in „Black is the Colour…“ – aber nicht nur da – aus seinem Schlagzeug und Perkussionsensemble herausholte, ist sprachlich schwer zu fassen. Es rumpelte, klopfte, klatschte, klingelte, zischelte, wirbelte, dröhnte, knallte vor sich hin, dass es eine Freude war. Unterschwellig hielt er natürlich den Beat, aber das war nicht die originäre Aufgabe. Wenn der „Chef“ sich im Milton Nascimento-Stück „Miracle of the fishes“ vor ihm nahezu provozierend aufbaute und mit immer längeren Chorussen auf ihn einblies, dann konterte Lijbaart auf gleicher Ebene. No retreat, no surrender, sondern eine ganz eigene Produktion unterschiedlichster komplexer Geräusche.
Gegen alle Hörererwartungen allerdings verkündete Honing schon nach gut 30 Minuten das Ende des ersten Sets. Da war wohl die Uhr defekt. Aber der Neustart dann sollte alles wieder gerade rücken. „Play the vamp!“, ein Stück in drei Sätzen, startete mit reinem Wohlklang von Piano und Bass, um sich dann in heftige, nahezu punkige Ausbrüche zu steigern. Parker‘sche und Coltrane’sche Spielkultur blitzten bei Honing auf, aber auch der klare, reine Klang eines Garbarek konnte einem in den Sinn kommen. Auch fein: Traditionslinien leuchteten auf und verschwanden wieder, kein Kult.
Und aus dem ganzen Gebrodel heraus reduzierte der „Chef“ das Spiel plötzlich auf eine minimalistische Repetition eines Licks. Unterbrochen von langen Pausen. Absicht oder ein fehlender Übergang beim Improvisieren? Nichts Genaues weiß man nicht. Honing musste jedenfalls laut lachen, bevor er wieder forcierte und die Band tonale und rhythmische Zentren ignorierte.
„True“ auch beeindruckend. Ein einfacher Beat. Beerdigungsmarsch oder etwas an Ravels „Bolero“ Erinnerndes? Drums und Bass rhythmisch unisono, dann aber auseinander driftend, sich entfernend, echoartig. Brederode am Piano unterlegt das Sax-Solo mit reduzierten Tonfolgen. Alles sehr transparent, unaufgeregt, viel Raum fürs Zuhören. Die Entdeckung der Langsamkeit, wenn man so will. Man hört und überlegt zugleich. Was will man mehr?
Ein eindrucksvolles Konzert, ein begeistertes Publikum. Es hätten nur mehr sein sollen.
Ein Postskriptum: Wie schon beim letzten Konzert der Initiative Jazz-BS hat auch diesmal ein Gönner einen beachtlichen Betrag zur Förderung der Jazz-Live-Musik gespendet. Beeindruckendes Bürgerengagement. Hut ab!

Klaus Gohlke

Yuri Honing Acoustic Quartet

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Yuri Honing, saxophone
Wolfert Brederode, piano
Ruben Samama, acoustic bass
Joost Lijbaart, drums

Yuri Honing, seinen Pianisten Brederode und seinen Schlagzeuger Lijbaart kennen wir schon von früheren Konzerten, und wir sind froh, dass sie wieder den Weg nach Braunschweig gefunden haben.

Sehr zu Recht gilt Yuri Honing als Wegbereiter für neue Entwicklungen. Von ihm stammt der zunächst irritierende Satz, Jazz sei kein Musikstil, sondern eine Sprache, und so hat er auch nie einen Unterschied zwischen den verschiedenen Stilen und Musiken gemacht. Seine Inspirationen bezieht er nicht nur aus dem Jazzkanon, sondern ebenso aus dem zeitgenössischen Pop. Am anderen Ende des Spektrums findet sich sogar u. a. seine Interpretation von Schuberts Winterreise, die er mit der klassischen Pianistin Nora Mulder aufnahm und die ein großer Erfolg war. Jazz, Pop, Klassik – Honing hat sie auf seine Weise und nach seinem musikalischen Verständnis amalgamiert zu einem faszinierenden, stimmigen und wie selbstverständlich wirkenden Ganzen.

So gehört Yuri Honing zu der wachsenden Anzahl jüngerer Musiker, die zwar die Jazztradition und ihre Sprache bis in all ihre Facetten kennen und in ihr verwurzelt sind, sich aber nicht von Konventionen einengen lassen und die Inspiration und Anreize für ihre Kreativität aus allen Musikarten ziehen.

Zu dieser jungen Generation gehört auch Wolfert Brederode, der wie Honing allen neuen musikalischen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen ist und wie er unermüdlich unterwegs ist auf der Suche nach neuen Horizonten. Wie Honing hat auch Brederode mit vielen Größen des Weltjazz gespielt, eine prägende Erfahrung, die ihre Spuren hinterlässt. In diesem Quartett ist es seine Aufgabe, die Räume zwischen Honings überfliegenden Saxofonlinien und den beiden Rhythmikern mit Begleitfiguren zu füllen und die Hitze seiner Mitspieler wieder auf moderate Temperaturen zurückzuführen.

Joost Lijbaart genoss eine klassische Schlagzeug-Ausbildung, bevor er nach einem Aufenthalt im Senegal, wo er die afrikanische Perkussion erlernte, zu Yuri Honing und Wolfert Brederode fand. Er ist bekannt für den schonungslosen Umgang mit seinem Schlagzeug, mit dem er sich auf seine Weise neuen Horizonten nähert.

Ruben Samama ist der Jüngste der Gruppe. Er gilt als äußerst talentiert und hat sich auch mit eigenen Formationen schon einen Namen gemacht. Er versteht es nicht nur, dem Spiel der anderen mit repetitiven Kurzfiguren Konstanz zu verleihen, sondern auch, durch elektronische Spielereien Akzente zu setzen.
Wir dürfen uns also nicht nur auf neue musikalische Horizonte freuen, sondern auch auf vier überragende Musiker.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Öffentliche Versicherung Braunschweig
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Rémi Panossian Trio feat. Nicole Johänntgen & Nicolas Gardel”

Es gibt Wichtigeres als die reine Lehre
Alternativ: Liebe auf den ersten Ton
Dem Rémi-Panossian-Trio fliegen die Herzen der Jazzfreunde zu

Ein Dejà vu? Ja und nein. Schon einmal, vor ziemlich genau einem Jahr spielte das Rémi-Panossian-Trio im Braunschweiger Lindenhof modernen Jazz. Auch diesmal wieder um zwei Bläser verstärkt: einem Trompeter, diesmal neu: Nicolas Gardel, und einer Sopran- und Tenorsaxofonistin, wie damals Nicole Johänntgen. Wiederum völlig ausverkauft, Liebe auf den ersten Ton oder so.

Was ist es, was die Braunschweiger Jazzfreunde so fasziniert? Na klar, das erstklassige Pianotrio. Das allein hätte schon einen guten Jazzabend geliefert. Zum Beispiel „Shikiori“: Ein Lehrstück im Umgang mit der Tonstärke. Eben Explosivität, dann in Sekundenschnelle ein Runterfahren auf Pianissimo. Komplexe Rhythmen, perfektes Zusammenspiel, elegant zwischen den Polen größtmöglicher Nähe und Vereinzelung sich bewegend. Rémi Panossians Pianoarbeit: selbstvergessenes Abtauchen in ostinate Klangfiguren mit der linken Hand, die rechtshändig von minimalen Verschiebungen unterlaufen werden. Leichtfingrige Bassbegleitung von Maxime Delporte, die aber so heftig werden kann, dass der Saalboden zum Resonanzkörper wird. Und am Schlagzeug Frédéric Petitprez, mal brutal grade den Rhythmus hackend, später mit dem Geigenbogen das Schlagwerk streichelnd.

Wozu dann die Bläser? Andere Klangfarben natürlich. Aber vor allem eine Art Antriebsaggregat aufgrund der enormen Spielfreude. Und man tut sicherlich niemandem Unrecht, wenn man Nicole Johänntgen als den Turbo der Band bezeichnet. Sehr extrovertiert, emotional, publikumszugewandt, gewann sie wiederum die Ohren und Herzen der Jazzfreunde. Wann hat man schon ein Jazzkonzert erlebt, bei dem Anfeuerungsrufe, Kommentare und heftigere Körperreaktionen während des gesamten Konzerts zu erleben waren?

Gut, dem Puristen mögen manche Stücke harmonisch unterkomplex erschienen sein. Auch zu Melodisches ruft Abwehrreflexe hervor. Die alte Frage: Ist das nicht Kitsch? Wie zur Beruhigung spielte man aber zwei Klassiker. „Byebye Blackbird“ und „In a sentimental mood“. Standards, ja, aber State of the Art!

Es war ein Powerplay, bei dem man sich mitunter wünschte, dass das Miles-Davis-Diktum, weniger Töne seien viel mehr, Beachtung gefunden hätte. Aber, die Leute sind noch jung und bestimmt wird alles gut.

„Wenn ihr diese Truppe wieder hier her bringt, dann sind wir Sponsor!“, so die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz zu den Organisatoren der Initiative Jazz-BS vor einem Jahr. Ein anderer Gönner überwies 1000 Euro. Wunderbar. Viel wichtiger als die reine Le(e)(h)re.

Klaus Gohlke

Rémi Panossian Trio
feat. Nicole Johänntgen & Nicolas Gardel

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Rémi Panossian: piano
Maxime Delporte: bass
Frédéric Petitprez: drums
Nicolas Gardel: trumpet
Nicole Johänntgen: saxophone

Wer unser Konzert mit dieser Band und Nicole Johänntgen im letzten Jahr (damals mit Frederik Köster) erlebt hat, kann es nicht vergessen haben. Es war unglaublich. In immer enger werdenden Windungen schraubte sich das Ensemble von Stück zu Stück zu immer furioseren Finalen, das Publikum jubelte und wollte die Musiker gar nicht gehen lassen.

Bei Nicole Johänntgen ist nicht zu verkennen, woher sie stammt. Aus dem Saarland ist der französische Einfluss ja auch heute noch nicht wegzudenken, und so bleibt Nicole der saarländischen Tradition treu, eine Brückenfunktion zwischen Deutschland und Frankreich zu erfüllen. Sie tritt gern und mit großem Erfolg mit jungen französischen Formationen auf und stärkt damit auf ihre Weise die kerneuropäische Freundschaft auch auf dem Gebiet des Jazz.

Dem Pianisten Rémi Panossian und seinem jungen Trio wird nachgesagt, mit seiner Musik ein schillerndes musikalisches Universum irgendwo zwischen Romantik, Avantgarde, Rock und Jazz zu schaffen. Gemeinsam mit dem Bassisten Maxime Delporte und dem Schlagzeuger Frédéric Petitprez kreiert er eine Musik, die zugleich lyrisch und voller Energie ist. Ihr erstes Album Add Fiction wurde von der internationalen Presse mit großer Sympathie aufgenommen, und auch die sympathischen Auftritte des spielerisch perfekten Trios erfreuen sich in der Jazzwelt wachsender Beliebtheit.

Nicolas Gardel, der mit Stil und Originalität Vintage und Moderne miteinander verbindet, hat die französische Jazzszene in erster Linie mit seiner Band The Headbangers erobert, mir der er Funk, Pop und Elektro in Trialog treten lässt. An den Grenzen seines musikalischen Universums gelingt es ihm, mit seinem kraftvollen und eleganten Spiel und seiner umwerfenden Energie neue Perspektiven zu eröffnen.

Nicole und Nicolas – man kann durchaus sagen, dass schon die Vornamen den Zusammenklang der beiden Musikerpersönlichkeiten zeigen. Ihr ungezwungenes Zusammenspiel voll überschäumender und ansteckender Energie schafft bei jedem Stück eine Synthese aus verschiedenartigsten Klängen und Rhythmen, macht jedes Stück zu einer neuen Erfahrung für den Zuhörenden, denn jedes Stück ist mit Herzblut gespielt: Jazz at its best, Jazz in all seinen Facetten.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jam Session im Viertelnach

Viertelnach, Braunschweig, Bültenweg 89

Sessionband: hendrix & kollegen

Dominik Lamby – bass
Carsten Neugebauer – git
Konrad Bärfuss – trumpet
Jan-Paul Herbst – saxes
Hendrik Theis – Piano, Fender Rhodes, keys
Florian Maurer – 2nd keys
Christian Spors – trumpet
Cedric Rischbiter / Ingemar Oswald – Schlagzeug

Moderation: in Planung

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Eintritt: frei

Kritik zu “Yoko Tawada / Aki Takase – Jazz und Lyrik”

Mandarinen müssen noch heute Abend geraubt werden!
Yoko Tawada und Aki Takase vergnügen mit ihrem literarisch-musikalischen Programm

Dichterlesung mit Klavierbegleitung in der Bartholomäuskirche zu Braunschweig! Weder Fisch noch Fleisch? Schön, die beiden Vortragenden sind schon lange in Deutschland lebende hochdekorierte Künstlerinnen aus Japan. Yoko Tawada, die Poetin, kann wohl kaum noch die Ehrungen zählen, die sie für ihr Werke erhalten hat. Aber kann eine Japanerin denn so richtig deutsche Literatur? Aki Takase, die Pianistin, ist eine der renommiertesten Jazzpianistinnen, auch preisbehängt. Aber – soll die nicht so eine Free-Jazzerin sein?

„A-aaa-an–anna- anana-ananas-bananas-banana!” So begann es. Wechselte dann zu „Mango“ und zu „Orange“, von da zur „Zitrone“, dann dem Land, in dem diese blühen und von da aus zu „sauer“ und dem „Vater, der sauer ist“, und dann weg ist und was macht man mit dem fehlenden Vater und der Säure in einem? Eine Assoziationskette, die vom Erwartbaren zum Unerwarteten springt, vom Witzigen zum Abgründigen. Dazu kein Kaffehausplingpling im Hintergrund, sondern eine eigenwillige Begleitung des Textes. Mal harte Akzente, dann den Satzrhythmus unterstreichende Passagen, Romantizismen. Alles nicht beliebig, sondern notiert.
Eine eigenartige Geschichte dann, in der ein Kind eine Stadt erschafft. Durchsetzt mit Bibelanspielungen, kindlicher Bildlichkeit und Perspektive und eindrücklichen Metaphern, etwa der „Bibliothek der Gebärmutter“, der das Kind seine Pläne entnimmt. Wortspiele, die keine Kinderspiele mehr sind.
Paradox-Witziges zur Frage, warum die Japaner so gern deutschen Baumkuchen essen, nicht aber Lakritz, Gummibärchen oder Marzipan. Es sind die Vokale. Japanische Menschen mögen die dunklen Vokale, vor allem das „Aaa“ und „Ooo“. Nicht aber das „Iiiiii“!
Nein, keine staubtrockene, bedeutungsschwangere Dichtung, sondern mitunter recht Witziges. Vertauschung von Bedeutungsebenen, Arbeit auf der Klangebene der Sprachen. Ein wenig Dadaistisches mit gemeinsamem Handclapping. Dann eine Performance mit 10 Tage alten Brötchen, die wunderbar rhythmisch auf einer Gemüseraspel zerrieben wurden, einem japanischem Text, in den verfremdend immer wieder englischsprachige Wörter montiert sind und einer Klavierbegleitung dazu, die die tiefen Register derart bedrohlich anschwellen ließ, dass dem Flügel wohl Hören und Sehen verging.
Zwischendurch möchte man immer „Halt!“ rufen, weil die Wahrnehmung in die Krise getrieben wird. Wohin soll man hören? Satzfetzen bleiben hängen, wie „Mandarinen müssen noch heute Abend geraubt werden!“ und gleichzeitig eine wunderbar leichte an Bach erinnernde Art von Choralbegleitung.
Überhaupt: Takases Klaviersoloblöcke! Eine Wanderung durch das „Real Book“ der Jazzer. Hier ein Harlem Stride, dann klassisch-bluesig, Ellington-Artiges, Ragtime, war da nicht etwas Monk, etwas Harmolodisches? Anspielungen, die gleichsam auf die Spitze getrieben wurden, um schon bei der nächsten zu landen. Ein schier enzyklopädisches Musikwissen deutete sich an, dem man kaum folgen konnte.

„Drei Köche“ – das Braunschweiger Raabe –Haus, die „galerie-auf-Zeit“ BS und die Initiative Jazz-BS verdarben nicht den Brei, im Gegenteil: ein begeistertes Publikum klatschte nach Mehr.

Klaus Gohlke

In Zusammenarbeit mit Galerie auf Zeit:
Yoko Tawada / Aki Takase – Jazz und Lyrik

Bartholomäus-Kirche, Schützenstraße, Braunschweig

Jazz und Lyrik furios: Zwei in ihren angestammten
Bereichen seit Jahren berühmte japanische Frauen,
die Autorin Yoko Tawada und die Jazzpianistin
Aki Takase, bilden seit einiger Zeit ein unvergleich-
liches Duo. Tawadas poetische Grenzüberschreitungen
und pointierte Beobachtungen mit dem «japanischen
Blick» auf die europäische Kultur durchmischen sich
virtuos mit der intensiven Musik Takases, die Empfind-
samkeit und Entschlossenheit in sich vereint - für
Tawadas freien Flug der Wort- und Lautfantasie hält
Takase impressionistische Impromptus bereit. Töne,
Worte, Laute bewegen sich aufeinander zu, stoßen
sich voneinander ab, fließen ineinander und durch-
einander. Kurz: Text und Musik tanzen im Klangraum
einen Pas de Deux.

Eintritt: Abendkasse

Kritik zu “Renaud Garcia-Fons – Linea del Sur”

Die andere Rezension*
Das Renaud García-Fons – Quartett spielt im LOT-Theater zu Braunschweig.

„Meine Musik ist nicht politisch. Es gibt keine Botschaften, nein. Sie soll die Menschen erfreuen, für ein paar Stunden aus allem heraus reißen!“, so der französische Ausnahme-Bassist mit spanischen Wurzeln Renaud Garcia-Fons am Samstagabend in einem Gespräch nach seinem Konzert im Braunschweiger LOT-Theater.
Ja, was sollte auch politisch sein an „La Linea del Sur“ – der Straße des Südens? Ein hochkomplexes Gebräu aus vielerlei Musikstilen: Flamenco, maghrebinische Klänge, lateinamerikanische Rhythmen, europäische Folklore, französische Musette Neuve, unterschwellig Jazz, und ist da nicht auch vertrackter Balkanrhythmus zu hören? Kann man das überhaupt sauber voneinander trennen?

Oder: nehmen wir García-Fonds Bass-Solo-Intro: Zunächst arabische Klänge: als sänge der Muezzin vom Minarett. Diese charakteristische lineare Einstimmigkeit und die ganz eigene Intervallstruktur, dazu eine starke Rhythmisierung. Dann plötzlich ein Bruch. Waren das nicht Zitate aus J.S. Bachs Präludium des 1. Cello-Konzerts sein? Schon wieder ein Wechsel: Garcia-Fons spielt Rasgueado-Attacken des Flamenco aus seinem Fünfsaiter. Welche Griff- und Anschlagstechnik! Egal, ob der Mann seinen Bass con arco, pizzicato oder spiccato spielt – alles hat Sinn und Verstand, und man sagt zu Recht, dass er einer der besten Bassspieler der Welt sei.

„Das sind z.B. Straßen von Spanien über den Iran nach Buenos Aires. Das sind natürlich gedachte Straßen. Das sind musikalische Straßen, ein Traumland, das in einer Vielzahl musikalischer Wurzeln begründet ist, von einer Liebe für Lieder, Melodien, die aus den Tiefen der Seele aufsteigen.“

Und so hört man z.B. vom Akkordeonisten David Venitucci in der Reminiszenz an den Marseiller Bahnhof Saint Charles Melodien, die sofort nach Frankreich versetzen. Zart, dann kraftvoll, schließlich rhythmisch den Boden bereitend für den singenden Bass. Walzer werden durchsetzt mit nordafrikanischen Rhythmen, die Perkussionist Pascal Rollando mit relativ wenig Equipment nicht nur in den Soloparts eindrucksvoll dynamisch differenziert ausbreitet. Und dann noch die Flamenco-Griff- und Anschlagsakrobatik eines Kiko Ruiz an der Gitarre. Eindrucksvoll die rasend schnellen, rhythmisch verzwickten Unisono-Läufe der Band, die so hervorragend eingespielt ist, dass nicht einmal schriftlich Notiertes gebraucht wurde.

Ja, da war schon viel Spielfreude, –witz und-Erfahrung zu erkennen, etwa wenn in „Nada“ die Dämonie eines Riffs bis zum letzten ausgekostet wurde. Ein sicherer Aufbau der Stücke auch: oft eine kurze melodische Grundlegung durch den Bass, dann eine Art Vergewisserung der rhythmischen Basis aller Musiker, gefolgt von Mono- und Dialogen der Instrumente.

Was also sollte da denn politisch sein? Die Frage war trotz alledem berechtigt, denn Garcia-Fons gab an, dass er zu dieser „Linea“ inspiriert worden sei durch Fotos des spanischen Fotografen Javier Arcenillas. Und wer die Bilder dieses preisüberhäuften Fotografen kennt, bekommt Schwierigkeiten unpolitisch zu denken. Es sind Bilder, die selbst im Netz oftmals eingeschwärzt sind, weil so brutal real. Den Mann treibt ein humanitäres Anliegen, die Wahrung der Menschenwürde.
García-Fons wehrt im Gespräch ab. Er wolle eine andere Welt zeigen, wisse eigentlich auch nicht so recht vom „schlimmen Realismus“ seines Foto-Kollegen.

Die Musik spricht freilich eine andere Sprache. Es ist ja nicht eine fröhliche Touri-Stimmung, die da aufgebaut wird. Es ist eben nicht so, wie Tobias Littert in Laut.de rezensiert, dass „unweigerlich (…) der Hörer die Sonne auf seiner Haut [spürt] – (…) den herrlichen Geruch des Meeres [atmet].“ Ja natürlich, es gibt die schönen Melodien in den Kompositionen. Kraft, Stolz, Mut schwingen mit, aber vor allem und unüberhörbar eine tiefe Melancholie.

García-Fons hat Arcenillas‘ Bilder zweifelsohne genau betrachtet, sie werden ihn tief im Inneren berührt haben, wie er auch selbst bestätigt. Die eigene Geschichte mit ihren vielfältigen Verquickungen rückte ins Blickfeld und ließ ihn eine tiefsinnige, gleichwohl vergnügliche Musik schreiben. Selbstverständlich: kein Agit-Prop.

Der Mittelmeer-Raum, den Spanien einst so dominierte – ist er jetzt nicht einer der politisch brisantesten Regionen? Insofern die Musik hier auf ihre indirekte Weise anspielt, ist sie eben auch politisch. Wenn ein Stück „El Aqua De La Vida“ heißt, ist das denn nur der Wunsch nach sauberem Wasser oder nicht auch ein dezenter Hinweis darauf, dass das Mittelmeerwasser sich dank Frontex ganz anders darbietet?

Was immer man in der Musik an Bedeutungsebenen finden mag, sie beeindruckte alle im ausverkauften Haus. Drei Zugaben trotzte ein im Vergleich zu anderen Jazzkonzerten wesentlich jüngeres Publikum den Musikern ab. Jazz-BS hatte ein glückliches Händchen.

Klaus Gohlke

*) Es gibt zwei Rezensionen. Die eine ist die, die ich für die Braunschweiger Zeitung schrieb. Sie unterliegt den Presse-Regeln.
Daneben gibt es eben die andere Rezension, eine freiere Fassung mit auch anderen Schwerpunktsetzungen.

Renaud Garcia-Fons – Linea del Sur

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Renaud García-Fons: Kontrabass
Antonio Ruiz “Kiko”: Guitarra flamenca
Pascal Rollandi: Perkussion
David Venitucci: Akkordeon
Technik: Romain Frydman

Renaud García-Fons war schon mehrfach bei uns, erstmals 1999 mit seinem Projekt Alborea. Das Konzert, das im Städtischen Museum stattfand, war ausverkauft: selbst der “Balkon” war voll besetzt, und die Zuhörer saßen auf den Treppen. Es war ein überwälti-gendes Konzert, und es war ein fantastisches Publikum. Alle waren wir hingerissen – nicht nur von der Musik und von dem Können der Musiker, sondern auch und vor allem von dem fremden und hinreißenden Klang von Renauds Kontrabass, dem er eine fünfte – eine hohe – Saite verpasst hatte und den er damit – auch gestrichen – zu einem neuen, genialen Soloinstrument des Jazz gemacht hatte.

García-Fons hat Klassik, Jazz und orientalische Musik studiert, so dass er in den verschie-densten Musikrichtungen zu Hause ist. Was sein Spiel zu etwas ganz Besonderem macht, ist nicht nur seine fünfte Basssaite, sondern auch, dass er häufig den Bogen einsetzt, um seinen Bass zum Singen zu bringen.

Seitdem er sich für den Bass als “sein” Instrument entschieden hat, ist der Bass nicht mehr nur das traditionelle Begleitinstrument. Indem er dem Kontrabass eine neue Klang- und Tonwelt erschlossen hat, hat er die Emanzipation dieses fantastischen Instruments auf den Weg gebracht. Alle Kritiker sind sich einig, dass sein Spiel unerreicht ist, dass er mit und ohne Bogen ein Magier, der Paganini des Kontrabasses ist. Sein Bass klinge wie ein Bass, aber auch wie ein Violoncello, eine Violine und manchmal sogar wie eine Gitarre, eine Oud oder eine Berimbau. Niemand auf der Welt spiele wie er.

La Linea del Sur (Straße des Südens) heißt García-Fons’ neuestes Projekt. Diese imaginäre Route, auf die er uns mitnimmt, hält magische Begegnungen für uns bereit, in denen sich die verschiedensten Klangwelten des mediterranen Raums, spanische und orientalische Musiktraditionen und klassische französische Klänge aufeinander einlassen und uns wohl wieder – wie bei seinem Projekt Alborea von 1999 – in eine andere Welt transportieren werden.

Jazz und Flamenco – die Kombination dieser beiden Musikrichtungen hat zwei spanische und einen deutschen Vater: 1967 brachte Joachim Ernst Berendt auf den Berliner Jazztagen den Saxofonisten Pedro Iturralde und den Gitarristen Paco de Lucía zusammen, die im Spanien nach Franco mit anderen spanischen Jazzern wie z. B. Gerardo Núñez auch in der Musik neue Wege suchten. Die Entwicklung des Flamenco Jazz war entscheidend dafür verantwortlich, dass Spanien zu einem attraktiven Standort für zeitgenössischen Jazz und die sog. Weltmusik wurde. So haben wir in den letzten Jahren ja immer wieder auch spani-sche Jazzer bei uns zu Gast gehabt, so z. B. 2011 das Colina/Miralta/Sambeat-Trio. Gleichzeitig wertete der Siegeszug des Flamenco Jazz Europa als Standort für eine selbstständige Weiterentwicklung des Jazz enorm auf.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

» Weitere Informationen

Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

International Škoda Allstar Band

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Uli Beckerhoff – Trompete / Deutschland
Matthias Nadolny – Saxofon / Deutschland
Peter O`Mara – Gitarre / Australien
Glauco Venier – Piano / Italien
Ingo Senst – Bass / Deutschland
Bruno Castellucci – Schlagzeug / Belgien
feat. Sónnica Yepes – Gesang / Spanien

Bevor sie sich zur International Skoda Allstar Band zusammentaten, kannten sich die Musiker schon seit vielen Jahren und hatten in den unterschiedlichsten Kombinationen miteinander gespielt. Und auch wir kennen sie einzeln und gemeinsam, und Ingo Senst ist obendrein Braunschweiger.

Die Musik der International Skoda Allstar Band ist so vielfältig wie die unterschiedlichen musikalischen und kulturellen Einflüsse ihrer Musiker. Sie bezieht ihre Quellen aus dem zeitgenössischen Jazz, der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts und dem American Songbook. Das Programm besteht überwiegend aus Kompositionen der einzelnen Musiker und wird in den unterschiedlichsten Besetzungen vom Duo bis zum Septett dargeboten.

Alle Mitglieder dieser Band sind große Persönlichkeiten und Stilisten auf ihren Instrumenten, und so können wir uns auf einen Abend voller großer musikalischer Ausdruckskraft, Intensität und Kreativität, stupender instrumentaler Fähigkeiten, großer musikalischer Vielfalt, Spielfreude und Humor freuen.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Skoda Auto Deutschland
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Dieter Ilg Trio

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Dieter Ilg: Baß
Reinhard Böhm: Piano
Patrice Héral: Schlagzeug

Jazz und Klassik. Dieter Ilg kennt beide Welten. Er wusste schon früh, dass er Jazzbassist werden wollte, studierte aber erst mal klassischen Kontrabass.
Ilg hat immer wieder mal für uns gespielt und hat uns vor drei Jahren mit seinem Verdi-Projekt Otello hingerissen. Jetzt widmete sich Ilg mit seinen großartigen Kollegen Rainer Böhm am Piano und Patrice Héral am Schlagzeug Wagners Parsifal, und wie bei Otello ist nicht nur die Fachpresse, sondern auch das Publikum einhellig begeistert. Übereinstimmend wird betont, wie spannend die intensive musikalische Auseinandersetzung ist, die diese drei Musikerpersönlichkeiten sowohl miteinander als auch mit Wagners vorgegebenen Themen und Motiven führen. Herausgekommen ist eine kühne Umdeutung des monströsen Wagner-Kosmos in Sphären, bei der die Kriterien Improvisation, Intuition und spontane Interaktion in ihrer ganzen Wirkungsbreite umgesetzt werden – und Wagner auf eine neue Art Faszination verleihen. Ilg hat Oper und Jazz auf einen Nenner zu bringen gewusst und sein Publikum in den Bann dieser Kombination gezogen. Er hat es geschafft, dass Wagner Spaß macht.

Dieter Ilg gilt als einer der weltbesten Bassisten, der nicht nur mit eigenen Gruppen, sondern auch als Sideman stark gefragt ist. Was wohl in seiner Persönlichkeit begründet liegt: im Vordergrund steht die Musik, nicht der Musiker. Sein Spiel ist selten abstrakt, sondern ausgesprochen bilderreich. Er nimmt die Zuhörer mit auf eine Reise durch die innere Bilderwelt wie ein Geschichtenerzähler, der in die Mythen des Unbekannten abtaucht, um dann doch wieder in vertrautere Sphären zurückzufinden. Mit seinem 100 Jahre alten Bass reiht er wunderbar weiche Flageoletts an Obertonklänge und treibende Grooves, und sein Publikum hat es ihm immer gedankt.

Ilg weiß um die Möglichkeiten seines Instruments, und mit dem vielfach ausgezeichneten Pianisten Rainer Böhm und dem phänomenalen französischen Drummer Patrice Héral hat er die Idealbesetzung für seine ambitionierten Projekte gefunden. Beide korrespondieren perfekt mit Ilgs singendem Bass und seinem Konzept der dramatischen Verdichtung. Ilgs “Parsifal” zeugt von der Zeitlosigkeit und Universalität dieser Musik, und ihm gelingt eine logische, kammermusikalische Umdeutung des schwierigen Materials. “Das Monumentale wird sinnlich, das Sinnliche monumental,” sagt er selbst und beweist in jedem einzelnen Stück mit beeindruckender Virtuosität und stilistischer Variationsbreite seine unendlich scheinende Gestaltungskraft.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Daniel Humair: SWEET & SOUR

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Emile Parisien: Saxofon
Daniel Humair: Schlagzeug
Emmanuel Codjia: Gitarre
Jérôme Regard: Kontrabass

Seit vielen Jahrzehnten ist Daniel Humair ein Fixpunkt der europäischen Jazzwelt, und nicht nur das. Er ist fester Bestandteil der internationalen Jazzszene; die vielen Größen des Jazz, mit denen er zusammen gespielt hat, sind zwar noch zählbar, aber nicht aufzählbar. Neben seinem Instrument, dem Schlagzeug, für das er ein Lehrbuch verfasst hat, ist er auch ein genialer und bekannter Maler, dessen Bilder in so mancher Galerie und Gemäldesammlung vertreten sind.

Hier soll aber von dem Schlagzeuger Humair die Rede sein, dem es immer wieder gelungen ist, mit variablen, immer neuen Schlagzeugtechniken neue Häfen anzusteuern. Und mit seinem unglaublichen Gefühl für Talente hat er sich immer wieder mit jüngeren Musikern umgeben und sich in immer neuen Besetzungen neuen Herausforderungen gestellt und selbst neu definiert. Es gibt wohl kaum einen anderen Musiker, der über Jahrzehnte mit solcher Konstanz praktisch alle berühmten Jazzpreise Frankreichs, Italiens und der Schweiz errungen hat.

Und von dem Komponisten soll auch die Rede sein. Einer, der seine Kompositionen zunehmend mit seinen Mit-Spielern zusammen entwickelt.

Einen inspirierenden Gefährten hat er dabei in Vincent Peirani gefunden, der auch stets auf der Suche nach neuen Klängen ist. Er beherrscht sein Instrument – das Akkordeon – so perfekt, dass es mal klingt wie eine Orgel, mal wie ein Klavier, und dann wie ein Blasinstrument oder eine menschliche Stimme. Und genau so vielfältig ist der Stil Peiranis, der sich in keine Schublade stecken lassen will. Während er in Frankreich ein gefragter Musiker ist, ist er in Deutschland noch relativ unbekannt.

Genau so ist es mit Emile Parisien. Bei uns wenig bekannt, hat er es in Frankreich und Großbritannien bereits zu beachtlichen Erfolgen gebracht. Auch er hat eine ähnliche Arbeitsweise wie Humair und Peirani und beschreibt seine Musik als ein Puzzle aus Klangmaterie. Zwischen den Musikern wird viel diskutiert, um am Ende wie ein Schriftsteller mit einer Geschichte aufwarten zu können, die auf eigenen Füßen stehen kann – die eine echte Dramaturgie hat.

Zur vollen Wirkung verhilft der Formation Jérôme Regard, der Kontra- und auch Elektrobass spielt. Auch er ist bei uns noch nicht so bekannt, aber es spricht alles dafür, dass diese Tournee dieses neuen Quartetts ihm einen größeren Bekanntheitsgrad beschert.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
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– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 8 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Antenne Métropole
Braunschweigische Landessparkasse
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Trio Riessler-Levy-Matinier

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Michael Riessler: Bassklarinette
Howard Levy: Mundharmonika, Piano
Jean-Louis Matinier: Akkordeon

Ist es eine Jazzband? Eine Folk-Gruppe? Ein klassisches Kammertrio? Drei Virtuosen, bekannt für ihre sehr individuellen Wege zwischen Genres und Stilen, haben sich zum Gipfeltreffen zusammengefunden. Michael Riessler aus Deutschland, der u.a. für Kagel, Cage, Lachenmann und Stockhausen die Klarinette spielte und zugleich die „folklore imaginaire“ erkundete, hat sich längst in der vordersten Linie der globalen Improvisationsszene etabliert. Howard Levy aus den USA, der Welt fortgeschrittenster Spieler auf der (diatonischen) Mundharmonika, war Feature-Solist z.B. bei Bela Fleck, Paul Simon, Willy Schwarz, Holly Cole, Rabih Abou-Khalil, Dolly Parton oder Bobby McFerrin sowie bei vielen anderen Musikern zwischen Klassik und Country, Latin und Pop. Jean-Louis Matinier aus Frankreich ist der führende Akkordeonist des europäischen Jazz, musikalischer Partner von u.a. Renaud Garcia-Fons, Louis Sclavis, Gianluigi Trovesi, Anouar Brahem, aber auch Langzeit-Begleiter der französischen Chanson-Legende Juliette Gréco.
In ihrer universellen Musiksprache, die z.B. auch Bach, Blues oder Weltmusik umfasst, entwickeln Riessler, Levy & Matinier einen neuen Sound und ein neues ästhetisches Konzept. Der Klang der Durchschlagzungen von Mundharmonika und Akkordeon verschmilzt dabei wunderbar mit Riesslers schnarrender Bassklarinette, was dem Ensemble ein seltenes Timbre voller Überraschungen verleiht. Ausgehend von ganz unterschiedlichen Kernideen aller drei Spieler startet das Trio zu abenteuerlichen, humorvollen Flügen der musikalischen Fantasie, getragen von tänzerischen Rhythmen und dem Spaß am Spielen.
Und das schreiben die Kritiker: „Aufregenderes ist derzeit selten zu hören“ (Süddeutsche Zeitung). „Drei exzellente Musiker in einer außergewöhnlichen Formation! Gemeinsam zaubern sie eine faszinierende Melange aus zeitgenössischem Jazz, moderner E-Musik und imaginärer Folklore, garniert mit einem Schuss erdigem Blues und packenden südamerikanischen Rhythmen. Bestechende Virtuosität, sprühende Spielfreude und ein freudvolles Überspringen jeglicher musikalischer Grenzen kennzeichnen dieses Spitzentrio“ (Spielboden Dornbirn, Österreich).

Aktuelle CD: Silver & Black (ENJA records, ENJ 9536 2

Kontakt: Kulturbüro Dr. Raimund Kast
Bahnhofstr. 79
D-89231 Neu-Ulm
fon +49 – 731 – 61 0750
mobil +49 – 171 – 688 4094
kulturbuero.kast@t-online.de
www.kulturbuero-kast.de

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Landessparkasse
GOD Gesellschaft für Organisation und Datenverarbeitung mbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jazz und Film in der Reihe “Sound on Screen”

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, Braunschweig

Der Film “LET’S GET LOST – CHET BAKER” im Universum Filmtheater Braunschweig.
Regie: Bruce Weber, USA 1988, 120 Min., OmdU

Stilikone, Melancholiker, James Dean des Jazz, Sänger, Frauenheld und Junkie. Star-Fotograf Bruce Weber begleitete den Jazztrompeter Chet Baker während seines letzten Lebensjahres mit der Kamera und schuf so ein hartes, aber liebevolles Portrait im Stil eines Film Noir. Einer der außergewöhnlichsten Jazz-Filme aller Zeiten über das exzessive, unangepasste Leben des Ausnahmemusikers. Präsentiert zum 25. Todestag der Legende.

Featured by Initiative Jazz Braunschweig!

Anschließend geht es im Café RIPTIDE passend weiter mit JAZZ LIVE IN CONCERT:
Die Braunschweiger Musiker Walter Kuhlgatz (Trompete/Flügelhorn), Heinrich Römisch (Bass) und Elmar Vibrans (Piano) treten erstmalig als Trio ohne Schlagzeug auf, eine für Chet Baker typische Formation in den späten Jahren seiner wechselhaften Karriere. Präsentiert werden Lieblingsstücke von Baker, wie But not for me oder In your own sweet way, die er immer wieder neu interpretiert hat.

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Kritik zu “Antonello Salis / Gianluca Petrella – Duo”

Dada im Lindenhof
Das Duo Antonello Salis/ Gianluca Petrella spielt herben Jazz im Lindenhof

Samstagabend: Dauerschnee vertrübt das Braunschweiger Land. Kein Frühling in Sicht, die Seele ist verschnupft. „Was tun?“ fragt sich der Jazzfreund. Die Initiative Jazz-Braunschweig lockt mit dem Duo Antonello Salis, Akkordeon und Piano, sowie Gianluca Petrella an der Posaune in den Lindenhof.
Akkordeon, die gesellige Orgel für unterwegs! Das lässt Folkig-Melodiöses erwarten. Feinharmonisches am Klavier. Da wird die Posaune doch wohl nicht in die Rolle des Mauernstürzers von Jericho verfallen? Schon der Anblick des Tastenmannes lässt den Winter vergessen. Ein hagerer, wettergegerbter, sonnengebräunter Mann im luftigen T-Shirt, weißer Schlabberhose und Kopftuch in Piratenmanier geknotet, fast 63 Jahre alt. Sein Kompagnon ist 25 Jahre jünger. Hager, schlaksig, quergestreiftes Shirt. .Bei der Figur kein Problem. Ja, alles wird gut.
Dann das Intro: vielleicht etwas italienisch-temperamentvoll? Schiefe Zirkusfanfare mit deftigem Tastentaumel! Doch dann bricht es herein über die Trostbedürftigen. Ein wilder Marsch durch alle Stilrichtungen des Jazz. Ragtimefetzen, Boogie-Woogie-Wogen, New Orleans Second Line, Swing, Balladeskes aus dem American Songbook, hier ein Tango, da etwas Filmmusik. Kurze Erholungsphasen dazwischen. Petrella knutscht sein Posaunenmundstück, dass man auf leicht abwegige Gedanken kommt. Tonfolgen, die an Geplapper erinnern, Pianoattacken als Kommentar.
Dazwischen heftige Schläge mit der flachen Hand ins Klavierinnere. Posaunenausbrüche, die mal nach Elefantenaufschrei, mal sehr unanständig klingen. Dann wieder nur Saugeräusche mit und ohne Mundstück. Die Töne des Pianos sind oft verwaschen. Salis präpariert sein Klavier nämlich immer wieder mit Metallringen, Untersetzern, Papier, Holzschlägern, was zu sehr perkussiven Klängen führt. Plötzlicher Handtrommeleinsatz und eine Tastenbearbeitung mit ganzer Pranke oder den Unterarmen, die Jerry Lee Lewis hätten erbleichen lassen. Alles unablässig kommentiert von Petrellas Posaune, mal abgeschwächt, mal alles noch überbietend. Dada im Lindenhof oder was?
Kleine Verschnaufpausen dann, wenn Salis zum Akkordeon greift. Melodischer, weniger drastisch in der Dynamik, Gesang, der an Salis sardische Herkunft erinnert, aber auch nicht ohne Schockakkorde. „Glaubt nur nicht, dass ihr es euch bequem machen könnt!“, ist die Devise.
Und doch hatte alles Methode. Auf geheimnisvolle Weise finden die beiden Musiker aus den freejazzartigen Passagen immer wieder zurück zu einer gemeinsamen Sprache. Repetitive Phasen ließen deutlich Struktur erkennen, Melodien tauchen immer wieder auf, wenn auch nur kurz angedeutet, sogar verblüffende Unisono-Passagen. Hohe Konzentration bei den Musikern, ebenso beim Publikum. Denn – und auch das überrascht – es gibt keine Ansage zu irgendwelchen Songtiteln. Suitenartig geht es eine knappe Stunde durch die Musikstile.
Thematisch vielleicht noch klarer erkennbar im zweiten Teil des Konzertes. Motto: „Wie dekonstruiert man den Blues?“ Insgesamt ein Teufelsgebräu. Erstaunlich, was ein Klavier so alles aushält
Zugegeben: das Konzert zeigt im zweiten Teil auch gewisse Längen, gerade in den Akkordeonteilen. Man muss allerdings einräumen, dass es kaum möglich ist, über zwei Stunden eine derart hohe Spannung zu halten. Rein physisch bewegen sich die Beiden am Rande des Durchhaltbaren.
Und die Trostsuchenden? Kaum jemand verließ den Saal, trotz des Powerplays. Es war anstrengend zuweilen, die Ohren hatten schwer zu tun. Aber das Ausreizen der dynamischen Möglichkeiten bis an die Schmerzgrenze, der Parforceritt durch die Genres faszinierte. Viel Beifall am Ende.
Schneefall auch nach dem Konzert. Alles etwas gedämpft draußen. Unangemessen das Wetter auch weiterhin. Die Musik machte das noch deutlicher.

Klaus Gohlke

Antonello Salis / Gianluca Petrella – Duo

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Antonello Salis: Akkordeon, Piano
Gianluca Petrella: Posaune

Duos mit Musikern, die ein großer Altersunterschied trennt, sind in der neueren Jazzszene öfter anzutreffen, und immer wandelt ihre Musik und ihr Zusammenspiel auf ungeahnten Pfaden, die das Publikum begeistern. So haben wir es in letzter Zeit mit Heinz Sauer und Michael Wollny erlebt, und auch mit Stefano Bollani und Enrico Rava.

Eine Hälfte des Duos, das wir dieses Mal begrüßen, kennen wir schon: Antonello Salis war schon zweimal mit Paolo Fresu bei uns. In Erinnerung behalten haben wir ihn sicher nicht nur wegen seines obligaten Kopftuchs und seiner sonnengegerbten Haut, die eher an einen karibischen Piraten oder Aussteiger denken lassen, sondern vor allem wegen seiner rasanten Art, seinem Akkordeon und dem Piano nicht nur mit den Fingern, sondern mit dem ganzen Körper unvergleichliche Musik zu entlocken.
Er hat sich nicht auf eine Sparte festlegen lassen. Seine künstlerische Vielseitigkeit hat ihn in Theaterprojekten, im modernen Tanztheater, einem Film von Eric Rohmer mitwirken und auch mit Popmusikern und Rockgruppen spielen lassen. Hier eignete er sich dann wohl auch seinen hinreißend theatralischen Performancestil an, der ihn von allen seinen Kollegen unterscheidet.
Sein Erfindungsreichtum, sein Akkordeon, seine Heimat Sardinien mit seiner Folklore, mediterrane Farben und Gerüche, Salis’ Musik.
Die Liste der großen Jazzer, mit denen er gearbeitet hat, ist lang: Enrico Rava, Paolo Fresu, Paolo Angeli, Roberto Gatto, Lester Bowie, Ed Blackwell, Billy Cobham, Pat Metheny, Bobby Previte, Bobby Watson, Linley Marthe, Stefano Bollani und vor allem auch Gérard Pansanel.
Er hat inzwischen auf vielen bekannten Jazzfestivals in Europa und Amerika gespielt: Perugia, Ravenna, London, Bath, New York, Chicago, Moskau, Paris, Montreux, Nizza, Le Mans, Madrid, Sao Paulo, Rio de Janeira, Stockholm, Oslo, Saint-Louis und in Mexiko. Und er ist mit einigen internationalen europäischen Preisen ausgezeichnet worden, wie z.B. dem Django d’Or, dem Career Achievement Award in Cagliari und dem Top Jazz.

Gianluca Petrella gilt weltweit als einer der herausragenden Jazzposaunisten, und das nicht zuletzt wegen der Bandbreite seiner kreativen Ausdrucksformen. Auch er trat mit vielen Musikern der ersten Garde auf: mit Carla Bley, Gianluigi Trovesi, Paolo Fresu, Bobby Previte, Steve Swallow, Ray Anderson, Pat Metheny, Lester Bowie, John Abercrombie. Und auch er gewann den Django d’Or und einige andere begehrte Preise.

Schon nach nur wenigen CD-Einspielungen und Projekten mit Enrico Rava und Lester Bowie galt Petrella als aufsteigender Stern am Jazzhimmel. Das dürfte vor allem an seinem ungewohnten Umgang, seinem neuartigen und überzeugenden Dialog mit den Jazztraditionen liegen, denen er durch Elektronik und andere technische Kunstgriffe ganz neue Facetten verleiht. So zeigt sich Petrella als flexibler, unverwechselbarer Solist, der tatsächlich seinesgleichen sucht.

Wir dürfen uns auf einen spannenden Abend freuen.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Rémi Panossian Trio feat. Frederik Köster & Nicole Johänntgen”

Tolles Gebläse oder Hier spielt die Musik

Das Rémi Panossian Trio spielt mit Nicole Johänntgen und Frederik Köster zeitgenössischen Jazz

Das Konzert ausverkauft. Warum eigentlich? Ein mäßig erfrischender Beginn. Das Rémi Panossian Trio aus Frankreich schien nicht mehr als ein derzeit weit verbreitetes Klaviertrio abgeben zu wollen. Eine nette geradtaktige Tonfolge des Chefs am Piano, Maxime Delporte am Bass unterstützt die Grundtöne, liefert auch mal eine nette Überleitung, Schlagzeuger Frédéric Petitprez raschelt und klappert an seinen Geräten. Durchaus gefällige Melodien – aber zu wenig, um abzulenken vom nasskalten Braunschweiger Februarabend.

Dann aber das Unerwartete! Das Trio erweitert sich um die Saxofonistin Nicole Johänntgen und den Trompeter Frederik Köster. Man könnte das fast eine Reveille nennen, was die beiden da urplötzlich zu Beginn der Komposition „Flying leaves“ loslassen. Gefolgt von völlig verschliffenen Altsax-Tönen und schier überbordenden Tonkaskaden Kösters, die in fehlerlos-komplexe Unisono-Passagen der beiden Bläser übergehen.

Der Zaubertrank des Miraculix für das Klaviertrio! Mal das solide Fundament für die Ausflüge der Solisten, dann aber sich emanzipierend, liefert es einen mühelosen Stilmix, ohne sich dabei im nebulösen Crossover zu verlieren.

Auffällig war zum einen, dass die jungen Jazzer keinerlei Scheu hatten, sich Melodien hinzugeben und auch den Wohlklang mitunter direkt zu suchen. Und das weiß auch das Publikum zu schätzen. Jazz als reiner Geist ist nicht sehr angesagt – lieber mehr „Body and Soul“.

Die andere Auffälligkeit ist der unverkrampfte Umgang mit musikalischen Genres. Mal Blues-Uptempo, elegante Swingpassagen, dann ruppiger Punk-Jazz. An New-Orleans- Marching-Bands erinnernde Elemente, eine Prise Hardbop. Und dann Panossian in einem bewegenden Piano-Solo-Part, der – wunderbar rhythmisiert – an Keith Jarretts Lausanne-Solo zu erinnern vermochte. Beeindruckend Kösters sich der Mehrstimmigkeit bedienenden Trompetenspiels. Albert Mangelsdorf machte die Gleichzeitigkeit von Anblasen und Singen mit der Posaune bekannt. Auf der Trompete noch etwas schwieriger, weil hier in höhere Tonlagen gegangen werden muss.

All das locker miteinander verknüpft, technisch brillant vorgetragen und sehr publikumszugewandt kommentiert. Das I-Tüpfelchen dann noch, dass man Humor bewies. Rückgriffe auf Edelsüß-Poppiges wurden so inbrünstig vorgetragen, dass platte Einfühlung nicht möglich wurde, gleichwohl aber der Wohlklang im Ohr blieb.

Warum immer der krampfhafte Blick über den großen Teich, wenn es um Jazz geht? Hier spielte die Musik aufs Schönste. Das Konzert ausverkauft! Völlig klar! Absolut kompetentes und begeistertes Publikum.

Klaus Gohlke

Rémi Panossian Trio feat. Frederik Köster & Nicole Johänntgen

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Nicole Johänntgen: Saxofon
Frederik Köster, Trompete
Rémi Panossian, Piano
Maxime Delporte, Bass
Frédéric Petitprez, Schlagzeug

Ein schillerndes musikalisches Universum irgendwo zwischen Romantik, Avantgarde, Rock und Jazz eröffnet das junge Trio des Pianisten Rémi Panossian. Gemeinsam mit dem Bassisten Maxime Delporte und dem Schlagzeuger Frédéric Petitprez kreiert der junge Franzose eine Musik, die zugleich lyrisch und voller Energie ist. Ihr erstes Album “Add Fiction” wurde von der internationalen Presse mit großer Sympathie aufgenommen, und auch die sympathischen Auftritte des spielerisch perfekten Trios erfreuen sich in der Jazzwelt großer Beliebtheit.

Dieses tolle Trio kommt mit zwei weiteren großartigen Musikern zu uns: Frederik Köster und Nicole Johänntgen. Ihre Musik ist als gewagter und explosiver Cocktail beschrieben worden: eine Synthese aus Rock, Elektro, Anklängen von Hip-Hop und natürlich Nicoles athmosphärische Saxofonlinien und Frederik Kösters faszinierende Trompete. Köster ist ein äußerst vielseitiger Trompeter, bei dem sich hinreißende Virtuosität und beeindruckende Musikalität verbinden. Das bewies er erst neulich wieder nachdrücklich, als er in einem Projekt Odysseus seine Stimme gab, eine Stimme, die weint und wütet, klagt und schreit, bevor der Held vorerst besänftigt in die Heimat zurückkehrt.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Rita Marcotulli European Leaders”

Besser geht nicht

Rita Marcotullis „European Leaders“ zelebrierten zeitgenössischen Jazz im LOT-Theater zu Braunschweig

Gehört sich das? Ein Weihnachtsgeschenk vor der Bescherung am Heiligen Abend zu bestaunen und zu genießen? Nein, natürlich nicht. Aber keine Regel ohne Ausnahme, es gibt Zwangslagen, da geht es eben nicht anders. Man kann natürlich auch einfach sagen, dass das Geschenk mit Weihnachten nichts zu tun habe. Dann wäre man aus dem Schneider, dem sprichwörtlichen. Aber – so einfach wollen wir uns das nicht machen.
Was Rita Marcutulli und ihre Mitstreiter am Freitagabend dem Publikum im ausverkauften Haus boten, war europäischer Jazz auf höchstem Niveau. Von der ersten bis zur letzten Sekunde durchlebte man die musikalische Spannbreite von inniger Intimität und heftiger Offenheit, von enormer Dichte und lockerer Entspannung, von harter Abstraktion und ungebrochener Melodik, von formaler Disziplin und völliger Losgelöstheit, von Tonalität und deren Aufhebung.
Fünf Spitzenmusiker, aber keine angestrengte Leistungsschau. Die Stücke entwickelten sich vielmehr gewissermaßen in Kleist‘scher Manier als allmähliche Verfertigung der Komposition beim Spielen. Natürlich weiß jeder, dass das im Konzert – Improvisation hin oder her – nicht der Fall ist. Wenn aber im Intro aus wabernden, ungerichteten Klängen Marilyn Mazur auf den Trommeln dem Ganzen plötzlich eine klare rhythmische Struktur unterlegt, der Rita Marcotulli am Piano und Synthesizer dann eine fein perlende Melodie hinzufügt, dann hat man als Zuhörer den Eindruck, bei einem musikalischen Schöpfungsvorgang zugegen zu sein.
Überhaupt hat die Musik oft einen stark bildhaften Charakter. Wenn Anders Jormin im Solo von „La Strada invisibile“ seinem Bass in tiefster Ruhe lange schwebende, elektronisch verfremdete Klänge entlockt, entstehen Bilder im Kopf, die nicht genau zu verorten sind. Stehe ich am Nordkap und höre die Seevögel segelnd rufen oder sind das meditative Töne, die aus Arabien stammen oder aber aus Asien? Elemente eines Tanzes in „Hen Ho“, an der Gitarre kraftvoll eingeleitet von Nguyen Lê, ein Mann der alle Spieltechniken und die dazu passenden elektronischen Bearbeitungen stupend beherrscht. Dann wird man in „Simple“ von der Percussions-Schamanin Marilyn Mazur nach Indien entführt, wunderbar unterstützt von wahren Tonkaskaden des Saxophonisten Andy Sheppard. Verblüffend immer wieder die melodischen Ostinati von Kontrabass und Klavier oder aber von Sopransaxophon und Gitarre. Hier muss keiner dem anderen etwas beweisen, alles fließt.
Doch, das war schon ein Weihnachtsgeschenk, dass die Initiative Jazz-Braunschweig den Jazzfreunden der Region vorzeitig gemacht hat. Das muss auch der Redakteur von „Deutschland Kultur“ geahnt haben. Das Konzert wurde komplett aufgezeichnet und wird am 2. Januar 2013 um 20.03 Uhr gesendet.

Klaus Gohlke

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Rita Marcotulli European Leaders

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, Braunschweig

Rita Marcotulli: Piano
Andy Sheppard: Saxofon
Nguyen Lê: Gitarre
Marilyn Mazur: Schlagzeug, Percussion
Michel Benita: Bass

Rita Marcotulli und ihr einzigartiger Sound sind nicht so leicht zu verorten. Zu definieren ist er sicher zum Teil über Ritas klassische Ausbildung, aber bestimmt auch durch die Musik, mit der sie aufgewachsen ist und zu der nicht zuletzt Pink Floyd gehörte. Und mit ihrem Pink Floyd-Projekt, mit dem sie eine Synthese zwischen Musiken verschiedener Genres wagte und schaffte, dürfte sie den Grundstein für den Ruf gelegt haben, den sie sich in der Welt des Jazz erspielt hat. Mit von der Partie war u.a. Andy Sheppard, der auch heute dabei ist. 1996 war er schon einmal zusammen mit Carla Bley bei uns.

Rita Marcotulli hat mit den verschiedensten Musikern gespielt und verschiedene Musiken, darunter auch italienische Folklore erkundet. Sie spielte mit Kenny Wheeler und Billy Cobham, aber auch mit Chet Baker, Peter Erskine, Joe Henderson, Joe Lovano, Nguyen Lê und immer wieder mit Andy Sheppard – und das in den verschiedensten Formationen. Das Zusammenspiel zwischen Rita und Andy Sheppard wird als einfühlsames, farbenfrohes und filigranes Gespräch beschrieben, wie es nur zwischen Menschen möglich ist, die nicht nur im akustischen Sinn dieselbe Wellenlänge haben.

Andy Sheppard, der nach eigener Aussage nur das machen will, was er am besten kann: Musik, ist ein Grenzgänger zwischen den Stilen. Er verbindet afrikanische, indische und südamerikanische Elemente zu einer Musik mit ganz eigenem Profil, mit der er nicht zuletzt auch dank des warm timbrierten Klangs seines Saxofons und seiner lyrischen Spielweise Herz und Sinne seines Publikums erreicht.

Als dritten Musiker dürfen wir Nguyen Lê begrüßen, der für uns ja auch kein Fremder ist. Die Frage, wie das wohl funktionieren soll, eine von der Klassik kommende Jazzpianistin und ein Saitenzauberer der besonderen Art, ist wohl erlaubt. Aber die beiden verstehen es, europäische Musiktradition und Harmonien aus dem fernen Osten miteinander zu verschmelzen, ihre unterschiedlichen Stilrichtungen und Traditionen zu einer Synthese ihrer Gegensätze – zu einem west-östlichen Divan – zu führen.

Am Bass steht Michel Benita, mit dem Rita über die Jahre auch immer wieder gespielt hat. Auch Benita ist seit vielen Jahren nicht mehr aus der europäischen Jazzszene wegzudenken. Seine absolute Meisterschaft auf seinem Instrument und sein feiner und subtiler Anschlag haben manchen Großen unserer Zeit begeistert und zur Zusammenarbeit angeregt: Archie Shepp, Peter Erskine, Enrico Rava, Paolo Fresù und nicht zuletzt Rita. 2007 war er mit Nguyen Lê und Peter Erskine bei uns.

Und auch Marilyn Mazur, die Queen of Percussion, kennen wir bereits. Ihr unkonventionelles Spiel, das keine Idiome und keine Beschränkungen kennt und nach ihrer eigenen Aussage besonders von Miles Davis’ Musik der 60er/70er Jahre beeinflusst ist, hat schon früh viele große Musiker zur Zusammenarbeit herausgefordert, unter ihnen – neben Miles Davis – Wayne Shorter, Gil Evans und Jan Garbarek. Seit langem spielt und tourt sie auch mit eigenen Gruppen und war im Sommer bei Jazz Baltica zu Gast. Mit Marilyn Mazur hat das Klischee von der verlorenen Frau am Schlagzeug wohl endgültig seine Berechtigung verloren.

Wir können uns auf einen einmaligen, spannenden Abend in einem neuen Rahmen und auf eine Zusammenarbeit mit dem L.O.T.-Theater freuen!

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Konzert im Viertelnach mit Snarky Puppy

Viertel Nach, Braunschweig, Bültenweg 89

Snarky Puppy

Endlich ist es soweit:
Snarky Puppy kommt im Rahmen seiner Europatournee 2012 nach Deutschland!

Spätestens seit der Veröffentlichung ihrer letzten beiden Doppelalben “Tell Your Friends” und “GroundUP” (CD + Studio-LiveDVD) ist diese New Yorker Band nicht mehr nur ein Geheimtipp in der Jazzszene. Denn nicht zu unrecht wird dieses Musikerkollektiv aus Brooklyn von vielen euphorisch als “the next big thing” der Jazz-Welt bezeichnet!

Mit ihrer unglaublich flüssigen und energetischen Mixtur aus Jazz, Funk/Fusion und World Music spricht Snarky Puppy sowohl musikalisch anspruchsvolle Zuhörer als auch unvoreingenommenes Publikum an.
Ihr Stil lässt sich am ehesten als rauer Funk mit feinfühliger Dynamik + Melodik beschreiben, der zwischen ansprechenden Harmonien, gekonnter Schlichtheit und – vor allem – einem gezielten Mix aus Komposition und Improvisation sein Gleichgewicht sucht.

Snarky Puppy versteht es wie keine andere Band, ihre Zuhörer mit ihrer Liebe zur Musik anzustecken und zieht das Publikum durch eine unvergleichbare Live-Stimmung in den Bann.

An den Instrumenten sitzen junge, aber sehr erfahrene Musiker:
Neben dem preisgekrönten Bassisten und Bandleader Michael League (u.a. Beyoncé), dem Drummer Robert “Sput” Spearight (u.a. Snoop Dogg) und dem Keyboarder Shaun Martin (u.a. Kirk Franklin) ergänzt sich die Band aus einem Pool von bis zu 25 Musikern.

So finden sich zum Beispiel der Ausnahme-Keyboarder Cory Henry [Kenny Garrett], der Multi-Instrumentalist Louis Cato [Marcus Miller, George Duke], Jazzpianist Robert Glasper oder Größen wie Ari Hoenig, Adam Rogers, Roy Hargrove usw. im wechselnden Line-Up des “bissigen Welpen” wieder. Diese verleihen ihm eine Lebendigkeit, wie sie für den “melting pot of music” nicht typischer sein könnte.

Beginn: 21:30 / Einlass: 20:30

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Eintritt: Abendkasse 16 € / Eventim 12 € + Gebühren

Jazz und Film in der Reihe “Sound on Screen”

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, Braunschweig

Der Film “Leben gegen die Zeit – Michel Petrucciani” im Universum Filmtheater Braunschweig.
Regie: Michael Radford, F, I, D 2011, 99 Min., OmU

Michael Radfords vielschichtiges, auch kritisches Porträt der 1999 verstorbenen, kleinwüchsigen Jazzlegende. Denn der virtuose Jazz-Pianist, der zeitlebens gegen die Glasknochenkrankheit kämpfte, lebte ein Künstlerleben mit allem, was dazugehört.
“Ein Musikermythos in voller Breitseite.” (Süddeutsche Zeitung)

Anschließend:

“The melody still lingers on” – Musik passend zum Film live mit dem Tiqui-Taca-Trio im Café Riptide. Jazziges Kurz-Passspiel mit hohem Melodieanteil und einem Trio in ständiger Bewegung, das den Sound zirkulieren lässt.

Featured by Initiative Jazz Braunschweig.

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Kritik zu “Cholet / Känzig / Papaux-Trio”

Zwischen Alpenblues und Wiegenlied

Die Initiative Jazz-BS eröffnet mit dem Cholet-Känzig-Papaux-Trio die neue Konzertsaison

Wer will hier wen reinlegen? Marcel Papaux‘ Blick geht von unten her schräg nach oben in Richtung des Pianisten Jean-Christophe Cholet. Ein feines, schelmisches Lächeln umspielt den Mund des Schlagzeugers und plötzlich bohren sich knallend-harte 4/4 – Beats in die Klangkaskaden, die der Tastenmann scheinbar entrückt kreiert. Eine gewisse Zerrissenheit beim Zuhörer. Wohin soll er sich wenden? Aber schon wechselt der Schlagzeuger in einen ternären Rhythmus, der beruhigender wirkt. Nur – was hilft das, da nunmehr der Pianist heftig auf jede halbe Note einen Akkord setzt? Dazwischen Heiri Känzig, der Kontra-Bassist, der Vermittler zwischen Harmonie und Rhythmus. Das ist aber nicht kompromisslerisch zu verstehen. Er ist ein Impressionist mit eigenen Harmoniewegen und gewagten Kadenzen. Ein Mann, der gewissermaßen Ordnung schafft und neue Horizonte eröffnet. Programmtisch der Titel des Stückes: „Contre sens“.

Für den Zuhörer nicht immer ganz einfach, aber gleichviel stets hochspannend, dieses Zusammenspiel, das sich dem Kontrast verschrieben hat. Hörerwartungen zu unterlaufen, neue Horizonte zu eröffnen, das ist die Absicht des Trios, das nunmehr seit zehn Jahren zusammenarbeitet.

Und so wird man in „Because of Schumann“ von Cholet in die Welt der romantischen Klaviermusik gelockt, um dann im weiteren Verlauf des Stückes die Dekonstruktion der Melodie mitzuerleben, bis sie am Ende neu zusammen gesetzt wieder aufscheint. In „Triplettes“ malen die Musiker auf je ganz eigene, aber intensiv aufeinander bezogene Weise wunderbare Klangflächen. Jedoch – immer wieder durch Breaks unterbrochen, wird das eine Art Fahrstuhlfahrt, bei der auf jeder Etage ein Stop erfolgt, um immer höher hinaus zu gelangen. Dann wieder nahezu elegische Töne: eine Ode für den langjährigen Weggefährten Charlie Mariano.
Ein „Swiss Blues“ wird angekündigt. Das bedeutet im Intro eine vom Bassisten im Flageolett gestrichene Alphorn-Naturtonreihe, ein eigenartig verspieltes Geklapper am Schlagwerk – vom Blues eigentlich keine Spur. Dann legt man los und es steht einem alle Tonwelt offen, sich über die Schweiz Gedanken zu machen: Lawinensturz, Almromantik, entgleisende Dorffeste…

In Schubladen lässt sich diese Musik nicht zwängen, jeder Musiker lässt dem anderen viel Raum, das zu verhindern. Zum Abschluss eine Berceuse und viel Beifall im Braunschweiger Lindenhof. Ein guter Start in die Jazz-Saison 2012/13.

Klaus Gohlke

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Cholet / Känzig / Papaux-Trio

Lindenhof “da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Jean-Christophe Cholet: piano, compositions
Heiri Känzig: bass
Marcel Papaux: drums

Nachdem wir den französischen Jazzmusiker Jean-Christophe Cholet letztes Jahr mit seinem Projekt “Times” mit Geoffroy De Masure, Linley Marthe und Chander Sardjoe bei uns hatten, freuen wir uns, ihn dieses Jahr mit seinem französisch-schweizerischen Trio mit Heiri Känzig und Marcel Papaux begrüßen zu können.
Dieses Trio, das jetzt schon seit zehn Jahren miteinander spielt, ist die glückliche Verbindung von drei Ausnahmemusikern, die es verstehen, ihr Zusammenspiel trotz individueller Entfaltung zu subtiler Stimmigkeit zu führen. Die meisten der von ihnen gespielten Kompositionen stammen von Cholet. Sie kommen transparent und schnörkellos daher, verraten aber bei näherem Hinhören schnell ihre atmosphärische Dichte und ihren Facettenreichtum. Inzwischen hat sich das Trio in ganz Europa einen Namen gemacht. Seine sechs Alben wurden von der Kritik gefeiert und haben seinen Ruf als eine der vitalsten und ideenreichsten Formationen dieser Art in Europa gefestigt.
Heiri Känzig und Marcel Papaux zählen zu den besten Rhythmusgruppen in Europa. Ihr Spiel reicht von minimalistischer Begleitung bis zum fieberhaften Groove. Während Heiri Känzig seinem Bass sonore und tragende Klänge von außerordentlicher Ästhetik entlockt, zeichnet sich Marcel Papaux durch elegant swingende und überaus präzise Rhythmen aus. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich dann das nuancenreiche und expressive Spiel Cholets und vereint die drei Musiker mit ihren Eigen- und Besonderheiten in einer in sich geschlossenen Schleife in einer komplexen, spannenden Klangwelt, die sich ihre Offenheit jedoch nicht nehmen lässt.
In diesem komplexen Gewebe fällt Jean-Christophe Cholet mit seinem starken und nuancierten Einfühlungsvermögen die Rolle zu, die labyrinthartig verwobenen Klänge und Farben miteinander zu vereinbaren, indem er durch kontrollierte und originelle Punktuierung die notwendigen Akzente setzt.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jam Session

Viertel Nach, Braunschweig, Bültenweg 89

Liebe Sessionfreunde,

am Donnerstag den 5. Juli findet im Viertelnach die nächste Session statt. Dann macht die Session eine Sommerpause (wollen hoffen, dass der dann auch wirklich mal kommt – der Sommer!). Die Termine für Herbst und Winter stehen auch schon.
Alles zu lesen auf jazzsession38.blogspot.de

Sessionband: Braunschweig Goes Latin

José L. Gavira (fl)
Elmar Vibrans (p)
Heinrich Römisch (b)
Matti Wandersleb (dr)

Mod”re

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Eintritt: re

Kritik zu “For Free Hands”

Gegen Fußball ist kaum ein Kraut gewachsen

Die Berliner Band „For Free Hand“s spielt Balkan-Jazz

Eins ist schon mal klar! Wer da glaubt, dass Jazzfans gewissermaßen von Natur aus nie auch Fußballfans sein können, der irrt sich. Anders jedenfalls ist der deutlich schwächere Besuch des letzten Konzertes der Initiative Jazz Braunschweig vor der Sommerpause nicht zu erklären. Zu spekulativ? Nun, wenn selbst das A-Trane in Berlin, ein bisschen so etwas wie das Village Vanguard in New York, wegen der EM für drei Wochen schließt, kann kein Zweifel mehr bestehen.
An FFH, der multinational besetzten und in Berlin ansässigen Jazzband, kann es jedenfalls nicht gelegen haben. FFH? For Free Hands. Ein programmatischer Name? Etwa uneingeschränkte Freiheit des musikalischen Ausdrucks? Die musikalische Fassung des „automatischen Schreibens“ der Symbolisten? Aus dem tiefen Inneren direkt in die Hand oder den Mund? Mit dem Resultat des Chaos, weil Widerspruch in sich? Oder Hinweis auf den ungehemmt freien Rückgriff auf Jazztraditionen und musikalische Formen?
Nun, die Musik bringt es an den Tag. Z.B. Perpetuum 5. Langsamer Beginn, zunehmendes Tempo. Sehr schnelle Akkordwechsel, auf jeden Vierteltakt, wenn nicht gar auf die Achtel. Riecht nach Bebop. Das Gitarren-Solo: Eher modaler Jazz. In bester John Scofield-Manier werden flüssige Melodieläufe und rasante Akkordwechsel verschmolzen. Dann aber wieder sehr freie Passagen. Und während man gedanklich mit der Einordnung beschäftigt ist, zerhackt der griechische Schlagzeuger Dimitris Christides den Rhythmus mal sehr grob-rockig, um ebenso schnell subtile Beckensounds einzustreuen. Überhaupt die Metren. „Magic Friday“ mit 13/16; „East-Side-Story“ wechselt dauernd von 11/8 zu 4/4. Aber wie werden die Rhythmen unterteilt! Das wird ja nicht einfach gerade herunter gespielt!
Hat man gerade richtig zurecht gezählt, wird man aus der Kurve getragen von wunderbaren Melodien und Verzierungen Karparovs am Sopransaxofon in „Wizard Cube“. Hochkomplexer Balkan-Folk oder World-Jazz, wie man will. Karparov – ein Balkan-Coltrane! Zum Glück hat man einen Ruhepol und Klanggrundierer im kanadischen Bassisten Scott White, der die Strukturen der Stücke schön herausarbeitet. Sehr schön auch die wunderbaren Dialoge nicht nur zwischen Gitarre und Saxofon, was ja naheliegt, sondern zwischen Gitarre und Bass oder zwischen Tenorsaxofon und Schlagzeug.
„Sie sind von der Zeitung? Schreiben Sie: Ich bin sehr glücklich, heute hier bei FFH gewesen zu sein!‘“ Gemacht., weil absolut keine Einzelmeinung.

Klaus Gohlke

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For Free Hands

Lindenhof “DaPaolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Andreas Brunn: Gitarre
Vladimir Karparov: Altsaxofon
Dimitris Christides: Schlagzeug, Percussion
Scott White: Bass

Als innovativste und spannendste Band wird die Berliner Gruppe For Free Hands gegenwärtig gehandelt, und tatsächlich verkörpert sie den heutigen Zeitgeist so exemplarisch wie kaum eine andere. Diese vier Musiker aus Deutschland, Bulgarien, Griechenland und Kanada stehen zwar in ganz unterschiedlichen nationalen Traditionen, aber sie spiegeln gleichermaßen die Vielfalt und den Abwechslungsreichtum unserer europäischen Moderne wider und verkörpern damit eine neue Facette des zeitgenössischen europäischen Jazz.

Das glückliche Zusammentreffen dieser vier Musiker, das amerikanisch-deutsche Jazztraditionen zu einer Symbiose mit balkanesker Lebendigkeit und schwerblütiger Lebensfreude (Kusturica!) führt, hat einen Jazz hervorgebracht, der sich der Einordnung in bekannte Schubfächer entzieht und sich irgendwie auch als eine Art Weltmusik präsentiert. Zudem hat sich die Gruppe vom Althergebrachten gelöst. Sie hat völlig neue Wege beschritten und Jazz, freie Improvisation und Folklore zu einem neuen Ganzen verschmolzen. So haben sie ihr Album wohl nicht ohne Hintergedanken “Transversal” betitelt, was man interpretatorisch mit “quer zum Mainstream” übersetzen könnte.

Die vier Musiker sind Andreas Brunn aus Deutschland, der Bulgare Vladimir Karparov, der Grieche Dimitris Christides und Scott White aus Kanada.

Von Andreas Brunn mit seiner siebensaitigen Akustikgitarre und E-Gitarre heißt es, dass er Erinnerungen an John McLaughlin wachrufe. Sein Spiel und sein Kompositionstalent seien hintergründig und von intelligentem Witz.

Vladimir Karparov gilt als Ausnahmesaxofonist, der es auf unvergleichliche Weise versteht, die traditionelle und zuweilen orientalisch beeinflusste Musik seiner Heimat mit innovativer Jazztechnik zu verknüpfen, so dass seine atemlosen Melodiekaskaden zu einem rauschhaften Hörerlebnis werden.
Dimitris Christides hat viele Jahre in London zugebracht, wo er Musik studierte und die Londoner Jazzszene kennenlernte. Sein Trommelstil mischt die perkussiven Elemente der Balkan- und nahöstlichen Rhythmen mit der subtilen und kreativen Sensibilität des Jazz. Jetzt lebt er in Berlin als Lehrer für Schlagzeug und hat bei For Free Hands das Schlagzeug und die Percussion übernommen.

Der Kanadier Scott White ist ein vielseitiger Musiker und Komponist, der seit Jahrzehnten mit den verschiedensten Bands als Bassist in Nordamerika und Europa unterwegs ist. Nach einer Anstellung als Musiker und Kapellmeister beim Cirque du Soleil lebt er heute in Kanada und Deutschland als freiberuflicher Musiker.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Masha Bijlsma & Bones

Lindenhof “DaPaolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Masha Bijlsma: vocals
Bart van Lier: trombone, bass trumpet
Adrian Mears: trombone
Rob van den Broeck: piano
Henk de Ligt: double bass
Dries Bijlsma: drums

Als Masha Bijlsma mit ihren “Bones” vor fünf Jahren schon einmal bei uns war, schrieb die Braunschweiger Zeitung in ihrer Rezension begeistert von ihrer außergewöhnlichen Sangeskunst, mit der sie ihre Stimme perfekt als sechstes Instrument in Szene setze, und davon, dass sie mal heiser wie das Saxofon schnurre und sich mal röhend wie die Posaune erhebe.
Auf ihr Saxofonschnurren müssen wir diesmal verzichten, denn sie hat neben ihrem Trio, mit dem sie schon immer spielt, zwei Posaunen mitgebracht: Bart van Lier, Hollands geliebten und gefeierten Posaunisten, der sich einen ganz großen Namen als Mitglied der Peter Herbolzheimer Band und der Slide Hampton Trombone Group gemacht hat. Was er auch spielt, mit seinen spannungsgeladenen Soloeinlagen von höchster Virtuosität bewegt er sein Publikum immer wieder zu spontanen Beifallsstürmen. Der andere Posaunist ist Adrian Mears, der aus Australien stammt und sich inzwischen in Süddeutschland niedergelassen hat. Er hat schnell den Anschluss an die deutsche und europäische Jazzszene gefunden und sich zu einer ihrer starken Stimmen entwickelt, nachdem er u.a. auch mit Kenny Wheeler und dem Bob Brookmeyer New Art Orchestra gespielt hat.
Zu Masha Bijlsmas exzellent eingespieltem Trio gehören Rob van den Broeck am Klavier – er ist Mitglied des European Jazz Ensemble -, Henk de Ligt am Kontrabass und Dries Bijlsma, ihr Vater, am Schlagzeug.

Mashas großer Atout ist die enorme Wandlungsfähigkeit, der Klangfarbenreichtum und der außergewöhnliche Tonumfang ihrer Stimme, ihr großes Stil- und Ausdrucksspektrum, bluesige Farbe und Sinnlichkeit. So singt sie Kompositionen von so grundverschiedenen Musikern wie Thelonious Monk, Fats Waller, Charlie Haden, Tony Lakatos, Jasper van’t Hof und Kate Bush und zeigt dabei, wie kreativ und progressiv man Klassiker des Jazz interpretieren kann. Daneben singt sie aber auch eigene Kompositionen, deren lyrische Texte sie oft selber geschrieben hat.

Wir können uns wieder auf einen abwechslungsreichen und mitreißenden Abend freuen.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
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– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Curtis Fuller Sextett

Lindenhof “DaPaolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Curtis Fuller: Posaune
Jim Rotondi, Trompete
Piero Odorici, Tenorsaxofon
Rob Bargad, Piano
Milan Nikolic, Bass
Joris Dudli, Schlagzeug

Zweifellos ist Blue Train von John Coltrane aus dem Jahr 1957 eines der unvergesslichen und ganz großen Stücke der Jazzgeschichte. Es beginnt nicht – wie man erwarten sollte – mit einem Saxofonmotiv, sondern mit einem zwölffach wiederholten Shout auf der Posaune, zu dem sich dann Trompete und Saxofon gesellen. Diese Posaune spielt Curtis Fuller, und hätte er nur dieses eine Stück aufgenommen, mit seinem warmen, schweren Ton hätte er sich bereits unsterblich gemacht. Seit dieser Epoche, die von Tenorsaxofon und Trompete dominiert wurde, hält er der damals wenig beliebten Posaune die Treue.

Mit und seit Blue Train hat Curtis Fuller seinen Platz in der Jazzgeschichte. Curtis Fuller ist aber auch auf Dutzenden anderer historischer Platten zu hören: mit den Adderleys, die er aus seiner Militärzeit kannte, mit Art Blakey, Dizzy Gillespie, Art Farmer, Benny Golson, Count Basie und Miles Davis und vielen, vielen anderen – und natürlich auch mit eigenen Gruppen. Da wurde er nicht von ungefähr für das Label Blue Note entdeckt. Gemeinsam mit J.J. Johnson zählt Curtis Fuller zu den herausragenden Posaunisten des Hard Bop. Nach einer längeren Zeit des Schweigens aufgrund gesundheitlicher Probleme und des Todes seiner Cathy gelang ihm vor einigen Jahren das Comeback, so z.B. auf dem Jazzfest Berlin 2009.

Und nun kommt er zu uns nach Braunschweig. Für uns Ältere wird mit ihm die Erinnerung an erste Begegnungen mit dem Jazz wieder wach, dieser damals in Europa weitestgehend unbekannten Musik, und an die Faszination, die der Jazz unser Leben lang auf uns ausgeübt hat. Mit Curtis Fuller kommt ein Musiker zu uns, der den Jazz wie kaum ein anderer personifiziert und der bestimmt auch bei jüngeren Generationen seine Gemeinde hat.

Ein großes Konzert in einem kleinen Rahmen – wir danken Joris Dudli für diese freundschaftliche Geste an das Braunschweiger Publikum. Wir erleben Joris dabei am Schlagzeug; neben ihm und Curtis Fuller hören wir Jim Rotondi mit seiner Trompete, Piero Odorici am Tenorsaxofon, Rob Bargad am Piano und Milan Nikolic am Bass.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
ckc
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Jam Session

Jazz-Kneipe Baßgeige, Bäckerklint 1, Braunschweig

Mit der Modern-Jazz-Session bietet die „Initiative Jazz Braunschweig“ in Zusammenarbeit mit der Bassgeige ein kreatives Forum für jazzbegeisterte lokale und regionale Musiker.
Die Session findet mindestens vier Mal im Jahr statt und wird von einem erfahrenen Musiker geleitet.
Eine Sessionband spielt einige Songs als Warming Up und gewährleistet, dass die traditionellen Instrumente einer Rhythmusgruppe während des ganzen Abends vorhanden sind.
Am Sa, den 17. März um 20 Uhr spielen Marcel Reginatto (sax), Hans-Christian Hasse (p), Fabian Claußen (b) und Daniel Ossege (dr).
Der Eintritt ist frei.

Eintritt: frei

Kritik zu “Mo’Blow”

Jazz geht auch anders
Die Berliner Jazz-Funk-Band Mo’Blow spielt tanzbaren Jazz

„Ja, den Düwel ook, watt war denn dütt?“ Gerade wird in den Groß-Feuilletons Land auf, Land ab dem deutschen Jazz Bedeutungslosigkeit attestiert. Er sei die Musik eines immer älteren Publikums, überhaupt: völlig verbürgerlichte, ritualisierte Sesselmusik. Zwischen den Polen „blonder Schmuse-Jazz“ und „hermetische Hirnigkeit“ taumelnd. Die revolutionären Angriffe auf die Hörgewohnheiten seien abgesunken zum kulturellen Erbe. Man brauche alternde US-Stars um Konzertsäle zu füllen. Also: Jazz-Deutschland ist tote Hose.
Ja, und dann taucht am Freitagabend die junge Berliner Jazz-Funk-Truppe Mo’Blow im Braunschweiger Lindenhof auf und straft die Diagnose Lügen. Ein Publikum, das am Konzertende den Musikern stehend applaudiert! Ein sichtbar höherer Anteil jüngerer Konzertbesucher! Musiker, die sich so gut angenommen fühlten, dass sie mehr als die obligate Zugabe spielten! Und dann, völliger Wahnwitz! Einige, eher jüngere Leute tanzten gar. Wäre das Gestühl nicht im Wege gewesen, wer weiß, wer noch alles zu den knackigen Rhythmen die Knochen geschüttelt hätte. Schließlich: selbst harte Traditionalisten merkten – Jazz geht auch anders.
Schon die Art des Auftretens der Band war erfrischend. Abwechselnde, verständliche und auch witzige Anmerkungen zu den Stücken. Das Solo-Spiel wird mal wörtlich genommen: alle anderen Musiker verlassen den Saal. Auch karikierende Showeinlagen und nicht zuletzt ungekünstelte Freude über die gute Resonanz beim Publikum wirken auflockernd. All das aber wäre nun nichts ohne die Musik.
Mo’Blows musikalisches Zentrum ist der Rhythmus, das Funkige, der Groove. Aber sie sind eben nicht nur eine „heiße Funkband“. Wohl spielte Matti Klein an seinem Fender-Rhodes-Piano und keinem anderen Tastenteil mit der rechten Hand oft repetitiv die typischen Floskeln. Natürlich war die Slaptechnik des Bassisten Tobias Fleischer mitunter dominant. Selbstverständlich röhrte Saxofonist und Frontmann Felix F. Falk oft perkussiv. Und Schlagzeuger André Seidel arbeitete sehr synkopierend am Schlagzeug. Das würde aber schnell langweilig, käme nicht etwas Wesentliches zu diesen Funk-Elementen hinzu, nämlich das Jazzige. Gemeint ist damit das Unvorhersehbare, das Durchbrechen des Schematischen vor allem in den Improvisationsphasen, wenn die Band schier abhob. Ob man dazu nun noch ein Didgeridoo braucht oder diverse Perkussionsteile, sei dahingestellt. Auch der Loop-Gebrauch des Bassisten müsste befragt werden: bringt er mehr Tiefe oder ganz neue Aspekte?
Mo’Blow ist ein echter Live-Act, für wahr. Tote Hose Jazz? Man ist so tot, wie man sich fühlt.

Klaus Gohlke

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Mo’Blow

Lindenhof “DaPaolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Matti Klein (keys)
Felix F. Falk (sax & perc)
André Seidel (drums)
Tobias Fleischer (bass)

Die Wiege von Mo’Blow stand in Liverpool, wo Felix F. Falk vor zehn Jahren während eines Studienaufenthaltes den Funk für sich entdeckte und die Ursprungsformation “Sahnefunk” gründete. Aus ihr wurde schon ein Jahr später in Berlin die jetzige Band mit dem Namen Mo’Blow, in der sich der Saxofonist Falk mit dem Bassisten Tobias Fleischer, dem Schlagzeuger André Seidel und dem Pianisten Matti Klein zusammenfand. Seitdem erobern diese vier jungen Musiker die deutsche und europäische Funk-Szene, und das mit prominentester Unterstützung: Nils Landgren, die lebende Funklegende, hörte von ihnen, und es sollte nicht lange dauern, bis sie gemeinsam ein Album aufnahmen.

Schon bald begannen sie, ihr musikalisches Spektrum um Jazz und Soul zu erweitern, und Publikum und Kritik haben es ihnen gedankt: 2008 waren sie zweifacher Preisträger des Jazz & Blues Award und 2011 Gewinner des Future Sound, dem Wettbewerb der Leverkusener Jazztage.

Was sie auszeichnet, ist nicht nur das Neue, der frische Wind, den sie in die Szene gebracht haben, sondern auch ihre Energie und der ihnen eigene kernige Sound. Nichts kommt altmodisch oder konventionell daher, sondern alles in eigenständiger Komposition und ohne abzukupfern: eben superfrisch und überzeugend.

Die Kritik ist einhellig positiv und lobt die intelligenten Kompositionen und die teils ungewöhnliche Instrumentierung mit Didgeribones, einer Art Didgeridoo, die markanten Saxofon-Hooklines, den fetten Bass und das präzise verschleppte Schlagzeug.

Und www.unser-luebeck.de sagt: “Hier wird jeder noch so waghalsig angesetzte Break, jede noch so schräg gesetzte Synkope mit einer Lässigkeit und Selbstverständlichkeit ins Klanggeflecht gewoben, dass man nie befürchten muss, dieser Spaß und Spielfreude versprühende Vierer würde in der nächsten taktvertrackten Haarnadelkurve aus der Spur geschossen.”

Alles klar? We’ll hear!

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweiger Flammenfilter
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Kritik zu “Wanja Slavin Lotus Eaters”

Odysseus lässt grüßen

Die Wanja Slavin Lotus Eaters erzeugen musikalische Energieströme

Man vergisst die Heimkehr, isst man vom Lotus, dem süßen. Das sagt uns Odysseus, listreich und ruhlos. Und es braucht Gewalt, wieder zurück zu finden. Weg von der Droge, zurück zu der Heimat.
Die Wanja Slavin Lotus Eaters waren am Freitagabend zu Gast im Lindenhof zu Braunschweig. Eine drogenumnebelte Modern-Jazz-Kapelle?
Der Eindruck stellte sich höchstens dem ein, der Jazzmusik ohnehin als abnorme musikalische Äußerung betrachtet. Schon auf den ersten Blick musste auffallen, dass die Musiker sich höchst organisiert-rational verhielten. Man hatte Notenblätter vor sich liegen, man zählte richtig an. Man kommunizierte während des Spielens nonverbal. Alles hatte einen Anfang und ein Ende.
Gleichwohl war das Konzert getragen von einem hohen musikalisch-emotionalen Energiestrom, den aufzubauen und zu regulieren, Ziel allen Spielens war. Insofern hat der Chef der Gruppe, der Altsaxofonist Wanja Slavin, schon Recht, wenn er im Gespräch sagte, dass die Kompositionen doch recht einfach seien. Mit einem Augenzwinkern freilich. Einfach insofern, als die Konstruktionsprinzipien der Stücke gut erkennbar wurden. Es waren gewissermaßen Module, die auf unterschiedliche Weise gekoppelt wurden. Eine einfache Tonfolge, vom Saxofonisten vorgegeben, wird vom Pianisten Rainer Böhm aufgegriffen und in Akkordfolgen übersetzt, Bass und Schlagzeug geben ordentlich Druck hinein und auf dieser Plattform beginnt ein rasendes Sax-Solo. Dem folgt eine heftige Abkühlungsphase, in deren Zentrum eine ausdrucksstarke Bassimprovisation von Andreas Lang steht. Dann wieder ein Powerschub durchs Piano, unterstützt oder durchbrochen von Schlagzeugsalven des Drummers Tobias Backhaus.
Genauso gut konnte das Schlagzeug das Intro liefern: feinziselig-esoterische Geräuscherzeugung mit Glöckchen, Zimbeln, Beckenkuppen, Fellschrapen, was dann in einen straffen Rhythmus überführt wurde. Auf der Basis entwickelte sich ein immer stärker werdender Tonstrom, der in eine Art wilden freien Improvisierens überleitete, aus dem immer wieder ein Instrument sich emporschwang. Ja: Lotus ließ grüßen!
So war es nur folgerichtig, dass die Titel der Stücke beliebig waren: Hippie1 und 2, Ohne Titel, Rock. Es ging ja nicht um Melodieentwicklung oder Harmoniegesetze. Nur einmal, fast am Ende des Konzertes, fühlte man sich urplötzlich um Jahre zurückversetzt, als die Lotus Eaters die Ellington Nummer „Isfahan“ spielten. Ein freundlich-ironischer Gruß aus dem „Damals war’s!“ der Melodieverliebtheit.
Ein tolles Publikum, sagte Slavin später. Stimmt. Es folgte dem Konzert mit hoher Anspannung und erkannte, bei nur geringem Drogeneinsatz, die Umsetzung von Emotionen in komplexe musikalische Sprache.

Klaus Gohlke

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Wanja Slavin Lotus Eaters

Lindenhof “DaPaolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Wanja Slavin: Altsaxophon
Rainer Böhm: Piano
Andreas Lang: Bass
Tobias Backhaus: Schlagzeug

Seinen Namen “Lotus Eaters” hat dieses junge Quartett aus der griechischen Mythologie entlehnt: Auf seinen Irrfahrten war Odysseus auch einmal bei den Lotophagen gelandet, die ihm und seinen Mannen gastfreundlich ein paar Lotusfrüchte anboten. Aber kaum hatten die Männer davon gegessen, hörten sie Sphärenklänge, waren von wunderlichen Wahrnehmungen umwoben und schwelgten in glückseligem Vergessen. Odysseus musste sie dieser glücklichen Insel mit Gewalt entreißen und anketten, damit sie ihm wieder aufs Schiff und in Richtung Heimat folgten.
Da liegt natürlich die Vermutung nahe, dass Wanja Slavin und seine Mannen uns, ihr Publikum, mit ihrer Musik auch in hypnotische Sphären und damit zu neuen Ufern entführen wollen.
Was sie spielen, geht vom Deep Jazz aus und führt die Tradition fort, die von John Coltrane und Bill Evans mit großer Leidenschaftlichkeit und Poesie begründet wurde. Und auch in ihren eigenen Kompositionen legen die Lotus Eaters eine Durchdringung der musikalischen Materie und eine Virtuosität an den Tag, die das Publikum in Staunen versetzt.
Ein Kritiker sagte, wenn Wanja Slavin und seine kongenialen Musiker die Zukunft des deutschen Jazz seien, müsse man sich keine Sorgen machen. Sie sind tatsächlich innerhalb kurzer Zeit zu den größten Hoffnungsträgern, zu den wichtigsten Stimmen unserer Jazzszene geworden. Was bisher von der im Jahr 2008 gegründeten Band an Aufnahmen im Umlauf ist, klingt auf jeden Fall so, als ob die zur “U 30”-Generation gehörenden Musiker eine große Zukunft vor sich haben.
Diese Zukunft hat schon begonnen: Dieses Jahr belegten sie den zweiten Platz bei dem jährlichen BMW Welt Jazz Award, bei dem sie in der letzten Runde gegen Nils Wogram antraten, der für uns ja kein Unbekannter ist.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Öffentliche Versicherung Braunschweig
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Kritik zu “John Abercrombie & Marc Copland”

Viel abstraktes Gebirg

Das Duo John Abercrombie und Marc Copland spaltet das Publikum

Zeitgeist war das nicht, was John Abercrombie an der Gitarre und Marc Copland am Piano beim Jazzkonzert am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig vorstellten! Fünf Stücke pro Set, jedes um die zehn Minuten lang. Die Instrumente nur schwach verstärkt. Die Gitarre, eine Semi – Akustik, fast ohne Effekte. Kompositionen mit hochkomplexer Struktur. Dazu erkennbar der Wille, Klischees des Duo-Zusammenspiels, das permanente Wechselspiel etwa von Solo- und Begleitphasen, zu vermeiden. Eine ungemein intensive Kommunikation der beiden Musiker, die auf der anderen Seite ein ebenso hochkonzentriertes Zuhören abforderte. Zudem zwei Männer, die nichts mehr beweisen müssen, was ihr Können betrifft. Erfahrungsgesättigt, was Spieltechnik, Harmonik, Melodik, Rhythmik, Metrik und Traditionen betrifft. Man war gewissermaßen zurück geworfen auf Musik pur. Nicht ohne Herz, absolut nicht, aber gewaltig hirnig. Kammermusikalischer Jazz oder Neue Musik? Die Schubladen klemmen.

Ein Jazz-Konzert, das den Veranstalter, die Intiative Jazz Braunschweig eigentlich glücklich stimmen durfte, denn es war schon im Vorverkauf ausverkauft. Doch – wie passt das zusammen? Einerseits die anspruchsvoll-abstrakte Musik und der große Publikumszuspruch? Es sind einmal die großen Namen. Jazz – Champions – League eben. Ohne Marc Copland weh tun zu wollen: es zog vor allem wohl der Name Abercrombie. Ein Mann des Jazz – Gitarren- Olymps. Zum anderen eben die Tatsache, dass mal wieder ein Gitarrist konzertierte, zudem im Duo. Mal nicht die ewigen Klaviertrios.
Es sei aber nicht verschwiegen, dass die dargebotene musikalische Kost nicht allen schmecken wollte. Das Publikum war gespalten. Schon in der Pause Absetzbewegungen, dann noch einmal am Ende des zweiten Sets vor der Zugabe. Das lag nicht nur an gewissen Unkonzentriertheiten und Unzufriedenheiten Abercrombies mit sich selbst oder mit der Technik vielleicht. Nein, man konnte sich ja kaum genug wundern, mit welcher Leichtigkeit dieser Gitarrist die Saiten behandelt. Dass das Niederdrücken von Saiten eine physische Komponente besitzt, ließ Abercrombie vergessen. Es schien, als tupfte er nur Flageoletts. . Marc Copland zauberte seine schwebenden, offenen Klänge. Eine schier überbordende Fülle von Ideen und Anspielungen. Das beeindruckte , aber offenbar nicht vollends.

Nur einmal, beim letzten Stück, dem Standard „Someday my prince will come“ sprang der Funke über. Hier wurde deutlich, was etlichen Besuchern fehlte. Eine schöne Melodie, die immer wieder erkennbar auftaucht. Dazwischen mag noch so viel abstraktes Gebirge sich auftürmen – ein Wohlklang, etwas Erinnerbares, eine gewisse Wärme ist gerade bei kammermusikalischem Jazz nötig, um das Publikum zu konzentriertem Hören zu verführen.

Klaus Gohlke

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John Abercrombie & Marc Copland

Lindenhof “DaPaolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

John Abercrombie: guitar
Marc Copland: piano

Das Konzert ist ausverkauft

“Speak to Me” haben Pianist Marc Copland und Gitarrist John Abercrombie ihre erste gemeinsame Duo-CD genannt – und das ist es, was hier passiert: ein Dialog zweier Vollblutmusiker, die sich nichts mehr beweisen müssen, ein Dialog zweier Harmonie-Instrumente und letztlich auch ein Dialog von Musik und Musikern. Es ist ein leises, ruhiges Reden, distinguiert und tiefsinnig, heiter und leicht. Marc Copland und John Abercrombie blenden alles Überflüssige aus und lassen sich im Fluss der Melodien und Akkorde treiben, wobei sie beide die Freiräume des anderen achten und sich gleichzeitig zunutze machen.
Schon vom Sound her ergeben die beiden eine verblüffende Symbiose. Im Spielen wie auch im Kompositorischen sind Copland und Abercrombie ganz offenbar Brüder im Geiste. Abercrombie zeigt, dass er eine besondere Gabe im Fortspinnen melodischer Fäden hat: Aus kleinen Motiven entstehen Gebilde von berückender Schönheit, die stets einen ganz eigenen Zauber entfalten, weil sie harmonisch und melodisch immer wieder unerwartete Wege gehen. Auf subtile Art lyrisch sind diese Stücke, sie haben höchst eingängige Momente und entziehen sich dann aber auch wieder der allzu leichten Memorierbarkeit: Kleine, flüchtige Klangskulpturen.
In Coplands eigenen Stücken gibt es ganz ähnliche Phänomene: Oft gibt es zupackende Begleitmotive und ein leicht fassbares Thema, das sich aber durch Coplands unorthodoxe Harmonik gleich wieder dem Eindruck des Griffig-Ohrwurmhaften entzieht. Und auch hier ergibt sich – gerade durch die Harmonien – ein Charakter von Flüchtigkeit und edler Momenthaftigkeit. Der wiederum verstärkt sich noch in Copland-Stücken wie Falling Again und Talking Blues: Gebilde, die eine ganz eigene Schönheit durch sanfte Verfremdung scheinbar vertrauter Motive erhalten.

Wunderbar organisch wirkt das musikalische Zusammentreffen dieser beiden Großmeister des zeitgenössischen Jazz. Fast ist es manchmal, als würden die Musiker sich behutsam ineinander spiegeln – so dass jeder immer wieder Züge des anderen übernimmt, aber die Silhouette doch immer klar erkennbar die jeweils eigene bleibt. Besonders spannend bei so profilierten Musikern und Jazzkomponisten wird es, wenn dann doch Standards im Repertoire auftauchen.

Künstler der Verwandlung und der Anverwandlung sind die beiden Musiker – und sie wirken hier in einer Weise zusammen, wie nur sie es können. Feine, ruhige Kommunikation mit enorm prägnanter Aussage – gewiss nicht nur für langjährige Bewunderer der beiden ein Jazz-Ereignis.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

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Kritik zu “Ramón Valle Trio”

Karibischer Sonnenaufgang im Lindenhof

Das Ramón Valle – Trio spielt inspirierenden Hybrid-Jazz

Das freut doch des Menschen Herz, wenn das, was drauf steht, auch wirklich drin ist. Gleich, ob nun bei Kochschinken, Pizzakäse oder, nun ja, auch Jazzmusik. Ramón Valle ist ein kubanischer Jazzpianist, also war kubanische Jazzmusik zu erwarten im sehr gut besuchten braunschweigischen Lindenhof am spätherbstlichen Freitagabend.

Das Konzert beginnt mit dem Klavier-Intro, allerdings eher klassisch impressionistisch, teils auch romantisierend. Exzellenter Anschlag, schöne Akkordverbindungen. Nur kubanisch? Fehlanzeige. Der Bassist, Omar Rodriguez Calvo (Kubaner), beginnt eine mörderische ostinate Figur, ein echter Vamp. Über zehn Minuten saugt er einen förmlich in den Song. Der Schlagzeuger, Owen Hart jr. (Amerikaner), legt ein Snare -Dauergeprassel darunter. Man fühlt sich an den Bolero erinnert, den berühmten. Bolero? Aha, eventuell kubanisch. Nur, leider ein 5/4 – Takt. Also kein Bolero? Aber der Akzent liegt eindeutig auf der 1, ein Downbeat also. Der Bass immer kurz davor, tonal tief unten, dann sich nach oben schraubend, um wieder schwer von vorn zu beginnen. Ah ja, doch kubanisch? Eine Son-Anspielung vielleicht? Nur, das Piano hat doch damit nun gar nichts zu tun. Das erinnert ja eher an Keith Jarrett –Improvisationen mit vielen blauen Noten und Arabesken in den höheren Lagen, abgelöst von sparsamen Akkordtupfern. Dann beginnt der Schlagzeuger eine Ruhephase zu nutzen, um gegen die vielen Klaviertöne mit noch mehr Schlagzeugnoten zu Felde zu ziehen. In der Mitte zwischen den Antagonisten stoisch Calvo, der Bassmann.

Wie ist das nun mit drauf und drin? Ein erneuter Blick auf einen erweiterten musikalischen Beipackzettel der Initiative Jazz-Braunschweig. Valle habe, so heißt es da sinngemäß, kubanische Wurzeln, aber diese seien nicht Basis seiner Kompositionen. Aha, also ein Hybrid, modern gesprochen. Der Titel der Komposition ist: „Dilsberg morning light“. Eine musikalische Verarbeitung eines Sonnenaufganges. Dilsberg liegt übrigens in der Nähe von Heidelberg, nicht auf Kuba.

Damit ist Valles Arbeitsprinzip umrissen. Ob innerhalb eines Stückes oder im Gesamtablauf des Konzertes: man ist einem permanenten Wechselbad ausgesetzt. Wunderbare Melodien entstehen, die anschließend wieder zerlegt werden („Fabio“). Romantische Themen stellt das Trio nahezu liebevoll vor, um sie wenig später mit der gleichen Sorgfalt abzuwürgen („Free at last“). Oder umgekehrt: Sehr abstrakt beginnend, nahezu freejazzig, dann die Versöhnung („Levitando“). Das aber ist nichts, was kalte Hirnlastigkeit ausstrahlt. Nein, am Ende des ersten Sets verführt Valle das Publikum dazu, gefühlig zum Song „Cinco hermanas“, die „Fünf Schwestern“, refrainartig mitzusingen. Das muss man sich mal vorstellen! Der Saal singt! Beim Jazzkonzert!

Eine gute Grundlage für das zweite Set, das nun wirklich unüberhörbar kubanisch inspiriert mit der fulminaten Zugabe „Baila Harold, baila“ endet.. Obwohl nur ein Trio: hier wird Musik gekocht, eine Art Guajira-Son, und für Minuten verwandelt sich der Saal in eine Dancehall der Zuckerinsel. Drauf und drin? Egal, weil wunderbar unkubanisch-kubanische Jazzmusik.

Klaus Gohlke

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Ramón Valle Trio

Lindenhof “DaPaolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Ramón Valle: piano
Omar Rodriguez Calvo: bass
Owen Hart jr.: drums

Ramón Valle ist mit Sicherheit einer der interessantesten Pianisten, die derzeit im Bereich Modern Jazz zu finden sind.

Was so manchen überrascht, ist, dass in Valles Spiel und in seinen Eigenkompositionen nur selten seine kubanische Wurzeln hervorblitzen.

Er selbst beschreibt seinen Ansatz als “nicht 100% kubanisch, sondern als 100% Ramón Valle” – und das bedeutet: mal temperamentvoller Wirbelwind, mal verspielt-melancholische Einlagen, dann wieder wunderschöne, mitreißende Melodien und eine unglaubliche Ausstrahlung, mit der er jedes Publikum im Sturm erobert.

Bereits mit sieben Jahren begann Ramón Valle Klavier zu spielen und machte sich mit Anfang 20 u. a. durch Festivalauftritte in der kubanischen und lateinamerikanischen Jazzszene schnell einen Namen.

Solopfade beschritt er schließlich 1993 mit seinem Debütalbum “Levitando”. Chucho Valdés, eine Ikone des modernen Jazz Cubano und Gründer von Irakere, pries Valle daraufhin als “das größte Talent unter unseren jungen Pianisten”.

Seit 1998 lebt Ramón Valle in Europa. Sein Auftritt beim North Sea Jazz im Jahr 2000 wurde als die große Entdeckung des Festivals gewertet, sein Spiel und seine Kompositionen überzeugten auf ganzer Linie. In den Jahren darauf folgten weitere Auftritte bei renommierten Festivals wie in Montreux, beim Festival de Jazz Plaza Habana oder in Leverkusen, als Solopianist oder mit Trio- bis Quintettbesetzung – einmal mit dem Trompeter Roy Hargrove als begeistertem Gastmusiker.

2003 erlebte Amsterdam die Uraufführung von Valles Auftragskomposition “Mixed-up Mokum” im Royal Concertgebouw – einem Stück für zehnköpfiges Ensemble (unter Leitung von Ramón Valle selbst), das stilistisch zwischen Jazz, improvisierter und klassischer Musik angesiedelt ist.

Auch weitere CDs hat der Pianist inzwischen in unterschiedlichen Besetzungen aufgenommen – sechs an der Zahl. “Playground” heißt sein neustes Werk, eingespielt in dem von ihm bevorzugten Trioformat mit Omar Rodriguez Calvo am Bass und Schlagzeuger Owen Hart jr.

Mit “Playground” verarbeitet der Musiker und frischgebackene Vater ganz neue Lebenserfahrungen und -verantwortungen, ebenso wie Rückblicke auf die eigene Kindheit und andere Erinnerungen. Mit nimmermüder Spielfreude erzählt er mit seinem Trio musikalische Geschichten ohne Worte. Jedes Stück, jede Geschichte entwickelt dabei eine ganz eigene Atmosphäre; lebendig, facettenreich und intensiv präsentiert sich dem Zuhörer auf “Playground” ein Klaviertrio der Extraklasse.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
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Kritik zu “Monty Alexander”

Ein gemeiner Pianist? Unveröffentlicht

Monty Alexander brennt ein musikalisches Feuerwerk ab

Da sitzt er, Monty Alexander, der große, kleine, nunmehr 67jährige amerikanische Pianist aus Jamaica. Am Freitagabend in der im Umbau befindlichen Halle der Landesparkasse Braunschweig in der Dankwardstraße. Sitzt an seinem Instrument, schlägt mit der Hand Zwischentakte in die Luft, rückt auf seinem Klavierschemel näher an die rechte Seite des Flügels. Als suchte er hier noch Näheres zu entdecken, als müsste er sich auch rein räumlich näher orientieren. Spitzt, man müsste sagen: pizzicatoartig, nur eben nicht gezupft, sondern gestochen, höchste Einzeltöne heraus, um dann wiederum in gehämmerte flächige Akkordblöcke und schließlich einem Tremolo in den untersten Tonlagen des Instruments sich auszubreiten, so alle Klangmöglichkeiten, alle dynamischen Abstufungen eines Songs heraus lockend. Grummelt das Piano oder das Schlagzeug oder der Bass?
Er dirigiert seine Mitspieler, den niederländischen Schlagzeuger Frits Landesbergen und Lorin Cohen, Akustik-Bassist aus den USA. . Und hindurch geht es durch alle möglichen Jazz-Stilarten. Mal Calypso, mal Blues, mal Swing, mal europäische Melodik, dann wiederum Bossanova-, Tangoandeutungen. Ganz gleich, ob Ballade oder Up-Tempo-Nummer; gleich ob Straight-Ahead-Jazz-Standard oder Eigenkompositionen. Ob Nahezu-Gassenhauer, wie „Day-O; Banana Boat Song“ (schön gesungen auch) oder Bob Marleys „No Woman No Cry“- Alexander ließ keinen Bruch entstehen zwischen Jazztraditionen und der Musik seiner Heimat, die diesmal etwas weniger direkt zum Zuge kam. Welch unglaubliche Modulationen, kann man Akkordübergänge noch trickreicher gestalten? In der Tat: Oscar Peterson hätte seine Freude gehabt, auch an den fast theatralisch anmutenden Abschlüssen der Stücke: Gospelhaftes, immer wieder hinausgezögertes Crescendo.
Das zündete schon zu Beginn des ersten Sets. Aber, das sei nicht nur so daher gesagt, es zündete, weil das Trio so wunderbar zusammenwirkte. Landesbergen zeigte am Schlagzeug nicht nur bei der Verwendung der Beckensounds, was ein Meister am Schlagwerk ist. Lorin Cohen wusste sich gegen das pianistische Feuerwerk nachhaltig durchzusetzen, indem er das Tempo reduzierte, die Klavierläufe konterkarierte. Nur hätte sein Bass gerade in den schnellen Passagen wie „Sweet Georgia Brown“ etwas fetter rüberkommen sollen. Aber – war es nicht fast ein wenig gemein, dieses Stück in einem derartigen Höllentempo anzugehen? Wollte Monty Alexander den Mitspielern zeigen, was eine Harke ist?

Er forderte die Zuhörer auf, mitzuklatschen, mitzusingen. Es hätte nicht viel gefehlt und man hätte hier, wie schon anderswo bei seinen Konzerten, getanzt, wären da nicht die geordneten Stuhlreihen gewesen.
Man redet oft von „Standing Ovations“. Am Freitagabend standen die Besucher wirklich und erwiesen den Musikern Respekt und Begeisterung.

Wermutstropfen: Warum geht der Veranstalter, die Initiative Jazz Braunschweig so lieblos mit der eigenen Veranstaltung um? Ein graphisch banales Plakat, was die Farbgestaltung, die Raumaufteilung für Textteile und die Typographie betrifft! Ein Homepage-Text , der etwas von einem „gemütlich durch die Jazzlande schnaufenden ‚Harlem-Kingston-Express’“ schwadroniert. Von „Jazztrio-Häppchen“, ein bisschen Cannabis-Geruch (Herr Gott, was soll das denn?), einem „Koch im rostigen Speisewagen, der Reggae-Musik“ erklingen lässt! Gibt es denn keine Peinlichkeitsgrenzen mehr bei den Verantwortlichen? Und dann eine kurzfristige Änderung der Bass- und Schlagzeugbesetzung, die dem Publikum nicht vorab mitgeteilt wird? Keinerlei Respekt vor den Musikern und dem Publikum? Fragen, die eine Antwort verdienten.

Klaus Gohlke

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Monty Alexander

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Monty Alexander: piano, vocals
Hassan Shakur: bass
George Fludas: drums

Der Pianist Monty Alexander hat sich große Verdienste erworben als unermüdlicher Brückenbauer zwischen swingendem Jazz und der Musik seiner Heimat Jamaika. Zum einen ist ihm mit “New Calypso Bebop” die Kreation eines neuen, überaus attraktiven und mitreißenden Genres gelungen, zum anderen hat er sich intensiv mit den Reggae-Songs seines Landsmanns Bob Marley auseinandergesetzt. Kommt hinzu, dass der melodieverliebte Tastendribbler bei seinen Auftritten einen optimistischen Überschwang versprüht, der einen unweigerlich an Oscar Peterson denken last.

Doch noch ein bisschen Sommer! An seinen gemütlich durch die Jazzlande schnaufenden “Harlem-Kingston Express” (so der Titel seiner neuen CD) hat der Pianist und Melodica-Spieler Monty Alexander verschiedene Wagen angekoppelt: Im Salon mit den Ledersesseln servieren die Musiker köstliche Jazztrio-Häppchen (“Sweet Georgia Brown”). Ab und zu weht ein bisschen Cannabisgeruch zum Fenster herein: Weiter vorn fährt ein rostig klappernder Speisewagen, dessen Koch das Kofferradio offenkundig auf eine lokale Reggae-Station eingestellt hat. Wer sich “No Woman No Cry” in einer vorwärtsdrängenden Jazzfassung für Klavier, Bass und Schlagzeug nicht oder nur schwer vorstellen kann – letzter Wagen, bitte. So zuckelte Monty Alexander lächelnd durch den verregneten Sommer und ist jetzt in Braunschweig angekommen.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
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BLUE NOTE: A STORY OF MODERN JAZZ , ein Dokumentarfilm von Julian Benedikt

Universum Filmtheater Braunschweig, Neue Straße 8, Braunschweig

Die Initiative Jazz Braunschweig und das Universum-Filmtheater präsentieren:

BLUE NOTE: A STORY OF MODERN JAZZ , ein Dokumentarfilm von Julian Benedikt

Donnerstag, 13. Oktober 2011, 19 Uhr im Universum-Filmtheater mit anschließendem Livekonzert.

Es gibt viele Berührungspunkte zwischen Jazz und Film: Jazz als Filmmusik oder Dokumentarfilme, die sich dem Jazz widmen.
Nachdem das Universum-Filmtheater wieder eröffnete und dort die monatliche Musik- und Film-Reihe “Sound on Screen” gestartet wurde, soll es dort jährlich eine oder zwei Gemeinschaftsveranstaltungen des Universums und der Initiative Jazz Braunschweig geben, die sich Jazz und Film widmen. Einen weiteren Höhepunkt bietet dabei eine Anschlussveranstaltung im Szenecafé Riptide, Handelsweg, mit Livemusik.

Das erste Kooperationsprojekt dreht sich um den Dokumentarfilm “Blue Note: A Story of Modern Jazz”. Der Film wird am 13.10. ab 19 Uhr im Universum gezeigt. Er handelt von der Geschichte des bekannten Jazz-Lables “Blue Note Records” und beinhaltet neben vielen Originalausschnitten auch Interviews mit berühmten Musikern.
Nach der Filmvorführung geht es weiter im Café Riptide, Handelsweg: Eine Ausstellung mit Original-BlueNote-Plattencovern aus der Sammlung von Thomas Geese wird mit Livejazz des Duos Krome (sax) und Rumpel (dr) eröffnet. Die beiden Musiker stammen aus dem Rhein-Main-Gebiet und improvisieren zu Original-Stücken des Lables.

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Christof Lauer Trio

Lindenhof “DaPaolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Christof Lauer: saxes
Michel Godard: tuba
Patrice Héral: drums

“Ich halte Christof inzwischen ganz unumwunden, ohne pathetisch zu sein, für den besten Saxophonisten, den wir in Europa haben. Ich bin jedes Mal total fasziniert, wenn ich ihm zuhöre. Er hat inzwischen eine Meisterschaft erreicht, die schon gespenstisch ist.”
(Volker Kriegel)

Nachdem Christof Lauer schon mehrfach in Formationen wie dem Albert Mangelsdorff / Wolfgang Dauner Quartett (1999) und Michel Godard & les Cousins Germains sowie mit der NDR Bigband in Braunschweig zu hören war, kommt das Aushängeschild des deutschen Jazz auf Einladung der Initiative Jazz Braunschweig dieses Mal mit einem Trio, zu dem neben Michel Godard auch Patrice Héral gehört, den wir letztes Jahr mit Dieter Ilg erlebt haben.
Christof Lauer ist in den letzten 30 Jahren mit großer Kontinuität auf allen Kontinenten der Erde und bei allen europäischen und internationalen Festivals von Montreux bis Istanbul und von Havanna bis Peking aufgetreten – sowohl mit eigenen Bands als auch als Sideman in den unterschiedlichsten Formationen. Die Vielfalt und kreative Energie von Lauers musikalischen Begegnungen und Projekten spiegelt immer wieder seine tiefste Überzeugung wider: „Jazz ist Kommunikation“.
Michel Godard mit seiner mehrstimmigen Spielweise gilt als einer der profiliertesten europäischen Tubisten. Der Perkussionist Patrice Héral hat zwischen den Pyrenäen und dem Nordkap mit den wichtigsten Protagonisten des zeitgenössischen Jazz gespielt und ist seit 2005 Mitglied des Orchestre National de Jazz.

Karten:
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Kritik zu “Jean-Christophe Cholet – TIMES Creation 2010”

Einfach umwerfend

Vier Musiker aus Paris zeigen, wo die Harke liegt.

Zu Beginn sah das ja alles recht gemütlich aus. Die Band TIMES Creation 2010 betritt die Bühne, der „Chef“, Pianist Jean-Christophe Cholet, legt seine Unterarme auf dem Flügelrand ab, blickt interessiert, leicht amüsiert seine Mitspieler an. Der Posaunist, Geoffroy De Masure, greift zum Instrument und lässt eher suchend einige Töne erklingen. „Aha“, denkt man. „Erstes Stück, Aufwärmphase!“
Das war kaum zu Ende gedacht, da war es aus mit der Beschaulichkeit. Es brach nahezu los. Des Klaviermenschen Arme waren längst angelegt, der Körper eigenartig seitwärts gedreht. Die Finger berühren die Tasten kurz und heftig, als stünden sie unter Strom. Der Bassist, Linley Marthe, lässt ohne Ende Töne brodeln. Der Schlagzeuger, Chander Sardjoe, setzt harte Akzente, wirbelt urplötzlich über die Felle, um dann die Becken leise zischeln zu lassen. Possible Part Nr. 1 wurde entfaltet. Das Fortissimo stürzt ins Pianissimo und zurück. Aufwärmphase? Mitnichten. Nach 10 Minuten endet das erste Stück. Das Publikum applaudiert nicht nur heftig, nein, lautstarke Bravos schon jetzt. Wann hat man das schon?
Wer nun meinte, dass nach dem Powerstück Besinnlich-Balladeskes folgen sollte, sah sich positiv enttäuscht. Kompositionen und Improvisationen folgten vielmehr anderen Mustern. Innerhalb der Stücke wechselte die Dynamik beständig. Oder aber es lief ab, wie in „Chandarpa“. Man saß gewissermaßen in einer musikalischen Achterbahn. Das Tempo wechselte permanent: Mal rasend, dann sich verzögernd. So auch das Metrum, die Stimmen der Instrumente. Präzise Breaks schufen einen spannungsreichen Rhythmus.
Das erste Set endete mit einer Bearbeitung des Police-Stückes „Message in the bottle“, das nicht nur Witz und Sangeskunst andeutete, sondern zusätzlich eine Art Showdown lieferte: Speed-Bassist gegen Speed-Drummer.
Überhaupt die Soli: Linley Marthe zeigte, warum er zu den weltbesten E-Bassisten gehört. Geschicktes Voicing mit dem Wah- und Oktav-Pedal war noch das Geringste. Vor allem die Anschlagstechnik, der Wechsel vom Einzelsaiten- zum Akkordspiel und die nahezu unbegreifliche Geschwindigkeit des Spiels auf den dicken Saiten machten sprachlos.
Warum der Schlagzeuger eigens die Snaredrum abnehmen ließ wurde schnell klar: Mit ihr setzte er unglaubliche polymetrische Akzente, die permanent den Grundbeat aufbrachen.
Und dann war da noch der Antreiber der Gruppe. Nein, nicht der Leader J.Ch. Cholet, sondern der Posaunist Geoffroy De Masure. Wie schafft man mit diesem Posaunenmundstück so ein Staccato an Tönen? Wie gelingt der Wechsel von Powerplay zum lyrischen Spiel mit dem gestopften Instrument? Wie gelingt die Konzentration auf mikrotonale Feinheiten? Und dann eben noch Cholet, der Chef im Hintergrund: Setzte er sonst rhythmische Akzente, farbige Tontupfer, Zurückhaltung durch und durch, verwandelte er sich in den Solopartien. Kraftvoller Anschlag, rhythmische Differenzierung, eine ungemeine Geschwindigkeit und tonale Kreativität.
Und Witz hatte die Truppe auch noch: Die Bearbeitung des Hancock-Stückes „Actual Proof“ wurde plötzlich in die „Pata Pata“ –Melodie überführt, diese dann wieder zum Michael Jackson – Tune. Freude nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Musikern, denen man den Spaß ansah.
Aber: warum war das Konzert in den Räumen der Braunschweigschen Landessparkasse so relativ schlecht besucht? Weil es nicht die ganz großen Namen des Jazz waren? Name, so weiß man doch, ist oft Schall und Rauch. Gleichviel: Wer nicht dabei war, verpasste das beste Konzert, das die Initiative Jazz-Braunschweig in der Saison 2010-2011 anbot.

Klaus Gohlke

Jean-Christophe Cholet – TIMES Creation 2010

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Geoffroy De Masure: trombone, compositions
Jean-Christophe Cholet: Piano, compositions
Linley Marthe: bass
Chander Sardjoe: drums

Der französische Jazzmusiker Jean-Christophe Cholet, der sich als Pianist, Komponist und Arrangeur und nicht zuletzt mit seinem französisch-schweizerischen Trio mit Heiri Känzig und Marcel Papaux einen Namen gemacht hat, kommt mit seinem neuen Projekt “Times” zu uns.
Dieses Quartett – neben Cholet bestehend aus dem Posaunisten Geoffroy de Masure, dem Bassisten Linley Marthe und dem Schlagzeuger Chander Sardjoe – verbindet in origineller Weise die unterschiedlichen musikalischen Erfahrungen der vier Musiker: de Masure zeichnet sich durch sein warmherziges und komplexes Spiel aus, das auch in raffiniert-kultivierten Kompositionen seinen Ausdruck findet; Linley Marthe, der mauritianische E-Bassist, der von Zawinul als einer der besten Bassisten der Welt geschätzt wurde und Jazz und afrikanische Musik zu einer originellen Einheit führt, steuert seine Stimmhaftigkeit, tiefen Groove und Ungezwungenheit bei; Chander Sardjoe, Schlagzeuger indischer Herkunft, wird wegen seines einmaligen interaktiven und polyrhythmischen Spiels bewundert, und auch für seine intuitive Improvisationkunst, mit der er afroamerikanische und südindische Musiktraditionen zu verbinden sucht.
In diesem komplexen Gewebe spielt Jean-Christophe Cholet die übliche Rolle des Koloristen, der diese verschiedenen musikalischen Temperamente und labyrinthartigen Angebote miteinander vereinbart, indem er durch kontrollierte und originelle Punktuierung die notwendigen Akzente setzt.

Karten:
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Kritik zu “Bruno Böhmer Camacho Trio”

Latin oder nicht Latin – das war die Frage!

Kolumbianischer Modern Jazz auf Abwegen

Muss, wo Latin Jazz drauf steht, auch Latin Jazz drin sein? Nein, nicht zwingend, wie man am Freitagabend beim Modern-Jazz-Konzert im Lindenhof zu Braunschweig merken konnte. Angesagt war „Original Latin Jazz aus Deutschland“, so die Ankündigung der Initiative Jazz-BS. Das meinte: Drei U-30er kolumbianischer Herkunft, seit mehr als 10 Jahren in Deutschland lebend, tourerprobt, diverse Awards, der übliche Berkley-Hinweis und die fälligen Reputationslisten. Ein Klaviertrio übrigens.
Heiße Rhythmen in kühler Jahreszeit, Ausblicke auf Sonne, Strand, Tanz auf dem Vulkan? Weit gefehlt. Das Bruno Böhmer Camacho-Trio schien es sich vorgenommen zu haben, alle diese Erwartungen zu zerstören. Zu Gehör gebracht wurde Melancholisch-Verträumtes, etwas Melodramatik, feinsinniges Aufeinandereingehen. Balladenhaftes, auch mit Gesang. Nur – wo war der Latin Jazz? War das nicht, trotz gelegentlicher, den Wohlklang unterbrechender Improvisationsphasen, nicht eher anspruchsvolle Popmusik? Pop-Jazz oder Jazz-Pop?
Das fünfte (!) von sechs Stücken des ersten Sets dann eine Art Programmmusik. „Aschewolke“, geschrieben anlässlich des letztjährigen Vulkanausbruchs auf Island. Deshalb auch plötzlich Explosives vom Schlagzeug, bedrohlich Brodelndes am Bass, grelles Staccato beim Piano. Auf einmal ereignete sich etwas musikalisch. Das Publikum war spürbar erleichtert angesichts der längeren vulkanoösen Chaos-Improvisation. Endlich war er da, der Rhythmus!
Vollends versöhnend dann der Abschluss des ersten Sets, eine Bearbeitung von Stings „Fragile“. Die Melodielinie tauchte immer wieder auf, wurde dann aber nach allen Regeln lateinamerikanischer Rhythmik wundervoll zerhackt und akkordmäßig aufgesplittet. Hier trieb der Pianist und Bandleader Bruno Böhmer Camacho seinen Bassisten Juan Camillo Villa musikalisch vor sich her. Der nahm seinerseits die Vorgaben auf und gemeinsam setzten sie dann den hervorragend aufgelegten Schlagzeuger Rodrigo Villalón unter Druck, der aber nicht nur reagierte, sondern Gegendruck aufbaute. Die Band besaß also Virtuosität, Temperament, kraftvolles Interplay. Begeisterungsausbrüche beim Publikum. Da war er dann doch, Latin-Jazz vom Feinsten.
Nach der Pause dann ein ausbalancierteres Repertoire. Wunderbar leichte Karibik-Sounds in den Erinnerungen an den Großvater, die modernes Jazz-Schlagzeugspiel in Perfektion zeigten. Das Metrum wird als musikalische Richtschnur variabel und damit Teil eines größeren musikalischen Zusammenhangs.
Höhepunkt aber war die Neuinterpretation des Standards „Caravan“, den meisten wohl als Ellington-Nummer bekannt. Immer wieder einmal wurde das Stück in Latin Jazz – Gewänder gehüllt. An diesen Abend wurde es zu einem Stück, das in die Knochen ging, wie man nicht nur am heftigen Schulterreißen des Pianisten zu den Schlagzeug-Synkopen bemerken konnte. Faszinierend wurde die geläufige Melodie rhythmisch und tonal aufgebrochen, mühelos in swingende Passagen ein- und ausgeführt. Dass Böhmer Camacho nebenher auch ein charmant-witziger Erzähler sein kann, zeigten seine Erläuterungen zum Latin-Blues „Hortensia“. Heftiger Beifall.
Es muss nicht immer Latin Jazz drin sein, auch wenn es drauf steht. Wesentlicher ist, dass das Trio sich auf seine Stärken besinnt, und das heißt: Nicht kurzlebig-gefälliger Schmusejazz, sondern das Bohren dicker Jazz-Bretter.

Klaus Gohlke

Bruno Böhmer Camacho Trio

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Bruno Böhmer Camacho: Piano
Juan Camilo Villa: Bass
Rodrigo Villalòn: Schlagzeug

Latin Jazz aus Deutschland – das ist das Schlagwort, das diese drei jungen Jazzmusiker aus der uns durch García Marquez vertraut gewordenen kolumbianischen Stadt Barranquilla wohl am besten kennzeichnet. Mit gerade 17 Jahren kamen sie mit ihrem damaligen Quintett aus Schulzeiten zum Studium nach Deutschland. Inzwischen haben sie viele Konzerte gegeben, mehrere Preise gewonnen und zählen zu den aufstrebenden Talenten der deutschen Jazzszene.

Bruno Böhmer Camacho wurde die Musik in die deutsch-kolumbianische Wiege gelegt: Er ist der Sohn einer bekannten Konzertpianistin und Enkel eines berühmten Komponisten, und so begann er schon im Kindesalter, Musik zu machen, und war erst neun, als er eine eigene Jazzgruppe gründete, die schon bald zu verschiedenen Festivals in Südamerika eingeladen wurde. Die ganze Jazzgruppe kam 2002 mit Bruno Böhmer in die Heimat seines Vaters und gewann bei dem Wettbewerb “Jugend jazzt” auf Anhieb einen Preis für die beste Jazzgruppe. Viele andere Preise folgten wie z.B. der begehrte Folkwang-Preis (2006).

Mit Juan Camilo Villa, der der Gruppe 2008 einen weiteren Folkwang-Preis bescherte, und Rodrigo Villalón hat er ebenbürtige Partner. Die Musik dieser drei jungen Leute gilt als melodisch, fantasiereich, äußerst feinfühlig, kraftvoll, virtuos und temporeich – eine spannende, ausgeprägt eigenständige Art des modernen Jazz. Man spürt ihre lateinamerikanischen Wurzeln und Böhmers interkontinentales Erbe: Temperament und lateinamerikanische Lebensfreude gepaart mit Rationalität und Ernsthaftigkeit.

Auch hier können wir uns wieder auf einen großartigen Jazzabend freuen.

Karten:
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Anne Hartkamp Quintett

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Anne Hartkamp: Gesang
Frank Delle: Saxophon
Thomas Rückert: Piano
André Nendza: Bass
Oliver Rehmann: Schlagzeug

Anne Hartkamp studierte klassischen Gesang in Wien und Jazzgesang bei u.a. Deborah Brown an der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten, ist als Sängerin, Texterin und Komponistin viel gefragt und sowohl als Sidewoman wie auch als Bandleaderin aktiv.

Anne Hartkamp, deren Markenzeichen neben intensiven Songinterpretationen vor allem auch der instrumentale und improvisatorische Umgang mit der Stimme ist, kann auf zahlreiche Festivalauftritte, Konzerte, TV-und Rundfunkproduktionen und
Aufnahmen mit Jazzmusikern wie Gunter Hampel, WDR Bigband, Thomas Heberer, Lajos Dudas, Axel Dörner, Michael Wollny, Marion Brown, Nils Wogram, Angelika Niescier, Perry Robinson u.v.a. verweisen.

Zur Zeit konzertiert sie vor allem im Duo “Magnolia & van Endert” mit dem Gitarristen Philipp van Endert (aktuelle CD: “Humpty’s Amazing Boogie Pencil”) und in ihrem Jazzquintett (mit Frank Delle, Thomas Rückert, André Nendza und Oliver Rehmann), dessen Debut-CD „momentum“ 2010 von der Presse begeistert aufgenommen wurde und das vor allem Kompositionen der Bandleaderin in den Mittelpunkt stellt. Darüberhinaus lehrt sie Jazzgesang an der
Hochschule Osnabrück.

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– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Öffentliche Versicherung Braunschweig
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Chico Freeman & Fritz Pauer Trio

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Chico Freeman: Saxofon
Fritz Pauer: Piano
Johannes Strasser: Bass
Joris Dudli: Schlagzeug

Chico Freeman wurde in Chicago in eine Musikerfamilie hinein geboren; sein Vater war ein Altmeister der Chicagoer Jazzszene. Er begann ein Mathematikstudium, merkte aber schnell, dass sein Herz weniger für die Mathematik als für die Musik und das Saxofon schlug. Er wechselte in der Uni-Band zu den Saxofonisten und gab die Mathematik für das Hauptstudienfach Musik auf, das er dann mit dem Diplom abschloss.

Chico Freeman möchte nicht als Jazzmusiker “per se” eingestuft werden. Er beschreibt seinen musikalischen Ansatz so: “Mein Ziel ist es, neue Welten zu erforschen, und ich will nicht durch Kategorien dabei eingeschränkt werden. Ich will nicht, dass man mir sagt, dass ich nicht in andere Kategorien wechseln kann. Die einzigen Beschränkungen, die ich akzeptiere, sind die, die ich meiner eigenen Vorstellungskraft auferlege. Und da gibt es keine.” Er hat sich selbst dabei als Raumschiffpiloten gesehen, der durch das All navigiert und aus dem Vorhandenen neue Klänge erschafft. So wurde er nicht zu Unrecht auch als “Alchemist” bezeichnet, der die ihm zur Verfügung stehenden Elemente so verändert und vermischt, dass sich unendliche musikalische Möglichkeiten eröffnen. Und die nutzt er auch, um stets neue Ausdrucksmöglichkeiten zu entwickeln, die aber immer das musikalische Erbe bewahren.
So war Chico Freeman denn auch an dem Projekt einer Vielkanal-Klanginstallation in der New Yorker Galerie Engine 27 beteiligt. Das Ziel war eine 16-Kanal-Komposition mit verräumlichter Musik, die von Lautsprecher zu Lautsprecher durch den riesengroßen Raum flutete.

Während er zunächst in eigenen Gruppen den Avantgarde-Jazz weiter auslotete, wendete er sich Anfang der 80er Jahre der Tradition zu. U.a. gründete er die Formation The Leaders, der u.a. auch Arthur Blythe angehörte, und hatte mit Brainstorm seit 1989 auch eine Electric Band. Er spielte mit den innovativsten Musikern der Welt zusammen wie z.B. Elvin Jones, Jack DeJohnette, Sam Rivers, McCoy Tyner, Sun Ra, Lester Bowie und Wynton Marsalis, aber auch mit vielen lateinamerikanischen Größen wie Tito Puente.

Heute gilt Chico Freeman als einer der technisch brillantesten Saxofonisten der Gegenwart, wobei sein Sound von einer atemberaubenden Überblastechnik geprägt ist, die das ihm zur Verfügung stehende Tonspektrum ja noch erweitert. Nicht nur ist ihm eine sinnvolle und originelle Symbiose der Stilelemente anderer großer Jazzmusiker gelungen, sondern er hat neue Horizonte nicht nur für seine eigene Musik eröffnet.

Auch Fritz Pauer kam schon im Elternhaus mit dem Jazz in Berührung. In künstlerischer wie auch in menschlicher Hinsicht nennt er die Begegnung mit Hans Koller als entscheidendes Moment seiner Entwicklung: ohne ihn wäre er kaum Jazzmusiker geworden, äußerte er einmal. So wurde er es: Als Pianist, Komponist und Arrangeur wirkte er in seiner Heimatstadt Wien und in Berlin, und er war lange Jahre als Lehrkraft an den Musikhochschulen in Wien und Graz tätig. Fritz Pauer wirkte bei unzähligen Konzerten als Solopianist mit, war aber auch Konzertpartner von internationalen Jazzgrößen wie Bob Brookmeyer, Art Farmer, Dexter Gordon, Dave Liebman und Charlie Mariano. Eher bescheiden und bodenständig, ist Fritz Pauer nicht aus der mitteleuropäischen Jazzszene wegzudenken.

» Weitere Informationen:
Chico Freeman
Fritz Pauer

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Landessparkasse
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Kritik zu “Colina / Miralta / Sambeat Trio”

Hey, Mr. Bassman

Schon mal was von Jazz aus Spanien gehört? Taucht nicht auf in der Jazz-Landkarte. Wetten? Und dann kommen drei Herren daher und zeigen, wo die Jazz-Harke auch noch liegen kann. Ja, in Spanien nämlich. Erfreulicherweise schreckte der relative Bekanntheitsmangel des Colina-Miralta-Sambeat-Trios das Braunschweiger Publikum nicht ab. Nahezu ausverkauft war das Modern Jazz Konzert der Initiative Jazz Braunschweig am Freitagabend im Lindenhof.
Die Neugier wurde belohnt. Geboten wurde ein kurzweiliger Jazz-Spaziergang. Mal wurde ein Standard groovemäßig aufgefrischt ( Cole Porters „Love for sale“), mal ein Klassiker von Thelonious Monk Cha-Cha-Cha-artig verfremdet. Mal tauchte eine kubanische Melodie auf, dann ging es nach Afrika. Der 30er-Jahre Musical-Song „You and the night and the music“ erhielt ein Flamenco-Gewand. Eine südafrikanische Hymne wurde zum Jazz-Instrumental. Mal Elegie, mal Up Tempo-Nummer. Nein, Langeweile war nicht angesagt.
Allein die Tatsache, dass da ein Trio ohne ein Melodieinstrument antrat, konnte schon neugierig machen. Denn: Was passiert, wenn der Saxofonist Perico Sambeat die Melodie der wundervoll melancholischen Komposition „Verdad amarga“ vorgestellt und improvisatorisch bearbeitet hat?
Bass und Schlagzeug müssen dann zeigen, dass auch sie in der Lage sind, melodisch in Erscheinung zu treten, nicht die eher dienende Begleiterrolle zu spielen. Schlagzeuger Marc Miralta gelang beides: Feinfühliges Spielen nur mit den Händen oder mit dem Besen ließ die Melodie aufscheinen, dann wiederum durchbrach er mit einem wahren Off-Beat-Gewitter rhythmische Grundmuster. Dass er über Mikros abgenommen wurde, war allerdings überflüssig bis störend. In den dynamisch zurückgenommenen Passagen des Konzertes konnte man auch die leiseste Beckenarbeit vernehmen, und wenn die Post abging, hatte der Mann reichlich Power in den Sticks.
Mann des Abends aber war, ohne damit die Leistung der Mitspieler schmälern zu wollen, der Bassist Javier Colina. Es geschieht ja nicht so oft, dass ein Musiker das Publikum ausnahmslos in seinen Bann zieht. Und das auch noch bei einem Stück, das für Jazzer eher ein gefährliches Terrain darstellt, nämlich bei der Bearbeitung von Miriam Makebas Welthit „Pata Pata“. Wie leicht kann man an der Melodie kleben bleiben oder aber sich absichtsvoll zu weit entfernen.
Colina spielte mal Legato, dann wieder in scharfer Einzeltonsetzung. Immer in Opposition zum Saxofonisten, mal die Melodie, mal den Rhythmus herausstellend. Als er gar dann in seinem Solo ausgedehnt Akkorde auf seinem Kontrabass spielte, war es totenstill im Saal. Das war nicht nur Bewunderung des handwerklichen Könnens, nein, das war Ergriffenheit von der Schönheit der Musik, die sein Spielen da aufscheinen ließ.
Kammermusikalischer Jazz feiner Art. Spanien – auch ein Jazz-Land.

Klaus Gohlke

Colina / Miralta / Sambeat Trio

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Javier Colina: Kontrabaß
Marc Miralta: Schlagzeug
Perico Sambeat: Saxophon

Als das spanische Trio Colina-Miralta-Sambeat 2007 sein Debüt-Album “Karonte” herausbrachte, erschien ein neuer Stern am europäischen Jazzhimmel, der mit der zweiten CD-Veröffentlichung “Andando” in diesem Jahr immer heller erstrahlt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Jazz, den sie spielen, nicht sich selbst genügt, sondern vom Flamenco und von lateinamerikanischer Musik und Rhythmik inspiriert ist. Von den Medien begeistert aufgenommen haben die beiden CD’s für das Trio in den beiden Amerikas, Europa und Afrika einen wahren Auftrittsreigen von Paris über London nach Buenos Aires eingeläutet.

Javier Colina wird nicht nur als der spanische Meister auf dem Kontrabass, sondern auch als einer der besten Kontrabassisten der europäischen Gegenwart gehandelt, während Perico Sambeat der bedeutendste spanische Saxofonist sein dürfte. Der Schlagzeuger Marc Miralta mit seiner internationalen Erfahrung ist der Dritte im Bunde und führt das Trio zu einer Einheit, wie sie im europäischen Raum eher selten zu hören ist. So ist es kein Wunder, dass sich die Liste der Musiker, mit denen sie zusammen arbeiten, wie ein Who’s Who des modernen Jazz ausnimmt: Gerardo Nuñez, Company Segundo, Enrique Morente, Chano Dominguez – ganz abgesehen von den Großen des Jazz, auf die sie in den USA getroffen sind.

Auch die musikalische Historie dieser drei Musiker ist beeindruckend und spricht für sich:

Javier Colina machte erstmalig in den 90er Jahren von sich reden, als er zusammen mit Chano Domínguez und Guillermo McGuill das bekannteste Jazz-Trio Spaniens bildete, das vor allem Jazz-Flamenco spielte. Aber gleichzeitig trat er mit anderen Jazzgrößen auf und ließ sich von der Musik Malis inspirieren. Er begleitete den Kora-Meister Toumani Diabaté und spielte mit ihm die CD “Djelika” ein. Mit Stolz erfüllt ihn auch seine Arbeit mit der Fort Apache Band, mit der er alle Möglichkeiten der Fusion von Jazz und Latin ausloten konnte und wo er mit dem Trompeter Jerry González einen kongenialen Partner fand.

Perico Sambeat dürfte der auf der internationalen Bühne wohl am besten bekannte spanische Jazz-Saxofonist sein. Als Kind lernte er Klavier, studierte klassische Flöte und besuchte danach die berühmte Jazz-Schule Taller de Música in Barcelona. Das Saxofon-Spiel brachte er sich ab 1980 selbst bei. 1991 ging er nach New York, wo er auf Lee Konitz, Joe Chambers und Jimmy Cobb traf. Und auch auf Marc Miralta.

Marc Miralta begann bereits im Alter von 7 Jahren Schlagzeug zu spielen und nahm mit 11 Jahren die ersten Unterrichtsstunden im Fach Drums/ Percussion. 1990 begann er sein Studium am Berklee College of Music in Boston, das er 1993 beendete. Seitdem ist er selbst Lehrer an der Taller de Música in Barcelona.

Wir können uns also wieder einmal auf ein Konzert freuen, das uns Facetten des modernen Jazz bietet, die wir in Braunschweig in dieser Art noch nicht gehört haben.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweiger Flammenfilter GmbH, PROTEGO
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “SNOW OWL TRIO – THE ART OF CONTRABASS GUITAR”

Hochfliegende Schneeeulen

Bassisten haben es nicht immer einfach. Schon rein optisch ist das mitunter bemerkbar. Man denke nur an den armen alten Bill Wyman von den Rolling Stones. Immer stand er am Rande, eher hinten, fast im Halbdunkel. Auch im Jazz ist das Bassisten-Leben hart. Schon das Instrument: unförmig und flugzeuguntauglich. Nur vier Saiten sind zu bespielen! Dann aber die grundsätzlichen Einwände: der Bass bestimme zu sehr das tonale Zentrum. Konsequenz: Verbannung und Ersetzung z.B. durch die Bassklarinette. Oder, wenn es ums Klaviertrio geht: Der Bass sei nicht so durchsetzungsfähig gegenüber dem Melodie- und Akkordinstrument Klavier. Auch hier: Verbannung.
Der kolumbianische Bassist Juan Gárcia-Herreroes, a.k.a. Snowowl, wählte einen eigenen Weg, diesen Problemen aus dem Weg zu gehen. Er legte sich einen sechssaitigen Bass zu, um so den Tonumfang gehörig zu erweitern. Mit seinem Snow Owl Trio präsentierte er am Freitagabend in den Räumen der Landessparkasse Braunschweig „The Art of Contrabass Guitar“. Es war übrigens das 20. Konzert, das die Initiative Jazz-BS und die Landessparkasse zusammen veranstalteten.
Um es vorab zu sagen: Das Konzert hätte mehr Zuhörer verdient, denn was die Musiker präsentierten, war schon vom Feinsten. Solo-Partiten, durchaus J.S. Bach-affin, satte Samba- Grooves, Blues-Variationen, offene Kompositionen.
Was man befürchten konnte, dass der Bass in seiner dominanten Rolle die Mitspieler zu bloßen Randfiguren degradieren werde, trat nicht ein. Der ebenfalls aus Kolumbien stammende Pianist, Hector Martignon, hatte genug Gelegenheit sich auszuzeichnen. Mal ganze Tonkaskaden dem Klavier entlockend, mal scharf reduziert die musikalische Substanz einer Komposition freilegend, war es vor allem aber seine rechte Hand, die in den hohen Lagen seines Instruments messerscharfe Akzente setzte. Das inspirierte ein ums andere Mal den jungen österreichischen Schlagzeuger, Valentin Schuster. Verblüffend, wie seine raffinierte Rhythmik sich Freiheiten herausnehmen konnte, ohne den Beat zu verleugnen. So gelang es dem Trio, mit einem Geflecht komplexer Harmonien und deutlicher Riffs ein musikalisches Fundament zu legen, das der Freiheit des modernen Jazz eine stimmige Form gab.
Natürlich könnte die dominante Rolle den Bassisten dazu verleiten, mitunter mehr Töne zu spielen, als nötig sind. Gárcia-Herreroes verzichtete aber weitestgehend auf l’art pour l’art-Ornamente. Gerade in den besinnlicheren Stücken („Goodnight resurrection“), bewies er eine sehr diszipliniert lyrische Spielweise.
Dass er es auch richtig krachen lassen kann, zeigte er mit dem „Blues für Krampus“. Ein Feuerwerk aller Bass-Spieltechniken und der gezielte Einsatz elektronischer Verfremdungen ließen ein lebendiges Bild jenes alpenländischen Knecht Rupprecht entstehen. Und für die Bassfreaks, die Sehnsucht nach dem satten Tiefton-Spiel hatten, griff der Kolumbianer in „Second choice“ auch mal zum traditionellen Viersaiter.
Ein schöner Jahresabschluss, der gespannt sein lässt auf das nächste Konzert Ende Januar 2011.

Klaus Gohlke

SNOW OWL TRIO – THE ART OF CONTRABASS GUITAR

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Juan »Snow Owl« Gárcia-Herreros, Kontrabassgitarre
Hector Martignon, Piano
Valentin Schuster, Schlagzeug

Es gibt nicht allzu viele E-Bassisten, die allein durch den besonderen, eigenen Klang im Gedächtnis haften bleiben. Eberhard Weber, Steve Swallow und natürlich Jaco Pastorius zählen dazu. Nun gesellt sich ein weiterer Bassist in diese kleine, aber illustre Runde – auch er nicht nur durch seine virtuose Fingerfertigkeit, sondern eben durch seinen Sound: Juan »Snow Owl« Gárcia-Herreros.

Geboren in Bogota, Kolumbien, wo ihm die Indianer der Anden den Namen »Snow Owl« gaben, doch aufgewachsen im »melting pot« New York, wo er begann, Bass zu spielen und all die verschiedenen Musikrichtungen zu mischen, die er dort hörte: Blues, Funk, Jazz, Heavy Metal, Salsa, Rock …Im Alter von 18 Jahren erlangte er ein Stipendium für das weltbekannte Berklee College Of Music in Boston. Dort entschied sich „The Snow Owl“ auch endgültig für sein Instrument: nicht Kontrabass oder regulärer E-Bass, sondern eine „six string electric contrabass guitar“, ein sechssaitiger, speziell gestimmter E-Bass, der in der Lage ist, die Töne aller Bassinstrumente eines Orchesters zu spielen – vom tiefsten Ton des Klaviers bis zum höchsten Ton des Cellos. Der Bass von Juan »Snow Owl« Gárcia-Herreros kann klingen wie eine Flamenco-Gitarre oder wie ein Donnergrollen. In seinen Kompositionen erscheinen wunderschöne Melodien und faszinierende Stimmungen, die Geschichten erzählen.

Dabei wird er in seinem SNOW OWL TRIO von großartigen Musikern unterstützt: der Pianist Hector Martignon, ebenfalls Kolumbianer, ist eine lateinamerikanische Pianolegende. Er spielte in den Bands von Ray Barretto und Richard Bona und wurde mit seiner eigenen Band 2008 für den Grammy in der Kategorie »Best Latin Jazz Album« nominiert. Schlagzeuger Valentin Schuster ist gefragter Sideman der jungen, österreichischen NuJazz-Szene.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Landessparkasse
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Karin Hammar Quartet”

Magische Momente

Durchdachter und kultivierter Jazz aus Schweden

Wirklich, es gibt im Musikleben Ereignisse, die kann man sich nur schwer erklären. Nämlich: Warum war das Konzert des Karin–Hammar-Quartets am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig so gut wie ausverkauft? Die Posaunistin ist kein „Top-Act“, wie man so sagt. Warum trotzdem? War der Grund etwa das Erstaunen, dass eine Frau die Posaune spielt und Bandchefin zugleich ist? Denn: Wie viele Posaunenspielerinnen gibt es überhaupt in der schönen, weiten Welt? War es der gute Ruf der schwedischen Jazzmusik, qualitativ Top zu sein, ohne dass man Ausbrüche ins schwer Hörbare befürchten muss? Erinnerungen vielleicht an schwedische Jazzer in Braunschweig, allen voran E.S.T. und Nils Landgren, dem Übervater der schwedischen Jazz-Posaune und Hammar-Förderin? Oder war es das Foto der Schwedin auf den kleinen Vorankündigungen?
Warum auch immer: die Initiative Jazz-BS war es zufrieden und die Zuhörerschaft ebenfalls.

Das Quartett präsentierte ein Jazz-Konzert, das die Vorzüge der improvisierten Musik mehr als einmal deutlich machte. Allerdings leuchteten am Horizont auch Gefahren dieses Zusammenspiels auf. Man erlag ihnen allerdings erfreulicherweise nicht.
Wunderbar war es stets, wenn die Band zu „grooven“ begann. Plötzlich lief alles zusammen, wie etwa im Stück „Mind Candy“. Bass, Schlagzeug und Klavier lieferten einen Hochgeschwindigkeits-Klangteppich, auf dem Karin Hammar Platz hatte, gegen die Tempovorgabe entspannte und wohl durchdachte solistische Ausflüge zu starten. Wunderbar diese satten „Bratz-Töne“ in den tiefen Lagen, wie sie nur die Posaune erzeugen kann. Und da hinein fängt mit einem Mal der überragende holländische Bassist Tony Overwater an, in sein Basspiel ein ums andere Mal minimale Abweichungen einzubauen, zuverlässig vom Schlagzeuger Anders Kjellberg assistiert. Es ist Zeit und Raum da, solche musikalischen Einfälle zu verfolgen. Der Sog der Musik zieht das Publikum spürbar in den Bann.
Das Gleiche gilt aber auch für das Ausloten rhythmischer Strukturen. Alle Variationsmöglichkeiten, die die lateinamerikanische Musik bietet, werden von den Musikern ausgeschöpft, um dann sanft in eine Art Folk-Jazz hinüber zu gleiten. Das ist beeindruckend unakademisch und erhellend. Es sind gewissermaßen magische Momente, die urplötzlich entstehen und produktiv genutzt werden. Besonders schön gelingt das in balladenartigen Stücken wie „Voicemail“ und „Stationary“, wo auf der Basis ostinater Figuren Möglichkeiten für solistische Exkurse geschaffen werden. Mammar ist kein Landgren-Aufguss. Auf ganz eigenständige Weise greift sie auf verschiedenste Genres zurück, etwa den Blues, auf Salsa, schwedische Weisen, lateinamerikanische Musik. Alles sehr durchdacht und kultiviert. Expressive Ausbrüche vermeidet die Band.
Wie Karin Hammar aber ihre Stücke aufführungspraktisch arrangiert, darin steckt eine große Gefahr. In jedem Stück erhält jeder Musiker Gelegenheit für einen Solopart. Das kann Längen produzieren. Nur sehr disziplinierte Musiker, die sich nicht zu Egotrips hinreißen lassen, können diese Untiefen vermeiden. Beispielhaft etwa der Pianist Adam Forkelid, der sich solistisch gern kontrastreich in den höheren Lagen tummelte, aber nie selbstverliebt sich verbreitete. Gleichwohl: eine andere Form des Interplay, weg von der Hierarchie von Solo und Begleitung zur Gleichzeitigkeit des improvisatorischen Spiels könnte mitunter einen höheren Grad an musikalischer Aussage schaffen.
Und noch etwas ließ das Publikum fast ergriffen zurück: der reine Wohlklang, wie ihn das Quartett mit der Zugabe, einer Instrumentalfassung des Stevie-Wonder-Hits „Overjoyed“, ablieferte. Auch das gehört zum modernen Jazz. Besänftigt-friedvoll trat man hinaus in die Herbstnacht. Was will man mehr?

Klaus Gohlke

Karin Hammar Quartet

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Karin Hammar: Posaune
Anders Kjellberg: Schlagzeug
Adam Forkelid: Klavier
Tony Overwater: Bass

Jazz aus Schweden ist längst kein Geheimtipp mehr. Man denkt sofort an großartige Trios (z.B. E.S.T.; Bobo Stenson, Tigvall), an Vokalistinnen (etwa R. Gustafsson, V. Tolstoy), an den umtriebigen Mann mit der roten Posaune: Nils Landgren. Es gibt aber noch eine zweite Posaune, die von sich reden macht: die von Karin Hammar.
Sie selbst bezeichnet sich als „freelancer“ in den Gefilden des Jazz, Salsa, Pop, Bossa Nova und verwandten Stilrichtungen. Was sie in die Spitze der europäischen Posaunenspieler aufsteigen ließ, ist der feine, intonationssichere, mal saubere, mal „dreckige“ Ton, den sie je nach Situation zu spielen vermag. Ihre Kompositionen sind geschmeidig, präsentieren akustischen Jazz mit groovigen und lyrischen Seiten.
Ihr Auftritt bei der JazzBaltica 2009 ließ den NDR urteilen: „Anspruchsvoller, virtuoser Jazz mit zum Teil hypnotischen Beats und Basslinien (…) Hammar selbst überzeugt durch einen vollen lyrischen Ton.“
Unterstützt wird sie dabei durch die gut eingespielte Rhythmusgruppe, die mehr als solide begleitet und selbst für solistische Höhepunkte sorgt.

Letzte Veröffentlichung: Everyday Magic. 2009. Skip Records/Soulfood. SKP 9091-2

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
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Kritik zu “Yuri Honing „Wired Paradise“ – White Tiger Tour 2010”

Ordentlich was auf die Ohren

Das Paradies ist uns versperrt. Darüber wachen die Cherube. Dass nun aber auch das musikalische Paradies uns unzugänglich bleibe, dafür will der niederländische Saxofonist Yuri Honing mit seiner Electricband „Wired Paradise“ sorgen. Umzäunt, verdrahtet, verkabelt wird die schöne alte Welt des Jazz. Stille ist damit aber nicht gemeint, mitnichten. Was uns stattdessen erwartet, war beim ersten Konzert der Veranstaltungsserie 2010/11 der Initiative Jazz-BS am Wochenende im Lindenhof zu hören. Eine Art Fusion-Jazz, der furchtlos Rock, Pop, Jazz, Weltmusic und Electronica in sich vereinigt. Oder – wie Honing es im Gespräch formuliert – diese Welt „mit aller Schönheit und Scheußlichkeit, die uns umgibt“ repräsentiert.
Was überwog nun an diesem Abend: Schönheit oder Scheußlichkeit? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall spielte das Quintett das, was Jugendliche in den Metropolen wieder in die Clubs führt: die tanzbare Jazzmusik. Eine Musik, die sich – wie ihre Zuhörer – nicht um Genregrenzen schert, nicht um Stile. Die gute Unterhaltung sucht und nicht Ideologien zum Thema „Ist das noch Jazz?“
Tanzbarer, gegenwartsorientierter Jazz, das braucht klare Strukturen. Also durchlaufend eine leicht identifizierbare Rhythmik, keine Scheu vor eingängigen Melodien und gleichzeitig typische Ausdrucksmittel des Jazz. Deshalb hatten Bass und Schlagzeug wieder die traditionelle Aufgabe, fast ausschließlich das rhythmische Fundament zu legen, und zwar sehr rockorientiert. Basslinien, die Mark Haanstra nur minimal verschob und somit einen fast magischen Sog entwickelte, waren das eine. Das andere war der knochentrockene Beat des Schlagzeugers Joost Lijbaart, im Zentrum dabei das Spiel auf der Snaredrum. Gewehrschussartig in der Regel. Solistische Ausflüge waren insofern für beide Musiker nicht drin.
Getragen von diesem Groove konnte dann Honing mit seinem Tenorsaxofon, typisch im Eröffnungsstück „Zitelle“ aber auch in im späteren „Space oddity“, eine leicht singbare Melodie vortragen, die eingebettet wurde von Klangfeldern der beiden Gitarristen Stef van Es und Frank Möbus. Was folgte, war von Stück zu Stück sehr verschieden. In „Meet your demons“ wurde Jazz-Punk gefetzt, „CastorPollux“ wiederum kam im Freejazzgewand daher. Dann wieder gaben sich die Musiker beinahe ungebrochen rockpoppigen Melodien hin („Lost“).
So gab es für das Publikum ordentlich etwas auf die Ohren. Besonders im zweiten Set wurde die Musik zu einem auch physischen Erlebnis. Das hatte einerseits mit der spezifischen Holzfußbodenkonstruktion des Piccolotheaters zu tun, die durch den Basssound ins Vibrieren geriet. Vor allem aber war das zu viel Lautstärke für den kleinen Raum. Die musikalischen Feinheiten drohten bei den Powerstücken mitunter verloren zu gehen.
Für diese Musik mit Bodenhaftung hätte man sich einen größeren, vor allem jüngeren Zuhörerkreis gewünscht, machte die Band doch hinreichend deutlich, dass Jazzmusik nicht zwingend mit elitärer Hirnlastigkeit zu verbinden ist. Alles in allem ein viel versprechender Start in die neue Jazz-Saison.

Klaus Gohlke

Yuri Honing “Wired Paradise” – White Tiger Tour 2010

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Yuri Honing: Saxofone
Mark Haanstra: E-Bass
Joost Lijbaart: Schlagzeug
Frank Möbus: E-Gitarre
Stef van Es: E-Gitarre

Yuri Honing zählt zu den bedeutendsten Saxofonisten der Niederlande. Grund dafür ist zweifellos die umfassende Tour-Erfahrung, die ihn durch mehr als 50 Länder führte; freilich auch die umfangreiche Diskographie mit mehr als 30 Titeln; natürlich auch die Zusammenarbeit mit den Größten des modernen Jazz. Dafür sprechen selbstverständlich auch die zahlreichen internationalen Ehrungen. Was ihn seit einigen Jahren aber so angesagt sein lässt, das ist seine Arbeit mit der Elektrik-Band „Wired Paradise“, die einen spektakulären Mix aus Elektronica, Rock, Pop und Jazz kreiert.

Es geht Honing nicht um eine popularisierende Fusionmusik. Vielmehr will er zeigen, dass Jazz eine eigene musikalische Sprache spricht: unverwechselbar und permanent im Wandel begriffen. Das macht er z.B. dadurch klar, dass er die Akkordstrukturen der adaptierten populären Musik nicht verändert, sondern allein durch die Melodie-Ausdeutung und die Phrasierung zu völlig neuen Klangergebnissen kommt.

Honing benutzt seine Saxofone oft elektronisch verfremdet als eine Art Stimme. Seine beiden Gitarristen repräsentieren in der Band zwei ganz gegensätzliche musikalische Stilrichtungen. Der bekannte deutsche Gitarrist Frank Möbus ( „Roter Bereich“) vertritt den eher kühlen Avantgarde-Jazz, während Stef van Es die rockmusikalischen Anteile einbringt. Bassist Mark Haanstra und Schlagzeuger Joost Lijbaart liefern eindrucksvoll die Grundlagen für den Groove der Stücke, wobei der eher 4/4-orientiert als swingend-ternär ist.

Honings Spiel wird durch seinen weiten musikalischen Hintergrund vertieft. So verschiedene Einflüsse wie die arabische Musik (The Orient Express“, 2001), aber auch die der Klassik (Franz Schuberts „Winterreise“ 2007 mit Nora Mulder am Piano) gehören zu seinen Arbeitsfeldern.
Es erwartet uns folglich nicht Smooth-Jazz, sondern Risiko und Abenteuer.

Letzte Veröffentlichungen: White Tiger-Live (2009: SunnyMoon); Meet your demons (2008: SunnyMoon).

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
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Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jam Session der Initiative Jazz Braunschweig e.V.

Jazz-Kneipe Baßgeige, Bäckerklint 1, Braunschweig

Blue Line

Die Baßgeige setzt mit der „Modern-Jazz-Session“ die lange Tradition fort, ein kreatives Forum für jazzbegeisterte lokale und regionale Musiker zu bieten: spontan, überraschend und einzigartig in der Stadt.
Als Opener Band gestaltet das Jazz-Ensemble „Blue Line“ den ersten Set des Abends musikalisch, danach ist die Bühne offen für alle Interessierten.
„Blue Line“ existiert seit einigen Jahren als laufendes Projekt unter der Leitung des Braunschweiger Pianisten Hans-Christian Hasse im Rahmen der Musikpädagogen-Ausbildung an der TU Braunschweig.
Wir danken für die freundliche Unterstützung der „Initiative Jazz Braunschweig e. V.“

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Eintritt: frei

Kritik zu “Claudio Puntin Oktett”

Ist das erlaubt?

Ja, den Düwel ook, wie soll man diese Musik einordnen? Ist nicht diese Formation schon höchst bedenklich? Ein Oktett im Piccolo-Theater des Lindenhofs zu Braunschweig! Wie sollen sich da acht Musiker vor der Bühne platzieren, ohne sich gegenseitig beim Spiel zu behindern? Und: Man sehe sich nur an, was da für Instrumente zum Einsatz kommen! Was, bitte schön, haben in einer Jazzband ein Zischboard, ein Altflöte, eine Bass-, eine Kontrabassflöte zu suchen? Und was sind Toys, also Spielzeuge? Muss der Jazz nun die absurdeste Instrumentierung suchen, um interessant zu erscheinen? Wen hatten die Leute von der Initiative Jazz Braunschweig zum letzten Konzert vor der Sommerpause da eingeladen?

Der Konzertbeginn: War es Unterwassermusik, dem Namen der Band folgend: Claudio Puntins „Sepiasonic“? Oder eher Sphärengeräusche? Denn: Klänge waren das ja weniger. War es nicht etwas wie Alphorn, dann auch wie Bahnübergangswarnglocke? Wer machte da überhaupt welche Geräusche? Fast zehn Minuten eine Konzentrationsübung auf minimale Klangerzeugung, eine Übung in Sachen Entschleunigung. Dann eine weibliche Stimme. Mit einem Mal: es zischt, rockt, rollt, rattert, pling-plongt, bimmelt, megaphont und endet in einer Kakophonie. Beeindruckend und verwirrend zugleich.
Das nächste Stück nicht minder irritierend. Zarter elegischer Gesang, durchbrochen von heftigen Rhythmen, ein Break: es folgt ein dreistimmiger Flötensatz mit Liz Hurst an der Kontrabassflöte, Daniel Agi an der Bassflöte und Daniel Manrique-Smith an der Alt- und Piccoloflöte,was an klassische Musik erinnert. Dazwischen dann höchst waghalsige Unisonopartien von Claudio Puntins Klarinette und Insa Rudolphs Gesang. Ein Ton daneben wäre das Aus gewesen. Aber nichts da: absolut gekonnt. Man redet heutzutage sehr viel vom skandinavischen Frauenstimmwunder. Insa Rudolph kommt aus Göttingen, Deutschland und steht den Sängerinnen in nichts nach.
Dann wird man musikalisch nach Paris geführt, natürlich auf Umwegen. Die Klarinette ist hörbar nur über die Klappengeräusche, Jörg Brinkmann spielt diesmal ein gestrichenes Cello, Samuel Rohrer unterlegt das alles mit zarten perkussiven Mitteln, Flöten dahinter – alles etwas psychedelisch. Und aus diesem recht freien assoziativen Klangteppich heraus entwickelt sich eine wunderbar leichtfüßige Musik im Musette-Neuve-Stil. Und um die Sache vollends wundervoll zu machen, kommt die Stimme hinzu, zeitlich und akustisch durch den verfremdenden Klang des Megaphons in die Ferne gerückt.
Ein Nocturne wird angekündigt. Die erwarteten träumerisch-elegischen Klänge umschmeicheln die Zuhörer, jäh aber wird daraus ein heftig groovendes Stück, kräftiger Übergang vom ¾ in den 4/4 Rhythmus, sodass aus dem Traum eher der Alptraum erwächst: Poltergeister und Kobolde bestimmen die Atmosphäre. Schluss!Aus! mit der alten Nocturne-Vorstellung.
In der Programm-Musik „Mitternacht“ wird das Kompositions- und Arrangementsprinzip Claudio Puntins noch einmal recht deutlich. Die Geisterstundenatmosphäre wird durch Tonmalereien bis hin zu Käuzchenrufen sinnfällig. Dann schiebt Kim Efert auf seiner E-Gitarre – nicht brachial, aber immer bestimmender – schwere Gitarrenriffs dazwischen, die Klarinette ergänzt mit geradezu übersinnlichen Tonkaskaden. Eine unruhige Mitternacht. Das Stück endet mit einem berückenden ruhig atmenden Cello-und Bassklarinetten-Ostinato, dissonant umspielt vom dreistimmigen Flötensatz. Ruhe durchaus, aber nicht romantisch. Alle musikalischen Mittel werden kreativ ausgeschöpft, um ein differenziertes Stimmungsbild zu entwickeln.
Wie also soll man diese Musik einordnen? Ist das Jazz, ist das zeitgenössische Kammermusik? Nun, wen interessieren eigentlich die Schubladen? Das Publikum war auch ohne diese völlig zu Recht ungemein angetan.

Klaus Gohlke

Claudio Puntin Oktett „Sepiasonic“

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Claudio Puntin: Klarinetten, Zischboard, Toys
Insa Rudolph: Gesang, Toys
Kim Efert: Gitarre, Toys
Jörg Brinkmann: Cello
Samuel Rohrer: Schlagzeug, Zischboard, Toys
Daniel Manrique-Smith: Altflöte, Flöte
Daniel Agi: Alt-, Bass-, Kontrabassflöte
Liz Hurst: Kontrabassflöte

Zum Abschluss vor der Sommerpause präsentiert Ihnen die Initiave Jazz-Braunschweig den international renommierten und vielseitigen Klarinettisten und Komponisten Claudio Puntin mit dem Oktett „Sepiasonic“, das er mit der Sängerin Insa Rudolph 2006 gründete.
Absicht der beiden war, Songs in außergewöhnliche, akustisch erzeugte Klänge zu betten. Ein wichtiger Bestandteil der Soundästhetik der Band ist der dreistimmige Flötensatz, der den Kompositionen einen samtenen harmonischen Hintergrund liefert. Hinzu kommen – neben die für jazznahe Bands nicht ungewöhnlichen Instrumente Schlagzeug, Gitarre, Klarinette und Cello – auch eine Vielzahl so genannter Toys: Megaphone, Taschenharfe, Spielzeugpiano und das Zischboard. Das ist ein von Puntin für diese Band erfundenes Instrument, das mithilfe unterschiedlich klingender Luftdüsen funktioniert.
So ausgestattet kann die organisch verwobene Klangtextur, mit der die lyrischen Melodielinien unterfüttert werden, ein in vielen Schattierungen schimmerndes, kammermusikalisches Farbspektrum entfalten, das seine Jazzherkunft gleichwohl nicht leugnet. Heraus kommt eine Musik, in der klassische Kompositionstechniken, Improvisation und komplex groovende Polyrhythmik in einer spannenden Dramaturgie zusammengeführt werden.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu “Angelika Niescier Sublime III”

Fast beängstigend perfekt

Ein glückliches Händchen kann man der Initiative Jazz-Braunschweig nicht absprechen. Am Mittwoch zur Jazz-Echo-2010-Preisträgerin als beste Newcomerin des Jahres gekürt, spielte sie schon Freitagabend mit ihrem Quartett Sublim III im Lindenhof zu Braunschweig.: die Saxofonistin Angelika Niescier. Die Freude über den Preisgewinn war den Musikern anzumerken und sie legten auch mit dem ersten Stück „Bill“ gleich das von der Jury auserkorene Werk zur Begutachtung vor.
Niesciers Liveauftritte wurden in der Fachpresse mehrfach als „wild Thing“ beurteilt. Und in der Tat: Ein furioser Konzertbeginn! Zwei Dinge beeindruckten durchgängig: Zum einen die rasanten Unisono-Läufe, die die Musiker immer wieder zusammenführten, rhythmisch hoch komplex. Zum anderen dann Niesciers musikalische Ausbrüche. Da wurden Tonfolgen zusammengerafft und gewissermaßen gestapelt, die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments bis zu den Grenzen ausgelotet, vom ekstatischen Schrei bis zum kaum mehr hörbaren Hauch. Aber es war nicht allein die technische Seite des Spiels, die faszinierte. Ebenso beeindruckend war auch, wie das Quartett inhaltlich-musikalisch die Arrangements gestaltete. Mal reagierten Bassist Sebastian Räther, Schlagzeuger Christoph Hillmann und Pianist Florian Weber geradezu reduktionistisch auf die Ausbrüche der Bandleaderin. Dann wiederum verstärkten sie deren Powerplay. Eine erfahrene, sehr gut eingespielte Truppe.
Anders als Niesciers Saxofon-Vorbild John Coltrane, der ja in jungen Jahren oftmals nicht wusste, wie er seine legendären Sax-Läufe stoppen sollte, gelang ihr das tadellos. In der Ballade „Sirr“ etwa stand sie lange Zeit abseits und ließ so intimen Dialogen zwischen Piano und Bass gebührenden Raum.
Ende und Höhepunkt des ersten Sets war das Stück „Urban liquid time“ das freejazzartig die unterschwelligen Geräusche, die Parallelwelten der Großstadt thematisierte. Die ganze Kraft des Modern Jazz wurde hier demonstriert und führte folgerichtig, aber doch ungewöhnlich für diesen frühen Zeitpunkt, zu stehenden Ovationen.. So waren die Erwartungen fürs zweite Set hoch- und wurden jäh gebrochen.
Der Special Guest, der in Aachen lebende irakische Oud-Spieler Raed Khoshaba, eröffnete die dreiteilige Suite für die arabische Laute. Es war, als sollten all jene, die bislang das Harmonisch-Melodiöse vermisst hatten, getröstet werden. Bassist Sebastian Räther spielte über weite Strecken seinen Bass ostinat mit dem Bogen, hatte aber auch Gelegenheit seine solistischen Fähigkeiten zu entfalten. Drummer Christoph Hillmann übernahm mit großem Feingefühl die rhythmischen Strukturen und auch Pianist Florian Weber hatte mehr Raum sich intensiv und beeindruckend mit dem für europäische Ohren fremden Tonsystem auseinander zu setzen. Zwischendurch Niesciers Saxofon-Exkurse, wenngleich gezähmter als im ersten Teil. Und dass Khoshaba ein Meister seines Instruments ist, wurde nicht nur in seinen Solo-Parts deutlich. Das war musikalisch alles sehr gekonnt und verfehlte seine Wirkung nicht, wenngleich es auch Längen gab.
Nur: ob diese Konzert-Dramaturgie sinnvoll war, sei bezweifelt. Umgekehrt wäre ein Schuh draus geworden: Erst die Oud-Trilogie und dann im zweiten Set den Rest! So wäre der Gesamteindruck noch zwingender gewesen. Wenn Angelika Niescier dann auch noch eine klare und knappe Moderation zwischen den Stücken gelänge, dann wäre sie auf fast beängstigende Weise perfekt. Gleichviel: Das Publikum war zu Recht begeistert und feierte die Musiker.
Schade übrigens, dass dieses Konzert nicht in den Gesamtrahmen der City-Jazz-Night integriert wurde.

Klaus Gohlke

Angelika Niescier Sublime III

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Angelika Niescier: Saxophon
Christoph Hillmann: Schlagzeug
Sebastian Räther: Bass
Florian Weber: Piano
Special guest: Raed Khoshaba: Oud

Sie kennen doch das Bergmannslied, diese Anfangszeilen „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt. Und er hat sein helles Licht angezündt’…“? Können Sie sich das als Modern-Jazz-Bearbeitung vorstellen? Doch, das geht. Keine Frage für die Saxophonistin Angelika Niescier. Wie seinerzeit Albert Mangelsdorff mit einer Feuerwehrblaskapelle zusammenarbeitete, so studierte Niescier im Rahmen der Local-Heroes-Woche in Dinslaken „Glückauf-Jazz“ mit dem MGV Concordia ein. Andererseits wählten Musikkritiker im Jahresrückblick 2009 Angelika Niescier zweimal zum „Wild Thing“, einmal zum „ Besten Liveact 2009“!

Geht das alles zusammen? Die junge Saxophonistin vereint diese Gegensätze offenbar mühelos, wie sie auch sonst eine große Vielseitigkeit als Instrumentalistin und Komponistin zeigt. So arbeitet sie mit Schriftstellern, Tänzern, Dramaturgen und bildenden Künstlern zusammen, komponiert Chor- und Orchesterwerke, auch Filmmusiken, tourt im Auftrag des Goethe-Instituts durch die halbe Welt und erhält 2009 mit ihrer Band sublimeIII den Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik. Und das sind nur einige Daten aus dem Leben der umtriebigen Musikerin.

Sie selbst nennt John Coltrane als den prägenden Einfluss in Bezug auf ihr Saxophonspiel, dessen stupende Technik, musikalischen Ideenfluss und Spiritualität. Und so ist ihr Saxophonspiel ungemein ausdrucksstark und variantenreich, in Klang und Dynamik subtil, virtuos zupackend und entspannt lyrisch. Sie schafft für sich und ihre Band einen musikalischen Vorstellungsraum, der die Mitspieler nicht zu bloßen Begleitern macht, sondern diese ihrerseits zur kreativen Ausgestaltung des musikalischen Materials inspiriert. Das Klangspektrum wird erweitert durch den irakischen Oud-Spieler Raed Khoshaba.

Letzte Veröffentlichung: Angelika Niescier sublime III 2009 (enja)

Karten:
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Kritik zu “Makiko Hirabayashi-Trio”

Beglückende Momente

Ach nein, nicht schon wieder! Das vierte Mal in direkter Folge präsentiert die Initiative Jazz-BS dem Braunschweiger Publikum ein Klaviertrio. Mögen sich auch Schlagzeuger oder Bassist als Kopf des Trios präsentieren: da beißt keine Maus den Faden ab, dass das Klavier aufgrund seines Klangs und seiner technischen Möglichkeiten sehr schnell den dominanten Part übernimmt. Es ist nun einmal zugleich Harmonie- und Melodieinstrument. Und allzu oft entsteht dann ein intimer und recht kopflastiger moderner Jazz.
Freilich, ein Bass kann streckenweise dagegen angehen, die reine Begleiterfunktion in diesem Rahmen zu spielen. Wie aber soll das mit dem Schlagzeug, der Perkussion erreicht werden?
Das Konzert des dänisch-japanischen Makiko-Hirabayashi-Trios in den Räumen der Landessparkasse in der Dankwardstraße am Freitagabend zeigte zum zweiten Mal, dass und unter welchen Bedingungen Klavierdominanz produktiv gebrochen werden kann. War es beim letzten Jazzkonzert der überragende Bassist Dieter Ilg, so war es diesmal vor allem die Schlagwerkerin Marylin Mazur, die den Trio-Horizont auf überzeugende Art und Weise erweiterte.
Mazur, die sich durch ihre langjährige Arbeit mit Miles Davis und Jan Garbarek einen Namen machte, zeigte von Anbeginn, dass Perkussionsinstrumente und klasssiches Schlagzeug nicht nur dazu dienen, exotische Geräusche beizufügen. Die flirrenden Klänge der Zymbeln, die Holz-, Schellen- und Rasselsounds bis hin zum archaischen Wummern der indischen Tontrommel Madga öffneten die Musik in viele Richtungen. Das Besondere dabei war aber, dass die Tonhöhen auf die Klavier- und Bassmelodien abgestimmt wurden. Das Schlagwerk also als Melodieinstrument. Verblüffend und überzeugend, vor allem natürlich bei klangmalerischen Stücken wie „Clouds over Mt. Blanc“, „My Cherry Tree“, „Okinawa“ und vor allem „Rain“.
Die Komposition „Hide and Seek“ demonstrierte das Konzept des Trios nahezu wortwörtlich: ein verwirrendes, aber nicht verhirntes Versteckspiel. Mal fernöstlich-folkloristische Klänge, mal sehr freies atonales Klavierspiel, dann neoromantische Anklänge, klassische Anspielungen durchkreuzt von bissigen blue Notes.
Hirabayashis Klavierspiel wirkte einerseits beiläufig und filigran, andererseits auch kraftvoll phrasierend. Besonders überzeugend jene Momente, in denen ihr Spiel die Impulse der Rhythmussektion unmittelbar aufgriff und weiterentwickelte. Das führte dann zu beglückenden Momenten, in denen sich intensive Dialoge zwischen den Musikern entwickelten.
Dabei zeigte sich der Bassist Klavs Hovman als sehr feinfühliger Begleiter, der das Klavierspiel mit schönen Legato-Linien zu umspielen wusste, aber mit seiner Konzentration und Prägnanz auch für zahlreiche beflügelnde rhythmische Akzente sorgte.
Die Kommunikationsfreudigkeit der Musiker war schon beeindruckend, vor allem die Freundlichkeit im Umgang miteinander. Man ging nicht aufeinander los, sondern aufeinander ein. Es gab auch keine belanglosen Passagen des Konzertes. Rhythmische Kompaktheit traf auf höchste Präzision, melodische Überraschungen trafen auf strukturierte Linien.
Das Publikum war des Klaviertrios nicht überdrüssig, wie der begeisterte Beifall zeigte. Es erklatschte eine zweite Zugabe, was bei Jazz-BS wahrlich nicht oft geschieht.

Klaus Gohlke

Makiko Hirabayashi Trio

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Makiko Hirabayashi: Piano
Klavs Hovman: Kontrabass
Marilyn Mazur: Schlagzeug, Perkussion

Auf den ersten Blick verblüfft es schon, dass eine Japanerin Dänemark zu ihrem Hauptwohnsitz gemacht hat, auf den zweiten allerdings weniger. Es haben schon viele hervorragende Jazzmusiker vor ihr Dänemark zu ihrer Wahlheimat erkoren, man denke nur an Stan Getz, an Dexter Gordon oder in jüngerer Zeit Horace Parlan oder Bob Rockwell.
Damals wie heute bietet dieses Land eben alles Wesentliche für international renommierte Jazzmusiker, wie es Makiko Hirabayashi auch ist: eine lebendige dänische Jazz-Szene mit sehr guten MusikerInnen und internationalen Festivals nicht nur in Kopenhagen..

Sie lernte früh das Geigen- und Klavierspiel, vertiefte letzteres in Boston, USA und dann in Kopenhagen, am einzigen „Konservatorium für Rhythmische Musik“ in Nordeuropa. Ihre Einflüsse beschreibt sie als vielfältig: Klassik, Modern Jazz, fernöstliche Sounds und nordische Folkmusik. Sie greift diese Anregungen auf spezifische Weise auf. Es ist ein Changieren zwischen den Genres, das ihr Spiel und ihre Kompositionen auszeichnet.
Es handelt sich um eine oftmals nahezu intime Musik, die ihre Weite und Klarheit durch Hirabayashis filigranes, aber auch kraftvolles und weiträumiges Klavierspiel erhält, so Raum schaffend für die Individualität ihrer beiden Mitspieler. Klavs Hovmans Bassspiel umfängt die Melodien je nach Bedarf mal impressionistisch, mal kammermusikalisch oder kräftig groovend, während die weltweit bekannte Perkussionistin Marilyn Mazur (Richtig; die da mit Miles Davis, Wayne Shorter, Jan Garbarek und vielen anderen Großen des Jazz zusammenspielte) mit ihren Sounds und Rythm Patterns die Musik von vielen Seiten her zu öffnen versteht.

So entsteht eine Musik voller poetischer Stimmungen, überraschender und beeindruckender Lyrizismen, neuer Tonalitäten und einer ganz eigenen Konstellation von Reflexion und kräftigem Zugriff, von Struktur und Auflösung, von Intensität und Weite.

Letzte Veröffentlichung: Hide and Seek. (2009. Enja 9192)

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Kritik zu “Dieter Ilg Trio”

Im Otello-Steinbruch

Wie soll das gehen? Ot(h)ello, für viele die Oper schlechthin! Die vollkommenste Verbindung von Verdis Musik und Shakespearescher Dramatik! Neun festgelegte Stimmen, Chöre, ein ganzes Opernorchester! Und am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig ganze drei Musiker; ein Kontrabass, ein Piano, ein Schlagzeuger und Elektroniker. Das ist die Besetzung von Dieter Ilgs Projekt „Otello“. Eine Eindampfung der Oper Verdis auf ihre Essenz oder eine schnöde Sparfassung?
Der Konzertbeginn war verstörend. Patrice Heral, Schlagzeuger und Loop-Spezialist, schichtete Geräusch über Geräusch. Hundeknurren vielleicht oder Gesprächsfetzen, undefinierbare Sounds, die dann von einem Marschrhythmus auf der Snaredrum überlagert wurden. Erinnerungen an Verdis „Aida“ oder Anspielungen auf die Situation der Zuhörer: Vom Straßenlärm draußen hinein in die Welt der Musik?
Wie dem auch immer sei: was folgte, war die Aufforderung „ M’ascolta“ – also: Höre mir zu. Ein filigranes Stück mit zarten Bass- und Piano-Melodien und einem Schlagzeug, das hier besser „Tupfzeug“ hieße. Lange Tonbögen, die Dieter Ilg, der herausragende deutsche Jazz-Bassist, seinem Instrument entlockte, somit nachhaltig verdeutlichend, dass der Kontrabass durchaus ein Melodieinstrument sein kann. Wer nun Sorge hatte, einem rein kammermusikalischen Jazzabend beiwohnen zu müssen, wurde schnell eines Anderen belehrt.
„Fuoco die Gioia“, das Feuer der Freude, wurde abgebrannt. Eine betörende Verdische Melodie und Akkordfolgen, die das Prinzip der Kompositionen Ilgs veranschaulichte. Aus der Vielzahl der Arien hat er die Stellen herausgesucht, deren Zusammenwirken von Harmonie und Melodie am faszinierendsten schienen. Diese unterzog er seiner musikalischen Interpretation, ohne die Essenz, den emotionalen Gehalt zu opfern. Das musikalische Material der Verdi-Oper wurde gewissermaßen als Steinbruch für die eigenen Kompositionen benutzt.
Immer, wenn man sich gerade in den Wohlklängen eingerichtet hatte, wurde in den Improvisationen dieses pure Schönsein zerstört. Pianist Rainer Böhm trieb es mehr als einmal aus seinem Klavierschemel, wenn er die ursprünglichen Melodien Zug um Zug verfremdete, sie dem Jazzidiom anverwandelte.
Daneben schuf Ilg auch so etwas wie musikalische Porträts der Protagonisten Jago und Otello. Mit einem Feuerwerk an Tönen stellte Ilg z.B. den Schurken Jago vor, immer wieder aber reflektierend-zögerliche Passagen einflechtend. Plötzlich wird die Musik entschlossener und Patrice Heral singt im Stile des Gangsta-Rap und lässt Jago am Ende an sich selbst ersticken. Otello hingegen wird zunächst mit gestrichenem Bass düster-melancholisch, vergrübelt-einsam vorgestellt. Dessen entschlossene Seite wird dann über Tempo- und Rhythmuswechsel veranschaulicht, um schließlich in einem langen Ostinato von Bass und Klavier in der Höhe zu entschwinden.
Anrührend das Stück „Ora e per sempre addio“: Jetzt und für immer Adieu: ein Stück, das Dieter Ilg seinem langjährigen Freund und Mitspieler, dem Saxofonisten Charlie Mariano, widmete, der letztes Jahr verstarb.
Dass Ilg ein Freund der schönen Melodien ist, zeigte noch einmal die Zugabe. Neidhart von Reuentals „Nun will der Lenz uns grüßen“ wurde nach allen Regeln der Kunst verjazzt, ohne dass die Hoffnung der Schlusszeile: „Nun hat uns Kinden ein End all Wintersleid“ darüber verloren gegangen wäre. Das Publikum war begeistert. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass das Konzert komplett vom TV-Team der Deutschen Welle aufgenommen wurde.

Klaus Gohlke

Dieter Ilg – Otello – Trio

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Dieter Ilg: Bass
Rainer Böhm: Piano
Patrice Héral: Schlagzeug, Perkussion

Man tut sicherlich keinem der gegenwärtigen deutschen Jazz-Bassisten Unrecht, wenn man sagt, dass es zwei international herausragende Spieler dieses Instruments hierzulande gibt: Eberhard Weber und Dieter Ilg.
Erster wurde für seine musikalischen Verdienste, am Ende seiner Laufbahn befindlich, 2009 angemessen gewürdigt. Was Dieter Ilg betrifft, so hat er mit seinen 49 Jahren viel erreicht und es ist sicherlich auch noch viel von ihm zu erwarten.
Was an ihm beeindruckt, ist einerseits natürlich die virtuose Technik und eine Spielweise, die oft erzählend-bildreich genannt wird. Das entscheidende Surplus ist aber etwas anderes. Ilg hat lange darüber nachgedacht, seine musikalischen Prägungen in in die Spielweise des Modern Jazz zu übertragen, wobei es dabei nicht nur um seine ganz persönliche musikalische Sozialisation geht, sondern offenbar um ganze musikhistorische Traditionen. Das also, was in Braunschweig Maria Joao, Rudresh Mahanthappa oder Miguel Zénon auf je eigene Weise demonstrierten, nämlich musikkulturelle Kontexte unterschiedlicher Art zusammen zu führen.
Das führte Ilg zur jazzmusikalischen Volksliedadaption (CDs „Folk Songs“ und „Fieldwork“), und zwar auf absolut überzeugende Weise, wie er schon in Braunschweig zeigen konnte.
Dass er daneben aber auch die Arbeit als „Groover“ nicht gering schätzt und auch ein einfühlsamer Gestalter ist, zeigt seine Arbeit mit Till Brönner, Dieter Quasthoff, Nguyên Lê und nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit Charlie Mariano. Auch ein Solo-Projekt hat er unlängst vorgestellt; seine Lieblingsformation scheint aber das Trio zu sein.
Das zeigt nun sein neuestes Projekt, die jazzmusikalische Annäherung an die Opernwelt, genauer: an Verdis „Othello“. Es wäre interessant zu wissen, ob und inwieweit Ilg dabei die Arbeit des Paul Motian Trios „Tethered Moon“, die die Einspielung „Experiencing Tosca“, also eine Puccini-Anverwandlung vornahmen, bekannt war. Auf jeden Fall gelingt Ilg hier mit seinen Mitspielern Rainer Böhm am Piano und Patrice Héral am Schlagwerk ein überraschender Coup. Böhm zeigt sich als einfühlsamer Tastenvirtuose, der allerdings in der Fachpresse noch recht wenig beachtet scheint, während Patrice Héral nicht nur als Schlagzeuger überzeugt, sondern über ein umfangreiches Können verfügt, auch elektronische Samples in die Musik einzubauen.
Zu erwarten ist auf jeden Fall ein Trio mit hohem künstlerischen Anspruch, Spielfreude und mitreißender Intensität.

Jüngste Veröffentlichung: Dieter Ilg „Otello“ (fullfat 09/Edelkultur). VÖ: 2/2010

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Wolfgang Haffner Trio

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Wolfgang Haffner (Schlagzeug)
Lars Danielsson (Bass)
Hubert Nuss (Piano)

Wolfgang Haffner ist einer der bedeutendsten Schlagzeuger Deutschlands. Mehr als 400 Aufnahmen umfasst allein seine Discographie als Sideman über alle Genregrenzen hinweg. Was ihn so gefragt sein lässt, ist seine Betonung des Grooves, der präzise, swingend, voller Drive und ungemein virtuos gespielt wird. Effekthascherei ist nicht sein Ding.

Aber auch als Komponist und Bandleader macht Haffner schon seit geraumer Zeit von sich reden. Seine Arbeit im Trio mit den Pianisten Hubert Nuss und dem schwedischen Bassisten Lars Danielsson erweist sich als immer beeindruckender. Die Elemente Groove, Harmonie und Melodie stehen dabei im Mittelpunkt und lassen so akustischen Trio-Jazz entstehen, der über seine Anklänge an die aktuelle Nu-Jazz-Szene und seine Verweise auf den klassischen Jazz die wundersame Einordnung des Trios unter die Rubrik „Old-Nu-Jazz“ bewirken.

Mit „Round Silence“ will das Wolfgang Haffner Trio das Thema „Stille“ ausloten, eine Fortsetzung und Vertiefung der Arbeit von „Acoustic Shapes“ 2008. Die Band erzeugt vielfarbene, nahezu impressionistische Klanggewebe. Titel wie „Nightsong“, „The space in between“, „Wordless“, „The Flow“ deuten an, wohin die Reise geht: eher ruhige, lyrische Kompositionen von großer Tiefe sind bestimmend.

Der Schlagzeuger Haffner verschwindet dabei keineswegs. „Der Schlagzeuger hat einen extrem wichtigen Part. Er steuert die Musik grundlegend. Das ganze Rhythmusfundament und die Dynamik der Band habe ich zu verantworten!“ So der Drummer.

Das alles funktionierte aber nicht ohne seine beiden exzellenten Mitspieler. Zum Einen ist das Hubert Nuss, der Pianist, von dem sein musikalischer Ziehvater John Taylor sagt, dass er über eine reiche harmonische Sprache verfüge, die die Komplexität und Intensität post-romantischer klassischer Musik mit einer stupenden melodischen und rhythmischen Einfachheit vereinige und so einen neuen Sound in der Jazzmusik schaffe.

Und dann ist da noch der herausragende schwedische Bassist Lars Danielsson, dessen bemerkenswerte Musikalität u.a. dadurch gewürdigt wurde, dass er als Artist in Residence auf dem JazzBaltica Festival 2004 das Jazz Baltica Ensemble leiten konnte.
Es erwartet die Besucher ein Konzert mit pulsierendem Schlagzeug, schönen Basslinien und eingängigen Melodien.

Jüngste Veröffentlichung: Round silence. ACT 9605-2 LC 07644

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Kritik zu “Pablo Held Trio”

Fürwahr erstaunlich

Ach, man mag es schon gar nicht mehr hören, dieses Gerede von musikalischen Wunderkindern, Ausnahmetalenten, Stars – Super oder Mega. Das belastet Zuhörer wie Bezeichnete gleichermaßen. Man erwartet das Unerhörte, was leicht zu Enttäuschungen führen kann. Am Freitagabend präsentierte sich der „Senkrechtstarter“ Pablo Held – so die Ankündigung – mit seinem Trio dem erstaunlich zahlreich erschienenen Braunschweiger Jazzpublikum im Lindenhof. Mit dabei als besonderer Gast der Tenorsaxofonist Sebastian Gille aus Hamburg.
In der Pause Irritation pur bei einem Jazz-Experten. „Sag mal, was spielen die da eigentlich? Das ist ja irgendwie unglaublich!“ Ja, was spielten diese jungen Männer, Pablo Held 23 Jahre alt, der Rest um die 28? Zwei Sets en bloc ohne eine Titelansage, denn – so Held erläuternd – man spiele nunmehr drei Jahre zusammen und wolle keine festen Arrangements mehr. Gewissermaßen ein freies Zusammenspiel, bei dem ein Stück ins andere übergeht, wenn es denn richtige Stücke gäbe. Aber nicht etwa Free Jazz, versteht sich. Held war zweifelsfrei der Organisator des Zusammenspiels. Er lieferte seinen Mitspielern Ideen zu rhythmischen Mustern, Riffs, Skalen, Harmonien, formalen Abläufen, Klangschichten. Was aber nur funktionieren kann, wenn die Mitspieler diese Ideen aufzugreifen imstande sind. Und seine Krönung findet, wenn die anderen Musiker selbst auch Impulse zu geben in der Lage sind.
Das war beides auf eindrucksvolle und überzeugende Weise der Fall. Was Robert Landfermann am Bass, gestrichen oder gezupft, locker elegant entfaltete, war beeindruckend. Nicht minder die Arbeit des Schlagzeugers Jonas Burgwinkel und der Einsatz des Tenorsaxofonisten Gille.
Frappierend war zum einen die Grundidee zur Gestaltung des Konzerts. Das Intro zu Beginn des Konzertes tauchte am Ende als Schlussteil wieder auf. Eine runde Sache also. Dann das Durchbrechen eines gewichtigen Jazz-Konzert-Stereotyps: Thema – Solo – Thema – Solo, und das bei vier Musikern schlimmstenfalls viermal pro Stück. Nein, hier setzte jeder Spieler während des gemeinsamen Spieles seine ganz individuellen Akzente, etwa im Sinne Brubecks: Freiheit des Individuums ohne Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühls.
Und so entwickelte sich aus einem in der Regel vom Pianisten skizzierten harmonischen Grundmuster ein sich bis zum Crescendo steigerndes Zusammenspiel, das dann wieder nach und nach in ruhigerem, mitunter fast romantischem Fahrwasser abebbte.
Freilich, Freunde des eher an der Tonalität, am Liedhaften, an der Melodie orientierten Jazz, waren da wohl überrascht, aber sicherlich nicht enttäuscht. Außerordentlich spannend war es nämlich zu hören, wie sich der Gastsaxofonist Sebastian Gille in diese Akkordverschiebungen einzufinden versuchte, um sich dann, unterstützt und angetrieben durch Bass und Schlagzeug, zu improvisatorischen Höhenflügen aufzuschwingen. Faszinierend, was Jonas Burgwinkel am Schlagzeug an rhythmischer Variabilität und Sound-Vielfalt vorführte, wobei die Einbeziehung von Perkussionsinstrumenten die Skala der Klangfarben enorm erweiterte. Und Bassist Robert Landfermann war beileibe nicht der stille Begleiter im Hintergrund, vielmehr legte er oft neue melodische Linien über gegebene Harmonien.
Sicherlich: Held wird auch bei dieser arrangementfreieren Gestaltung des Konzertes darauf achten müssen, dass daraus nicht wieder ein Schematismus erwächst und sicherlich weiß er auch, dass das nur funktioniert, wenn man eine derart gute Rhythmus-Sektion hinter sich hat. Zur Frage „Senkrechtstarter“ – das Thema erübrigte sich angesichts des souveränen Auftretens dieser vier jungen Musiker. Von ihnen wird man sicherlich noch einiges hören.

Klaus Gohlke

Pablo Held Trio feat. Sebastian Gille

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Pablo Held (Piano)
Jonas Burgwinkel (Schlagzeug)
Robert Landfermann (Bass)
Sebastian Gille (Saxophon)

Pablo Held, Jahrgang 1987, gilt als Senkrechtstarter unter den jungen Jazzpianisten, bereits mit 12 Jahren gewann er den NRW-Wettbewerb „Jugend jazzt“. Mittlerweile spielt er auf allen großen europäischen Jazzfestivals und gewann 2009 mit seinem Trio den Westfalen-Jazzpreis.

Helds Pianostil gilt als eigenständig, klar und unangestrengt, fern aller gängigen Floskeln des Genres. Sein Spiel im Trio gilt als introspektiv, aber nicht hermetisch – voll zurückgehaltener Energie und großer Tiefe. Impressionistisch, aber durchaus auch kantig entwickelt er seine Melodiebögen und Akkorde. Die Kritik spricht von einer Idealkombination von Improvisationsphantasie und musikalischer Ökonomie. Dabei gelinge es ihm, das Dynamik- und Emotionsspektrum von zartester Klanglyrik bis hin zum ausdruckskräftigen Triodonner auszuschöpfen.

Unterstützt wird Held dabei von einer der profiliertesten Rhythmus-Sektionen Deutschlands, dem Bassisten Robert Landfermann und Jonas Burgwinkel am Schlagzeug, beide WDR-Jazzpreis-Gewinner 2009. Sie verstehen es, sowohl subtil als auch dynamisch-energisch das Heldsche Klavierspiel zu begleiten.
Das Trio featured den Hamburger Saxophonisten Sebastian Gille, ebenfalls mehrfacher Jazzpreisträger.

Jüngste Veröffentlichung: „Forest of Oblivion“ (Pirouet/Heinzelmann)

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Kritik zu “Dick de Graaf Special Project”

A Touch of Béla

Das nun war das letzte Konzert der Initiative Jazz-Braunschweig in diesem Jahr, wieder in den Räumen der Braunschweigschen Landessparkasse und begleitet von einer Fotoausstellung der Arbeitsgemeinschaft Fotografie mit dem sperrigen Titel „Remote Places“.

Zu Beginn gab es „Reisemusik“. Neuseeland-Inspiriertes im Piano-Saxofon-Duett. „Doubtful Sound“ hieß das Stück. In der Tat kamen Zweifel auf, aber nicht in Bezug auf Neuseeland, sondern darüber, ob diese Konzerteröffnung die richtige Stimmungslage zu schaffen geeignet war. Angestrengt und distanziert wirkte das Ganze.

Da fehlt doch was

Dann aber tauchten Schlagzeuger, Bassist und Posaunist auf und komplettierten das holländische „Dick de Graaf Special Project“ aufs angenehmste. Die musikalische Reise ging nun nach „Havanna“, ein wundervoll wehmütiges Stück, eine Art Filmmusik, die im Kopf Bilder und Erzählfetzen entstehen ließ. War es Ankunft, Abreise oder Aufenthalt? Nur – irgendetwas fehlte doch noch?
„Moving targets“ als dritter Titel, der aber keinerlei Anspielungen auf Militärisches enthielt. Stattdessen eine Hardbop-Nummer. De Graafs Tenorsaxofon im echten Coleman Hawkins-Stil, satt in den tiefen Lagen. Andrea Pozza am Klavier provoziert die Posaune mit harten Einwürfen, worauf Adrian Mears auf seinem Blasinstrument zu wahren Höhenflügen ansetzt. Das wiederum lässt sich der Pianist nicht zweimal demonstrieren. Er repliziert kraftvoll mit beeindruckenden Akkordverschiebungen und schönen Melodiefolgen. Auch Jos Machtel am Bass kommt zu seinem Recht, der Schlagzeuger Pascal Vermeer liefert perfekt das rhythmische Fundament.
Ein Tempobruch mit der Ballade „Stolen dreams“. Bei diesen langsamen Stücken kann man erkennen, wie gut ein Musiker sein Instrument technisch beherrscht. Das Quintett lässt diesbezüglich keine Zweifel aufkommen.
Den Abschluss des ersten Sets „Graffiti“ nennt de Graaf ein modernes, eine multifunktionelles Stück. Man könne danach tanzen oder sich entspannt anlehnen, nachdenken oder mitsummen. Alles sehr schön, und doch fehlt etwas.

Des Rätsels Lösung

Zu Beginn des zweiten Sets folgt dann endlich des Rätsels Lösung. Dick de Graaf teilt mit, dass leider die Sängerin, Fay Claassen, nicht mit von der Partie sein könne, weil sie kurzfristig erkrankt sei. Genau, das war es doch! Das „Braunschweig Special Project“ sollte doch eine Sängerin präsentieren. Wer darauf gewartet hatte, war sicherlich enttäuscht.
Das Quintett allerdings gab keinerlei Anlass für Frustrationen, im Gegenteil. Der Bandleader wurde als Komponist hörbar, der bei den folgenden Stücken vom Tenor- zum Sopransaxofon wechselte. „A touch of Béla“ und „Why birds always sing“ : De Graafs Bartók-Adaptionen und –Transformationen begeisterten das Publikum genauso wie seine Schubert-Impression „Via aeterna“.
Jazz greift auf „Klassik“ zurück: ob Bach., Rodrigo, Mompou – das ist keine schlechte Referenz, wie sich an diesem Abend zeigt. Wunderbare Bartóksche Melodien aus dem „Mikrokosmos“ und den „Volksliedern“ werden aufgegriffen und dem Jazzidiom anverwandelt über neue Tempi, melodische Ausweitung, Reduktionen und Verfremdungen, rhythmische Bearbeitungen. All das verwundert, fasziniert und ergreift.
Ja, und dann die Zugabe! Diese Melodie, ein Ohrwurm! Welcher Song ist das, der hier kanonartig zwischen Saxofon und Posaune leicht verschoben anklingt? Das Piano bricht die Melodie auf, der Bass holt sie freundlich zurück. Ja, natürlich, das ist „Fragile“ von Sting! Wenn das die Jazz-Polizei wüsste…

Klaus Gohlke

Dick de Graaf Special Project

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Dick de Graaf (Tenor- und Sopransaxophon)
Andrea Pozza (Piano)
Jos Machtel (Bass)
Pascal Vermeer (Schlagzeug)
Fay Claassen (Gesang)
Adrian Mears (Posaune)

Seit mehr als zwei Jahrzehnten tritt Dick de Graaf auf nationalen und internationalen Konzertbühnen auf. Dabei überzeugt er als Bandleader, Sideman, Solo-Spieler, Komponist und Arrangeur, wie die vielfältigen Publikums- und Medienreaktionen zeigen. Verblüffend ist dabei die Spannbreite seines musikalischen Ansatzes, sowohl was die jazzmusikalischen Formen und Inhalte, aber auch deren Formationen betrifft.

De Graaf kennt kein musikalisches Schubladendenken. Gleichermaßen sicher und beseelt spielt er mit New Orleans Musikern, mit Griot-Musikern aus Mali. Er überzeugt mit Straight- Ahead-Jazz amerikanischer Herkunft, Tango- oder auch Hendrix-Bearbeitungen. Ein Kompositionsauftrag für das Franz-Schubert-Festival in Basel ließ die „Schubert Impressions for Jazz Quintet“ entstehen, aufgeführt beim North Sea Jazz Festival in Den Haag 2002. Seine jüngste CD-Einspielung „Moving Target“ wiederum greift Choral- und Pianomusik-Motive Belá Bartóks auf, spielt aber auch auf jüngere Rock-Pop-Stücke an.
Um diesen breiten musikalischen Ansatz realisieren zu können, wählt de Graaf unterschiedliche Formationen: Bigband, Quartett, Quintett, Septett, aber auch die Arbeit mit ungewöhnlich besetzten Trios und Holzblasensembles.
Das führte ihn zwangsläufig im Laufe der Jahre mit ganz unterschiedlichen Musikern zusammen, etwa Chet Baker, die niederländischen Jazzstars Han Bennink, Misha Mengelberg, Jasper van’t Hof, dem Saxophonisten-Kollegen Tony Lakatos usf.
Das alles ist nicht Zeichen von Willkür und programmatischer Beliebigkeit, sondern zeugt vielmehr vom breiten musikalischen Horizont Dick de Graafs, den er jazzmusikalisch zu nutzen versteht.

„Dick de Graaf ist ein großartiger Saxophonspieler, der Beweis ist, falls man noch Beweise braucht, dass Europa die Heimat großer Jazzmusiker ist, dass die USA nicht das einzige Land sind, wo man diese finden kann. Es ist eine Schande, dass Musiker wie Dick de Graaf nicht besser bekannt sind.“ (musicweb-international 2008).

Die ZuhörerInnen erwartet auf jeden Fall ein Jazzabend mit melodiös ausgereiftem Klang, uneingeschränkter Spielfreude und hoher Improvisationskunst.

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Eintritt: 17,- € (Abendkasse)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Landessparkasse

Kritik zu “Miguel Zenón Quintet”

Kaum Zeit, Luft zu holen

Ja, wo sind wir eigentlich? In einer Latin-Dancehall, bei Straßenmusikern irgendwo in Mittel- oder Südamerika? Oder aber live beim Modern Jazz im New Yorker Village Vanguard mit einer Art John Coltrane auf dem Altsaxofon? Oder beim Showdown zwischen dem Pianisten und dem Saxonfonspieler – wer kann schneller und vertrackter? Oder beim Test, wie lange ein Bassist bzw. ein Drummer ein hochenergetisches Solo spielen können, ohne vor Erschöpfung niederzusinken? Es war all das , aber all das auch nicht. Vielmehr handelte es sich um den Auftritt des Miguel- Zenón-Quintetts im Lindenhof zu Braunschweig , die zehnte Veranstaltung der Initiative Jazz-BS dort.
Völlig zu recht war das Konzert ausverkauft, handelte es sich doch um den Auftritt nicht irgendeines hoffnungsvollen Nachwuchstalentes, sondern um einen der herausragendsten Altsaxofonisten der USA. Vielleicht war es aber auch die Ankündigung, dass Zenón weltmusikalischen Jazz präsentieren würde, was die Zuhörer lockte. Also nicht Jazz der Sekten-Kultur im Sinne einer immer abstrakteren Verfeinerung. Stattdessen offene improvisatorische Musik, die Vitalität und Spiritualität auszudrücken und zu wecken beabsichtigt.
Was Zenón und seine Mitspieler auf überzeugende Weise vorstellten, war die Kombination einer speziellen Variante karibischer Musik, der Plena Puerto Ricos, mit allen Spielarten des modernen Jazz. Die Plena war und ist eine Alltagsmusik der Puertoricaner. Im Zentrum stehen dabei unterschiedlich große Handtrommeln und situationsbezogene Texte, die formal gut nachvollziehbar sind. Ein klares 4/4 – Metrum, allerdings permanent aufgebrochen durch wunderbare Synkopierungen. Danach tanzt man heute in den Dancehalls nicht nur Lateinamerikas.
Diese rhythmische Basis behielt Zenón in seinen Kompositionen bei. Und das war es, was die Tanzbarkeit seiner Musik an diesem Abend ausmachte. Gleichzeitig aber unterlegte er diese stabile Struktur mit komplexen, variablen Metren, die die Musik in andere Sphären führte und der Tanzbarkeit gleichzeitig Stolpersteine in den Weg legte. Das alles geschah einerseits ungemein komprimiert. Das erste einstündige Set bestand beispielsweise aus zwei großen Blöcken, eingeleitet und gegliedert durch ausdrucksstarken Gesang und Perkussionsarbeit des Plena-Meisters Hektor Tito Matos. Zenón und sein ungemein variabel und elegant spielender Pianist Luis Perdomo nahmen diese Vorgaben auf und verblüfften ein ums andere Mal die Zuhörer mit rasenden Melodieläufen im Call- und Response-Stil. Andererseits gab es viel Raum für die Musiker, sich zu entfalten. Bassist Hans Glawischnig konnte in aller Ruhe die Skalen und Rhythmen zergliedern und neu zusammensetzen. Die Schlagzeugsoli des Drummers Henry Cole erwuchsen völlig organisch aus dem musikalischen Gesamtgeschehen heraus. Erstaunlich, mit welcher Konzentration, Geschwindigkeit, Ausdauer und gleichzeitigen Variabilität der junge Mann zu Werke ging. Allein physisch kaum nachvollziehbar, das Publikum war fasziniert.
Das setzte sich im dreiteiligen zweiten Set fort, und man war froh, dass mit dem balladesken Stück „Progreso“ einmal liedhafte Ruhe einkehrte. Perdomo bezauberte mit strahlenden Akkorden, über die Zenón dann zu einem Solo ansetzte, das ihn schier abheben ließ. Das langgestreckte Crescendo nach einem herunterkühlenden Bass-Solo schuf eine gefühlsstarke Klangwelt, die alle Gedanken an den kühlen Novemberabend draußen vergessen ließ. Dann noch einmal karibische Klänge at it’s best.
Allerdings: so ein ausdrucksstarkes, kraftvolles Quintett bräuchte einen größeren Raum, um angemessen zu Gehör zu kommen. Gleichviel und uneingeschränkt: stehende Ovationen für diese Ausnahmemusiker.

Klaus Gohlke

Miguel Zenón Quintet

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Miguel Zenón (Altsaxophon)
Luis Perdomo (Piano)
Hans Glawischnig (Bass)
Henry Cole (Schlagzeug)
Tito Matos (vocal, perc.)

Miguel Zenón ist nicht einfach nur ein « junger talentierter Wilder » des Jazz, 33 Jahre alt, in Puerto Rico geboren und aufgewachsen, in New York lebend. Er zeigt nicht einfach nur ein sehr klares, flüssiges Altsax-Spiel, seine Band ist nicht nur sehr gut auf hohem Level eingespielt – all das wäre nicht außergewöhnlich, sondern Voraussetzung für eine Europa-Tournee.
Wesentlicher, um seine gegenwärtige Bedeutung im Jazz zu verstehen, ist sicherlich, dass er viermal den Downbeat Critic’s Poll der Nachwuchsstars in der Kategorie Altsaxophon erhielt, 2006 zum besten Nachwuchskünstler des Jahres im Jazz Times Magazine gewählt wurde, seine CD AWAKE 2008 zur besten Jazz-Veröffentlichung des Jahres erklärt wurde.
Gewürdigt und unterstützt wird damit Zenóns Interesse , klassische Jazztradition mit afro-karibischer und latein-amerikanischer Musik zu verschmelzen.

Es geht ihm dabei insbesondere darum, die traditionelle Musik seines Heimatlandes Puerto-Rico, die Plena, mit dem amerikanischen Jazz-Erbe in Beziehung zu setzen.
Plena, eine Jahrhunderte alte handperkussionsgetriebene afro-karibische Musiktradition, eine Art Straßenecken-Volksmusik bzw. „gesungene Zeitung“ verbindet afrikanische Rhythmen mit europäischen Harmonien und Kadenzen. Grundsätzlich liegt ihr ein 4/4-Metrum zugrunde, das sich mit der oft achtsilbigen assonanten Lyrik auseinandersetzt.

Zenón hat mit dem Projekt Esta Plena, das er mit seiner Band vorstellen wird, furiose moderne Jazzimprovisation mit der synkopenreichen melodisch-lyrischen puertoricanischen Musiktradition vereint. Das Qintett improvisiert dabei in verschiedenen Metren, Melodien und Akkordfortschreibungen.

Zum Gelingen dieser Musik tragen wesentlich seine Bandmitglieder bei, die einfühlsam auf Zenóns Intentionen eingehen. Dass die Umsetzung seiner musikalischen Ideen gelingen konnte, führt Zenón auf das tiefe musikalische Verständnis seiner Mitspieler zurück, die von ihren eigenen Projekten absehen und sich auf ihn zu konzentrieren verstehen. Hervorzuheben ist, dass Zenóns Plena-Lehrmeister, Hektor (Tito) Matus, selbst als Perkussionst und Sänger mitwirkt und somit zu größter Authentizität der Musik beitragen wird.

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Eintritt: 15,- € (Abendkasse)

Nguyên Lê Quartet

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Nguyên Lê (Gitarre & Laptop)
Rita Marcotulli (Piano)
Chris Jennings (Bass)
Roberto Gatto (Schlagzeug)

Nguyên Lê ist kein Unbekannter in der Region Braunschweig. Viermal war er mit unterschiedlichen Besetzungen bei uns zu Gast und präsentierte Stationen seiner musikalischen Entwicklung.

Als Sohn vietnamesischer Eltern 1959 in Paris geboren, ist er ein Gitarrist mit sehr weit gespannten Interessen. Die Eckpunkte seiner musikalischen Sozialisation sind in seinen vielfältigen Projekten klar zu erkennen. Die elektrisch verstärkte und mit elektronischen Effekten arbeitende rockige Gitarrenmusik mit Jimi Hendrix als Leitfigur („Purple. Celebrating Jimi Hendrix“ 2002); die vietnamesische Herkunft („Tales from Viet-Nam“ 1996); der europäische moderne Jazz („Walking on the Tiger’s Tail 2005) ; die nordafrikanischen Einflüsse, die sich in Frankreichs Metropole vielfältig widerspiegeln (z.B.„Maghreb and friends“; 1998).

Nguyên Lês virtuoses und international mit Aufmerksamkeit beobachtetes Gitarrenspiel bedient sich modernster digitaler Techniken, aber nicht um Effekte zu haschen, sondern als Möglichkeit, den musikalischen Ausdruck seines Instrumentes zu erweitern – vom jazzrockigen Idiom hin zu weltmusikalisch-ethnischen Sounds.

Seine musikalischen Vorstellungen motivieren bedeutende internationale Jazzmusiker ganz unterschiedlicher Provenienz zur Zusammenarbeit mit Nguyên Lê, so den Bassisten Renaud Garcia-Fons, den Bläser Paul McCandless, die Percussionistin Terry Lyne Carrington, den Schlagzeuger Peter Erskine, um nur ganz wenige zu nennen.
Auch sein „New Quartet“ versucht den Weg zu gehen, den Lê als Herausarbeitung der eigenen Wurzeln und Traditionen bei gleichzeitiger Positionierung innerhalb der musikalischen Moderne beschreibt.

Wieder arbeiten herausragende Musiker mit Nguyên Lê zusammen: Roberto Gatto, einer der bedeutendsten italienischen Schlagzeuger, geschätzt durch sein besonderes „mediterranes“ Timbre; Rita Marcotulli, die vom komplex-abstrakten modern Jazz bis zum neapolitanischen Liedgut alle Genres am Klavier beherrscht; und schließlich der kanadische Bassist Chris Jennings, der sowohl am Kontra- wie am E-Bass durch starkes melodisches Gefühl und rhythmische Strukturierungen auffällt.

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Eintritt: 17,- € (Abendkasse)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Landessparkasse

Kritik zu “Yellowjackets”

Weder Wespen noch Gelbjacken

Wie gelingt das? Eine Jazzband spielt seit ewigen Zeiten zusammen, in Teilen seit fast dreißig Jahren. Und doch ist immer noch die Spielfreude da, die überraschende Improvisation, der unerwartete Widerspruch.
Die Rede ist von den „Yellowjackets“, einem US-amerikanischen Ausnahmequartett, grammy-nominiert, das am Freitagabend in den Räumen der Braunschweigischen Landessparkasse in der Dankwardstraße spielte. Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass die Band, je länger sie ihr Konzept verfolgt, zu immer größerer Klarheit findet.
Als Fusion ist ihr Stil ungenau benannt. Vielmehr geht es den vier Musikern darum, ihre Vision von improvisierender Musik ständig weiter zu entwickeln. Kernpunkt ist dabei die Offenheit gegenüber allen musikalischen Quellen und Entwicklungen, ohne sich dabei aber an modische Trends anzubiedern.
Das ließ der Auftritt in Braunschweig sehr schnell aufs Angenehmste erkennen. So spielte der Saxofonist Bob Mintzer z.B. beim Stück „Freda“ auf seinem elektronischen Blasinstrument den fiddle-part eines Reels an. Der wurde dann von den Mitspielern aufgenommen und nach allen Regeln der Kunst sukzessive akkordisch aufgebrochen bzw. rhythmisch variiert. Pianist und Keyborder Russell Ferrante griff in „Monk’s habit“ auf dessen exzentrische und robuste Melodie- und Rhythmusgestaltung zurück. Eindrucksvoll spielte er die Akkorde so, dass sie uneindeutig schwebend erschienen und eine unerwartete Tiefe desAusdrucks erlaubten.
Ein allein ästhetischer Genuss war das elegante Spiel des Bassisten Jimmy Haslip auf seinem 6-saitigen E-Bass. Selbst bei schnellsten Läufen schien Haslip die Saiten nur zu tupfen. Überhaupt ist die Rhythmus-Sektion der Band für den Gesamtausdruck der „Yellowjackets“ sehr wichtig. Der Schlagzeuger Marcus Baylor liefert zusammen mit Haslip das rhythmische Fundament, dabei ständig die Metren umspielend. Beide bilden ein Power-Pack ohne aber die Melodieinstrumente zu übertönen. Überhaupt gilt für die Band, dass bei aller Virtuosität der Einzelmusiker nie der Eindruck entstand, dass hier einzelne sich profilieren wollten. Vielmehr sah man vier Musiker, die als Einheit zusammenwirkten und sich in dieselbe musikalische Richtung bewegten.
Mitunter erinnerte das Spiel des Quartetts gerade durch Ferrantes Art, eine Melodie – so bei „Seafolk“ – gleichsam zu dekonstruieren und wieder neu zusammen zu setzen, an die frühen Quartett-Einspielungen Keith Jarretts in den 70er Jahren. Der Rückgriff auf Genres wie Blues, Gospel, Swing, Latin erfolgte mühelos und ungekünstelt, was die Zuhörerinnen und Zuhörer erkennbar erfreute und die Musiker trotz großer Tagesstrapazen zu Zugaben inspirierte. Mintzer ließ durchblicken, dass er sich duraus vorstellen könnte, noch 25 Jahre mit der Band zu arbeiten, dem Publikum wäre es sicherlich recht.
Obwohl am letzten Wochenende gewissermaßen ein kultureller Overkill herrschte und zudem das Konzert an einem so genannten Brückentag stattfand, war die Veranstaltung doch ansprechend besucht. Besonders auffällig war, dass es wieder mehr jüngere Zuhörer zum Jazz zieht, ein Trend, der sehr wünschenswert wäre.

Klaus Gohlke

Yellowjackets

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Bob Mintzer (Tenorsaxofon / EWI)
Russell Ferrante (Piano / Keyboards)
Jimmy Haslip (Bass)
Marcus Baylor (Schlagzeug)

Auf der Bühne zu hören sind „The Yellowjackets“ – das heißt auf Deutsch „die Wespen“. Wespen haben bei den meisten Menschen nicht den besten Ruf. Sie nerven bei der sommerlichen Kaffeetafel im Freien, ihr Stich verursacht Schmerzen oder sogar allergische Schockreaktionen, und auch in akustischer Hinsicht erweisen sie sich als Störenfriede. Also denkbar schlechte Vorbilder für eine Band, die das englische Wort für Wespen im Namen trägt, deren Musik aber weder aggressiv noch zuckersüß klingt.

Tatsächlich entbehrt der Gruppenname „The Yellowjackets“ jeglicher Symbolik: der Name entstand ganz anders. Den Musikern gefiel der Klang des Wortes, und so wurde einfach nach dem Gehöhr entschieden.

Auch in punkto Lebensdauer verbietet sich jeglicher Vergleich mit dem Insekt. Mit mittlerweile 28 Jahren Bandgeschichte setzen die vier Gelbjacken auf das, was im schnelllebigen Musikgeschäft wie ein Wert aus grauer Vorzeit erscheint: Kontinuität. Während manche Gruppe mit wachsender Popularität zunehmend kommerzieller wird, gingen die Yellowjackets den umgekehrten Weg: anfangs elektronisch und „radiofreundlich“, wandelte sich ihr Sound zu einem weniger elektrisch eingefärbten und jazzigeren Klangbild. Nach wie vor verarbeitet das Quartett Elemente aus Pop, Rhythm&Blues und Gospel. Das Ergebnis ist weder jener hemdsärmelige Machismo der Hochgeschwindigkeits-Fusion noch die Safer-Sex-Erotik des Smooth Jazz – eben „The Yellowjackets“.

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Eintritt: 17,- € (Abendkasse)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Landessparkasse

Alex de Macedo Trio

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Alex de Macedo (Gitarre)
Christian Schantz (Bass)
Philipp Bernhardt (Schlagzeug)

Das “Alex de Macedo – Trio” bewegt sich im Spannungsfeld des Modern-Jazz und basiert auf dem kreativen Zusammenspiel der drei Musiker. Mal beat-lastig, dann wieder melodisch gestalten sich die Stücke aus der Feder des Bandleaders komplex und abwechslungsreich, ohne sich in abgehobenen Strukturen zu verlieren.

Alex de Macedo gehört noch zu den Geheimtipps der deutschen Jazz-Szene. Als Sohn einer Brasilianerin und eines Deutschen wuchs Alex in Brasilien, Deutschland, Nigeria und im Irak auf und hatte dadurch Zugang zu brasilianischer, afrikanischer und arabischer Musik. Mit 15 begann er als Autodidakt Gitarre zu spielen. Später studierte er Jazzgitarre an der Folkwang-Hochschule in Essen. De Macedo spielte u.a. mit Claudius Valk, Andre Nendza, Christoph Hillmann und dem Soulsänger Boris Titulaer ( z.Z. das niederländische Nr.1-Album “Rely on me”). Zu seinen Einflüssen zählen Gitarrengrößen wie John Scofield, Jimi Hendrix und Kurt Rosenwinkel. Seine eigenen Kompositionen sind beeinflußt durch die Musik von Weather Report, Keith Jarret, Hermeto Pascal und Shakti.

Den Schlagzeuger Philipp Bernhardt lernte Alex de Macedo beim Studium an der Folkwang-Hochschule kennen. In den folgenden Jahren ging Philipp Bernhardt nach New York, wo er mit einigen großen Repräsentanten des Jazz auf der Bühne stand: u.a. mit Ron Carter, Marc Ribot und John Patitucci. In New York lernte Philipp Bernhardt auch den Bassisten Christian Schantz kennen, der als Schüler von Greg Cohen (Mitglied in der Band von Tom Waits und John Zorn) schnell zu einem festen Bestandteil der New Yorker Jazz-Szene geworden war und durch sein kreatives und gleichzeitig solides Bass-Spiel auffiel.

Im Jahr 2007 belegte Alex de Macedo mit der Coverversion von John Scofield s “The Low Road” beim Wettbewerb “Go For Sco” den 1.Platz. John Scofield hatte die Version selbst als Beste ausgesucht und überreichte ihm die Auszeichnung am Rande seines Konzertauftritts “John Scofield Trio plus Horns” in Braunschweig. Im gleichen Jahr gründete sich das “Alex de Macedo – Trio”, das inzwischen ihr eigenes Programm “Natureman in Factoryland” erarbeitet hat.

Eintritt: 15,- € (Abendkasse)

Susi Hyldgaard Quintett

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Susi Hyldgaard (voc, piano, acc)
Jannik Jensen (bass)
Benita Haastrup (drums)
Roy Nathanson (sax)
Bill Ware (vibes)

Die dänische Pianistin und Akkordeonistin Susi Hyldgaard musiziert mit erfreulicher Leichtigkeit und Unbefangenheit im Grenzbereich zwischen Pop, Jazz und elektronischer Musik und gilt zudem als eine der profiliertesten Sängerinnen ihrer Generation. Seit sie beim Berliner Jazz-Fest 2001 größere internationale Aufmerksamkeit gewann, hat sie sechs eigene Alben herausgebracht, wurde mit Preisen für ihre Kompositionen ausgezeichnet und erhielt auch einen Grammy.

Auf fünf ihrer Alben hat Susi Hyldgaard alle Stücke selbst komponiert, und auch die Songtexte sind überwiegend von ihr. Susi Hyldgaard erzählt Geschichten mit ihrer Stimme, sie verwebt kleine menschliche Gegebenheiten und Erfahrungen zu Liedern, die sie genauso persönlich vorträgt, wie sie sie geschrieben hat: eigenartig und unverwechselbar, mal wild und expressiv, dann wieder zart und in sich gekehrt.

Zur Überraschung ihrer Fans, brachte Susi Hyldgaard 2007 eine CD mit der Danish Radio Bigband heraus, auf der sie altbekannte Standarts von Cole Porter bis Nat King Cole sang, natürlich auf eine ganz eigene Art und Weise. Ihr jüngstes Programm “It’s Love We Need” besteht wieder aus Eigenkompositionen, die sie im letzten Jahr gemeinsam mit der NDR-Bigband für einige Aufführungen und als Album realisiert hat. Zum ersten Mal gab Susi Hyldgaard ihre Kompositionen zur weiteren Bearbeitung aus der Hand. Roy Nathanson (Saxophon) und Bill Ware (Vibraphon) – Mitglieder der Jazz Passengers (USA) – lieferten die Arrangements für die NDR-Bigband.

Von dieser Zusammenarbeit war Susi Hyldgaard begeistert: “Ich bin sehr skandinavisch, was eine gewisse melancholische Atmosphäre in meiner Musik angeht. Amerikaner haben das nicht. Nicht, dass sie das nicht verstehen würden, aber sie finden in allem die positive Seite. Selbst die dunkelsten Songs machen so eine Menge Spaß.”

Dürfte Susi Hyldgaard’s jüngstes Album mit der NDR-Bigband schon jetzt eines der ersten Anwärter auf die Jazz-CD des Jahres sein, bietet die direkte Interaktion mit Roy Nathanson und Bill Ware im Quintett ein kompaktes Hörerlebnis dieser skandinavisch-amerikanischen Zusammenarbeit mit Überraschungspotenzial.

Eintritt: 15,- € (Abendkasse)

Kritik zu “Wolfert Brederode Quartett”

Vier sehr ernste junge Männer

Ja, es war Freitag der 13. Im schlechten wie im guten Sinne; es gibt ja beides, sagt man. Das Schlechtere: Der Klavierstimmer konnte seine Arbeit erst knapp vor Konzertbeginn abschließen. Dann gab mit Konzertbeginn eine Basssaite ihren Geist auf und erzwang eine Pause. Alles nichts, was empfindsamen Musikerseelen gut tut.
Doch dann die gewissermaßen italienische Wende des Freitags Nr. 13. Nach zwei etwas verhalteneren Eröffnungsstücken, die ihrer aktuellen ECM-Einspielung entstammten, befreite sich das Wolfert Brederode Quartet von allen Stimmungstrübnissen und zeigte, was in ihm und diesem Tag steckte.
Der oft zu hörende und schnell ermüdende Jazz-Aufführungsschematismus , nämlich Thema- Solo-Thema-Solo, war nicht angesagt. Im dritten und letzten Stück des ersten (doch etwas kurz geratenen) Sets entwarfen die Musiker um den niederländischen Pianisten Wolfert Brederode herum etwas, was man impressionistische Klanggestaltung nennen könnte. Musikalische Räume wurden geschaffen, die den Zuhörern vielfältige Assoziationen ermöglichten. Schlagzeuger Samuel Rohrer aus der Schweiz verstand es auf mitunter wundersame Weise, das Schlagzeug als eine Art Melodieinstrument einzusetzen. Mit dem Bogen gestrichene Becken erzeugten schwebende Klänge, ohne dass dabei die rhythmisch strukturierende Arbeit vernachlässigt wurde. Zusammen mit dem norwegischen Bassisten Mats Eilertsen entstanden Hallräume, die für das Klavier Brederodes und die Klarinetten, gespielt vom Schweizer Claudio Puntin, Platz schufen, ihre Tonfolgen zu spielen.
Durch minimale, aber doch stetig sich verändernde Melodik entstand eine interessante Spannung. Diese Durchbrechungen der Funktionsharmonik allein wären aber nicht hinreichend gewesen, hätte das Quartett es nicht verstanden, durch dynamische Variationen eine enorme Steigerung zu erzeugen.
Diesem Konzept blieben die sehr ernst dreinblickenden Musiker auch im zweiten Set überwiegend treu, was den zahlreich erschienenen Zuhörern erkennbar gefiel. Insbesondere Brederodes Komposition „Scarabee“ veranschaulichte schön, dass es nicht darum ging, Virtuosität um ihrer selbst Willen zu demonstrieren. Vielmehr nahm man sich Zeit, musikalische Ideen in Ruhe zu entfalten, wobei die Stücke teilweise fließend ineinander übergingen.
Kammermusikalisch orientierter Jazz kann leicht zu reinem „Hirnjazz“ mutieren. Dieser Gefahr trotzte das Quartett, indem gerade Schlagzeug und Klarinette alle Facetten der Klangerzeugung ausloteten. In der Zugabe imitierte Puntin z.B. Vogelgezwitscher, als wollte er zu Kerstin Ekmans Buch „Der Wald“ die Hintergrundmusik liefern.
Das so in den Bann geschlagene Publikum forderte zu Recht Zugaben ein und entlockte den Musikern auch ein Lächeln.
Nicht nachvollziehbar ist, warum die – ohnehin spärliche – Titelansage und die Vorstellung der Musiker durch den Pianisten über das Mikrofon so unverständlich sein musste. Eine übrigens oft zu erlebende Sache in dem kleinen Saal des Lindenhofs, der sich – bei allem Flair – als doch recht kleinen Spielort erweist, sowohl für die Musiker als auch für das Publikum.

Wolfert Brederode Quartett

Lindenhof “Da Paolo”, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Wolfert Brederode (Piano)
Claudio Puntin (Klarinetten)
Mats Eilertsen (Bass)
Samuel Rohrer (Schlagzeug)

Der niederländische Pianist und Komponist Wolfert Brederode hat einen sehr persönlichen und poetischen Stil entwickelt. Seine ruhigen und reflektierten Kompositionen lassen für Improvisationen große Freiräume. Die nutzen seine Mitspieler, allen voran der hervorragende Klarinettist Claudio Puntin, mit denen Wolfert Brederode 2007 bei ECM die CD „Currents“ aufgenommen hat.

Wolfert Brederode (Jahrgang 1974) studierte am Königlichen Konservatorium von Den Haag klassisches Klavier und Jazzpiano. Seine Musik mit stark lyrischem Einschlag kam besonders gut zur Geltung in der Zusammenarbeit mit der Sängerin Susanne Abbuehl , die mit vertonter Poesie und Prosa aufhorchen ließ. Brederode arbeitete u.a. auch mit Michel Portal, David Liebman, Wolfgang Puschnig und Ack vam Rooyen zusammen. Jazzpodium nannte ihn einen „exzellenten Pianisten“ und die FAZ attestierte ihm, er „(verwalte) die modernen Traditionen mit eigenem Profil.“

Mit den Musikern seines Quartetts hat Brederode in unterschiedlichen Konstellationen zusammen gespielt. Claudio Puntin, ein Schweizer italienischer Abstammung, gilt als einer der führenden Klarinettisten in Europa, der sowohl in der klassischen, als auch in der improvisierten Musik gefragt ist. Im Jazzbereich hat Puntin u.a. mit Hermeto Pascoal, Fred Frith und Nils Wogram gespielt. Der norwegische Bassist Mats Eilertsen studierte in Trondheim und ist so etwas wie ein Fixpunkt in der norwegischen Jazzszene. Er spielte u.a. mit Kenny Wheeler, Pat Metheny, Nils Petter Molvaer, John Taylor und Trygve Seim. Der Schweizer Schlagzeuger Samuel Rohrer, der in Bern und am Berkeley College in Boston studierte, ist für sein einfühlsames Spiel bekannt. Er arbeitete u.a. mit Michel Portal, Ferenc Snétberger und Wolfgang Muthspiel zusammen.

Eintritt: 15,- € (Abendkasse)

Mit freundlicher Unterstützung:
Öffentliche Versicherung Braunschweig

Maria João & Mário Laginha

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1

Maria João (Gesang)
Mário Laginha (Piano)

Die Portugiesin Maria João gehört seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den eigenständigsten und originellsten Jazzsängerinnen. Mit spielerischer Leichtigkeit und virtuoser Vokalakrobatik bezieht sie in den Jazzgesang Einflüsse aus der portugiesischen, brasilianischen, afrikanischen Musik, aber auch aus dem Rock ein. Der klassisch ausgebildete Pianist Mário Laginha, mit dem sie seit 1994 acht Alben aufgenommen hat, ist auch als Komponist und Arrangeur der kongeniale Partner im Dreamteam des portugiesischen Jazz.

Maria João (geboren 1956 in Lissabon) begann ihre Karriere in Dixieland-Bands und traditionellen Big-Bands, „bevor sie – über den Fado (den „Blues“ Portugals) – zum modernen Jazz fand. Dabei hat sie den Scatgesang vielleicht am virtuosesten im europäischen Jazz weiterentwickelt“ (Das Jazzbuch). Ihre stimmliche Bandbreite ist enorm, oft wurde sie als weibliches Pendant zu Bobby McFerrin und zum jungen Al Jarreau bezeichnet. Ab 1987 arbeitete Maria João mit der japanischen Pianistin Aki Takase zusammen, spielte zwei von der Jazzkritik hochgelobte Alben ein.
Für die Einbeziehung von Einflüssen der Weltmusik fand Maria João in ihrem Landsmann Mário Laginha (Jahrgang 1960) einen kongenialen Partner. Der hatte als Kind „klassisch“ Klavier, später auch Gitarre gelernt, später dann – angeregt durch ein Konzert von Keith Jarrett – Jazzpiano studiert. Unter anderem spielte er mit dem heutigen Madredeus-Gitarristen José Peixoto in einer Gruppe, zu der seit 1991 auch Maria João Kontakt hatte. Nach ihrer Duo-CD „Danças“ folgten Weltmusik-Projekte, bei denen Musiker wie Dino Saluzzi, Ralph Towner oder Trilok Gurtu mitmachten.

Maria João: „Singen ist für mich so etwas wie Tanzen – nicht im konventionellen Sinne, sondern Tanzen mit den Songs, mit den Worten, mit dem Atem, mit den anderen Musikern, mit der Musik.“ (Das Jazzbuch)

Eintritt: 20,- € (Abendkasse)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Landessparkasse

Kritik zu “Dietmar Osterburg Trio”

BZ-Kultur: Das Dietmar Osterburg Trio. Freitag, 16. 12.2008 20 Uhr im Lindenhof Braunschweig.

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